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Dr. Lars Deile


Geschichte / Englisch (Lehramt an Gymnasien), Neuere Geschichte / Anglistische Literaturwissenschaft / DaF (Magister)

 

 

 

 

 

 

 



                 Foto: privat

1994-2001

Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

zunächst Lehramt und dann als Doppelstudium weiter

1996-97 Visiting Student am Trinity College in Dublin (Irland)

1997-2001 als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Michael Maurer

2001-2006




 

Promotionsstudium in Kulturgeschichte

2001-2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im kulturgeschichtlichen Teilprojekt des SFB Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800.

2004-2006 Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gymnasien an einer Erfurter Schule

2006 Dissertation zum Thema: "Nicht das Haus, sondern das Leben darin. Kulturgeschichte bei Georg Steinhausen."

seit 2006 Lehrer an der Salzmannschule Schnepfenthal (Thüringer Spezialgymnasium für Sprachen)

 

 

 

Worin besteht Ihre derzeitige berufliche Tätigkeit?

Ich stehe 6.30 Uhr auf (nach der langen Zeit des universitären Luxus fällt mir das immer noch schwer). Um 7.45 klingelt es zur ersten Stunde. Vor mir sitzen 20 Schüler (das ist ein Privileg dieser Schule; woanders könnten das auch 30 sein), die alles mögliche zugleich sind: wissbegierig, noch müde, brennend an den Höllenvorstellungen im Mittelalter interessiert, voller Heimweh, voller Elan, um es dem Nachbarn, der gestern eine blöde Bemerkung gemacht hat, mal richtig zu zeigen, mit ihren Gedanken bei dem Jungen, in den sie sich gerade unsterblich verliebt haben oder bereits bei dem Chinesisch-Test, der heute ansteht. Jetzt ist es an mir, das Interesse der Schüler zu wecken, für Dinge, an die sie gar nicht gedacht haben, sie in den Unterricht zu holen. Ich muss kreativ sein. Jeden Tag, jede Stunde. Bin ich nicht voll dabei, dann fangen drei der 20 ihr pubertäres Kräftemessen mit mir an – oder man fragt mich, ob es mir nicht gut geht; auch das kommt nicht selten vor. Ich muss blitzschnell reagieren und das Leben im Rampenlicht ertragen können. Jede Stunde ist voller Leben. Es geht blitzschnell nach oben oder auch nach unten. Erfolge und Misserfolge stellen sich augenblicklich ein und nach 45 Minuten werden die Karten neu gemischt. Das macht diese Arbeit so lebendig und erfüllend, manchmal auch anstrengend.
Da ich an einer Ganztagsschule bin, habe ich zweimal die Woche Arbeitsgemeinschaft. Und manchmal besuche ich die Schüler abends im Internat zum Klassenabend. Dann bin ich gegen sieben daheim.
Daneben gibt es jede Menge administrative Aufgaben, die nur dann Spaß machen, wenn man Kollegen und einen Vorgesetzten hat, die einem den Rücken stärken.
Erholen kann man sich in den Ferien.

 

Welche Kenntnisse und Fähigkeiten sind für diese Tätigkeit wichtig?

Das wichtigste klingt sehr pathetisch – man muss eine Persönlichkeit sein. Ich habe mich nirgends so intensiv entwickelt, wie an der Universität. Das war manchmal nicht ganz einfach, wenn die, die ich von früher kannte, mir nicht mehr folgen konnten oder wollten. Aber an der Uni traf ich Gleichgesinnte, Menschen mit Interesse, die mich anstachelten, weiter zu machen. Und in all dem, was ich hörte über Menschen an anderen Orten und zu anderen Zeiten, in Geschichte und Literatur, machte ich die Erfahrungen anderer, die mich bereicherten. Und immer war jemand da, der mit mir den einen oder anderen Weg ging.
Kann man Kreativität lernen? Ja! Wissenschaftlich denken ist für mich entscheidend geworden. Ich schätze Neues, Unbekanntes, Fremdes, versuche zu entdecken und Umgangsformen zu entwickeln. Und auch Probleme lassen sich besser lösen, wenn man einmal im Leben den Wandel der Stadt Rom vom Pilgerreiseziel zum Kunstreiseziel untersucht hat (eine meiner ersten Hausarbeiten in Kulturgeschichte). Ohne diese an der Universität trainierte Schnelle in der systematischen Entwicklung von Lösungsstrategien könnte ich heute keine Woche ohne Nervenzusammenbruch überstehen.
Das Lehrerdasein hat einen entscheidenden Nachteil – man reproduziert ständig Wissen, aber es ist niemand da, der Neues erzählt, diskutiert, Hinweise gibt, Fragen stellt. All das muss man selbst tun, will man seine Intelligenz weiter entwickeln. Heute muss ich mir selbst die Fragen stellen und ich muss wissen, wo ich die Antworten finden kann. Wo habe ich das gelernt? An der Universität.
Ach ja, der Stoff. Ohne das, was ich in Vorlesungen und Seminaren, vor allem aber durch eigene Aktivität gelernt habe, könnte ich meinen Beruf jetzt nicht machen. Gerade die Kombination war entscheidend. Am Thüringer Sprachengymnasium unterrichte ich auch Geschichte in Englisch.
Wichtiger aber als das, was ich gelernt habe, ist dennoch, das ich gelernt habe, wie ich lernen kann.

 

Was waren wichtige Stationen auf Ihrem beruflichen Weg? Welche für Ihren Beruf wichtigen Kompetenzen haben Sie wie erworben?

Ich habe in Jena in einer Zeit des Luxus studiert. Die Teilnehmerzahl der Proseminare zum Mittelalter war auf 18 beschränkt. Meine Professoren grüßten mich in der Stadt und tranken Bier mit mir auf den Semesterparties. Diese Nähe hat mein Studium zu etwas ganz Besonderem gemacht.
Und dann Dublin. Die zwei Semester an Irlands renommierter Universität gaben mir einmal im Studium ganz die Ruhe, mich nur meinen Interessen zu widmen. Und ich lernte so viele Freunde aus ganz Europa kennen, deren Sichtweisen auf die Welt und das Leben – das hat mich unglaublich bereichert und meine Horizontlinie weiter gezogen, auch als ich wieder zurück in Deutschland war, und auch jetzt noch, wo ich wieder in der Provinz lebe.
1997 fragte mich Professor Maurer, der damals gerade als Professor für Kulturgeschichte berufen worden war, ob ich für ihn als studentische Hilfskraft arbeiten wollte. Damit begann für mich vieles. Mein Studium wurde intensiver. Ich wollte seinen Ansprüchen genügen und steigerte so meine eigenen. Er hatte in seiner Ruhe das rechte Geschick, mich fordernd zu fördern. Vieles von dem, was ich heute bin und kann, verdanke ich der Intensität, die er in mir entfachte.
Das Auswendiglernen für Prüfungen oder Abschlüsse hat bei mir wenig Nachhaltigkeit entwickelt. Entscheidend war, dass ich von anderen gefordert wurde und dass ich Freude daran entwickelte, selbst Fragen zu stellen und mit Freunden Antworten zu diskutieren.
Die Herausforderung meiner Promotion lag dann vor allem darin, diese Prozesse langfristig zu organisieren, meinen eigenen Wissenserwerb zu steuern. Als ich damit anfing, hätte ich nicht gedacht, dass das so schwer sei. Man muss es aushalten, den Lohn für eine Arbeit erst nach Jahren empfangen zu können. Aber man lernt pragmatisch und geduldig zu sein.

 

Welche Motivationen haben Ihre Studien- bzw. Berufswahl bestimmt?

Mein Opa wollte, dass ich Tierarzt werde. Und irgendwann wollte ich es auch. Dann kam die Wende und alle rieten mir ab, auch mein Opa. Die Fächer, die mich beim Abitur am meisten interessierten, waren Geschichte und Deutsch. Unter einem Magister konnte ich mir kein Berufsbild vorstellen, also studierte ich Lehramt. Und Englisch hielt ich für besser, weil ich mich damit zwingen wollte, einen Teil meines Studiums im Ausland zu verbringen. Ich kam also aus Verlegenheit zum Lehrer. Intuitiv entschied ich aber richtig, das zu studieren, was mich interessierte, und nicht, was mir Berufsberater vorschlugen.
Ich denke, es ist ganz egal, was man studiert, entscheidend ist, dass man seinen Interessen folgt. Nur dort nämlich wird man soviel Energie aufbringen, dass man wirklich gut wird. Ein Freund von mir ist Altorientalist, ein anderer Anglo-Saxonist (englisches Mittelalter). Beide waren die einzigen Hauptfachstudenten ihres Jahrgangs. Und beide wurden so gut, dass sie keine wirklichen Probleme hatten, nach dem Studium einen Job zu finden.
Ich hatte Glück, dass in Jena eine Professur für Kulturgeschichte eingerichtet wurde und ich so ein Fach fand, dem ich mich mit Freuden widmete. So musste ich mich nie motivieren, etwas zu lernen, ich hatte Lust darauf.
Entscheidend ist auch nicht, dass ich jetzt als Lehrer, mehr dem Lehrplan, als eigenen kulturgeschichtlichen Interessen folge. Wichtig ist, dass ich immer noch Lust am Entdecken habe, bei der Betreuung des Schulmuseums der Salzmannschule oder auch abends mit einem Buch auf dem Sofa.

 

Falls Sie derzeit promovieren, welche Tätigkeit streben Sie nach Ihrer Promotion an?

Wissenschaft als Beruf oder Wissenschaft oder Beruf? Ich habe promoviert, weil sich nach meinem Studium die Möglichkeit einer befristeten Stelle ergab und ich mein universitäres Leben (freie Zeitgestaltung, Studium, Entdeckung, Denken) fortsetzen konnte.
Wer aber an der Uni bleiben will, der muss dieses Leben ganz leben, der muss bereit sein, alles einzusetzen, bis er mit 35 oder 40 Professor ist. Dafür fehlte mir die Disziplin und ich bin an die Schule gewechselt, habe mich von der Sicherheit verführen lassen und bin Beamter geworden.
Dennoch: eine Promotion ist keine Berufsausbildung, sie ist Bildung, man wird mehr, als man vorher war.

 

Was raten Sie Studierenden Ihres Fachs bzw. Ihrer Fächer?

Das wichtigste ist Selbstständigkeit. In der Schule wird Kindern oft gesagt, was sie zu tun oder zu lassen haben. Oft versäumen es Lehrer, Schüler eigene Wege gehen zu lassen. Das wurden dann die Kommilitonen, die entweder gar nichts gemacht haben oder nur alles das, was ihnen die Dozenten auftrugen. Beim Studium aber kann und soll man sich entfalten. Es gibt alle Möglichkeiten dazu. Man wächst, wenn man sie nutzt.
Ansonsten kann ich nur jedem raten, sich voll in die Lebensform des Studentseins zu stürzen. Das Geld ist knapp, aber das Bier schmeckt umso besser und der Sonnenuntergang, den man mit anderen Erasmus-Studenten an Irlands Westküste erlebt, ist umso schöner.
Lernt die Welt kennen und euch selbst.

 

Ich würde wieder nach Jena gehen, weil ...

in dieser Stadt alles so nah beisammen ist. Vom Hörsaal in die Bibliothek, nach Hause und doch noch mal in die Bibliothek, um schnell was nachzusehen – das ist in Jena alles schnell gemacht. Dann ist da noch die Landschaft. In der Stadt sieht man sich von Bergen umgeben. Aber wie schnell ist man draußen, oben auf den Bergen, mit freiem Blick auf die Welt – das hat mich auch innerlich immer beflügelt. Das wichtigste aber ist, und auch das kommt durch die Überschaubarkeit, dass man in dieser Stadt schnell Freunde finden kann, Menschen kennenlernt. Wo jeder vierte Einwohner Student ist, da bleibt das Leben frisch und interessant. Hier würde ich auch als Alter gern leben.

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