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Handlungsfelder für Innovationen in Deutschland

Expertenkommission zur Attraktivität des Wissenschaftsstandorts Deutschland
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09.02.2017

In ihrem nunmehr zehnten Jahresgutachten, das der Bundeskanzlerin heute (15.02.) in Berlin übergeben wurde, identifiziert die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) im Rückblick auf zehn Jahre Politikberatung der Bundesregierung sechs zentrale Handlungsfelder für mehr Innovationen in Deutschland.


Handlungsfeld 1: Öffentlich geförderte Forschung

Ein Bündel von Politikmaßnahmen hat laut EFI in den letzten zehn Jahren im Hochschulsektor bzw. allgemein im Bereich der öffentlich geförderten Forschung zu deutlich besseren Forschungsbedingungen, zu mehr Drittmittelforschung und Forschungskooperationen sowie zu einem Zuwachs an wissenschaftlichem Nachwuchs geführt. Der Vorsitzende der EFI, Professor Dietmar Harhoff vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, kommt zu einem positiven Resümee: "Die Attraktivität des Wissenschaftsstandorts Deutschland wurde deutlich erhöht."

Der Bund habe deutlich mehr Mittel für die öffentlich geförderte Forschung bereitgestellt und damit einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung des Drei-Prozent-Ziels sowie zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forschungslandschaft geleistet. Die EFI hält es nun aber angesichts des internationalen Wettbewerbs für notwendig, "ein ehrgeizigeres Ziel" zu verankern. Professor Uschi Backes-Gellner von der Universität Zürich und Mitglied der EFI fordert: "Wir erneuern unsere bereits 2013 geforderte Erhöhung der Zielquote auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung."


Handlungsfeld 2: Transfer von Wissen

Innovation kommt durch den Austausch und die Neukombination des Wissens zahlreicher Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zustande, so die EFI. Hochschulen und Einrichtungen der außeruniversitären Forschung könnten hierbei einen wichtigen Beitrag leisten. Professor Uwe Cantner von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitglied der EFI dazu: "Deutschland kann es sich nicht leisten, auf die gesellschaftliche und ökonomische Nutzung exzellenter Forschungsergebnisse zu verzichten. Als ein Problem sehen wir, dass sich eine Kultur des Wissenstransfers in diesen Einrichtungen aber bisher nicht in ausreichendem Maße hat bilden können. Das Ziel des Erkenntnis- und Technologietransfers sollte einen höheren Stellenwert in den Forschungseinrichtungen und in der F&I-Politik erhalten." Gut entwickelt sei hingegen die Förderung von Clustern, die sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene inzwischen fester Bestandteil der F&I-Politik seien. Allerdings sei davon auszugehen, dass sich die Fördereffekte sukzessive abschwächten, wenn zunehmend nur noch bereits entwickelte Cluster eine Förderung erführen. "Die Expertenkommission empfiehlt daher, die Fortsetzung der Clusterförderung auf Bundesebene kritisch zu überdenken", so Cantner.


Handlungsfeld 3: Innovationen in etablierten Unternehmen

Bei ihrem Rückblick auf Forschung und Entwicklung (FuE) seit 2005 verweist die EFI auf den europäischen Ratsbeschluss von 2002, die FuE-Ausgaben bis 2010 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, wobei zwei Drittel davon die Privatwirtschaft leisten sollte. Professor Monika Schnitzer von der Ludwigs-Maximilians-Universität München und stellvertretende Vorsitzende der EFI kann hier einen großen Fortschritt vermelden: "Noch im Jahr 2005 war die Bundesrepublik mit einem Wert von 2,48 Prozent von diesem Ziel weit entfernt. Aber dank einer bemerkenswerten Steigerung zwischen 2005 und 2015 betrug der Anteil interner FuE am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland schließlich im Jahr 2015 2,99 Prozent. Das ist ein großer Erfolg der F&I-Politik, nicht zuletzt deswegen, weil fast zwei Drittel der internen FuE-Ausgaben durch private Unternehmen finanziert werden." Der Zuwachs bei Letzteren sei ebenfalls groß, falle aber relativ geringer aus als die Zuwächse im öffentlichen Sektor. Daher bleibe "die Stärkung der FuE in deutschen Unternehmen eine zentrale Herausforderung", so Prof. Schnitzer.


Handlungsfeld 4: Entrepreneurship

Junge Unternehmen (Start-ups) leisten nach Meinung der EFI einen wichtigen Beitrag zum Wirtschaftswachstum und zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Erfolgreiche Gründungen schafften durch lokale Wertschöpfung Arbeitsplätze. Professor Ingrid Ott vom Karlsruher Institut für Technologie und Mitglied der EFI sieht hier noch großen Handlungsbedarf: "Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland ist im internationalen Vergleich gering, speziell in der wissensbasierten Wirtschaft." Das liegt für die Kommission in der nach wie vor mangelhaften Finanzierung begründet. Zwar wurde mittlerweile, wie von der EFI mehrfach angeregt, die restriktive Behandlung von Verlustvorträgen neu geregelt. "Das ist erfreulich", so Ott, "doch noch immer ist der deutsche Wagniskapitalmarkt weniger gut entwickelt als jener in anderen europäischen Ländern". Um hier Abhilfe zu schaffen, habe die Politik mittlerweile vielfältige Förderprogramme aufgelegt und weitere Maßnahmen angekündigt, z. B. die Schaffung von Anreizen, die das finanzielle Engagement privater Akteure stärken. Abgesehen davon werde allerdings das in Deutschland vorhandene Gründungspotenzial noch nicht hinreichend ausgeschöpft: "Neben den fachlichen Kompetenzen muss auch Disziplinen-übergreifend ein Gründungsbewusstsein geschaffen werden, damit Selbstständigkeit als eine realistische Option wahrgenommen wird", bemerkt Ott.


Handlungsfeld 5: Governance - der Staat muss mit gutem Beispiel vorangehen

Auch der Staat müsse ständig innovieren, fordert die EFI, und dabei die Entstehung und Verwendung von Wissen fördern. Von der Breite und Komplexität gesellschaftlicher Herausforderungen seien zunehmend unterschiedliche Politikfelder und -ebenen betroffen. Für Professor Christoph Böhringer von der Universität Oldenburg und Mitglied der EFI "fällt damit der Koordination von F&I-Politik eine wichtige Rolle zu, um negative Überlagerungen beim Regulieren zu vermeiden und positive Synergien zu erschließen". Neben einer effektiven "ressortübergreifenden Innovationsstrategie" und der "Setzung innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen" sei der Staat aber auch aktiv "als Motor bei der innovationsorientierten öffentlichen Beschaffung" gefordert. Angesichts des enormen finanziellen Volumens der öffentlichen Beschaffung plädiert die EFI dafür, diese Mittel stärker und koordinierter als bisher für die Förderung von Innovationen zu nutzen. Eine wegweisende staatliche Forschungspolitik beinhalte und bedürfe zudem Innovationen im Sinne von "Experimentieren mit neuen Förderkonzepten". Böhringer abschließend: "Hierfür muss es ausreichend Freiraum bzw. strategische Flexibilität geben."


Handlungsfeld 6: Digitaler Wandel

Digitaler Wandel vollzieht sich schnell und die dafür zentralen Technologien und Geschäftsmodelle gehören nicht zu den Kernstärken des deutschen F&I-Systems, konstatiert die EFI. "Gerade für Deutschland stellt die digitale Transformation eine radikale Innovation dar, die langfristig erarbeitete deutsche Wettbewerbs- und Spezialisierungsvorteile bedroht", so Prof. Harhoff. Aus Sicht der EFI hat die deutsche F&I-Politik die diesem Wandel zugrundeliegende technische und ökonomische Dynamik bisher zu wenig beachtet. Dies spiegele sich auch in einer Unterfinanzierung der FuE-Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologien in Deutschland wider - verglichen z. B. mit dem überaus innovationsstarken Sektor rund um die Automobilindustrie. Die Experten fordern: "Deutschland muss in den kommenden Jahren neue technische und ökonomische Stärken aufbauen. Dazu bedarf es konsequenter und zügiger Politikmaßnahmen. Mit deren Umsetzung sollte in der neuen Legislaturperiode unmittelbar begonnen werden."


Licht und Schatten an deutschen Universitäten

In ihrem Jahresgutachten widmet sich die Expertenkommission auch den deutschen Hochschulen. Sie seien seit 2005 prinzipiell auf gutem Weg, so der EFI-Vorsitzende Dietmar Harhoff: "Die positiven Zahlen sprechen für sich: Grundmittel plus 43 Prozent, Ausgaben für Drittmittelforschung plus 93 Prozent, wissenschaftliches und künstlerisches Personal plus 60 Prozent in 2015, Ausgaben für Forschung und Entwicklung inklusive Drittmitteln plus 62 Prozent, FuE-Personal inklusive Drittmittelpersonal plus 40 Prozent."

Neben Licht gebe es aber auch Schatten: So habe sich durch die noch viel stärker gewachsenen Studierendenzahlen das Betreuungsverhältnis, also das zahlenmäßige Verhältnis von Studierenden zum wissenschaftlichen und künstlerischen Personal, das nicht aus Drittmitteln finanziert wird, trotz allem leicht verschlechtert. Prof. Harhoff: "Die Anzahl der hauptberuflichen und unbefristet beschäftigten Professorinnen und Professoren ist von 2005 bis 2015 vergleichsweise langsam gewachsen - plus 21 Prozent auf 43.700 - und konnte nicht mit dem Wachstum der Anzahl der Studierenden mithalten - plus 39 Prozent auf 2,76 Millionen." Auf eine hauptamtliche Professur kommen aktuell 59 Studierende - 2005 waren es 51.

Noch besorgter ist die Expertenkommission über das überproportional starke Wachstum bei dem aus Drittmitteln finanzierten wissenschaftlichen Nachwuchs. "Hier war in der letzten Dekade die Wachstumsrate mehr als vier Mal so hoch wie bei den Professorinnen und Professoren - plus 94 Prozent auf 71.300", so Prof. Uschi Backes-Gellner. Durch den starken Anstieg beim Umfang des wissenschaftlichen Nachwuchses entstehe ein starkes Ungleichgewicht im Verhältnis von Nachwuchskräften zu Professuren. "Eine solche Entwicklung beeinträchtigt die längerfristigen Beschäftigungschancen des wissenschaftlichen Nachwuchses im Hochschulsektor." Die Anzahl der unbefristeten Professuren als potenzielle "Landeplätze" für die Nachwuchswissenschaftler bleibe immer weiter zurück. Das verschärfe "das Problem des beruflichen Flaschenhalses für junge Wissenschaftler sehr deutlich", so Backes-Gellner.

Die EFI plädiert daher für zwei Lösungsansätze, die "dringend umgesetzt werden sollten":

  1. Erhöhung der Anzahl unbefristeter Professuren, um neue Beschäftigungschancen zu schaffen und zugleich die Qualität von Forschung und Lehre und das Betreuungsverhältnis für die Studierenden nachhaltig zu verbessern.
  2. Stärkere Berücksichtigung von Karriereperspektiven außerhalb des Hochschulsektors bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. "Durch den vermehrten Übergang der Nachwuchskräfte von den Hochschulen in die Wirtschaft wird das in der Forschung generierte Wissen unmittelbar in etablierte Unternehmen oder auch in Ausgründungen wie z. B. Start-ups übertragen. Das kann auch den für Innovationen so wichtigen Erkenntnis- und Technologietransfer verbessern", betont Prof. Backes-Gellner.

Die EFI ist überzeugt, dass beide Schritte sowohl das Hochschul- als auch das Innovationssystem in Deutschland nachhaltig stärken können.

Zwar gebe es seit Juni 2016 eine Vereinbarung von Bund und Ländern über ein Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses mittels Tenure-Track-Stellen (Lebenszeitprofessur nach Bewährungszeit), aber die EFI bezweifelt, dass alle Bundesländer in der Lage oder willens sind, die Gesamtfinanzierung des Programms sicherzustellen. Prof. Backes-Gellner: "Die Expertenkommission hat Sorge, dass die durch den Bund geförderten Tenure-Track-Stellen in vielen Fällen lediglich für vorgezogene Berufungen genutzt werden. Die 'Flaschenhalsproblematik' würde dann nicht gelöst, sondern allenfalls zeitlich etwas verschoben und sich in der Folge eventuell sogar verschärfen."


Wanderungssaldo von publizierenden Wissenschaftlern

Bei einem weiteren Thema zeigt sich die EFI ebenfalls kritisch: Der internationale Wanderungssaldo von publizierenden Wissenschaftlern bleibt für Deutschland nach wie vor negativ - trotz Verbesserungen seit 2008, zu denen wahrscheinlich vor allem die Exzellenzinitiative beitrug. Deutschland verliert aber jedes Jahr immer noch mehr Wissenschaftler, als es hinzugewinnt. "Wenn wissenschaftliches Personal über die Ländergrenzen hinweg mobil ist, wird Wissen verbreitet und es kommen neue Kombinationen von Wissen zustande - das Entstehen von Innovationen wird so begünstigt. Im Durchschnitt sind mobile Forscher - im Vergleich zu denen, die im Heimatland verbleiben - produktiver. Deshalb sind sie für eine auf Forschungsexzellenz ausgerichtete F&I-Politik von besonderer Relevanz", so der Kommissionsvorsitzende Harhoff, "hier besteht für das deutsche Wissenschaftssystem Spielraum nach oben und der sollte zügig genutzt werden."


Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI)
EFI hat ihren Sitz in Berlin und leistet seit zehn Jahren wissenschaftliche Politikberatung für die Bundesregierung und legt regelmäßig Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands vor. Wesentliche Aufgabe der EFI ist es dabei, die Stärken und Schwächen des deutschen Innovationssystems im internationalen und zeitlichen Vergleich zu analysieren und die Perspektiven des Forschungs- und Innovationsstandorts Deutschland zu bewerten. Auf dieser Basis entwickelt die EFI Vorschläge für die nationale Forschungs- und Innovationspolitik.

Alle aktuellen Empfehlungen von EFI sind zu finden unter: www.e-fi.de.

Kontakt (an der FSU):
Prof. Dr. Uwe Cantner
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Jena
Carl-Zeiß-Str. 3, 07743 Jena
E-Mail: u


 

Meldung vom: 2017-02-09 19:00

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