Schnelleinstieg Reader

Home|Suche|Friedolin|Webmail de

Wortmarke FSU

Am Ende entscheidet der Senat

Der Präsident im dpa-Interview über die offene Debatte zur Stiftungsuniversität
PDF erstellen
ReadSpeaker
zurück | vor
19.04.2017

 

Präsident Prof. Dr. Walter Rosenthal will die Friedrich-Schiller-Universität Jena in eine Stiftung umwandeln. Damit wäre sie attraktiver für Mäzene und Spender, hat er im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gesagt. Außerdem verspricht er sich davon mehr Autonomie für die Hochschule - etwa beim Bau und der Bewirtschaftung von Gebäuden sowie der Gestaltung von Studiengängen. Prof. Rosenthal: "Wir sind am Anfang eines Diskussionsprozesses mit offenem Ausgang."

Frage: Warum braucht die Universität Jena eine neue Struktur?

Rosenthal: Wir fragen uns, ob unsere Universität in ihrer jetzigen Struktur und Verfasstheit für die Zukunft gut gewappnet ist. Realistisch betrachtet, wird der finanzielle Spielraum des Landes Thüringen enger werden. Die Einwohnerzahl schrumpft, ebenso wie die Transfermittel von EU und Bund. Es wird nicht leicht sein für dieses kleine Land, die bestehenden zehn Hochschulen auskömmlich zu finanzieren. Darauf müssen wir uns einstellen. Außerdem wünschen wir uns im Verhältnis zum Land mehr Autonomie und eine Vereinfachung von Abläufen. Dies ist ebenso wichtig wie der finanzielle Aspekt.

Was die derzeitige finanzielle Seite angeht, sind wir nicht auf Rosen gebettet, aber wir kommen zurecht. Dennoch gibt es schon jetzt Defizite auf der investiven Seite. Wir können bereits erkennen, dass wir in Zukunft sehr viel mehr in Infrastruktur - Gebäude, Geräte, Technik - investieren müssen, um attraktiv für Studierende und Forschende zu bleiben. Wir sind wahrscheinlich die letzte Hochschule in Thüringen, die nach der Wende noch nicht komplett durchsaniert wurde. Außerdem besteht ein dringender Bedarf an neuen Labors.

Frage: Und deswegen hat das Präsidium die Idee einer Stiftungsuniversität ins Gespräch gebracht?

Rosenthal: All dies veranlasst uns, über neue Strukturen nachzudenken, die der Universität Jena eine gute Zukunft sichern. Eine wesentliche Überlegung in diesem Zusammenhang heißt Stiftungsuniversität. Eine Stiftungsuniversität verfügt über ein hohes Maß an Autonomie gegenüber dem Land. Sie ist flexibler, unbürokratischer als anders verfasste Hochschulen. Eine Stiftungsuniversität ist attraktiv für nicht-staatliche Zuwendungen, wie z. B. Zustiftungen, Nachlässe und Spenden. Darüber hinaus ist eine Stiftungsuniversität - im Gegensatz zur bestehenden Situation - im Besitz der von ihr genutzten Immobilien und sie darf selber bauen. Das bedeutet, dass sie rasch, kosteneffektiv und streng ausgerichtet auf die eigenen Bedürfnisse Gebäude errichten oder umbauen kann.

Frage: Wie sieht das konkret aus? 

Rosenthal: Die Universität bleibt eine öffentliche Einrichtung - und das muss aus meiner Sicht auch so sein. Kritiker sagen, durch eine Änderung ihrer Rechtsform würde die Universität privatisiert; das ist falsch. Das Land nimmt weiterhin die Rechtsaufsicht wahr. Es zieht sich allerdings aus der Fachaufsicht zurück. Konkret bedeutet das: Mehr Freiheit zum Beispiel bei der Einrichtung und Gestaltung von Studiengängen und bei infrastrukturellen Maßnahmen. Derzeit müssen wir jeden Studiengang vom Ministerium genehmigen lassen; größere Baumaßnahmen müssen vom Land in einem langwierigen Verfahren genehmigt werden und sie werden vom Land durchgeführt.

Wir sind als Universität jetzt nicht nur eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts, sondern auch nachgeordnete Landesbehörde. Das bringt einen behördlichen Ablauf mit sich und verlangsamt Prozesse. Dieser behördliche Status und all das, was damit zusammenhängt, würden bei einer Stiftungsuniversität wegfallen. Wir wären auch als Stiftungsuniversität dem Land weiter rechenschaftspflichtig, aber eben nicht auf einer kleinteiligen Ebene. Mit dem Stiftungsrat gäbe es ein Aufsichtsgremium, in dem auch die Landesregierung vertreten ist. Das Land würde darüber hinaus auch weiterhin das Budget festlegen und zur Verfügung stellen.

Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass sich der Staat dann finanziell Stück für Stück zurückzieht?

Rosenthal: Diese Gefahr kann man mit einer gesetzlichen Regelung aus der Welt schaffen. So ist in Hessen beispielsweise gesetzlich geregelt, dass die Stiftungsuniversität Frankfurt genauso finanziell ausgestattet wird wie die anderen Hochschulen des Landes. Was wir uns aber erhoffen, sind zusätzliche finanzielle Spielräume. Als Stiftungsuniversität wären wir attraktiver für Mäzene und Spender und könnten zusätzliches Geld einwerben etwa für Forschungsprojekte oder für den Bau von Gebäuden.

Frage: Aber Geldgeber wollen möglicherweise auch Einfluss nehmen.

Rosenthal: Auch hier braucht es klare Regeln. Es muss Transparenz herrschen und die Unabhängigkeit vom Stifter sichergestellt werden. Ein Stifter gibt sein Geld quasi an der Haustür der Universität ab; hinein kommt er nicht. Stifter dürfen keinen inhaltlichen Einfluss auf die Forschung oder Personenauswahl nehmen. Wir haben heute schon Stiftungsprofessoren und erhalten private Zuwendungen - da läuft das genauso ab.

Frage: Das Stiftungsmodell gibt es auch mehrfach in Niedersachsen. Von dort ist teils zu hören, dass die zusätzlichen Einnahmen hinter den Erwartungen geblieben sind.

Rosenthal: Dies liegt zum nicht geringen Teil daran, dass sich die Stiftungsuniversitäten nicht oder nur wenig um zusätzliche Mittel bemüht haben. Wenn man sich aktiv um Mittel bemüht, kann das anders aussehen. So hat die kleine Universität Lübeck in kurzer Zeit 25 Millionen Euro eingeworben. Hier in Jena haben wir eine lange Stiftungstradition. Beispielsweise wurde das Hauptgebäude der Universität gestiftet, die Rosensäle der Universität, ebenso die Kinderklinik. Das ist ein guter Ausgangspunkt. Es geht zunächst erst einmal um eine Weichenstellung und nicht darum, dass morgen jemand 300 Millionen Euro auf den Tisch legt. Das Stiftungsvermögen muss über die Jahre aufgebaut werden - anders haben das die großen amerikanischen Universitäten wie Harvard auch nicht gemacht.

Frage: Welcher Anteil des Uni-Budgets könnte aus Ihrer Sicht künftig aus dem Stiftungskapital bestritten werden? Fünf Prozent? 

Rosenthal: Diese Größe halte ich nach einigen Jahren für realistisch.

Frage: Es gibt Kritiker und Skeptiker des Modells auch in Jena. Welche Kritikpunkte wurden bisher in den Diskussionen vorgebracht? 

Rosenthal: Es gibt Sorgen, zum Beispiel um die Arbeitsplatzsicherheit, die Tarifbindung bei Angestellten, Rechte des Personalrats und der Studierendenschaft oder um die Pensionsansprüche von Beamten. Hier muss es wie bei anderen öffentlich-rechtlichen Stiftungsuniversitäten in Deutschland klare Regelungen auf gesetzlicher Basis geben. So muss etwa sichergestellt werden, dass die Arbeitnehmerrechte eins zu eins übernommen werden. Die akademische Mitbestimmung muss vollumfänglich erhalten bleiben. In Frankfurt wurde die Position des Senats - das oberste Gremium der Universität - mit der Umwandlung in eine Stiftungsuniversität sogar gestärkt. Das würden wir auch anstreben. Außerdem ist der Senat maßgeblich an der Auswahl der Mitglieder des Stiftungsrats - dem Aufsichtsgremium - beteiligt. Ebenso kann der Vorschlag des Präsidiums, den Fakultäten größere Autonomie zu geben, umgesetzt werden. Es soll in Jena keine Machtkonzentration im Präsidium geben.

Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Rosenthal: Hochschulintern muss letztlich das oberste Gremium unserer Universität, der Senat, entscheiden, ob eine Änderung der Rechtsform angestrebt wird. Derzeit wird ein Gutachten erstellt, ob und wie das Stiftungsmodell konkret auf die Universität Jena übertragen werden kann. Ziel ist es, alle Bedenken aufzunehmen und Lösungen zu finden. Das Präsidium hat dem Senat vorgeschlagen, eine Arbeitsgruppe zu dem Thema einzurichten. Wir sind am Anfang eines Diskussionsprozesses mit offenem Ausgang. Ich gehe bis zu einer Abstimmung im Senat von einem ein- bis zweijährigen Prozess aus. Wenn der Senat sich für die Stiftungsuniversität entscheidet, dann wird die Universität einen entsprechenden Antrag an das Land stellen. Daran schließt sich letztlich ein Gesetzgebungsverfahren an.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung von dpa)

 

Meldung vom: 2017-04-19 13:59

Logo Weltoffene Hochschulen gegen Fremdenfeindlichkeit

Logo Total E-Quality Coimbragroup Partnerhochschule des Spitzensports