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Nicht nur Überzeugungstäter

Historiker präsentieren Forschungsergebnisse über ausländische Freiwillige in der Waffen-SS
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01.03.2017
Historiker Dr. Jochen Böhler vom Imre-Kertész-Kolleg hat mit Fachkollegen das Buch „The Waffen-SS. A European History“ herausgegeben. Foto: Anne Günther Historiker Dr. Jochen Böhler vom Imre-Kertész-Kolleg hat mit Fachkollegen das Buch „The Waffen-SS. A European History“ herausgegeben.
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Während des Zweiten Weltkriegs zog die Waffen-SS eine Spur von Tod und Verwüstung durch Europa. Die Einheiten dieser Elite-Truppe waren gefürchtet und verhasst. Dennoch meldeten sich zahlreiche Freiwillige in von Deutschland besetzten Ländern, um in den Reihen der Waffen-SS zu kämpfen. Ein weiterer großer Teil ausländischer Rekruten wurde zwangsrekrutiert. Ein internationales Forscherteam um Dr. Jochen Böhler vom Imre-Kertész-Kolleg der Universität Jena und Prof. Dr. Robert Gerwarth von der School of History des University College Dublin erkundet seit vier Jahren die Hintergründe des Einsatzes ausländischer SS-Leute in Kampfeinheiten und als Wachmannschaften in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Nun hat die Forschergruppe erste Ergebnisse veröffentlicht.

"Es gab viele unterschiedliche Gründe, sich der Waffen-SS anzuschließen und zugleich zahlreiche Gemeinsamkeiten", sagt Dr. Jochen Böhler. Zu den Hauptmotiven gehörten die finanzielle Versorgung des Einzelnen und seiner Familie sowie die Übereinstimmung mit den deutschen Kriegszielen. "Für manche Männer in den besetzten Ostgebieten bot die Waffen-SS die einzige Chance, den Krieg zu überleben", sagt Jochen Böhler. Rekrutiert wurden etwa sogenannte Trawniki, größtenteils in Kriegsgefangenenlagern, in denen eine extrem hohe Todesrate herrschte. Den Einsatz unter deutschem Kommando abzulehnen hätte folglich den nahezu sicheren Tod bedeutet. Hinzu kamen Freiwillige etwa in der Ukraine, deren Staat nicht mehr existierte und die sich nach dem Krieg ein Auskommen in einem großdeutschen Reich versprachen. In Ländern wie Norwegen, Holland oder Frankreich gehörte die Vorstellung, gemeinsam mit den Deutschen gegen den Bolschewismus zu kämpfen, zu den Hauptgründen, der Waffen-SS beizutreten. Diese überzeugten Antikommunisten waren es zumeist, die bis zum Schluss an ihren Überzeugungen festhielten. Dennoch - auch das ein Ergebnis des Forschungsprojekts "Non-Germans in the Waffen-SS: A Cultural History" - seien längst nicht alle Waffen-SS-Angehörigen nichtdeutscher Herkunft Verbrecher gewesen: "Es gab Aufstände, Desertion und Widerstand in den Reihen der Hilfstruppen", so Böhler. 

Über 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in nahezu allen Ländern, aus denen SS-Männer kamen, sind an dem Projekt beteiligt. Sie haben gemeinsam das englischsprachige Buch "The Waffen-SS. A European History" verfasst, das Prof. Gerwarth mit Dr. Böhler herausgegeben hat. Die Aufsätze des neuen Buches sind oft von mehreren Wissenschaftlern gemeinsam geschrieben worden. Dabei wurden geographische Regionen wie Nordeuropa oder Südosteuropa als zusammengehörig betrachtet.


Rund eine halbe Million Nichtdeutsche gehörten der Waffen-SS an

"Es ist auffällig, dass sich die rassisch begründete Einordnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft nahtlos im Dienst fortsetzt", sagt Jochen Böhler. Heißt konkret: Wer in der rassischen Einordnung der Nazis weit unten stand wie etwa Russen oder Ukrainer, dessen Aufstiegsmöglichkeiten waren deutlich geringer als etwa die von Franzosen oder Norwegern.

Insgesamt trugen etwa eine halbe Million nichtdeutscher Männer die Uniform mit Totenkopf und SS-Runen. Wie immer ihre Motivation war, sich der Waffen-SS anzuschließen, nach Kriegsende teilten sie zumeist ein Schicksal: "Die Kollaboration mit dem Feind wurde in den meisten Ländern tabuisiert", sagt Jochen Böhler. In Frankreich sei es beispielsweise ein Trauma, dass Elsässer - also deutschstämmige Franzosen - 1944 am Massaker von Oradour beteiligt waren. Sie wurden als "Malgré-Nous" (Gegen unseren Willen) zu tragischen Gestalten stilisiert. In den baltischen Ländern hingegen werden die einstigen SS-Leute nach dem Ende des Kalten Krieges vielerorts als Helden verehrt, als Vorreiter im Kampf gegen den Bolschewismus. Verdienst des neuen Buches ist es, den bekannten Stereotypen ein differenziertes, wissenschaftlich begründetes Bild entgegenzusetzen.

Das Projekt "Non-Germans in the Waffen-SS: A Cultural History" ist noch nicht abgeschlossen, weitere Veröffentlichungen sind vorgesehen. Unterstützt wird die Forschung durch die Gerda-Henkel-Stiftung in Düsseldorf mit bisher knapp 200.000 Euro. 

Bibliographische Angaben:
Jochen Böhler, Robert Gerwarth (Hg.): "The Waffen-SS. A European History", Oxford University Press, Oxford 2017, 372 Seiten, zahlr. s/w Abbildungen, 65 £, ISBN: 978-0-19-879055-6 

Kontakt:
Dr. Jochen Böhler
Imre-Kertész-Kolleg der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Leutragraben 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944075
E-Mail:   


 

 

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