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Orte namenlosen Schreckens

Osteuropahistoriker geben Buch über die Orte der Shoah in Polen heraus
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23.11.2016
Bełżec 2014 – die Museumsmitarbeiterin Ewa Koper zeigt eine Luftaufnahme der heutigen Gedenkstätte. Die dunklen Flächen markieren die Aschegräber der etwa 500.000 Menschen, die von März bis Dezember 1942 hier getötet wurden. Foto: Christian Jänsch Bełżec 2014 – die Museumsmitarbeiterin Ewa Koper zeigt eine Luftaufnahme der heutigen Gedenkstätte. Die dunklen Flächen markieren die Aschegräber der etwa 500.000 Menschen, die von März bis Dezember 1942 hier getötet wurden.
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Die Literatur über die Shoah - die planmäßige Ermordung der europäischen Juden - füllt inzwischen wohl kilometerweit die Regale. Doch bislang gab es keine Darstellung, die die zentralen Orte der Shoah in Polen erfasst, beschreibt und analysiert. Diese Lücke hat ein Team von Historikerinnen und Historikern der Universität Jena nun geschlossen.

"Wir beschreiben die Geschichte der Tötungsorte und zugleich die Geschichte der Gedenkstätten", sagt der Historiker Dr. Raphael Utz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Utz hat gemeinsam mit Dr. Jörg Ganzenmüller das Buch "Orte der Shoah in Polen. Gedenkstätten zwischen Mahnmal und Museum" herausgegeben. Das Besondere an dem neuen Buch: Die Autorinnen und Autoren sind Studierende der Universität Jena; das Buch entstand nach einem Hauptseminar mit Exkursion zu den Shoah-Gedenkstätten in Polen im Jahr 2014.

Bewusst lenken die 15 Autorinnen und Autoren des Bandes den Blick auf Tatorte, die im historischen Gedenken kaum vorkommen. Orte wie Bełżec, Sobibór oder Treblinka, an denen hunderttausende Menschen ermordet wurden, ohne dass es viele Spuren hinterlassen hat.

Auschwitz hat die visuelle Vorstellung vom "Lager" geprägt

"In Bełżec beispielsweise wurden 500.000 Menschen ermordet, gerade einmal sieben haben überlebt", sagt Raphael Utz. Schwerlich fassbare Verbrechen seien zudem in Majdanek, Sobibór und Treblinka verübt worden. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt habe sich jedoch der Name des Lagers Auschwitz, ja Auschwitz stehe inzwischen quasi sinnbildlich für die Shoah.

"Tausende Häftlinge haben Auschwitz glücklicherweise überlebt und mit ihren Berichten die visuelle Vorstellung von dem, was ein 'Lager' war, maßgeblich geprägt", sagt Raphael Utz. Zudem sei ein großer Teil des Lagers erhalten geblieben - bis heute genau deswegen ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. Hingegen hätten andere Opfer buchstäblich keine Stimme gehabt, gebe es an zahlreichen anderen Schauplätzen von Massakern höchstens eine schlichte Gedenktafel.

Wie Dr. Utz erläutert, wurde in Polen lange um einen angemessenen Umgang mit den Orten der NS-Verbrechen gerungen, insbesondere im direkten Umfeld der Orte selbst. So wurde beispielsweise 2004 das gesamte Areal in Bełżec umgestaltet, ein neues Museum entstand. Richtschnur der Neugestaltungen nach 1989 sei dabei immer der ethische Imperativ gewesen, die Würde der Opfer zu bewahren und vor allem die Gräber zu schützen. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der Tatsache, dass etwa in Sobibór bis heute nahezu überall die Asche der Ermordeten zu finden ist. Hier ist eine neue Gedenkstätte erst in Planung.

Das Buch "Orte der Shoah in Polen" schildert den schwierigen Umgang mit den Orten der deutschen Verbrechen und die Auseinandersetzungen um ein angemessenes und würdiges Gedenken an die vielen Opfer. Ein Buch, das Nachdenken und Gedenken befördert.

Bibliographische Angaben:

Jörg Ganzenmüller/Raphael Utz (Hg.): "Orte der Shoah in Polen. Gedenkstätten zwischen Mahnmal und Museum", Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2016, 358 Seiten, 35 Euro, ISBN: 978-3-412-50316-1

Kontakt:

Dr. Raphael Utz
Imre Kertész Kolleg der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Leutragraben 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944073
E-Mail:    

 

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