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Alice Stašková ist neue Professorin für Germanistische Literaturwissenschaft
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09.12.2016

Als sie das erste Mal den Bahnhof Jena-Paradies verließ und die Stadt betrat, sei sie gerührt gewesen, sagt Prof. Dr. Alice Stašková. "Ich habe nahezu unter meinen Füßen gespürt: Hier war Friedrich Schiller." Der Dichter begleitet die 44-Jährige schon sehr lange und hat sie nun an die Friedrich-Schiller-Universität Jena geführt. Hier ist sie jetzt zur Professorin für Neuere deutsche Literatur ernannt worden.

In ihrem Habilitationsprojekt etwa ging sie der Frage nach, warum ausgerechnet Schillers "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" noch heute gelesen wird, obwohl es doch aus dieser Zeit unzählige Texte zu diesem Thema gibt. Zwar sind sich die Experten einig, dass es daran liegt, wie das 1795 erschienene Werk geschrieben ist. Doch können sie sich nicht erklären, woher die Diskrepanz zwischen der zum Teil einfachen Botschaft und dem komplizierten Stil stammt. "Um das zu beantworten, habe ich versucht zu verstehen, wie Schiller eigentlich gelernt hat zu denken", erklärt Stašková. Sie ist in Archive gestiegen und hat die Lehrbücher, die Schiller in der Stuttgarter Karlsschule benutzt hat, genauer unter die Lupe genommen. "Er hatte neun Stunden Logik in der Woche, in denen er auch gelernt hat, zu argumentieren und Inhalte ansprechend zu vermitteln", informiert die Jenaer Germanistin. Den großen Aufwand, den Schiller für die ästhetische Erziehung des Menschen betrieb, kann sie sich nur so erklären: "Er wollte der Kunst in der Zukunft eine unbestreitbare Funktion in der Gesellschaft sichern."

Eine ebensolche Rolle hat die Literatur in Alice Staškovás Leben eingenommen. Geboren in Prag hat sie sich früh für die deutsche Literatur entschieden. "Als ich 14 Jahre alt war, hat mir mein Vater Goethe und Kafka auf den Tisch gelegt und gesagt, das müsse ich kennen", erzählt sie. "Und ich habe schnell gemerkt, dass man das im Original lesen muss." Sie studierte in Prag, Leipzig, Heidelberg und Paris Germanistik und Romanistik, lehrte dann u. a. in ihrer Heimatstadt sowie in Berlin und forschte beispielsweise an der Vanderbilt University im US-amerikanischen Nashville.


Das lange 18. Jahrhundert

An der Universität Jena wird sie sich nun vor allem dem sogenannten "langen 18. Jahrhundert" widmen - also der Zeit zwischen dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts und der Biedermeierzeit, in der auch Schiller seinen Platz hat. Wichtig ist ihr dabei, die Grenzenlosigkeit zu betonen. "In dieser Epoche, in der die Aufklärung eine zentrale Rolle einnimmt, waren Ländergrenzen geistig mehr oder weniger aufgehoben und der Gattungsbegriff in der Literatur noch völlig aufgebrochen", erklärt Stašková. "Man spürt, wie sich die Weichen für die Moderne stellen und die Neuzeit brodelt. Das schlägt sich in großartigen Texten nieder." Dieses Aufsprengen von Kategorien schätzt sie sehr in der Literatur, auch wenn die Wissenschaft diese ebenso braucht. Beispielsweise hat sie kein Problem damit, dass Bob Dylan als Musiker den Nobelpreis erhält, folgen seine Texte doch Traditionen der Literatur. Und überhaupt interessiere sich Stašková für die Verbindungen zwischen Musik und Literatur.

Die Faszination, mit der sie der Literatur begegnet, will sie nun auch ihren Jenaer Studierenden weitergeben. Die Lehre habe ihr schon immer sehr viel Spaß gemacht, sagt die neue Professorin. Vor allem drei Dinge will sie vermitteln: die Schönheit der Texte, die bereichernde Beschäftigung mit etwas Fremdem und die Lust an der Erkenntnis.

Auch abseits der Uni beschäftigt sich Alice Stašková gern mit Literatur. Als Gegenwartsautoren schätzt sie beispielsweise Herta Müller und Marcel Beyer sehr. Und bei der Frage nach ihrem Lieblingsbuch verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatem ebenfalls: Hermann Brochs "Die Schlafwandler" empfiehlt sie mit Nachdruck. Schließlich gehöre dieses Werk, mit dem sie sich in ihrer Dissertation beschäftigt hat, im Ausland nahezu zum Kanon deutscher Literatur, hierzulande sei es aber wenig bekannt.

Kontakt:
Prof. Dr. Alice Stašková
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena
Fürstengraben 18, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944210
E-Mail:


 

 

 

 

Meldung vom: 2016-12-09 08:50

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