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Denken in Bildern

Italienische Gastwissenschaftlerin wandelt auf Herders Spuren
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12.04.2017

Kinder tun es, Künstler sowieso, aber auch Wissenschaftler und Philosophen - sie alle denken in Bildern. Um Dinge zu erklären, für die sich nicht so einfach Formulierungen finden lassen oder die man schlicht und einfach selbst noch nicht genau versteht, hilft es, sie zunächst in Bildern auszudrücken. Einer, der diese Methode besonders pflegte und ihr auch philosophisch nachspürte, war Johann Gottfried Herder. Um seine Ideen dazu näher zu erforschen, ist Dr. Laura Follesa jetzt an die Friedrich-Schiller-Universität Jena gekommen.

Unterstützt wird sie dabei vom ersten Marie-Curie-Individual-Fellowship der Philosophischen Fakultät der Universität Jena, das die Italienerin gemeinsam mit dem hiesigen Herderspezialisten Prof. Dr. Michael Maurer eingeworben hat. Die EU fördert das Stipendium im Rahmen des Programms "Horizon2020" mit über 170.000 Euro. In den kommenden zwei Jahren will Follesa für ihre Arbeit nun die Nähe zu Herders Wirkungsstätte Weimar und die enge interdisziplinäre Vernetzung der Universität Jena nutzen. "Für Herder stand fest, dass sich alle Menschen nahezu intuitiv Bilder zunutze machen, um Dinge zu verstehen", sagt Follesa. "Wenn wir etwa träumen, entsteht in unserem Kopf eine unverbundene Reihe von Bildern ohne logische Reihenfolge, die unserem Hirn aber dabei hilft, Ordnung zu schaffen und Erlebtes und Erfahrenes zu verstehen. Denn in Kombination miteinander können die Bilder ganz neue Bedeutungen erhalten und neue Horizonte eröffnen." Kinder erlebten das tagtäglich, wenn sie ihre Umwelt entdecken. Aber auch beispielsweise Physiker greifen auf Bilder zurück, um sich ihnen noch nicht vertraute Phänomene zu erschließen und sie schließlich zu beschreiben. So entstehen etwa Modelle wie die Schallwelle, die mit einer Welle im Meer zunächst wenig zu tun hat.


Herder wollte den ganzen Menschen verstehen

"Dieses assoziative Denken spielte beispielsweise bei den Philosophen der Aufklärung keine große Rolle", erklärt die 33-Jährige. "Erst während der Romantik geriet es immer stärker in den Fokus. Und Herder als Bindeglied zwischen beiden Epochen steht somit am Anfang der Philosophen, die sich verstärkt mit der Einbildungskraft des Menschen beschäftigt haben." So seien auch die frühen Schriften stark von einer bildhaften Sprache geprägt. "Herder wollte sich absetzen von den theoretischen Philosophen und vielmehr den ganzen Menschen verstehen", sagt Laura Follesa. "Er wollte herausstellen, dass die menschliche Seele viele Facetten hat, zu denen sowohl Einbildungskraft als auch Erfahrung und Vernunft gehörten." Reine Vernunft, wie sie etwa Kant propagierte, könne es nicht geben. Allerdings erhielten die Bilder auch kein Übergewicht in der Denkweise des Weimarer Philosophen. Alles müsse ausgeglichen und in Harmonie miteinander sein. Überwiege etwa die Einbildungskraft, dann könne es sogar zu Geisteskrankheiten kommen. So sei es etwa dem schwedischen Naturforscher Emanuel Swedenborg ergangen, mit dem sich Herder eingehend beschäftigte und der auch im Mittelpunkt der Dissertation Laura Follesas stand.


Wesentliche Schriften ins Italienische übersetzen

Schon während ihrer Doktorarbeit, die sie an der Universität von Cagliari abschloss, hat sie an der Universität Jena geforscht. Während des zweiten, nun weitaus längeren Aufenthalts möchte die Italienerin Herders Werke genauer unter die Lupe nehmen und die für ihre Forschung wesentlichen Schriften ins Italienische übersetzen. Zudem sucht Follesa den Kontakt zu Kollegen aus anderen Disziplinen. So will sie zum einen beispielsweise mit Neurobiologen über die physischen Grundlagen des Denkens in Bildern sprechen und zum anderen von Physikern erfahren, welche Rolle diese Vorgehensweise in ihrer täglichen Arbeit spielt.

Darüber hinaus möchte Dr. Follesa auch die Stadt endlich näher erkunden. "Während meiner Promotion war Jena für mich in erster Linie eine große Bibliothek. Ich war zu sehr in meine Arbeit vertieft, um richtig anzukommen", sagt sie heute. "Jetzt möchte ich auch sozial stärker Fuß fassen, denn ich fühle mich hier sehr wohl", ergänzt sie. Nur auf eines müsse sie wohl verzichten: "Ich bin auf Sardinien geboren und vermisse einfach das Meer. Deshalb habe ich mir eine Wohnung in der Nähe der Saale gesucht, denn das gibt mir das Gefühl, dass es in der Nähe wäre."

Kontakt:
Dr. Laura Follesa
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Universität Jena
Jenergasse 8 (Accouchierhaus)
07743 Jena
Tel.: 03641 / 944570
E-Mail:

 

 

 

Meldung vom: 2017-04-12 07:01

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