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Lütgert 1


Lehrveranstaltungsverbund
Bewerten, Beurteilen - Verurteilen?
Prof. Dr. Will Lütgert
Erfindung vor 200 Jahren: Die bürgerliche Leistungsschule und ihre Folgen

Als Teil einer sich über Jahrhunderte erstreckenden historischen Bewegung kann man die Humboldt'sche Bildungsreform als Scheitelpunkt der Schule der Moderne betrachten. Mit der Reform waren zwei Versprechungen verbunden. Einerseits sollte die Schule der Moderne eine Einrichtung sein, die jedes Individuum, unabhängig von Familie, Stand und Geschlecht, in bildender Auseinandersetzung mit der Welt zu seiner höchstmöglichen Individualität befreit, andererseits sollte die Schule der Gesellschaft diejenigen Leistungsträger zuliefern, die sie - die bürgerliche Gesellschaft - zu ihrer eigenen Reproduktion benötigt. Beide Versprechungen stehen zueinander in Widerspruch - Förderung auf der einen Seite, Auslese auf der anderen. In dieser Spannung wurde Schule zu einer Zuteilungsinstanz, in der Leistungen auf dem Gebiet der Bildung in Zugangsberechtigungen zu Laufbahnen umgetauscht wurden. Es entstanden "Bildungsgänge" und Zeugnisse, die die Leistungen in den Bildungsgängen zertifizierten.

Die Vorlesung wird die Spannung von Förderung und Auslese als Teil des schulischen Bewertens und Beurteilens bis in die bildungspolitischen Diskussionen unserer Tage nachzeichnen. Sie soll einen theoretischen Rahmen skizzieren, der es möglich macht, Leistungsrückmeldungen und Zeugnisse aus didaktischer Sicht zu diskutieren.

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