Friedrich-Schiller-Universität Jena
 

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Steinseife und Ochsenköpfe

Die akademische „Jünglingsweihe“ für Jenaer Studenten

Wie die ständische Welt insgesamt war auch das Universitätsleben des Mittelalters und der Frühen Neuzeit von einer bunten Vielzahl feierlicher Riten und Bräuche geprägt. Die moderne Forschung spricht von „symbolischer Kommunikation" und meint damit, dass Gesetze und Verordnungen in der alten Gesellschaft eben nicht genügten, um Rechtsakte zu manifestieren und Rang- und Sozialverhältnisse zu verstetigen, sondern dass es dazu immer auch einer rituellen und zeremoniellen Ausgestaltung bedurfte. Was die Universität betrifft, so sind wohl Zepter, Siegel, Doktorhüte, Amtsketten und Talare die bekanntesten Insignien solcher Rituale, die heute bei feierlichen Anlässen gerne wieder präsentiert werden.

 

Symbolische Kommunikation

Bei nicht wenigen Zeitgenossen lösen derartige Reminiszenzen an altakademische Traditionen freilich Kopfschütteln aus, haben doch diese Rechtssymbole, die einst für die korporative Autonomie der Universität standen, ihren eigentlichen Sinn inzwischen weitgehend verloren. Längst sind ja die Universitäten zu staatlichen Bildungsanstalten geworden und modernes Verwaltungs-, Dienst- und Beamtenrecht hat intensive Formen der „symbolischen Kommunikation" überflüssig gemacht. Doch auch die Kritiker eines vermeintlich unzeitgemäßen Traditionalismus beschwören gerne die „libertas academica" und sollten sich deshalb gelegentlich ins Bewusstsein rufen, dass die Freiheit der Wissenschaft nun einmal ihren Ursprung in der von Kaiser und Papst garantierten korporativen Autonomie der „universitas" hat. Daran darf ruhig erinnert werden – die das tun, sollten ihren Kritikern mit der Gelassenheit und dem Selbstbewusstsein derjenigen begegnen, die der gestaltenden Kraft ihrer Geschichte nicht entsagen wollen. Die meisten akademischen Rituale, die tief in der nun schon über achthundertjährigen Geschichte der Universität wurzeln, sind ohnehin gründlich beseitigt worden, so dass sie vollkommen in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie einiges über die alte Universität und ihren langen Weg in die Moderne verraten.

Kein Wunder, dass Studenten das Aufnahmeritual fürchteten: Bei einer Deposition wurden im 17. Jahrhundert auch Äxte und Zangen angewandt.

Abbildung: Archiv

Kaum etwas vermag dies besser zu veranschaulichen als der wohl merkwürdigste aller akademischen Bräuche: die so genannte Deposition. Das ist eine Art studentische „Jünglingsweihe", die in Jena von der Gründung der Hohen Schule 1548 bis 1785 den offiziellen Auftakt der Studentenaufnahme bildete und der sich im Laufe dieser Zeit Tausende von Studenten unterziehen mussten. Worum ging es? „Die Absicht derselben" – so erklärt eine Jenaer Schrift aus dem Jahr 1722 – „ist flugs aus dem Lateinischen Wort: deponere, ablegen, zu mercken; nemlich der neue Studiosus soll nunmehr sein voriges Wesen ablegen, und ein anderer" – wir dürfen hinzufügen: akademischer – „Mensch" werden. Damit nun das „Werck" – so fährt die Schrift fort – „desto bessere Impression in die Gemüther machen möge, so haben die Alten so abentheuerliche Instrumenta und Manieren mit Fleiß erfunden, wie denn die Untugend und Laster jederzeit so beschaffen sind, dass sie nicht heßlich genug vorgestellet werden können."

Jene Instrumenta und Manieren sind in der Tat recht „abentheuerlich". In einer Akte von 1722 werden u. a. genannt: „Drey Paternoster, darunter eines mit dem großen Ochsen-Kopf, eine hölzerne Zimmeraxt, ein hölzernes Breit Beil, zwey hölzerne Scheeren, zwey hölzerne Hobel, zwey Bachanten Zähne, ein höltzerner Meißel, ein höltzerner Hammer, ein höltzerner Kamm, Seiffen von Stein" sowie auch „ein rother zerlöcherter Mantel" und verschiedene Hüte, einer davon „mit Hörnern".

Nachdem nun der „Jüngling" entsprechend eingekleidet war, ging ein eigens von der Universität zu diesem Zweck angestellter Depositor ans Werk, um mit Hilfe solcher „Instrumente" in symbolischen Handlungen die „Untugenden" des Zöglings auszutreiben. Das Ausreißen des dem „Novizen" angelegten „Bachantenzahns" (Bachant = Schüler, angehender Student) sollte etwa „alle Laster, die durch den Mund gehen", ein für allemal ausmerzen. Der künftige Student durfte später eben nicht mehr „lästern noch affterreden von seinem Nechsten, nicht lügen, nicht zu viel plaudern, nicht zu viel oder überlaut lachen, nicht zu viel essen, trincken, alle Näscherey, Leckerey unterlassen, nicht schreyen, blöcken etc". Das Paternoster mit dem Ochsenkopf versinnbildlichte einen törichten Menschen, der sich mit „solcher Tracht prangen und sich vor andern brüsten" will. Wie lächerlich wäre es nämlich, wenn die zukünftigen Akademiker einem solchen Menschen nacheifern und etwa trotz ihrer „grossen Unwissenheit oder doch schlechten Wissenschaften" andere verachten oder sich gar über die Professoren erheben würden.

 

 

Mit gar „abentheuerlichen Instrumenta" rückten die Professoren einst den schlechten Eigenschaften ihrer Studenten zu Leibe. Im Bild: Depositionsinstrumente aus Leipzig, die Jenaer Werkzeuge sind nicht erhalten.

Abbildung: Archiv

Zünftische Universität

Dass es während des seltsamen Aktes einigermaßen handgreiflich zugehen konnte, illustriert ein Kupferstich mit einer Depositionsszene aus dem frühen 17. Jahrhundert, dem man den recht passenden Vers beigab: „Sihe wie man studenten macht, auß grobe hölslein ungeschlagt". Ist es da verwunderlich, dass so mancher – wohl mehr aus Angst als wegen tatsächlicher Verletzungen – während der Prozedur einen Schwächeanfall erlitt? In Leipzig empfahl man eine eigenartige Methode, dem abzuhelfen: Wasser, gewürzt mit Kräutern aus dem Garten, in den die Kloake fliet, oder Salbe, hergestellt aus dem Kot eines Ziegenbocks, sollten den mit einem Ochsenfell bekleideten Novizen wieder munter machen, und wenn das nichts half, möge man ihn einfach eine Zeitlang in den Abort schaffen und auf dessen „heilsame Düfte" vertrauen...

Hatten die angehenden Akademiker die demütigende Tortur glücklich überstanden, führte der Depositor sie zum Dekan der philosophischen Fakultät, der ihnen Ratschläge für die Studienplanung gab und schließlich die so genannte „Absolution" erteilte. Erst auf solche Weise gewissermaßen geläutert, waren sie würdig für die ordentliche Immatrikulation und den Eid auf die Statuten, der sie nun endgültig zum Mitglied der Alma Mater Jenensis werden ließ. Studenten, die von anderen Universitäten nach Jena kamen, so genannte „Veteranen", hatten zuvor Bescheinigungen über die anderswo absolvierte Deposition vorzulegen. Andernfalls mussten auch sie – wie die „Novizen" – wohl oder übel in den „rothen zerlöcherten Mantel" schlüpfen und sich „abhobeln" lassen.

Spätestens an dieser Stelle muss versichert werden, dass hier keineswegs über eine akademische Kuriosität gesprochen wird. Solche Initiationsriten sind ebenso wie etwa für Zünfte, Gilden, Bruderschaften, Orden usw. auch für die Universitäten von geradezu existenzieller Bedeutung gewesen. Und die Einführung der Deposition in Jena 1548 erfolgte denn auch mit dem Argument, dass die Hohe Schule nicht wirklich als schola libera angesehen werden würde, wenn man auf den studentischen Initiationsritus verzichten würde.

 

Warnen statt anwenden

Ob freilich die Studenten, auf solch grobe Weise traktiert, tatsächlich die Depositionsinstrumente „als Symbola vieler guter Lehren und Institutorum beständig im Gedächtnisse" behielten, wie unsere Schrift von 1722 behauptet? Schon die aufgeklärten Zeitgenossen im 17. Jahrhundert haben daran gezweifelt und auf Milderung oder gar Abschaffung des bei den Studenten nicht eben beliebten Rituals gedrungen. Seit 1682 sind denn auch den Jenaer Novizen die Depositionsinstrumente nur noch gezeigt worden, während ihnen ihre Anwendung fortan erspart blieb.

Ein einzigartiges Jenaer Stammbuchblatt aus der Zeit um 1740 lässt uns eine solche Depositionsszene miterleben. Der Blick führt in das Zimmer des Jenaer Depositors im Collegium Jenense, der soeben einem adrett gekleideten Novizen das Paternoster mit dem Ochsenkopf präsentiert. Die anderen Depositionsinstrumente hängen an der Wand: links der Bachantenzahn, verschiedene Zangen und eine Säge, rechts der rote Mantel mit einem schwarzen Hut. Am linken Bildrand erkennt man ein Schreibpult. Ein Beil und ein Hobel liegen – wohl schon vorgeführt – auf der Erde. Zu jener Zeit amtierte als Depositor übrigens der Verfasser unserer schon mehrfach zitierten Jenaer Schrift von 1722, die die Kritiker besänftigen und den vornehmen Zweck seines Amtes rechtfertigen sollte.

Doch auch Schriften wie diese vermochten das Ende des jahrhundertealten Rituals, das seine Wurzeln im studentischen Milieu des späten Mittelalters hat, nicht mehr lange aufzuhalten. Als 1785 der übernächste Amtsnachfolger unseres Depositors starb, wurde die Stelle nicht wiederbesetzt und mit dem Amt verschwand auch der Ritus.

Ursprung der Studienberatung

Von den Jenaer Depositionsinstrumenten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einigen Studenten nur noch der Kuriosität wegen gezeigt worden sein sollen, fehlt heute – anders als in Leipzig – leider jede Spur. Anderes freilich ist zunächst noch geblieben, nämlich die „Studienanleitung" der Novizen durch den Dekan der philosophischen Fakultät. Darin liegt übrigens der Ursprung dessen, was man heute „Zentrale Studienberatung" nennt. Die Anweisung der Novizen fiel ebenso wie die Organisation des Depositionsaktes und die Anstellung des Depositors in den Zuständigkeitsbereich der philosophischen Fakultät, weil ursprünglich alle Studenten erst einmal diese Fakultät durchlaufen mussten, bevor sie an einer der drei höheren Fakultäten (Theologie, Jura, Medizin) studieren durften.

Aber noch etwas hat das Ende des merkwürdigen Rituals überdauert. Die alte Universität unterscheidet sich von der heutigen grundsätzlich dadurch, dass nahezu alle Vorgänge – die Immatrikulation, Vorlesungen, Prüfungen – in ein kompliziertes fiskalisches System eingebunden waren. Letztendlich lief das darauf hinaus, dass die nur mit geringen Grundbesoldungen ausgestatteten Universitätsangehörigen – vom Karzerwärter bis zum Rektor – von den Studenten lebten. Natürlich waren auch die Deposition und die „Studienberatung" mit Gebühren verbunden, die einen Teil des Gehaltes der Professoren der philosophischen Fakultät ausmachten. So ist es nur allzu verständlich, dass die Philosophieprofessoren lauthals, aber vergeblich protestierten, als der Senat der Universität um 1800 jene obligatorische Unterweisung und 1822 die inzwischen vollkommen sinnlos gewordenen Depositionsbescheinigungen ebenfalls abschaffte.

Damit nun aber die Philosophieprofessoren nicht vollends verarmten, ließ man die Novizen einfach weiterhin höhere Aufnahmegebühren entrichten als jene Studenten, die schon an einer anderen Universität studiert hatten. So erhielt die philosophische Fakultät noch lange Zeit Geld für eine Sache, für die sie keinerlei Leistungen mehr erbrachte.

Erst 1931 beseitigte man mit der Einführung einer einheitlichen Aufnahmegebühr für alle Studenten – ohne es freilich zu wissen – auch diesen letzten, fiskalisch erstarrten Nachklang eines alten akademischen Rituals, das jahrhundertelang das Universitätsleben geprägt (und zum Teil auch finanziert) hatte.

Und heute? Die Universitäten – jedenfalls die meisten – werden vom Staat unterhalten, Aufnahmegebühren gehören (noch) der Vergangenheit an und Professoren leben oberhalb der Armutsgrenze. In die Talare, um die sich in Jena sogar Mordgeschichten ranken, schlüpft nun manch einer, der einst den „Muff von tausend Jahren" darunter vermutet hat. Und die Immatrikulation wird ganz zu Recht mit einem feierlichen Akt begangen. Die Universität tut sicher gut daran, auf diese Weise ihr Selbstverständnis zu demonstrieren und die angehenden Akademiker an sich zu binden. Dabei mag es bleiben, denn wohl niemandem mehr ist zu wünschen, dass er bei seinem Eintritt in das akademische Leben Ochsenköpfen und den „heilsamen Düften" eines Aborts ausgesetzt wird – oder zweifelhafte Gebühren entrichten muss.

Ulrich Rasche

Mildere Variante: Um 1740 wurden den Studenten die furchteinflößenden Instrumente nur noch warnend vor Augen gehalten.

Abbildung: Archiv

 

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang