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Rede von Prof. Dr. Walter Rosenthal zu seiner Investitur als neuer Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Aula der FSU Jena, 6. Oktober 2014

(Es gilt das gesprochene Wort)
 

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, liebe Frau Lieberknecht,
sehr geehrter Herr Minister, lieber Herr Matschie,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter, lieber Herr Lange,
lieber Herr Dicke, liebe Frau Michler,
sehr geehrte Senatoren, Senatorinnen und Dekane,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der Friedrich-Schiller-Universität,
sehr geehrte Studierende,
sehr geehrte Rektorinnen, Rektoren und Präsidenten aus den benachbarten Hochschulen,
liebe Wegbegleiter und Freunde aus dem Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin, dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung, der Charité, dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislaufforschung und dem Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie,
lieber Günter Schultz, lieber Friedrich Schmahl, lieber Ulf Richter,
und vor allem: liebe Familie: Elke, Philipp, Friederike und Johanna.
liebe Verwandte und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

 "Bildung zur Freiheit" lautete das Thema einer interdisziplinären Forschergruppe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gestatten Sie, dass ich mir dieses Thema ausleihe und als Motto über meine Antrittsrede stelle, ohne auf die Inhalte des Projektes einzugehen.

 Es ist für mich eine große Ehre und eine Freude, heute in das Amt des Präsidenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingeführt zu werden. Ich will jetzt nicht übertreiben, wie es vielleicht Franz Müntefering tat, als er unmittelbar nach seiner Wahl vom Amt des SPD-Vorsitzenden als dem schönsten Amt nach dem des Papstes sprach. Aber: Als ein schönes Amt stelle ich mir das Präsidentenamt allemal vor, wohl auch als ein schwieriges. Zu den zweifellos schönen Seiten gehört für mich, in den kommenden Monaten die Fakultäten und ihre Lehr- und Forschungsinhalte besser kennenzulernen und vor allem den Menschen zu begegnen, die diese Universität prägen: den Studierenden, denen, die sich in Forschung und Lehre engagieren und denen, die in der Administration beide Gruppen unterstützen. Ein Anfang ist ja bereits gemacht.

 Ganz besonders freue ich mich auch auf die Zusammenarbeit mit der zukünftigen Vizepräsi­dentin Iris Winkler und den zukünftigen Vizepräsidenten Thorsten Heinzel und Uwe Cantner. Ich möchte Ihnen für Ihre Bereitschaft danken, Verantwortung für die Friedrich-Schiller-Universität zu übernehmen. Die gute und vertrauens­vol­le Zusammenarbeit mit Ihnen als Kanzler, lieber Herr Bartholmé, hat schon längst begon­nen. Sie und Ihr Team werden für die nötige Kontinuität sorgen, auch wenn jetzt ein Neuer kommt.

 Lieber Herr Dicke, Sie haben das Amt zehn Jahre lang innegehabt und in dieser Zeit die Fried­rich-Schiller-Universität geprägt. Mit Ihrem Namen sind Wachstum und Profilbildung der Alma Mater Jenensis verbunden. Sie hat sich seit Ihrem Amtsantritt als forschungsstarke Uni­versität weiterentwickelt. Sie ist prägende Einrichtung und Motor der Wissenschaftsregion Jena. Sie hat an der Vernetzung der Akteure in Wissenschaft und Wirtschaft einen entschei­denden Anteil und arbeitet beispielhaft mit den außeruniversitären Einrichtungen zusammen.

 Ich war in den letzten zehn Jahren häufig in Jena auf dem Beutenberg-Campus. Und schon lange vor meiner Wahl, aber auch in jüngster Zeit haben sich die Kolleginnen und Kollegen der Universität mir gegenüber sehr anerkennend über ihren Rektor geäußert. Die Universität stand hinter Ihnen, Herr Dicke. Sie hätten also weitermachen können, aber Sie haben anders entschieden. Ich wünsche Ihnen persönlich und bei der Umsetzung Ihrer Pläne alles Gute. Ich möchte die Gelegenheit heute nutzen, mich bei Ihnen für die sehr angenehme Phase der Übergabe zu bedanken, aber nicht nur dafür, sondern bei Ihnen und Ihrer Frau auch für die Gastfreundschaft, die meine Frau und ich bei Ihnen erfahren durften. Übrigens wäre ich froh, wenn Sie die Phase der Übergabe als noch nicht abgeschlossen betrachten würden.

Ihr Ansehen, lieber Herr Dicke, ist nicht auf Jena und Thüringen beschränkt. Auch bei den Lei­tungen anderer Universitäten, bei Präsidenten von Forschungsorganisationen und in der Politik sind Sie hochgeschätzt. Eine Wissenschaftsministerin rief mich nach meiner Wahl an, gratulierte mir und sagte: Herr Dicke war im Konzert der Rektoren eine deutlich vernehmba­re, konstruktive Stimme. Sie fügte hinzu, dass Sie, Herr Dicke, das Rektorenamt ganz als Wis­senschaftler ausgeübt haben: analytisch, rational, in meiner Zunft würde man sagen wie ein gut durchdachtes Experiment. Es gab Versuche, Sie für andere ehrenvolle Ämter zu ge­winnen. Sie sind geblieben.

 Nun aber steht ein Wechsel an. Der bisherige Rektor kommt aus Koblenz und damit aus dem Rheinland. Für ihn als Politikwissenschaftler ist ein wichtiges - vielleicht das wichtigste -  Werkzeug die Sprache. Sie ist sein "Ausweis", wie es Heinrich Böll formuliert hat. Der Neue, der nun Präsident genannt wird, weil er zum Zeitpunkt der Wahl nicht zum Lehrkörper der Universität gehörte - vielleicht sollte man diese Regelung überdenken -, ist nur 80 km entfernt von Koblenz geboren: in Siegen, das in Südwestfalen liegt. Er ist Arzt und molekularbiolo­gisch geprägter Forscher. Ihm wurde - ganz besonders von seinem Mentor Günter Schultz, der heute zugegen ist - vermittelt, Daten für sich sprechen zu lassen - idealerweise ohne Worte. Verschärfend kommt hinzu: Im Siegerland gilt - oder galt zumindest - die Knappheit der Worte als eine der höchsten Tugenden. Sehr geehrte Universitätsangehörige, bitte fragen Sie nach, wenn es nicht reicht.

 Gestatten Sie mir an dieser Stelle eine weitere persönliche Bemerkung: Ich stehe heute im Talar vor Ihnen. Dabei ist mein Motiv nicht, mit meiner Frau gleichzuziehen, die als Pfarrerin ebenfalls Talarträgerin ist. Es ist auch nicht Ausdruck von Traditionalismus, im Gegenteil. Die 68er Jahre erlebte ich als Schüler des altehrwürdigen, humanistischen Siegener Gymnasi­ums für Jungen - es wurde von Philipp Melanchthon gegründet, der - wie mir Herr Dicke sagte - auch bei der Gründung der Jenaer Universität mitgewirkt hat. Der Umbruch am Siegener Gymnasium - nach einer kontinuierlichen 450jährigen Geschichte - hätte radikaler kaum sein können. Innerlich und äußerlich gab es tiefgreifende Veränderungen. Ich erlebte als 14-Jähriger, politisch Unbedarfter, Polizeirazzien in der Schule, die Jagd nach dem vermeintlichen Anführer der Revolte, einem Mitschüler: Seitdem ist mir der Begriff des Rädelsführers geläufig. Alles, was der Kontinuität Ausdruck verlieh - wie die feierliche Abiturientenabschlussfeier - wurde ab­ge­schafft. Folgerichtig wurde auch ein Gemälde, das den Schulgründer Melanchthon zeigte, abgehängt; es verschwand spurlos. Wir wurden zu Minimalisten oder gar Nihilisten der Tradi­tion. Das Leben verändert uns und unsere Einstellungen. Dass ich nun heute im Talar vor Ihnen stehe, ist Ausdruck des Respekts vor der Geschichte dieser Universität, ihrer Tradition und ihrer Autonomie.

 Ich möchte Ihnen im Folgenden mein Grundverständnis von der "Universitas" vermitteln -  mehr ist in der Kürze der Zeit nicht möglich und mehr soll auch nicht sein. Denn: Die Fried­rich-Schiller-Universität ist gut aufgestellt und ich komme nicht mit einem konkreten Umset­zungs­konzept im Gepäck nach Jena. Konzepte für die Zukunft zu entwickeln, sehe ich zu­dem auch nicht als Aufgabe des Präsidenten oder des Präsidiums alleine, sondern als Auf­ga­be der gesamten universitären Gemeinschaft an.

 Ich möchte anhand von sechs Punkten meine eher grundsätzlichen Überlegungen mit Ihnen teilen und erinnere dazu an mein geborgtes Motto: "Bildung zur Freiheit". Die ersten drei Punk­te beziehen sich darauf im engeren Sinne. Sie beschreiben die Beziehung zwischen den Universitäten, die frei sind und sein müssen, der Politik, die sie regelt und finanziert, und der Gesellschaft, die der Einmischung aus freier Gesinnung bedarf.

 1.) Die Universität muss sich als ein Ort - fast möchte ich sagen: als ein Hort - der Freiheit verstehen.

 Wie viele andere Universitäten hat die Universität in Jena eine lange Tradition. Ihre Grün­dung verdankt sie einer Niederlage, der des Schmalkaldischen Bundes gegen Kaiser Karl V. und seine Verbündeten. Der Anführer des Schmalkaldischen Bundes, Johann Friedrich von Sachsen - ein Ernestiner - musste als Folge der Niederlage die Stadt Wittenberg und damit auch die dortige Universität an seinen Vetter Moritz von Sachsen abtreten. Deshalb gründete er 1548 in Jena die Hohe Schule, aus der - nach kaiserlicher Anerkennung - zehn Jahre später 1558 die Universität hervorging. Ich zitiere: "Mit der Existenz einer eigenen Universität sollte die Ausbildung von Juristen, Lehrern und besonders Geistlichen Augsburgischen Be­kenntnisses in eigener Hand sichergestellt werden", so die Homepage der Friedrich-Schiller-Universität.

 Das Zitat verdeutlicht, dass Universitäten über lange Zeit zumindest auch der Festigung von Macht und Einfluss der jeweils Herrschenden und der Verbreitung der herrschenden Dog­men dienten. Sie waren ein stabilisierender Faktor. Nicht immer - und zum Glück nicht im­mer - ging diese Rechnung auf. Ich zitiere noch einmal die Homepage: "Hier (gemeint ist Jena) formierte sich jene Urburschenschaft, deren schwarz-rot-goldene Fahne - heute die Nationalfarben - seit dem Treffen auf der Wartburg 1817 den demokratischen Geist von Ei­nigkeit und Recht und Freiheit signalisierte." Das berühmte Bild des Schweizers Ferdinand Hodler, das Sie hinter mit sehen, ist diesem Thema, ist der Freiheit gewidmet: Es zeigt den "Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813".

 Für den Mut von Studierenden gibt es viele Beispiele. Eines davon ist die Gründung der Frei­en Universität Berlin. Sie wurde 1948 - es war die Zeit der Luftbrücke - aus Protest gegen po­litische Zulassungswillkür von mutigen Studenten der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Ber­lin - der heutigen Humboldt-Universität - gegründet. Mir liegt dieses Beispiel nahe, weil ich zwei der Gründungsstudenten und späteren Professoren persönlich kannte und ich der Freien Universität über viele Jahre angehört habe, bis heute.

 Universitäten bringen gelegentlich die Politik in Bedrängnis. Auch hier kann man - vielleicht mit gemischten Gefühlen - die Freie Universität Berlin nennen. Der in den 1980er Jahren sehr einflussreiche, äußerst konservative US-Senator Jesse Helms hat einmal den Vor­schlag gemacht, um die Universitätsstadt Chapel Hill in North Carolina einen Zaun zu bauen. Er fürchtete eine Kontamination des bible belt mit liberalem Gedankengut. Ich meine, die Uni­versität muss sich die Freiheit nehmen, nach außen zu wirken; Kontamination ist gleich­sam ihre Pflicht.

 Sie muss auch um ihrer selbst willen ein Ort der Freiheit sein, wenn sie unvoreingenommen neues Wissen hervorbringen will undweil sie den Anspruch erhebt, das unabhängige Urteil und kritische Denken ihrer Mitglieder zu fördern. Sie bietet Raum, gegen den Strom zu schwim­men und dem Zeitgeist zu widerstehen. Sie darf sich nicht instrumentalisieren lassen.

 Meine Damen und Herren,

 Universitäten können Orte der Freiheit und Toleranz sein, aber - wie die Geschichte dieser und anderer Universitäten zeigt - sie sind es nicht zwangsläufig. Denken wir an die Bücher­verbrennung durch Studenten am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin und in 21 weite­ren Universitätsstädten. Der Raum der Freiheit muss gepflegt werden, sonst läuft er Gefahr, abhanden zu kommen. Es hat immer wieder Zeiten und Situationen geben, in denen er mutig verteidigt werden musste. Zu seiner Pflege gehört heute die Auseinandersetzung mit Zeiten der Unfreiheit. Das ist eine Aufgabe der Wissenschaft. Die Kooperation mit den Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ist an dieser Stelle zu nennen. Sie findet aber auch Ausdruck in der Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten wie dem Bündnis gegen Rechts.

 Die Alma Mater Jenensis trägt heute den Namen des Freiheitsdichters Friedrich Schiller. Die öffentliche Bekanntgabe des neuen Namens am 10. November 1934 - vor ziemlich genau 80 Jahren - erfolgte anlässlich des 175. Geburtstages von Schiller in diesem Raum durch denjenigen, der zum Inbegriff des ge­waltsamen Schreckensherrschers wurde, der die Freiheit mit Füßen trat, das jüdische Volk in Rauch aufgehen lassen wollte und der für den Tod eines Viertels der Bevölkerung der Sow­jet­union Verantwortung trägt - damit ist nur ein Teil seiner Verbrechen genannt. Hätte die Uni­versität der Namensgebung und der Vereinnahmung des Freiheitsdichters durch einen Dik­tator entgegentreten können oder gar müssen? Hätte ich persönlich den Mut gehabt, das zu tun? Die Antwort auf diese Fragen muss ich Ihnen heute schuldig bleiben. Klaus Dicke hat zu dieser Namensgebung eine Schrift mit dem Titel "Friedrich Schiller und seine Univer­sität -(Gedankenstrich) Seine Universität?(Fragezeichen)" verfasst. Am Ende stellt er die Frage: "Werden wir seinem (gemeint ist Schillers) Namen gerecht?". Meine Damen und Her­ren, darauf kommt es an.

 Wie ist die Situation nun heute? "Wirklich, wir leben in glücklichen Zeiten", kann man sagen und damit Bert Brecht auf den Kopf stellen. Es stimmt: Das Grundgesetz garantiert in Artikel 5 die Freiheit der Wissenschaft, und die Hochschulen in Thüringen genießen heute die weitest­ge­hende Autonomie in ihrer Geschichte. Dennoch beobachten wir Tendenzen hin zu weniger Autonomie. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat uns vor Augen geführt, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Dort nämlich wurde das sogenannte Hochschulfreiheits­ge­setz, um das die Hochschulen in Nordrhein-Westfalen von denen der anderen Länder benei­det wurden, kassiert und vor gut einem Monat durch ein Gesetz abgelöst, das der Landesre­gierung "mehr Durchgriffsrechte" - so der Spiegel - verschafft. "Rückkehr zur Planwirtschaft" titelte "Die Zeit" am 3. Dezember 2013, nachdem der erste Entwurf öffentlich wurde. Kritiker des Entwurfs, allen voran die Hochschulleitungen, sahen die Freiheit der Universitäten in Ge­fahr. Auch wenn das nun verabschiedete Gesetz gegenüber dem Entwurf deutlich abgemil­dert wurde, markiert es doch einen Wendepunkt. Werden andere Länder folgen?

 2) Die Universität nimmt Verantwortung für unsere Gesellschaft wahr!

 Meine Damen und Herren,

 die Universität muss um ihrer selbst willen ein Ort der Freiheit, der Toleranz und Unabhän­gig­keit sein, aber sie ist keine Insel - und schon gar keine Insel der Seligen. Sie ist sich nicht selbst genug, sondern sie steht mitten in der Gesellschaft, sie "schreibt sich auch heute et­was auf die Fahnen". Sie trägt - wie ich ausgeführt habe - die Werte, die für sie selbst es­sen­ziell sind, in die Gesellschaft zurück; sie schafft für sich Räume der Freiheit und Toleranz und fordert sie ein - in dieser Stadt und darüber hinaus. Sie gibt der Gesellschaft, was diese zu Recht erwartet: Gut ausgebildete - nein - gebildete Absolventen und neues Wissen. Sie ist innovativ und erarbeitet Lösungsvorschläge für drängende Fragen und Herausforderun­gen unserer Zeit. Ich nenne einige: Die demografische Entwicklung und die Globalisierung mit all ihren Implikation für Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheit, den Erhalt und den Schutz der Umwelt einschließlich ihrer Vielfalt, die nachhaltige Bereitstellung von Ressour­cen wie Energie, den Schutz der persönlichen Integrität im Zeitalter des Internets und der Ansammlung und des Speicherns von Daten über Personen und ihre Gene. Die Universität informiert über Regionen in dieser Welt, mit denen sie sich umfassend befasst - bezüglich Sprache, Kultur, Politik und Wirtschaft. Wie wichtig das über Nacht werden kann, zeigen uns die Auseinandersetzungen um die Krim und die Ost-Ukraine. Sie erforscht und reflektiert die kulturelle und historische Vergangenheit und Gegenwart und schafft so die dringend notwen­digen Orientierungspunkte für unser Handeln. In all diesem Tun lässt sie sich von wissen­schaft­lichen Kriterien leiten. Kurzum, die Universität ist eine große Geberin.

 3) Die Friedrich-Schiller-Universität ist der Exzellenz in Forschung und Lehre verpflichtet.

 Die Friedrich-Schiller-Universität wird in den verschiedenen Rankings als sehr gut bis her­vorragend eingestuft. Sie ist eine forschungs- und lehrstarke Universität und erfüllt alle Vor­aussetzungen, dies auch zu bleiben. Die Beliebtheit bei Studierenden - wenn der Begriff erlaubt ist - wird daran deutlich, dass 75% der Erstsemester von außerhalb Thüringens kom­men; über 20% kommen aus dem Ausland.

 An diesen beeindruckenden Ergebnissen haben hier Anwesende und viele, die heute nicht hier sind, mitgewirkt. Ihnen gebührt unser Dank.

 Es gilt nun, das Erreichte zu festigen und, wo immer es möglich ist, noch besser in For­schung und Lehre zu werden. Dabei denke ich nicht nur an Positionen in Rankings, die - wie wir ja wissen - nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Vielleicht brauchen wir mal ein Ran­king der Rankings, um das zum Teil absurde Treiben von Shanghai bis zum Focus zu durch­leuchten. "Drowning in numbers" - auf deutsch "in Zahlen untergehen" - war der Titel eines Editoral im Journal "Nature" vor einigen Jahren. Das Profil und die Qualität einer Universität lassen sich nun einmal nicht wie der Erfolg in der Bundesliga mit einem Tabellenplatz zutreffend be­schreiben. Trotzdem machen alle mit: diejenigen, die am liebsten nur eine Zahl sehen wol­len, um Finanzierungs- und Strukturentscheidungen zu treffen, aber auch diejenigen, die be­wertet werden - Letztere vor allem dann, wenn sie beim Ranking, durch wen auch immer - gut abgeschnitten haben. Ich zitiere die Süddeutsche Zeitung vom 1. Oktober: "Mit dem Hochschulranking ist es wie mit den Klatschspalten in der Presse: Man findet sie unse­riös, aber alle schauen hin."

 Meine Damen und Herren, wir brauchen aber nicht die eine Zahl, die den Wert oder Unwert einer Universität bestimmt, sondern eine qualitative Betrachtung von wissenschaftlicher Leis­tung und von Leistungen in der Lehre, wobei Letzteres eine besondere Herausforderung dar­stellt. Zahlen sind dabei unverzichtbar, aber sie bedürfen der Einordnung in eine inhaltliche Betrachtung.

 Abgestimmt wird letztlich mit den Füßen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen dahin, wo sie eine gute Infrastruktur für ihre Arbeit finden und - das ist genauso wichtig - exzellente Kolleginnen und Kollegen, mit denen man gern zusammenarbeiten möchte. Exzellenz zieht Exzellenz an. Studierende gehen dahin, wo das Studienangebot und die Betreuung stimmen, die Universität sich einladend verhält und Studierende willkommen heißt.

 Lassen Sie mich in drei weiteren Punkten darauf eingehen, was heute erforderlich ist, um die Freiheit zur inhaltlichen Einmischung auf höchstem Niveau zu ermöglichen und zu erhalten: Wettbewerbsfähigkeit, Internationalität und auskömmliche Finanzierung.

 4) Die Friedrich-Schiller-Universität stellt sich dem nationalen und internationalen Wettbe­werb.

 Der nationale Wettbewerb zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen begleitet uns nun schon lange. Frühe Gehversuche waren die Sonderforschungsbereiche der DFG. Es folgten die DFG-Forschungszentren, die großen Programme des BMBF und natürlich die verschie­de­nen Förderlinien der Exzellenzinitiative. Die Exzellenzinitiative läuft aus, aber der nationale Wettbewerb wird bleiben; das ist auch gut so. Nach den nun bald zu erwartenden Änderun­gen des Grundgesetzes kann der Bund auch Teile von Universitäten, die überregionale Be­deu­tung haben, institutionell fördern. Nach dieser grundlegenden Änderung der Rahmenbedingungen, die ich sehr begrüße, ist davon auszugehen, dass es wie bisher um die Förderung von exzellenter Wissenschaft geht, aber auch - und dies nun ganz offiziell - um eine strategisch-strukturelle Förderung. Auf die kommende Wettbewerbsrunde müssen wir uns jetzt vorbereiten, auch wenn die Details des neuen Verfahrens nach den Verlautba­rungen der vorletzten Woche erst in 2016 bekanntgegeben werden.

 Die Friedrich-Schiller-Universität wird sich nur dann als forschungsstarke Universität weiter­ent­wickeln, wenn es ihr auch in Zukunft  gelingt, Berufungen auf dem höchsten Niveau  durch­zuführen. Berufungen haben häufig eine internationale Dimension. Die exzellenten Kandidatinnen und Kandidaten können wählen - sie haben zwei oder gar mehr An­gebote aus verschiedenen Ländern. Wir stehen in einem globalen Wettbewerb.

 Wir brauchen in Zukunft verstärkte Anstrengungen, um Spitzenberufungen auch aus dem Ausland zu realisieren. Dazu gehört die gezielte Ansprache und aktive Rekrutierung von führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die im Ausland tätig sind. Die Fried­rich-Schiller-Universität muss deutlichere internationale Sichtbarkeit entfalten, vor allem auch in den wissenschaftlich führenden Ländern.

 Ähnlich sehe ich das im Hinblick auf die Studierenden. Studierende aus dem Ausland stellen für unsere Universität eine große Bereicherung dar. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Attraktivität und Sichtbarkeit der Friedrich-Schiller-Universität für junge Menschen aus mög­lichst vielen Ländern weiter gesteigert wird.

 Und schließlich: Internationalisierung funktioniert nur dann, wenn alle zur Willkommenskultur beitragen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Verwaltung der Universität und der Forschungseinrichtungen und die für Ausländer zuständigen Behörden in Stadt und Land.

 5) Die Friedrich-Schiller-Universität ist Motor einer Wissenschafts- und Wirtschaftsregion.

 Regionen stehen hoch im Kurs. In Zukunft werden verstärkt die Regionen - nicht die ein­zel­nen Institutionen - miteinander in Wettbewerb treten. Dabei kommt den Universitäten auf­grund ihres breiten Spektrums bezüglich Aufgaben und Inhalte und aufgrund ihrer Größe eine besondere Verantwortung zu.

 Selbst der Wissenschaftsrat hat sich des Themas angenommen. Die Rede des Vorsitzenden auf der Sommersitzung in Dresden trägt den Titel: "Der regionale Verbund als hochschulpo­litische Perspektive". Ich zitiere daraus: "Dabei ist der Begriff (gemeint ist der regionale Ver­bund)geographisch bestimmt und meint Entfernungen von weniger als eine Stunde Fahr­zeit." Das passt zwar nicht für die Hauptstadt - aber es passt gut für Jena und reicht für den Bund mit Halle und Leipzig.

 Im letzten Jahr haben die Leitungen von universitären und außeruniversitären Einrichtungen das "Frankfurter Manifest zur Weiterentwicklung von Kooperationen im deutschen Wissen­schaftssystem" verfasst. Ich zitiere daraus:

"Die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems hängt entscheidend davon ab, unterschiedliche Modelle von Wissenschaftsverbünden zu fördern, insbesondere institutio­na­lisierte Partnerschaften von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Dies kann nur gelingen, wenn Bund und Länder die dafür erforderlichen rechtlichen und fi­nan­ziellen Rahmenbedingungen bereitstellen."

 In Berlin ist es uns in den letzten Jahren gelungen, ein solche institutionalisierte Brücke zwi­schen der Charité als einer universitären Einrichtung und dem Max-Delbrück-Centrum als einer außeruniversitären Einrichtung zu bauen: Das Berliner Institut für Gesundheitsfor­schung oder Berlin Institute of Health (BIH). Es wird im kommenden Jahr als Körperschaft des öffentlichen Rechts weitergeführt werden, auch wenn die Berliner Politik zurzeit mal wieder daran herummäkelt. Variationen des BIH bezüglich Inhalt, Struktur und Größe sind natürlich auch andernorts denkbar. Mit dem nationalen Biodiversitätsforschungszentrum iDiv ist in der Region Leipzig, Jena, Halle ein wichtiger Schritt in diese Richtung gemacht worden.

 Wenn wir in Regionen denken, schließt das auch Wirtschaft und Kultur ein. Die Region Jena zeichnet sich durch die Präsenz innovativer Unternehmen aus. Das mag erklären, dass Jena bei der Vernetzung von Forschung und Wirtschaft eine Spitzenstellung einnimmt. Der Jenaer Kollege Uwe Cantner hat die Rolle von Universitäten als regionale Innovationsmotoren sehr zutreffend in einem Interview beschrieben, das er im Frühjahr dieses Jahres gegeben hat. Er nennt sie darin "Türöffner". Universitäten eröffnen neue Räume.

 Was die Kulturregion betrifft, hat die Friedrich-Schiller-Universität bis heute immer wieder Im­pulse gesetzt. Ich nenne nur die Zusammenarbeit mit der Klassik-Stiftung Weimar, für die ja auch der Name Klaus Dicke steht.

 Meine Damen und Herren, stellen wir uns einmal die Frage: "Wo stünde die Stadt, wo stünde die Region heute politisch, wirtschaftlich und kulturell ohne die Friedrich-Schiller-Universität und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen?"

 Die Antwort hat Albert Berger, der Sprecher der Universitätskanzler, anlässlich des kürzlich er­folgten Jahrestreffens der Kanzler in Ulm zum Thema "Standortfaktor Universität" gegeben. Er sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: "Geht es den Hochschulen gut, dann geht es auch den Regionen gut".

 Bei einem Kanzlertreffen geht es natürlich auch ums Geld. Damit komme ich zu meinem letzten Punkt. Er heißt:

 6) Die Friedrich-Schiller-Universität braucht eine auskömmliche Finanzierung.

 Ich beginne mit einem Zitat von Kennedy: "Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bil­dung: keine Bildung." Offensichtlich hatte er kluge Redenschreiber.

 Die Universität wird vom Steuerzahler finanziert. Die Zuteilung der Ressourcen erfolgt durch das Land. Es legt auch die Randbedingungen fest: durch Hochschulgesetze sowie durch Rah­men-, Ziel- und Leistungsvereinbarungen. Erst kürzlich hat Ihr Haus, lieber Herr Mat­schie, eine "Hochschulstrategie Thüringen 2020" vorgelegt.

 Im Allgemeinen heißt es ja: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Das Verhältnis zwischen Politik und Universität folgt dieser Regel nicht. Es ist etwas komplizierter. Die Politik "alimen­tiert" die Universitäten, so die Formulierung von Wilhelm von Humboldt als preußischer Staatssekretär. Aber sie knüpft daran keine inhaltlichen Bedingungen. Die grundgesetzlich zugesicherte Freiheit von Forschung und Lehre wird nicht angetastet. Ja, die Universität muss völlig frei sein in Forschung und Lehre, aber: sie hat keine Legitimation zur Geheim­nis­krämerei. Im Gegenteil, sie hat die Pflicht und es entspricht ihrem inneren Verständnis, die Inhalte, mit denen sie sich befasst, und die Ergebnisse, die sie erzielt, der Öffentlichkeit zu vermitteln, sei es der Fachwelt oder der breiten Öffentlichkeit. Intern gibt sie ihr Wissen an die Studierenden und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiter.

 Die zu geringe Grundfinanzierung der Universitäten einschließlich ihrer Universitätsklinika ist ein allgegenwärtiges Thema. Drittmittel, deren Einwerbung immer kompetitiver und deren rechtzeitige Bereitstellung immer unzuverlässiger wird, machen die laufende Forschung häu­fig erst möglich. Ich sehe generell und an der Friedrich-Schiller-Universität den größten Finan­zierungsbedarf im infrastrukturellen Bereich. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die für Infrastruktur eingesetzten Landesmittel immer weniger durch Bundes- oder EU-Mittel er­gänzt werden können. Gleichwohl muss zur Sicherung der Zukunft erheblich in die Infra­struk­tur investiert werden.

 Dabei rechnen sich die Investitionen, nicht nur - wie dargelegt -, im­materiell, sondern auch in Heller und Pfennig. Allerdings braucht es ein wenig Zeit, bis sich diese Investitionen auszahlen, sich ein 'return on investment' einstellt. Letzten Endes sind die Uni­versitäten für ein Land zweifelsohne gewinnbringende Anlageobjekte. Für diese Ansicht gibt es eine gute Datenlage, die auch Finanzminister überzeugen sollte. Auf jeden Fall hoffen wir, dass die Landesmittel, die aufgrund der Übernahme der gesamten BAföG-Finanzierung durch den Bund freigewordenen sind, auch der Friedrich-Schiller-Universität zugutekommen und damit Einschränkungen vermieden oder Spielräume für neue Aktivitäten geschaffen werden.  

 An dieser Stelle komme ich nicht umhin, auf die Gefährdung des Fortbestandes der Pro­gramm­pauschale - auch overhead genannt - einzugehen. Sie wird zur Deckung der Kosten, die ein Projekt zusätzlich verursacht, eingesetzt. Bisher wird sie allein vom BMBF aufge­bracht. Für 2015 hat das BMBF noch 370 Mio. € eingeplant; ab 2016 sind keine Gelder mehr eingestellt. Das ist alarmierend. Ob und wie es danach weitergeht, ist unklar. Das BMBF fordert eine Beteiligung der Länder, die auch ursprünglich verabredet worden war. Die Länder lehnen dies ab mit dem Hinweis, dass sie ja schon die Hauptlast der Grundfinanzie­rung tragen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen hatten mit einer Erhöhung der Pro­grammpauschale gerechnet, denn die Kosten, die Projekte verursachen, steigen. Dass in dieser Situation einige Finanzminister die Programmpauschale in Misskredit bringen und da­rüber nachsinnen, sie mit der Landeszuwendung zu verrechnen, ist grotesk. Selbst wenn die Programmpauschale in der bisherigen Höhe weitergeführt werden sollte, wird es wegen der steigenden Gemeinkosten zu erheblichen finanziellen Engpässen kommen. Würde sie abge­schafft, käme dies einer Katastrophe gleich. Die Forschung in Deutschland würde massiv be­schädigt und teilweise einbrechen.

 Meine Damen und Herren,

 zum Abschluss möchte ich noch einmal auf die "Universitas" zu sprechen kommen.

 Ich habe nun 18 Jahre lang  Leitungsfunktionen in der außeruniversitären Forschung inne­gehabt. Zwölf Jahre habe ich eine Leibniz-Institut, das FMP, geleitet, und fast sechs Jahre ein Helmholz-Zentrum, das MDC. Das FMP hat sich der Molekularen Pharmakologie ver­schrieben, das MDC widmet sich der Molekularen Medizin. Aus dem jeweiligen thematischen Fokus ergeben sich Stärken, vor allem die Möglichkeit, auf einem bestimmten Gebiet zur Weltspitze vorzustoßen.

 Während dieser Zeit habe ich mich manchmal darüber gewundert, wie wenig die Universi­tä­ten ihre Fächervielfalt nutzen und wie wenig stolz sie darauf sind. Denn es heißt ja nicht zu Unrecht, dass der Fortschritt zwischen den Disziplinen stattfindet, eben dort, wo sich Exper­ten aus verschiedenen Disziplinen zusammentun. Liegt es daran, dass in unserer kompe­titi­ven Zeit ein Fach das andere eher als Konkurrenten denn als Kooperationspartner betrach­tet? Verwunderlich ist das nicht, denn allenthalben wird in Anbetracht knapper Kassen Schwer­punktbildung oder Profilbildung gefordert. Aus meiner Sicht sind Profilbildung und Fächervielfalt kein Gegensatz. Fächervielfalt kann Profilbildung befördern; wenn sie nicht so­gar Voraussetzung zur Profilbildung ist.

 Was für die Forschung gilt, gilt auch für die Lehre. Interdisziplinarität, der Blick über den be­rühmten Tellerrand, sollte den Studierenden als essenzieller Bestandteil wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens vermittelt werden. Nicht umsonst wird der Ruf nach einem Studium generale immer lauter. Und es ist bemerkenswert, dass er besonders lautstark von den gro­ßen technischen Universitäten in Berlin und München vorgetragen wird.

 Meine Damen und Herren, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

 unsere Universität braucht die Vielfalt der Fächer. Lassen Sie uns den Weg des interdiszi­plinären Diskurses und der Profilbildung gemeinsam gehen.

 Vielen Dank!

 

 

Meldung vom: 2014-10-06 15:14

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