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Schillers Antrittsvorlesung

Das Problem der Universalgeschichte

„Welche Zustände durchwanderte der Mensch, bis er [...] vom ungeselligen Höhlenbewohner – zum geistreichen Denker, zum gebildeten Weltmann hinaufstieg?" Mit dieser Frage, die er den zahlreichen Hörern seiner ersten Vorlesungen zu diesem Thema im Frühjahr 1789 vorlegt, bezieht Friedrich Schiller Stellung zu einem der drängenden, wie wir heute sagen würden, wissenschaftstheoretischen Probleme seiner Zeit.

Mit dem Stichwort „Universalgeschichte" ist das Problem einer rationalen Durchdringung der Geschichte auf dem Tisch. Es geht um die Frage, ob die Vernunft des Menschen unabhängig von religiösen Heilsversprechen fähig ist, die Menschheitsgeschichte als Fortschrittsgeschichte zu begreifen. Lässt sich eine Beschreibung der Jetztzeit des späten 18. Jahrhunderts nach vernünftigem Ermessen als das Ergebnis der bisherigen Geschichte ausweisen? Und lassen sich die wesentlichen Verbindungsglieder aufweisen, die, wie Schiller sagt, zwei so „entgegengesetzte Gemählde", wie die Beschreibung des frühgeschichtlichen und des modernen Menschen miteinander verbinden? Die kritischen Winke, mit denen Schiller diese Fragestellung versieht, macht, ohne dass er Namen zu nennen braucht, auch schon deutlich, wie er in der zeitgenössischen Debatte Stellung bezieht. Er knüpft an Kant an. Seine Ausgangsfrage ist entsprechend zu verstehen und zu formulieren: Wie ist Universalgeschichte möglich?

Schillers Beschäftigung mit Kants geschichtsphilosophischen Schriften, insbesondere der „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" und der „Mutmaßliche[n] Anfang der Menschengeschichte" ab 1787 ist durch Briefe an Körner gut dokumentiert. Zugleich ist bereits mit dieser Orientierung die Abwendung von einer Konzeption vollzogen, welche auf die Vorstellung von der Bestimmung des Menschen zur Glückseligkeit im Sinne der äußeren Zufriedenheit festgelegt ist, wie sie 20 Jahre zuvor in August Ludwig Schlözer einen namhaften Vertreter gefunden hatte. Der geistreiche Denker und gebildete Weltmann, bei dem Schiller die Weltgeschichte angelangt sieht, ist weit von „der gemeinen und kleinlichen Ansicht moralischer Dinge", welche Schlözers Geschichtsverständnis leitet, entfernt.

Manche Kommentatoren sehen in Schillers Konzeption der Universalgeschichte einen Konflikt zwischen Spekulation und Empirie. Bei näherem Hinsehen erweist diese Kritik sich jedoch als unberechtigt. Es ist richtig, dass Schiller „die Armuth an Quellen" als ein grundsätzliches Problem betrachtet. Eine Universalgeschichte, die ausschließlich aus den verfügbaren Quellen schöpfte, wäre ein bloßes „Aggregat von Bruchstücken". Die Idee einer Weltgeschichte ist nur dadurch zu gewinnen, dass dem Historiker „der philosophische Verstand zu Hülfe" kommt, um das Aggregat zu einem vernunftgemäßen Geschichtssystem zu erheben. Darin liegt aber auch schon das Eingeständnis, dass die lange „Kette von Begebenheiten von dem gegenwärtigen Augenblicke bis zum Anfang der Weltgeschichte hinauf" nicht empirisch gegeben, sondern konstruiert ist.

Verfälscht solche Spekulation die Empirie nicht zwangsläufig? Was verhindert, dass der philosophische Verstand der Geschichtswissenschaft mit einer abwegigen Konstruktion einen Bärendienst erweist?

Bei näherem Hinsehen ist diese Interpretation jedoch unbefriedigend. Schillers Sichtweise ist vielmehr, dass die Empirie in der Universalgeschichte ohne Spekulation gar nicht zu haben ist. Folglich widersprechen sich beide nicht prinzipiell. Gerade dieser Aspekt unterscheidet die Geschichtswissenschaft für Schiller von der Naturwissenschaft. In der Natur, wie Schiller sie vor Augen hat, entwickelt sich alles „gleichförmig, nothwendig und bestimmt", in der Geschichte aber „unterbrochen und zufällig". In diesem Sinne konstatiert Schiller „zwischen dem Gange der Welt und dem Gange der Weltgeschichte ein merkliches Mißverhältnis".

Keine historische Quelle berichtet von sich aus, wie sie in das Ganze der Weltgeschichte einzuordnen ist. Sie kann eine zufällige, für die Geschichte im Großen unwichtige Tatsache liefern. Obwohl es einen grundsätzlichen Mangel an Quellen gibt, gibt es demnach zugleich überflüssige Quellen. Dieser „Reichthum" ist nur die Kehrseite der Armut; der Universalhistoriker bekommt es mit beidem zu tun. Damit überhaupt eine empirische Geschichte zu Stande kommt, muss eine Auswahl stattfinden, die bereits von einer Konzeption der Weltgeschichte geleitet wird. Damit gibt es gar keine unkonstruierte Empirie und keinen prinzipiellen Konflikt zwischen ihr und der Spekulation. Richtig ist, dass das Wort „Universalgeschichte" keinen empirischen Sinn hat, da es die – die eine – Geschichte nicht gibt. Nur darf nicht übersehen werden, dass sich Schiller darüber im Klaren war.

Das „Formproblem"

Wohl aber gibt es für Schiller ein Formproblem der Universalgeschichte. Die Mittel, mit denen sich Geschichte darstellen lässt, sind zugleich ein Teil ihres Inhalts. Die Entstehung der Sprache und damit der mündlichen und schriftlichen Tradition ist selbst ein historisches Ereignis, das universalhistorisch zu erklären wäre. In letzter Konsequenz muss sich die Theorie, die sich der Sprache bedienend die Universalgeschichte darstellt, historisch erklären lassen. Freilich kann man sich fragen, ob die Darstellungsmittel einer wissenschaftlichen Theorie nicht immer auch Thema dieser Theorie sind. Zum Beispiel ist ein erheblicher Teil von Newtons „Principia" nicht mit Erklärungen, sondern mit Fragen der angemessenen Konstruktion und Darstellung solcher Erklärungen befasst. Muss nicht die Wissenschaft überhaupt eine ihrem Inhalt angemessene Darstellungsform finden und begründen? Dass es indessen tatsächlich – wie Schiller sagt – ein spezielles Formproblem der Universalgeschichte gibt, wird ersichtlich, wenn man bedenkt, dass Newton zwar die wissenschaftliche Form seiner Theorie mitzureflektieren hat, nicht aber diese Form im Sinne der dargestellten Theorie zu erklären braucht. Was im Sinne Newtons eine wissenschaftliche Erklärung ist, braucht nicht mechanisch erklärt zu werden. Verallgemeinernd können wir sagen, dass wir von einer wissenschaftlichen Theorie zwar verlangen, dass sie selbsterläuternd, nicht aber dass sie selbsterklärend ist.

Letzteres aber trifft auf die Universalgeschichte auch zu und darin besteht ihr Formproblem. Ihr Universalitätsanspruch beinhaltet, dass zu den Sachverhalten, die sie erklärt, auch die Universalgeschichte selbst gehört. Denn sie ist selbst zu den großen Kulturleistungen zu zählen, die sich als „Riesenwerke des Fleisßes" zwischen den aufgeklärten Menschen des späten 18. Jahrhunderts und den Anfang des Menschgeschlechts schieben. Sie ist also selbst ein bedeutendes Glied in der Kette der Fortschritte. Selbsterklärende Theoriebildungen laden aber den Verdacht auf sich, ihre eigenen Antezedensbedingungen strukturell über zu bewerten. Sie sind in einem schlechten Sinn selbstbestätigend.

Das „Stoffproblem"

Daraus ergibt sich das Stoffproblem der Universalgeschichte. Teilweise setzt sie einen Stoff voraus, über den sie prinzipiell nicht verfügen kann. Die Vor- und Frühgeschichte ist für die heutige Welt verloren. Die mündliche „Mittheilung" der Tradition erfolgte „durch Media [...], die verändert werden und verändern" und den Inhalt der Tradition beständig abgewandelt haben. Und sogar die schriftliche Überlieferung hat dieses Problem nicht behoben. Immer wurde der Inhalt „durch die Leidenschaft, durch den Unverstand, und oft selbst durch das Genie ihrer Beschreiber verunstaltet". Es gibt somit keinen reinen, uninterpretierten Stoff: Alles worauf sich der Universalhistoriker beziehen kann, ist bereits durch Sichtweisen geprägt. Sein Gegenstand ist nicht eine objektiv gegebene, authentische Geschichte. Er betrachtet die Geschichte nur, als ob sie auf den im Begriff Universalgeschichte bereits vorausgesetzten Zweck zuläuft. Damit ist nicht mehr die individuelle Lebensgeschichte mit ihren Unabwägbarkeiten, sondern die als vernünftig angenommene Gattung Thema der Universalgeschichte. Unter regulativem Gesichtspunkt wird das Widervernünftige der Fortschrittsgeschichte der Vernunft angepasst: Die niedrigen Zwecke des egoistischen Menschen erliegen einer heimlichen List der Vernunft, die bewirkt, dass er dennoch das Gute schafft. Redet die Universalgeschichte dann aber überhaupt noch von Geschichte?

Schillers Lösung

Angesichts solcher Schwierigkeiten schlägt Schiller eine kopernikanische Wende in der Universalgeschichte vor: Würde diese nicht besser vorankommen, wenn sie versuchen würde, die Weltgeschichte von der Gegenwart und nicht von ihrem Anfang aus zu konstruieren? „Das Verhältniß eines historischen Datums zu der heutigen Weltverfassung ist es also, worauf gesehen werden muß, um Materialien für die Weltgeschichte zu sammeln". Schiller beschließt demnach, aus der Not eine Tugend zu machen. Nur solche Begebenheiten der Weltgeschichte sind auszuwählen, „welche auf die heutige Gestalt der Welt und den Zustand der jetzt lebenden Generation einen wesentlichen, unwidersprechlichen und leicht zu verfolgenden Einfluß gehabt haben". Die „Beglaubigung" dazu sieht Schiller in einem transzendentalphilosophischen Gedanken: die „Einförmigkeit und unveränderliche Einheit der Naturgesetze und des menschlichen Gemüths". Gesetze der Erkenntnis der Natur sind demnach Gesetze der Natur selbst, auch dann, wenn das Erkenntnissubjekt die Gesetze in die Natur hineinlegt, d. h., mit ihrer Hilfe die Natur gemäß seinen eigenen Strukturen konstruiert. Diese Beglaubigung ist von Kant her allerdings an eine Bedingung geknüpft, deren Schiller sich wohl bewusst ist. Soll die Universalgeschichte transzendentalphilosophisch begründet werden, so sind die „künstliche[n] Bindungsglieder", welche das Aggregat der Geschichte zum jetztzentrierten System erheben, als konstitutiv für die Erfahrung von Geschichte überhaupt zu erweisen: Die von subjektiven Bedingungen abhängige Geschichte ist nur dann zugleich objektive Geschichte, wenn jede mögliche Geschichte wieder auf diese Bedingungen zurückkäme.

Fragen wir abschließend, welche die subjektiven Bedingungen sind, die ausgehend von der damals lebenden Generation der Weltgeschichte zu unterlegen sind, so ist klar, dass für den Autor der „Räuber" und des „Abfalls der Niederlande" dafür nur das Bewusstein der Freiheit in Frage kommt. Das Problem der Universalgeschichte ist damit auf den Stand gebracht, dass es verschwindet, wenn nur angenommen werden darf, dass Geschichte nur als Geschichte der Freiheit möglich ist. Friedrich Schiller verfolgt diese Fragestellung, die mit Recht idealistisch zu nennen ist, nicht. Für ihn geht es um eine ausgemachte Sache, wobei der Zweck der Freiheit die Wahl der Mittel heiligt: Ein poetischer Umgang mit den Quellen, eine pathetische Überhöhung ihres Inhalts, und der – zumindest in den historischen Dramen – bewusste Einsatz fiktiver Elemente sind durchaus erlaubt, wenn dies der Botschaft dienlich ist. Mag Schillers Interesse an Universalgeschichte in seinen eigenen Augen hauptsächlich durch ökonomische Zwänge motiviert gewesen sein, sie hat innerhalb seines Gesamtwerkes auch die Funktion, seine zum Teil vom Publikum schlecht empfangenen Geschichtsdramen zu rechtfertigen.

Temilo van Zantwijk

 

Schillers Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" aus dem Jahr 1789 – hier als Reprint des Verlags Dr. Bussert & Partner, herausgegeben von Volker Wahl im Auftrag der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang