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Der schwierige Blick der SPD auf ihre NS-Vergangenheit

Dr. Kristina Meyer wird mit dem Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte geehrt
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18.02.2016
Ausgezeichnete Forschung: Dr. Kristina Meyers Werk „Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1990“ erhält den Willy-Brandt-Preis. Foto: Anne Günther/FSU Ausgezeichnete Forschung: Dr. Kristina Meyers Werk „Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1990“ erhält den Willy-Brandt-Preis.
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Die Historikerin Dr. Kristina Meyer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird am Freitag (19. Februar) in Berlin mit dem Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte 2015 ausgezeichnet. Meyer erhält die mit 3.500 Euro dotierte Auszeichnung für ihre Dissertation "Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1974".


Gratwanderung zwischen Versöhnung und Aufarbeitung

Als eine stetige Gratwanderung zwischen Versöhnung und einer gerechten Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen charakterisiert Kristina Meyer den Umgang der SPD mit der NS-Vergangenheit. "Es gab ein enormes Bedürfnis nach innerer Versöhnung", sagt Meyer. Exemplarisch dafür stehe der einstige Widerstandskämpfer und spätere Bundeskanzler Willy Brandt, der viele Widersprüche der Auseinandersetzung seiner Partei mit dem Nationalsozialismus verkörpert habe. Nicht zufällig ist Brandt eine der zentralen Figuren in der Untersuchung der Jenaer Historikerin.

Das Streben der Nachkriegs-SPD nach Versöhnung mit der einstigen "Volksgemeinschaft" habe beispielsweise mit sich gebracht, dass führende Parteigenossen Kontakte zur HIAG knüpften, der "Hilfsgemeinschaft der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS", so Meyer. Hier seien der Wunsch nach demokratischer Bekehrung dieser offen rechtsgerichteten ehemaligen Militärs und die Hoffnung auf neue Wählerstimmen Hand in Hand gegangen. Der rückblickende Umgang der Partei mit dem sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler sei von einem demonstrativen "Gestus der Bescheidenheit" und von Abgrenzungsbemühungen zum kommunistischen Widerstand geprägt gewesen. So war es den Parteimitgliedern seit 1948 untersagt, sich der kommunistisch dominierten Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) anzuschließen. "Erst Anfang der achtziger Jahre gründete die SPD eine eigene 'Historische Kommission', die sich mit der Geschichte der Partei befassen und dem Widerstand von Sozialdemokraten zu mehr Anerkennung verhelfen sollte; auch die Zeitzeugen aus den eigenen Reihen rückten jetzt erst verstärkt in den Fokus von Partei und Öffentlichkeit", sagt Kristina Meyer. Zeitgleich sei die SPD wiederholt von Vertretern der CDU/CSU attackiert worden, die mit Anspielungen auf eine vermeintliche ideologische Nähe von Sozialismus und Nationalsozialismus im Wahlkampf zu punkten versuchten.


Klare Linie bei der Frage der Wiedergutmachung

Eine klare Linie habe die SPD vor allem bei der Frage der Wiedergutmachung für die Opfer des Nationalsozialismus bewiesen, konstatiert Dr. Meyer. Nur mit den Stimmen der oppositionellen Sozialdemokraten habe Bundeskanzler Konrad Adenauer in den fünfziger Jahren die Gesetze zur Entschädigung der NS-Verfolgten durch das Parlament bringen können.

Für ihre Doktorarbeit, die sie neben ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin des 2006 gegründeten "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts" an der Universität Jena vorantrieb, hat Kristina Meyer vorrangig im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn recherchiert. Hauptquellen waren die Nachlässe hochrangiger Sozialdemokraten, Aktenbestände des SPD-Parteivorstands und der Bundestagsfraktion sowie zahlreiche Presseartikel.

Inzwischen liegen die Ergebnisse der Untersuchung in einer erweiterten Fassung als Buch vor, das Ende 2015 unter dem Titel "Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1990" erschienen ist.

Über die Nachricht, den Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte zu erhalten, habe sie sich sehr gefreut, sagt Meyer, zeige die Auszeichnung indirekt doch auch, dass sich die Partei inzwischen souverän und selbstkritisch mit ihrer nicht immer widerspruchsfreien Geschichte auseinandersetzt.

Bibliographische Angaben:
Kristina Meyer: "Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945-1990", Wallstein-Verlag, Göttingen 2015, 551 Seiten, 42 Euro, ISBN: 978-3-8353-1399-6

Kontakt:
Dr. Kristina Meyer
Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Zwätzengasse 3, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944458
E-Mail: j


    

 

 

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