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Geschichte der Universität Jena


Binnen weniger Jahre seit der politischen Wende in Ostdeutschland hat sich die kleine thüringische Universitätsstadt Jena wieder zu einem Wissenschaftszentrum von internationalem Rang gemausert. Es herrscht Aufbruchstimmung, doch bei allem Neuanfang blickt man gern zurück auf die großartigen Traditionen: Goethe, Schiller, Hegel und Fichte prägten das Geistesleben, Abbe, Zeiß und Schott legten den Grundstein für wirtschaftliche Prosperität.

Die über 25.000 Universitäts- und Fachhochschul-Studierenden verleihen der 100.000 Einwohner-Stadt, die sich traumhaft, von Muschelkalkfelsen umgeben, ins Flusstal der Saale schmiegt, ein immerwährend jugendliches Flair.

Urkunde

Generationen von Poeten, Philosophen und Studenten haben sie in Gedichten und Liedern besungen, am schönsten vielleicht Gottfried Benn: "Jena vor uns im lieblichen Tale". Auf Schritt und Tritt ist Kultur allgegenwärtig - vor allem die der Klassik und Romantik und der Gründerzeit. Auch eine originär studentische Lebensweise nahm von Jena ihren Ausgang und zeitigte elementare Auswirkungen auf die hohe Politik: Hier formierte sich jene Urburschenschaft, deren schwarz-rot-goldene Fahne - heute die Nationalfarben - seit dem Treffen auf der Wartburg 1817 den demokratischen Geist von Einigkeit und Recht und Freiheit signalisierte. Zwar spielen die Korporierten im Jena des 21. Jahrhunderts praktisch keine Rolle mehr, das Andenken an den demokratischen Aufbruch bewahren aber nicht nur die Träger farbiger Bänder und Mützen.nach oben

Umbrüche und Aufbrüche scheinen von alters her eine Jenaer Spezialität zu sein. Als im Jahre 1548 die ersten beiden Professoren Stigel und Strigel mit ihren 171 Studiosi in das Collegium Jenense, ein ehemaliges Dominikanerkloster, einzogen, befand sich ihr Landesherr Johann Friedrich I., dessen 500. Geburtstag am 30. Juni 2003 gefeiert wurde, noch in kaiserlicher Haft. Als ,Rädelsführer' des protestantischen Schmalkaldischen Bundes hatte der Wettiner Kurfürst eine katastrophale militärische Niederlage gegen die katholische Majestät erlitten und musste seine alte Residenz und Universität zu Wittenberg an den verhassten Vetter Moritz abtreten. In dem auf ein Drittel zusammengeschmolzenen Herrschaftsgebiet wählte er Weimar zum neuen Regierungssitz und gründete im benachbarten Ackerbürger- und Weinbauernstädtchen Jena eine "Hohe Schule", um auch fürderhin protestantische Geistliche und Lehrer ausbilden zu lassen. Nur die wertvolle kurfürstliche "Bibliotheca Electoralis" Friedrich des Weisen ,rettete' er von Wittenberg nach Jena.nach oben

Anfangs wurden die akademischen Neuankömmlinge nicht gerade gut gelitten, die Tranksteuerfreiheit der Professores und die rauen Sitten ihrer Studenten, welche aufgrund weitgehender juristischer Autonomie vom Arm der städtischen Gerichte kaum belangt werden konnten, waren den braven Bürgern ein Dorn im Auge. In geistiger Hinsicht jedoch machte die an humanistischen Reformkonzepten orientierte Bildungsstätte rasche Entwicklungssprünge; schon Mitte der 1550er Jahre galt sie als führendes Zentrum der Reformation, die Jenaer Luther-Ausgabe lief dem Wittenbergischen Konkurrenzvorhaben den Rang ab. Aber erst 1558 erhielt die Jenaer "Hohe Schule" das kaiserliche Universitätsprivileg zuerkannt.nach oben

Rund 100 Jahre später hatte sich aus der frühneuzeitlichen Reformuniversität mit ihren vier Fakultäten - Philosophie, Theologie, Recht und Medizin - eine Forschergemeinde mit sehr vielseitigen Interessen entwickelt. Der Mathematiker und Astronom Weigel, zu dessen Schülern auch Leibniz zählte, gilt als einer der Begründer naturwissenschaftlichen Denkens. nach oben

In dieser Zeit liegen die Wurzeln für jene Universalität, die, zur Blüte gereift, Jena den Beinamen "Stapelstadt des Wissens" eintragen sollte. Wer sich zu solchem Lob befleißigte, hatte selbst als "Oberaufseher über die unmittelbaren Anstalten für Wissenschaft und Kunst" keinen geringen Anteil daran: Der Geheime Rat Johann Wolfgang Goethe verpflichtete planvoll bedeutende Denker und Forscher in das kleine Provinzherzogtum und schuf systematisch für ihr Wirken ideale Bedingungen. Bibliotheken, Botanischer Garten, naturkundliche Archive und Laboratorien unterlagen seinem - kameralistischen - Ordnungssinn, Einrichtungen wie die Sternwarte oder die Mineralogische Sammlung gehen auf seine Initiative zurück. Zugleich profitierte Goethe mit eigenen naturwissenschaftlichen Ambitionen von dieser Infrastruktur. Eng arbeitete er mit dem Chemiker Doebereiner, dem Begründer des Periodensystems, oder mit dem Anatomen Justus Loder zusammen. Seine von Erfolg gekrönte Suche nach dem Zwischenkieferknochen gilt als eines der frühesten Beispiele zielgerichteter medizinischer Forschung in der Neuzeit; des Dichterfürsten eigenhändige Originalpräparate bewahrt die Anatomische Sammlung der Universität Jena bis heute. nach oben

Entscheidend jedoch für die klassisch-romantischen "Wunderjahre" war ein frühes ,Netzwerk', das unter vorzüglichen Rahmenbedingungen bemerkenswerte Geistesgrößen an einem Ort versammelte. Hegel, Fichte und Schelling, Voß, die Gebrüder Schlegel und Friedrich Schiller - als Philosophieprofessor - lehrten in der Saalestadt, Novalis, Hölderlin, Brentano, Fröbel und Arndt saßen in ihren Vorlesungen. In unseren Tagen künden Straßennamen und Gedenktafeln, aber auch viele liebevoll restaurierte Gebäude von dieser Zeit: etwa Schillers Gartenhaus, das Domizil Fichtes, Goethes Inspektorenhaus im Botanischen Garten oder das Frommannsche Anwesen, das heute als Institutssitz für Germanisten und Kunsthistoriker dient. Die einzigartige Kulturverdichtung, die in jenen Jahren in der ernestinischen Doppelresidenz einen aufbruchhaften Paradigmenwechsel in Kultur und Wissenschaft einleitete, hat der DFG-Sonderforschungsbereich "Ereignis Weimar - Jena. Kultur um 1800" intensiv analysiert.nach oben

Die Grundlage dessen, was der Stadt Jena einen weltweit klangvollen Namen als Industriestandort eintrug, schuf aber erst rund 70 Jahre später eine weitere glückliche Personalkonstellation - wiederum an der Universität. Die feinmechanisch-optischen Betriebe Zeiß' und das glaschemische Werk Schott & Gen. entstanden quasi als Ausgründungen aus der Alma Mater - etwa so, wie man sich heute wieder die innovative Belebung des Hightech-Standorts Deutschland durch eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft idealtypisch vorstellt. Diese Formen der Zusammenarbeit von Universität und Industrie sind in Jena gleichsam auf natürlichem Wege entstanden.nach oben

Den Anstoß zum Aufbruch ins Industriezeitalter gab der 1870 zum außerordentlichen Professor berufene Physiker Ernst Abbe, indem er - gerade einmal Anfang 30 - eine Bildentstehungstheorie des Mikroskops schuf und dabei die bekannten Beugungserscheinungen mit einbezog, um im Mikroskopbau den Schritt vom Pröbeln zur planvollen Konstruktion zu vollziehen. Sein Auftraggeber war der Universitätsmechanikus Carl Zeiß, der in seinen privaten Werkstätten den optischen Apparatebau zu immer höherer Perfektion trieb. Als Dritter im Bunde gründete Otto Schott, der 1875 in Jena promoviert hatte, auf Drängen Abbes 1884 ein "Glastechnisches Laboratorium", um die hochreinen Spezialgläser für die Mikroskope und optischen Geräte Zeiß' zu schmelzen.nach oben

Auch der Humboldt-Schüler Matthias Jakob Schleiden, als Botanik-Professor für seine Zelltheorie berühmt, war Anreger - und später Nutznießer - in diesem für die deutsche Wirtschaftsgeschichte beispielgebenden Prozess.nach oben

Der Erfolg der Zeiss-Werke zog zahlreiche, hochqualifizierte Arbeiter in die Stadt, die Bevölkerungszahl stieg sprunghaft von 1870 bis zur Jahrhundertwende um 150 Prozent auf rund 25.000. Von dem neuen Wohlstand, an dem Abbe und Zeiß die Mitarbeiter ihres früh zur Stiftung umgewandelten Unternehmens durch ein bahnbrechendes Sozialstatut teilhaben ließen, profitierten wiederum Stadt und Universität: Mit Zeiss-Geldern wurde z. B. das Volkshaus, ein Kultur- und Konzertsaal, errichtet, und als Studenten und Professoren zum 350. Universitätsjubiläum 1908 in ein neues Hauptgebäude einzogen, verdankten sie dies nicht zuletzt den Zuwendungen der Zeiss-Stiftung. Die größte private Einzelspende für den prächtigen Jugendstilbau des renommierten Kirchen- und Theaterarchitekten Theodor Fischer stammte von Otto Schott.nach oben

Diese Spanne von der Gründerzeit bis zur Weimarer Republik ist für den modernen Wissenschaftsstandort Jena äußerst bedeutsam. Der Biologe Ernst Haeckel als wichtigster Evolutionstheoretiker nach Darwin lehrte in Jena, ebenso der Mathematiker und Logiker Gottlob Frege, auf den sich heute führende angelsächsische Philosophen berufen. Weiter zu nennen sind Hans Berger als Entdecker des Elektroenzephalogramms (EEG) und der Psychiater Otto Binswanger, der Philosoph Rudolf Eucken, die Historiker Johann Gustav Droysen und Alexander Cartellieri, die Philologen Sievers und Delbrück, die Reformpädagogen Stoy und Petersen, der Jurist Eduard Rosenthal und Max Wien, einer der Pioniere der drahtlosen Telegrafie. In der bildenden Kunst erlebte Jena eine Blütezeit dank des avantgardistisch orientierten Kunstvereins um Eberhard Grisebach und Botho Graef: Auguste Rodin wurde 1905 - nach Skandal in Weimar - ehrenpromoviert, und Ferdinand Hodler schuf 1907/9 für die neue Universitätsaula das berühmte Monumentalgemälde "Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813". Arbeitsaufenthalte und Ausstellungen führender Expressionisten und die Verbindung zum Weimarer Bauhaus prägten das Kunstleben der Stadt.nach oben

Trotz - oder gerade wegen - des libertären Klimas widerfuhr der Jenaer geistigen Welt Mitte der 1920er Jahre ein harscher Bruch. Rasch entstand die Idee einer nationalsozialistischen Musteruniversität, und es etablierten sich hier - in unmittelbarer Nachbarschaft des Konzentrationslagers Weimar-Buchenwald - die führenden Theoretiker von ,Rasselehre' und ,Euthanasie'. nach oben1934 erhielt die Hochschule den Namen "Friedrich-Schiller-Universität Jena".

Weitere Informationen zur Namensgebung:

Nach einer kurzen Reorganisationsphase nach 1945 geriet die Alma Mater ein zweites Mal in den Strudel politischer Ideologie und sollte sich - spätestens seit Ende der 50er Jahre - nun zu einer "sozialistischen Hochschule" entwickeln. Als sichtbarstes Zeichen wurde 1967-72 - ursprünglich für den VEB Carl Zeiss - nach Plänen des DDR-Architekten Herbert Henselmann ein Forschungshochhaus errichtet. In den "Uni-Turm" mussten viele Uni-Wissenschaftler einziehen, obwohl die Lehr- und Forschungsbedingungen dort alles andere als optimal waren; erst 1996 konnte die Universität ihn wieder verlassen. Mit 127 m Höhe überragt der inzwischen modernisierte Turm noch heute die Saalestadt. Gedacht als Zeichen sozialistischer Herrschaftsarchitektur entstand in seinem Schatten auch eine Atmosphäre subversiven Widerstands, Jena galt in der DDR als Dissidenten-Hochburg.nach oben

1989 demonstrierten Studenten und Professoren gemeinsam auf der Straße; wohl nirgends wurden die Beschränkungen der geistigen Freiheit bedrückender empfunden als in Forschung und Wissenschaft. Unmittelbar nach der politischen Wende vollzog die Universität Jena einen harten Schnitt: Alle Lehrkräfte wurden evaluiert, und aus den ehemaligen Sektionen entstanden zehn Fakultäten einer klar konturierten klassischen Volluniversität - der einzigen Thüringens. Ein neuer Campus entstand auf dem Gelände des ehemaligen Zeiss-Hauptwerks im Herzen der Stadt, und das "Klinikum 2000", das alle medizinischen Kliniken und Institute an einem zentralen Standort bündelt, entsteht in Jena-Lobeda. Ende 2001 konnte auch eine neue Universitätsbibliothek eröffnet werden. Im Lehrprofil knüpfte man an alte Traditionen an: etwa in der stark ausdifferenzierten Philosophischen Fakultät, in der auch scheinbar ,exotische' Gebiete wie Rumänistik, Altorientalistik und Indogermanistik einen Platz haben. Oder bei den Medizinern, die im Klinikum die Spitzenversorgung für den gesamten Freistaat übernommen haben. Und natürlich in der Physik, in den Bio- und Sportwissenschaften sowie der Psychologie.nach oben

Kurze Wege und ein eng geknüpftes Forschungsnetzwerk sind das Geheimnis für die Renaissance der Saalestadt als Wissenschaftsmetropole. "Man kennt sich", viele der Direktoren und Abteilungsleiter außeruniversitärer Institute in Jena haben zugleich eine Professur an der Alma Mater inne. Darüber hinaus pflegt die Jenaer Uni einen Hochschulverbund mit Halle und Leipzig und gehört zur "Coimbra Group".nach oben

Gemeinsame, vielfach interdisziplinäre Projekte, z. B. in den vier DFG-Sonderforschungsbereichen und den sechs DFG-Graduiertenkollegs sowie den 16 weiteren Graduiertenschulen, sind die natürliche Folge. Das fruchtbare Aufbruchklima stiftet auch eine ganze Reihe ungewöhnlicher und perspektivenreicher Ansätze in der Forschung, die häufig interdisziplinär und in Verbundnetzwerken verfolgt werden, und in der sich inzwischen fünf Schwerpunktbereiche entwickelt haben. Sie werden unter dem Motto "Light - Life - Liberty" zusammengefasst.

Weitere Informationen zu den Forschungsschwerpunkten sind hier zu erhalten. nach oben

Aber auch auf die Lehre scheint sich das ,Jenaer Klima' positiv auszuwirken: Die Betreuungsrelation zwischen Studenten und Dozenten ist so gut, dass die Chancen für ein zügiges und intensives Studium offenbar viele Kommilitoninnen und Kommilitonen dazu bewogen, ihrer Alma Mater bei den letzten großen Uni-Rankings von "Spiegel", "Stern/CHE",und "Stiftung Warentest" Bestnoten zu erteilen. Dass diese Entwicklung ungebrochen anhält, ist gemeinsames Ziel der Verantwortlichen in Universität, Stadt und Land.

Um diese exzellente Betreuung auch für die Doctores der Universität anzubieten, wurde 2006 eigens die Jenaer Graduierten-Akademie gegründet.

Seit Oktober 2014 wird die Universität erstmals von einem Präsidenten geführt, da mit Prof. Dr. Walter Rosenthal zum ersten Mal ein Wissenschaftler an der Spitze steht, der vor seiner Wahl nicht aus den Reihen der Alma Mater Jenensis stammte.

weitere Informationen

Link zur Seite über die Geschichte des Colegium Jenense

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