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Über die Kunst des Übersetzens

Dr. Sandra Stuwe und Sophie Picard erhalten den Lehrpreis 2017
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01.09.2017

"Wissen Sie zum Beispiel, dass in diesem Moment, in dem ich hier zu Ihnen spreche, hunderttausend Hut tragende Verrückte unserer Art hunderttausend andere, Turban tragende Narren töten oder von diesen massakriert werden und dass dies seit jeher fast überall auf der Erde so Brauch ist." - So spricht ein Gelehrter in der Erzählung "Micromégas", geschrieben 1752 von Voltaire. Die kurze Erzählung über den Bewohner der Welt des Sirius mit dem bezeichnenden Namen "Kleingroß" und seine Reise zur Erde haben Studierende der Romanistik an der Universität Jena neu ins Deutsche übertragen. Für das innovative Format einer interdisziplinären Übersetzerwerkstatt werden die Romanistin Dr. Sandra Stuwe und die Literaturwissenschaftlerin Sophie Picard mit dem Lehrpreis der Friedrich-Schiller-Universität Jena 2017 für die beste Lehrveranstaltungskonzeption ausgezeichnet. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und wird am 16. November während eines "Dies Legendi" überreicht.

"Beim Übersetzen lerne ich die Sprache mit einer gewissen Intimität, ich tauche ganz anders hinein", sagt Sophie Picard. Die 29-jährige Tochter einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters ist in Frankreich aufgewachsen und hat in Paris Germanistik, Romanistik und Musikwissenschaft studiert. Die Idee zur "Übersetzerwerkstatt: Contes de Voltaire" hat Picard gemeinsam mit der Romanistin Dr. Sandra Stuwe entwickelt. "Eine gute Übersetzung gelingt nur, wenn man im besten Falle beide Sprachen beherrscht", sagt Sandra Stuwe. Es brauche ein geschultes Verständnis für den Originaltext, idealiter sollte ein Übersetzer Muttersprachler in der Zielsprache sein, fügt die 49-Jährige hinzu. Als Lehrkraft für besondere Aufgaben kennt sich Sandra Stuwe bestens mit der Materie aus: Sie bietet Übersetzungskurse für Texte aus dem Französischen und Italienischen an.


Voltaires "Micromégas" moderat modernisiert

In der Übersetzerwerkstatt gab es nicht einen Übersetzer, sondern ein Team aus 15 Studierenden, die gemeinsam um eine gültige Fassung rangen. Gearbeitet wurde in Gruppen, wobei die Textbausteine zuhause übertragen und danach in der Gruppe diskutiert wurden. "Wegen des Zeitdrucks haben wir strittige Passagen vermerkt und im abschließenden Blockseminar geklärt", sagt Sophie Picard. Zunächst musste jedoch ein Konsens erzielt werden, welcher Leitidee die Übersetzung folgen sollte: Orientierung am Stil des Originaltextes oder eine komplette Modernisierung? Die Entscheidung fiel zugunsten einer moderaten Modernisierung. Dennoch sollte das Original natürlich transparent bleiben. Dabei sei es gar nicht so leicht gewesen, jeweils einen Konsens bei strittigen Fragen zu finden, sagt Sophie Picard: "Wir mussten so manche Kröte schlucken!" Bereits der Untertitel "Eine philosophische Geschichte" sei lange diskutiert worden. In Voltaires Verständnis sei ein Philosoph eher ein Forscher, ein Naturforscher gewesen, ergo hatten die beiden Dozentinnen als Untertitel "Eine naturwissenschaftliche Geschichte" vorgeschlagen. Die Idee fand im studentischen Gremium keine Mehrheit.


Publikation geplant - Verlag zeigt Interesse

Für Voltaires "Micromégas" sprachen verschiedene Gründe. So ist der Text rechtefrei verfügbar, mit 22 Seiten von geeigneter Länge und zudem gibt es bereits mehrere Übersetzungen, mit denen die Studierenden in der Übersetzerwerkstatt punktuell gearbeitet haben. Das Ergebnis - darin sind sich Picard und Stuwe einig - kann sich sehen lassen. "Wir stehen in Kontakt mit einem Verlag, der unsere Übersetzung drucken möchte", sagt Sandra Stuwe. Doch auch in Bezug auf die Studierenden sei die Werkstatt ein Erfolg gewesen, schätzt Sophie Picard ein. "Einige haben großes Talent als Übersetzer gezeigt, insgesamt war die Gruppe hochmotiviert und mit viel Spaß dabei." Picard und Stuwe fanden das etwas überraschend, weil die Gruppe sehr heterogen gewesen sei, von Studienanfängern bis hin zu Studierenden, die kurz vor ihrem Abschluss stehen.

Den Schwung der Voltaire-Übersetzung wollen die Preisträgerinnen mit ins nächste Wintersemester nehmen. Auf dem Lehrplan stehen zwei Veranstaltungen mit Werkstattcharakter, bei denen es wieder um Strategien und Methoden, aber auch Übersetzungsvergleiche und -kritik und nicht zuletzt um das praktische Übersetzen geht. Gearbeitet wird an Texten Maupassants - natürlich wieder über Fachgrenzen hinweg.

Kontakt:
Dr. Sandra Stuwe
Institut für Romanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Ernst Abbe Platz 8, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944605
E-Mail:


 

 

 

Meldung vom: 2017-09-01 09:20

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