Pressemitteilung
3. Internationales Symposium
Neues Testament und hellenistisch-jüdische Alltagskultur
Wechselseitige Wahrnehmungen
Vom 21. – 24. Mai fand in Leipzig das 3. Internationale Symposium zum Corpus Judaeo-Hellenisticum statt. Der maßgeblich von der Thyssen-Stiftung finanzierte Kongress, der im Tagungs- und Gästehaus der Universität Leipzig durchgeführt wurde, gehörte zu den größeren wissenschaftlichen Veranstaltungen im Rahmen des diesjährigen 600. Universitätsjubiläums der Alma Mater Lipsiensis. Unter dem Thema "Neues Testament und hellenistisch-jüdische Alltagskultur" widmeten sich Wissenschaftler altertumswissenschaftlicher Disziplinen aus aller Welt der Frage, unter welchen politischen, religiösen und kulturellen Bedingungen das frühe Christentum und seine im Neuen Testament gesammelten Schriften entstanden sind. Die fast 60 Tagungsgäste erlebten in der angenehmen Atmosphäre der "Villa Tillmanns" eine spannende und thematisch sehr abwechslungsreiche Tagung.
"Um unsere Kultur verstehen zu können, muss man an die Anfänge zurückkehren", so beschreibt der Tagungsleiter und Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, Prof. Dr. Jens Herzer, prägnant die aktuelle Relevanz des Projektes. Im Blickpunkt standen vorwiegend nicht-literarische Zeugnisse wie Inschriften, Papyri, Münzen und archäologische Befunde des antiken Judentums. Alltägliche Dinge wie Rechnungen, Quittungen sowie private und offizielle Briefe, aber auch die Architektur wurden untersucht, um die damalige Kultur zu verstehen. Archäologen, Papyrologen, Philologen und Althistoriker erforschten gemeinsam mit Neutestamentlern die Bedeutung der hellenistisch-jüdischen Alltagskultur für das Verständnis des Neuen Testaments und damit der Ursprünge des Christentums insgesamt.
Eröffnet wurde das Symposium durch einen Vortrag von Carol und Eric Meyers von der Duke University unter dem Titel: "The Material Culture of Late Hellenistic–Early Roman Palestinian Judaism: What it Can Tell Us about Earliest Christianity and the New Testament". Im Anschluss daran lud der Verlag Mohr-Siebeck zu einem Empfang in die Villa Tillmanns ein.
In den folgenden Tagen trugen Wissenschaftlern nicht nur aus Deutschland und dem europäischen Ausland, sondern auch aus Russland und den USA die Ergebnisse ihrer Forschungen zum Thema der Tagung vor. Indem Neutestamentler und Forscher benachbarter Disziplinen in Paarvorträgen ein Thema jeweils gemeinsam beleuchteten, wurde dem Untertitel der Tagung "Wechselseitige Wahrnehmungen" Rechnung getragen: Was trägt die Kenntnis der antiken jüdischen Kultur zum Verstehen des Neuen Testaments bei?, und umgekehrt: Was können die frühchristlichen Schriften zum Verständnis der antiken Alltagskultur beisteuern?
Neben den Vorträgen wurden in Arbeitsgruppen unter der Leitung ausgewiesener Experten Dokumente des antiken Judentums gelesen.
Einen besonderen Höhepunkt stellte der öffentliche Vortrag von Prof. Dr. Reinhold Scholl, Leiter der Papyrussammlung der Universität Leipzig, dar. Er referierte vor mehr als 100 Zuhörern im alten Ratsplenarsaal des Neuen Rathauses zum Thema "Licht aus dem Osten. Die Leipziger Papyrussammlung und die Erforschung des Neuen Testaments". Im Anschluss daran lud der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig die Tagungsgäste zu einem Empfang in die Weinstube der Ratskellers ein.
Das Symposium war zugleich Teil eines Kommentarprojektes zum Neuen Testament, welches durch die Heranziehung von Schriften und Dokumenten des griechisch sprechenden Judentums (das sog. Corpus Judaeo-Hellenisticum) die Texte des Neuen Testaments in ihrem geschichtlichen und kulturellen Kontext interpretiert. Es ist bereits die 3. Tagung, welche nach den Gemeinsamkeiten zwischen dem Neuen Testament und dem zeitgenössischen Judentum fragt. Eröffnet wurde die Reihe 2003 in Eisenach mit einem Symposium unter dem Titel "Philo und das Neue Testament. Wechselseitige Wahrnehmungen", 2006 fand in Greifswald eine Tagung zu Josephus und dem Neuen Testament statt und das für 2012 geplante 4. Symposium wird sich mit dem Verhältnis zwischen Neuem Testament und der Septuaginta, der für die frühen Christen maßgeblichen griechischen Übersetzung des Alten Testaments, beschäftigen.
Wie bereits bei den vorangegangenen Tagungen werden die Beiträge in einem Sammelband publiziert, der im Verlag Mohr Siebeck in Tübingen erscheinen wird (voraussichtliches Erscheinungsdatum: Sommer/Herbst 2010). Der Verlag gehört ebenfalls zu den Sponsoren der Tagung.