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Einschätzungen von Prof. Hammerstein und Prof. Sieg


Eindrücke von der Geschichtsschreibung über die Universität Jena während der Frühen Neuzeit bis ins frühe 19. Jahrhundert

„Sehr geehrte Damen und Herren,

wunschgemäß, aber auch von der Sache her, darf ich mich recht kurz fassen. Mir obliegt, Ihnen meine Eindrücke von der Geschichtsschreibung über Ihre Universität während der Frühen Neuzeit bis ins frühe 19. Jahrhundert darzulegen. Um es sogleich zu sagen, ich bin sehr beeindruckt von den Leistungen, die der Universität und ihren Gelehrten ein gutes Zeugnis ausstellen.

Erlauben Sie mir, einige allgemeine Anmerkungen zur Universitätsgeschichtsschreibung voraus zu schicken. Die hat eine lange, weit zurückreichende Tradition. Auch die Salana ist nicht erst im 19. und 20 Jahrhundert Gegenstand von Arbeiten gewesen, und einige sind noch bis heute gut zu gebrauchen. Dennoch: In den letzten drei bis vier Dezennien hat die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichtsschreibung ein neues Interesse gefunden und neue Fragestellungen hervorgebracht. Wenn es in der Bundesrepublik auch nur zwei Lehrstühle für diese Materien gibt – bedauerlich für Nachwuchskräfte, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, sind ihre Karrierechancen doch nicht gerade hoch – bei also nur zwei Lehrstühlen sind gleichwohl eine Fülle von Monographien, Aufsätzen bis hin zu Handbüchern erschienen. Das hält unvermindert an, wie sowohl entsprechende Zeitschriften wie auch internationale Gesellschaften belegen.

Universitäten gehören schließlich zu den ältesten europäischen Institutionen, die bis heute neben der katholischen Kirche fortbestehen (Bologna und anderes lasse ich einmal beiseite) und die als solche ein genuines Produkt Europas sind. Kein anderer Kulturkreis hat die Vermittlung und den Ausbau des Wissens in dieser Weise entwickelt. Dass das wiederum für unsere Geschichte, die Ausbildung des Denkens und Handelns von entscheidender Bedeutung war, liegt auf der Hand. Das Interesse an der Geschichte der Universität ist daher ein Schlüssel für das Verständnis der geistigen, wissenschaftlichen und ästhetischen Entwicklung Europas, des historischen Gangs in die Moderne. Die Beschäftigung mit diesen Themen führte in jüngerer Zeit denn auch weg von der zuvor vorwaltenden hagiographischen Überhöhung der Geschichte einer Universität. Neue, gleichsam trivialere, nüchterne, alltagsorientierte, praktische Fragestellungen bestimmen die Arbeiten, die dadurch eine klarere Vorstellung dieser Entwicklung vermitteln. Dem sind die vorliegenden Untersuchungen verpflichtet, sie sind allemal auf der Höhe der Zeit.

Die Senatskommission hat den Forschungsschwerpunkt auf das 20. Jahrhundert gelegt, über dessen Ergebnis Herr Sieg berichten wird. Diese Entscheidung war politisch wie historisch richtig, da sich die Universitäten zumeist mit Fragen zu ihrer Geschichte unter den Diktaturen konfrontiert sehen. Die Kommission hat aber zugleich anderen Themenbereichen ihre Unterstützung nicht versagt. Für die von mir zu analysierende Zeit hat das zu einem überzeugendem, für ein auch breiteres Publikum geeigneten Band zur Frühen Neuzeit geführt (hg. v. J. Bauer u. A.). Ausgewiesene Kollegen und Mitarbeiter ihrer Universität haben auf neuestem Stand die ältere Literatur ergänzt und zurechtgerückt. Die meisten von ihnen sind bereits mit eigenen Arbeiten innerhalb anderer Projekte oder Tagungen hervorgetreten. Insbesondere der Sonderforschungsbereich (SFB) „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ hat hier kaum zu überschätzende Leistungen erbracht. Ihn muss und darf ich daher in meinem Überblick nicht übergehen. Die dort erzielten Ergebnisse sind in vielem grundlegend neu, rücken die Salana, neben, ja noch vor Göttingen, in unmittelbare Leitfunktion für das 1810 gegründete Berlin. Viele der an diesem SFB Tätigen haben auch in anderem Kontext wichtiges zur Geschichte Jenas – Stadt, Universität, Territorium – beigetragen, was alles in allem für die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte von weiterführender und erhellender Qualität ist. Um nur eines zu benennen: Die Rolle des politischen Professors, wie sie Klaus Ries beschrieb, die Bedeutung der nicht-eigentlichen Professoren, der „extraordinären Universität“, die nicht nur Gerhard Müller klarer als bisher analysierte, Burschenschaften und politisches Umfeld der Universität, auf die Joachim Bauer neues Licht warf, Stadt und Bürger, denen sich u. a. Hans-Werner Hahn und Klaus Ries widmeten, Naturwissenschaften, Medizin und deren Gelehrte, der Gegenstand Olaf Breidbachs und seiner Mitarbeiter, Lehre, Besucherfrequenzen und Entwicklung der Disziplinen um 1800, die Ulrich Rasche – und nicht nur für diese Zeit – erörterte, haben nicht nur für Jena, sondern die deutsche Universitätsgeschichte allgemein wichtige, z. T. übersehene Aspekte geliefert. Die neueste Arbeit, die Steffen Kublik zu danken ist, fasst viele dieser Ergebnisse in einer eigenen Untersuchung mit durchaus eigenen Akzentsetzungen und z. T. neuen Quellen zusammen. Diese Beiträge haben an anderen Universitätsgeschichten Arbeitende, sei es aus Jubiläumsgründen oder schlichtem Interesse, fruchtbar beeinflusst.

Dass außer diesem Höhepunkt Jenas um 1800 auch die frühere Universitätsgeschichte weiterer Anstrengungen bedurfte, zeigen die Arbeiten Helmut G. Walthers oder der von Daniela Siebe herausgegebene anregende Band zu „Orten der Gelahrtheit im Alten Reich“. Er ist bezeichnenderweise in einer Tübinger Reihe erschienen und bestätigt damit, dass die vielen jungen Leute, die von den hiesigen Professoren für solche Themen gewonnen wurden, längst in der bundesrepublikanischen Universitätsgeschichtsschreibung angekommen und geschätzt sind. Das Gleiche lässt sich für die Teilnahme an Tagungen der internationalen Gesellschaft für Wissenschafts- und Universitätsgeschichte sagen, oder an solchen, die sich mit entsprechender Thematik befassen. So hat etwa Ulrich Rasche in einem vor einem Jahr erschienenen Sammelband einen großen, über 120 Seiten starken, in meinen Augen außergewöhnlichen Beitrag zum frühneuzeitlichen Graduierungswesen vorgelegt, der zugleich einen ebenso fundierten wie grundlegenden Überblick über die soziale und gesellschaftliche Rolle der frühneuzeitlichen Universität gibt (Die deutschen Universitäten und die ständische Gesellschaft, in: R. A. Müller, Hg., Bilder – Daten – Promotionen, 2007).

Nimmt man das alles zusammen, so ist nicht zu bestreiten, dass der Beitrag Ihrer Universität zur Geschichte der Salana in der frühen Neuzeit hoch zu loben ist. In diesen Analysen wurden immer auch allgemeine Momente, Bedingungen und Möglichkeiten der deutschen protestantischen Universitäten angesprochen und erörtert, was diese Ergebnisse zusätzlich relevant und nützlich sein lässt. Es wäre zu begrüßen, wenn es gelänge, die in Gang gekommene Forschung mit den ausgewiesenen Kräften weiter zu führen. Universitäts- und Wissenschaftsgeschichtsschreibung ist kein einfaches Metier. Es bedarf vieler, eher seltener Kenntnisse, die von Studenten kaum mehr allgemein gewusst werden, also längerer Einarbeitung bedürfen, was entsagungsvoll und schwierig ist. Eingearbeiteten und belastbaren Kennern sollte es daher in meinen Augen, wenn es irgend geht, ermöglicht werden, die nach den erfolgreichen neuen Ansätzen begonnene Erforschung vieler anderer Höhepunkte der Universität Jena der frühen Neuzeit fortzuführen. Denn da bestehen weiterhin große Lücken, wären spannende und wohl auch unerwartete Einsichten zu gewinnen.

Alles in allem also: meinerseits ein ungemein positiver Eindruck der nicht nur, aber auch im Umfeld des Jubiläums vorgelegten Forschungen zur frühneuzeitlichen Geschichte der Universität Jena.“

Prof. Dr. Notker Hammerstein,

emeritierter Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Frankfurt/Main

 

 

Die Bürde einer großen Tradition. Schlaglichter auf die jüngere Jenaer Universitätsgeschichte

„Sehr geehrte Damen und Herren,

die Universitätsgeschichte spiegelt ihre Zeit und verlangt in besonderem Maße, dass sich allgemeine und spezielle Momente durchdringen. Der Historiker braucht dringend harte Sozialdaten über studentische Herkunft und Frequenz, über die Bezahlung der Professoren und die Dotation der Institute und muss sich zugleich eher unscharfen Größen wie den politischen Rahmenbedingungen, dem „intellektuellen Klima“ oder der Bedeutung wissenschaftlicher Moden zuwenden. Dies wird nicht selten gescheut und dement­sprechend blutarm wirken dann die gelehrten Produkte. In Jena hat man das Risiko integraler Universi­tätsgeschichtsschreibung gewagt und erklärt die Wissenschaftsentwicklung aus ihren unterschiedlichen historischen Kontexten.

Das imponierende Werk (Traditionen, Brüche, Wandlungen. Die Universität Jena 1850-1918, hg. von der Senats­kommission zur Auf­arbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert), von dem hier die Rede sein soll, umfasst 1.015 Seiten, ist reich bebildert, durch ein Personenregister erschlossen und mit einem umfangreichen, mehr als hundertseitigen Literaturver­zeichnis versehen. Die einzelnen Beiträge enthalten eine Unmenge von Informationen, weshalb ihre Wie­dergabe hier auf wenige zentrale Punkte konzentriert sein muss.

Schon die kenntnisreiche Einleitung zeigt den Ehrgeiz des Unternehmens. So sollen ebenso „die spezi­fischen Erwartungen und Forderungen des NS-Staates und der DDR an die Universität“ wie die hoch­schul­internen Konfliktlinien und Eigendynamiken herausgearbeitet werden. Gleichzeitig wird eine enge Verkoppelung von Institutionen- und Wissenschaftsgeschichte angestrebt. An diesem, seinem eigenen Anspruch ist das Buch zu messen.

Ungemein sachkundig und nuanciert ist der erste Beitrag von Stefan Gerber. Die breite Fachliteratur wird nicht nur zu Beginn der Abhandlung erwähnt, sondern immer wieder zur Klärung von Einzelproblemen eingesetzt. Die Wissenschaftsentwicklung des Kaiserreichs betrachtet er als „Erfolgsgeschichte“, ja, mit Notker Hammerstein als eine „glanzvolle Zeit“, was auf dem Höhepunkt sozialhistorischer Orthodoxie vermutlich heftigen Widerspruch hervorgerufen hätte, mittlerweile aber weithin mehrheitsfähig ist. Ger­bers Darstellung ist offen für die Ambivalenz und Komplexität historischer Phänomene. So erscheint Ernst Haeckel mal als durchsetzungsfähiger wissenschaftlicher Neuerer, mal als Selbstdarsteller, gegen den die halbe Universität opponierte, und mal als fanatischer Nationalist alldeutscher Provenienz. Haeckels Popularität um die Jahrhundertwende wird plausibel damit erklärt, dass sich seine Weltanschau­ung als „Ersatzreligion“ betrachten ließ.

Die Darstellung des Ersten Weltkrieges bildet ein historiographisch besonders schwieriges Problem. Denn erstens ist es stark von der gewählten Perspektive abhängig, ob dieser als Ende des „langen“ 19. oder Beginn des „kurzen“ 20. Jahrhunderts, ob er als Wendemarke der Kulturgeschichte oder als Kataly­sator der Moderne betrachtet wird. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Universität als Institution bislang kaum erforscht ist. Im Grunde gilt es, die Ergebnisse des Göttinger Forschungsprojekts von Trude Maurer abzuwarten. Auch Jenaer Hochschullehrer sollen sich im „Krieg der Geister“ durch einen leidenschaft­lichen Patriotismus ausgezeichnet haben, und seit Hermann Lübbes Ausführungen zu Beginn der sechzi­ger Jahre wird der Neoidealismus eines Eucken als Inbegriff nationalistischer Borniertheit angesehen. Nach der Lektüre von Stefan Gerbers Artikel scheint dies eine Übertreibung zu sein. So unterzeich­neten 67 Prozent der Jenaer Dozenten im Oktober 1914 die Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches, womit Jena im Durchschnitt der deutschen Universitäten lag.

Mit der Weimarer Republik beginnt die Krisenzeit der Jenaer Universität. Jürgen John und Rüdiger Stutz präsentieren zahlreiche Quellen, die belegen, wie sehr man an der Salana einem „erträumten Kaiserreich” nachhing. Da verwundert es wenig, dass man in Jena 1926 eine Gelegenheit fand, um Hindenburg „die Ehrenbürgerwürde zu verleihen“. Zu den materiellen Schwierigkeiten der Universität und dem spürbaren Rechtsruck der Professorenschaft traten die Machtverhältnisse in Thüringen. Hier fanden die National­sozialisten ein kulturpolitisches Betätigungsfeld und setzten 1930 die Berufung von Hans F. K. Günther auf einen eigens für ihn geschaffenen „Lehrstuhl für Sozialanthropologie“ durch. Es gehört zu den Ehren­titeln der Jenaer Universitätsgeschichte, dass man den „Vorkämpfer der Rassenhygiene und des ,nor­dischen Gedankens‘“ ablehnte und den ministeriellen Oktroi kritisierte. Dennoch beschädigte Gün­thers Er­nennung das Ansehen der Salana und war kein schierer Zufall.

Gleichfalls differenziert und sachkundig sind die Ergebnisse zur Hochschulgeschichte im Nationalsozia­lismus. Die verbrecherische Dimension des Unrechtregimes wird ebenso deutlich wie die opportu­nistische Haltung vieler Wissenschaftler, welche die Möglichkeiten der „neuen Zeit“ nach Kräften nutzten. Für die aus politischen und rassischen Gründen Entlassenen setzte sich kaum jemand ein; die Entlassungsquote bei den Hochschullehrern lag mit 8,5 Prozent ähnlich hoch wie in Marburg oder Münster. Akribisch werden der professorale Handlungsspielraum in einer menschenverachtenden Dikta­tur vermessen und in Fällen schuldhaften Verhaltens Ross und Reiter genannt. Insbesondere gelingt der Nachweis, dass die Jenaer Universitätsgeschichte trotz ideologischer Überzeugungstäter wie dem Theolo­gen Heinz Erich Eisenhuth, dem „Volkstumssoziologen“ Max Hildebert Böhm oder dem Rechtsphiloso­phen Carl August Emge weniger spektakulär war als gemeinhin angenommen wird. So blieb Emge als Kurator eine blasse Gestalt und konnte die Ausrichtung der Universität nach 1933 nicht ernsthaft prägen. In einem Punkt vertrete ich allerdings eine andere Auffassung als die Autoren, welche die Anpassungs­fähigkeit der Salana unterstreichen. Ich finde nicht, dass die Jenaer Universität in ihrer Akkommodation an die bestehenden Verhältnisse erfolgreich war. So besuchten im Wintersemester 1938/39 noch 30 Theologiestudenten universitäre Lehrveranstaltungen, während es drei Jahre später gerade einmal vier waren. Im Grunde wurde die Theologische Fakultät fachlich zugrunde gerichtet und zur Bedeutungs­losigkeit verdammt.

Tobias Kaiser und Heinz Mestrup betonen die ideologische Dimension der DDR-Bildungspolitik, der es darum ging, das „bürgerliche Bildungsmonopol“ zu brechen. Im personellen Bereich erfolgte die Abkehr vom Nationalsozialismus eher halbherzig. Nicht weniger als 17,7 Prozent der Hochschullehrer, die zwi­schen 1945 und 1969 in Jena wirkten, waren „ehemalige NSDAP-Mitglieder“. Am höchsten lag ihr An­teil mit 26,6 Prozent in der Medizinischen Fakultät. Die ideologisch grundierten Ziele wurden bei den Stellenneubesetzungen der fünfziger und sechziger Jahre nur ansatzweise erreicht: Nach wie vor konnte von „Arbeiter- und Bauernfakultäten“ nicht die Rede sein. Stattdessen dominierten die Mittelschichten, womit sich ein bereits in der Weimarer Republik begonnener Trend fortsetzte.

Mit dem Mauerbau sanken die Rücksichten auf Wissenschaftler, mit deren Fortgang nicht mehr gerechnet werden musste. Gleichzeitig verstärkte sich der insulare Charakter des universitären Systems, und die einst verpönten Hausberufungen wurden zur Regel. Zwar blieb das Sozialprestige des Professors unver­ändert hoch, doch die ideologiefreie Forschung wurde seltener. Der entscheidende Angriff auf die Uni­ver­si­täts­struktur erfolgte mit der „Dritten Hochschulreform“ 1968, welche die Fakultäten abschaffte und durch Sektionen ersetzte. Die kühnen Reformvorstellungen wurden von hektischen Aktivitäten begleitet, die allerdings bald „einem der Finanznot geschuldeten Pragmatismus wichen“. Je länger, je mehr stand die Hochschulpolitik der DDR im Zeichen der wirtschaftlichen Misere. Das Problembündel reichte von der „massiven Verteuerung der Rohstoffpreise“ über die sinkende Exportquote bis zur rasch steigenden Staatsverschuldung. Politische Gängelung und Kontrolle sowie pedantische inhaltlich Vorgaben taten ein Übriges, um freie Forschung zu erschweren. Als die Menschen sich im Herbst 1989 vollends vom SED-Regime abwandten, war die Jenaer Universität nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Die traurige Niedergangsgeschichte der Jenaer Universität wird differenziert und mit wachem Auge für gegenläufige Entwicklungen dargestellt. Schon im Sprachduktus merkt man, dass die großen Schlachten geschlagen sind: An die Stelle des schroffen „Entweder-Oder“ ist an vielen Stellen das abwägende „So­wohl-Als Auch“ getreten; statt moralischer Verurteilung ist es den Autoren primär um historische Erklä­rungen zu tun. Dies öffnet den Blick für geschichtliche Kontinuitäten, die im Zeitalter des Ost-West-Ge­gensatzes selten bedacht wurden, und erleichtert strukturhistorische Feststellungen. Dies hat aber auch eine gewisse Zurückdrängung biographischer Momente zur Folge, deren Bedeutung für das Verständnis der Le­bensbedingungen in einer Diktatur gewiss nicht gering zu veranschlagen ist.

Notwendig lockerer gefügt sind die Ausführungen von Michael Ploenus über die „Ankunft“ der Jenaer Universität im vereinten Deutschland. Als Historiker kann ich keine wissenschaftliche Kompetenz für die allerjüngste Vergangenheit beanspruchen, hier ist eher der Politologe oder der Soziologe gefordert. Michael Ploenus nähert sich seiner schwierigen Aufgabe schwungvoll und meinungsfreudig. Einprägsam beschreibt er, wie die Macht der alten Eliten seit Herbst 1989 verfiel. Er schildert die organisatorischen Probleme, die mit der „Abwicklung“ des alten Lehrkörpers verbunden waren, und die durch sie hervor­gerufenen Auseinandersetzungen. Letztlich fällt seine Bewertung der „personellen Erneuerung bei lau­fendem Betrieb“ positiv aus. Es gelang, viele renommierte Wissenschaftler für die Salana zu gewinnen, in den Geistes- und Sozialwissenschaften wurden gar über 90 Prozent der Lehrstühle neu besetzt. Zwischen den Wintersemestern 1991/92 und 1995/96 stieg die Studentenzahl von gut 6.000 und auf nahezu 11.000, womit die Attraktivität der Universität eindrucksvoll unter Beweis gestellt war. Die Leistun­gen und Kon­flikte jener Tage sind freilich mittlerweile ihrerseits Geschichte und die alten Pro­ble­me neuen Heraus­forderungen und Sorgen gewichen. Lassen sie mich deshalb noch einmal zu den Struk­tur­elementen der Jenaer Hochschulgeschichte zurückkehren.

Worin liegen die Spezifika der modernen Jenaer Universitätsgeschichte? Da wäre als erstes die geringe Dotation der Universität zu nennen, über die schon die bestimmende Figur des Nachmärz, der Kurator Moritz Seebeck, beredte Klage führte. Junge Gelehrte fanden an der Salana zwar Muße zu ungestörter Arbeit, aber nur selten eine adäquate Bezahlung oder gar echte Zukunftsperspektiven. Zum zweiten möchte ich an die hohe Bedeutung der örtlichen Industrie für die akademische Welt erinnern, was einen starken Kontrast zu reinen Universitätsorten wie Marburg oder Tübingen darstellt. Drittens scheint mir die Stärke der Freiheitsidee, die Georg Schmidt und Klaus Ries für die ältere Universitätsgeschichte gel­tend machen, für die Zeit von 1850 bis 1995 von eher nachgeordneter Bedeutung zu sein.

Vor allem möchte ich auf die Ambivalenz der idealistischen Jenaer Tradition verweisen. Denn gerade die großen Namen wie Fichte oder Schiller wurden zu bedeutungsschweren Chiffren und standen drin­gend er­forderlichen Veränderungen an der Universität im Weg. Exemplarisch sei an den Neoidealismus Rudolf Euckens erinnert, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit gutem Willen und kühner Metapho­rik die Pro­bleme der modernen Massengesellschaft zu bewältigen suchte. Sein anspruchsvolles Programm einer phi­lo­sophischen Universalsynthese trug ihm zwar 1908 den Literaturnobelpreis ein, doch ließ es sich kaum weiterentwickeln und war nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges vollends antiquiert.

Die Jenaer Universität hat mit dem Band der Senatskommission ein verlässliches Fundament für weitere Forschungen gefunden. Es enthält eine Vielzahl relevanter Sozialdaten und konzentrierte wissenschafts­historische Übersichten. Auch über das universitäre Selbstbild und die Eigendynamik der Erinnerungs­geschichte wissen wir nun mehr als früher. Was mir gelegentlich fehlte, war die Umsetzung kulturhisto­rischer Ideen. Clifford Geertz‘ berühmte Frage: „How the trick is really done?“ ließe sich trefflich auch auf einige Phänomene der modernen Universitätsgeschichte anwenden. So spielten „Kathederhelden“ eine zentrale Rolle für das Ansehen einer Universität, doch lässt sich die gewaltige Ausstrahlung einiger Professoren nicht leicht erklären. Auch die Herrschaft weniger wissenschaftlicher Schulen zählt zu den konstitutiven Merkmalen der modernen Universitätsgeschichte. Doch worin liegt ihre Diskursmacht eigentlich begründet, und warum verliert sie sich zumeist schon nach wenigen Jahrzehnten? Offenkundig liegt hier ein fruchtbares Feld für weitere Untersuchungen.

Schließlich scheinen mir Muster und Folgen der Nachwuchsrekrutierung noch keineswegs umfassend verstanden. Wie viele Privatdozenten braucht eigentlich eine Universität von der Größe Jenas? Wo be­ginnt die akademische Überproduktion, und wann führt ein Übermaß an personalpolitischer Planung zu sklerotischer Erstarrung? Gerade für die NS- und die DDR-Geschichte sind diese Fragen noch keineswegs hinreichend ausgelotet. Freilich sollte jedem, der sich um ihre Beantwortung müht, klar sein, dass die Maßstäbe des Historikers auch von aktuellen Problemlagen abhängig sind. Die gilt erst recht, wenn er von jener Institution spricht, der er selbst angehört.

Gegenwärtig bestimmen die Möglichkeiten und Probleme des Bologna-Prozesses die Diskussionslage. Und natürlich sind – bei aller inhaltlichen Nüchternheit – aktuelle Bezge auch in dem vorliegenden Werk vorhanden. Dies nimmt den Ausführungen nicht ihren wissenschaftlichen Charakter, sondern er­höht ihre Lebendigkeit. Es heißt aber auch, dass die Jenaer Universitätsgeschichte uns bald in neuem Licht erscheinen wird. Wie immer dann das Urteil über das hier vorgelegte Werk ausfallen wird, keiner wird es ignorieren können. Dafür ist es zu gründlich und zu wichtig.“

Prof. Dr. Ulrich Sieg,

apl.-Professor für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Marburg

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