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Am Anfang war die Vorlesung

Jenaer Antrittsvorlesungen von Schiller bis heute

Eine Antrittsvorlesung dient der Vorstellung. Während der neuberufene Universitätsprofessor oder die -professorin beabsichtigt, das eigene Fach in einer individuellen Perspektive vorzustellen, hofft der Zuhörer, über die dargebotene Präsentation des Faches eine Vorstellung von dem oder der Neuberufenen zu bekommen. Das tradierte Ritual der ntrittsvorlesung ermöglicht dem Redner, sein disziplinäres Selbstverständnis am gewählten Thema zu demonstrieren und womöglich einen fachübergreifenden Dialog zu initiieren. Die grundlegende Schwierigkeit liegt nur darin, die Darstellung sowohl für das akademische Publikum als auch für die breite Öffentlichkeit zu konzipieren. Der Vortrag soll vom Fach handeln, ohne fachchinesisch zu reden. Um diesen Spagat zu vollziehen, bedarf es einer gewissen Originalität.

Wenig erforschte Textgattung

Die Textgattung der Antrittsvorlesung und -rede selbst ist historisch so gut wie nicht erforscht. Schematisch lässt sich ihre Entwicklungslinie auf das akademische Streitgespräch (disputatio) zurückführen. Die Disputation gilt seit dem hohen Mittelalter bis ins späte 18. Jahrhundert neben der Vorlesung (lectio) als verbreitete Form des institutionalisierten gelehrten Unterrichts. Dabei sind vor allem zwei Arten zu unterscheiden: die „disputatio pro gradu", die es einem Kandidaten erlaubte, einen akademischen Grad zu erwerben, und die „disputatio pro loco" oder „pro cathedra", die es einem Promovierten erlaubte, in den akademischen Lehrkörper aufgenommen zu werden. Aus diesem Aufnahmeritual heraus scheint sich die „lectio inauguralis" entwickelt zu haben, für die sich bereits einige Beispiele aus dem 17. Jahrhundert nachweisen lassen.

Der Begriff „akademische Antrittsrede" hingegen, wie Friedrich Schillers Antrittsvorlesung im Untertitel lautet, ist eine Prägung späterer Zeit. Daher verwundert es auch nicht, dass die zeitgenössischen Lexika diesen Eintrag nicht kennen. Dafür aber spricht der Barockdichter Friedrich Spee von Langenfeld in seinem „Güldenen Tugend-Buch" (1649) vom „antritt oder vorgemach deß himmels", wobei ‚Antritt’ als ein Treppenanfang oder im Sinne einer Vorstufe verstanden werden kann. Sowohl die wörtliche als auch die übertragene Bedeutung lassen eine Parallele zur Antrittsvorlesung erkennen. Denn ebenso wie der Antritt die feste Grundlage für die weitere Treppe abgibt, bildet die Antrittsvorlesung ein Fundament, auf dem die nachfolgende Vorlesungsreihe aufbaut. Zugleich signalisiert sie, verstanden als eine Vorstufe, den Beginn eines neuen Zeitabschnitts, wie dies Schillers Gedicht „Am Antritt des neuen Jahrhunderts" (1801) in größerer Dimension exemplarisch thematisiert.

„Abentheuer auf dem Katheder"

Zu den bekanntesten Antrittsvorlesungen der Universität Jena zählt Schillers „akademische Antrittsrede", die er am 26. und 27. Mai 1789 hält. Darin versucht das „Erzgenie" Schiller, wie ihn ein unbekannter Student am gleichen Tag bezeichnet, eine Antwort auf die titelgebende Frage zu geben: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?". Aufgrund des großen Andrangs gerät der öffentliche Auftritt zum „Abentheuer auf dem Katheder". Die Menge an hör- und schaulustigen Studenten wächst derart an, dass ein Umzug in den größten Hörsaal der Stadt erforderlich wird, der dem Theologen Johann Jakob Griesbach gehört.

„Voll war es dießmal und so sehr", berichtet Schiller über seinen zweiten Vorlesungstag, „daß ein Vorsaal und noch die Flur biß an die Hausthüre besetzt war". Am Abend bekommt er von den anwesenden Studenten „eine Nachtmusik und Vivat wurde 3mal gerufen". Eine solche Ehre wird fünf Jahre später auch dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte zuteil, als ihm am 13. Juni 1794 „die halbe Universität eine sehr solenne Musik", aber nur ein Vivat darbringt. Fichte war als Nachfolger für den Philosophen Karl Leonhard Reinhold nach Jena berufen worden, der seine akademische Tätigkeit an der Salana mit einer großen Abschiedsvorlesung beschlossen hatte. Am 23. Mai 1794 hält Fichte seine ebenfalls berühmte Antrittsvorlesung „ber die Bestimmung des Gelehrten", bei der sich selbst das Griesbachsche Auditorium als zu eng erweist. Dieser rege Zulauf an Hörern scheint auch nach den fulminanten Antrittsvorlesungen ungebrochen: Am Ende des ersten Semesters sind Schiller, so zählt der ‚Universitätsbereiser’ Friedrich Gedike, circa 400 Studenten treu geblieben. Fichte hält seine Vorlesungen vor durchschnittlich 500 Studenten und Reinhold soll 1793 sogar an die 600 Zuhörer haben. Jedoch bilden diese Zahlen eher einen relativen Richtwert, da der größte Hörsaal, wie Schiller selbst beschreibt, nur „zwischen 3 und 400 Menschen faßen" kann.

Der aktuelle Band aus der Reihe der „Jenaer Universitätsreden", der weitere sieben Antrittsvorlesungen aus der Philosophischen Fakultät der breiten Öffentlichkeit zugänglich macht.

 

Unerfreuliches Nachspiel

Das Manuskript seiner Antrittsvorlesung lässt Schiller nicht sofort drucken, sondern überarbeitet es zunächst gegen Ende des Sommersemesters 1789. Die Antrittsvorlesung erscheint daraufhin im November-Heft von Christoph Martin Wielands Zeitschrift „Der Teutsche Merkur" (1773-1810) und auch als Sonderdruck in der Jenaer Akademischen Buchhandlung. Doch mit Schillers dortigem Titelvermerk, „Professor der Geschichte in Jena" zu sein, beginnt ein unerfreuliches Nachspiel zu seiner Antrittsvorlesung, dessen Vorspiel ihm verborgen geblieben war.

Denn um überhaupt Vorlesungen halten zu können, hatte Schiller zunächst die Magisterwürde erwerben müssen. Obwohl er wegen der hohen Gebühren den ganzen „Magisterquark" verflucht, gibt er doch in seinem offiziellen Antrag an die Fakultät seiner Freude darüber Ausdruck, fortan öffentlich das Fach Geschichte lehren zu dürfen. Johann August Heinrich Ulrich, Professor für Moral und Politik, registriert jedoch Schillers fehlerhafte Amtsbezeichnung sofort und vermerkt ironisch, dass „Signore Schiller" künftig „ähnliche Streiche" unterlassen solle. Im Nachhinein stellt sich der Vorgang vielmehr als ein Versäumnis des Dekans Justus Christian Hennings dar, der Schiller nicht darüber aufgeklärt hatte, an der Universität Jena eine außerordentliche Professur für Philosophie und nicht ein Extraordinariat für Geschichte erhalten zu haben. Diese Irritation wiegt deshalb so schwer, weil „nach alter akademischer Observanz", wie der Universitätshistoriker Hans Tümmler erläutert, „jeweils nur ein Professor, und zwar ein Ordinarius, Inhaber einer sogenannten ‚Nominalprofessur’ war und sich nach dieser ihm ausdrücklich verliehenen Lehrkanzel benennen durfte". Als schließlich der Jenaer Professor für Geschichte, Christoph Gottlob Heinrich, vom unrichtigen Titelvermerk auf Schillers gedruckter Antrittsvorlesung erfährt, protestiert er prompt gegenüber „solchen Anmaßungen". Schiller seinerseits schreibt daraufhin im Brief an die Schwestern von Lengefeld: „Was für Erbärmlichkeiten! [...] ich bin nicht als Professor der Geschichte sondern der Philosophie berufen, aber das lächerliche ist, daß die Geschichte nur ein Theil aus der Philosophie ist und dass ich also, wenn ich das Eine bin, das andre nothwendig seyn muß". Obwohl Schiller ernsthaft überlegt, Jena zu verlassen, widersteht der philosophische Kopf dennoch der praktizierten „Mikrologie" der Brotgelehrten. Schon ein halbes Jahr später kann er daher seiner Schwester Christophine Reinwald mitteilen: „Zum academischen Leben ist Jena der beste Ort".

 

 

Schillers Antrittsvorlesung erschien erstmals gedruckt im November-Heft von Christoph Martin Wielands Zeitschrift „Der Teutsche Merkur" .

Abbildung: Archiv

Jena war „der beste Ort"

Doch war Jena tatsächlich „der beste Ort" zum „academischen Leben"? Wären die damaligen Antrittsvorlesungen schon in chronikalischer Folge in Sammelbänden erschienen, ließe sich diese Frage mit Sicherheit konkreter beantworten. Für die heutige Zeit hingegen sieht sich die Universität Jena mit den „Jenaer Universitätsreden" in einer deutlich besseren Lage. Diese Reihe wird seit 1996 von Prof. Dr. Klaus Manger herausgegeben und von der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Jena unterstützt. Darin wurden Festakte zu Ehrenpromotionen, Vorträge aus Ringvorlesungen und auch die Antrittsvorlesungen der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften veröffentlicht. Vor allem aber kann mit dem im März 2005 erschienenen Band 17 auf 61 Antrittsvorlesungen der Philosophischen Fakultät zurückgeblickt werden, die vom 11. November 1993 bis zum 9. Dezember 2003 an der Universität Jena gehalten wurden. Diese Dekade korrespondiert nicht nur mit Schillers Jenaer Jahrzehnt von 1789 bis 1799, sondern zudem nehmen die Antrittsvorlesungen auch wiederholt Bezug auf ihren prominenten Vorgänger. Zweimal taucht Schiller sogar zentral in Titelthemen auf: zum einen im Hinblick auf seine folgenreiche Begegnung mit Goethe im Juli 1794, zum anderen in Hinsicht auf seine Verwendung von sprachlichen Archaismen. Doch das Spektrum der Antrittsvorlesungen ist selbstverständlich nicht allein auf Schiller gerichtet. Die inhaltliche Vielfalt spannt vielmehr einen weiten Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, vom Okzident bis zum Orient.

Reden der Erneuerung

Neben ihrer Aufgabe, so der Herausgeber in Band 17, vor allem den Ausbau der Philosophischen Fakultät nach der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 zu dokumentieren, bieten die Antrittsvorlesungen in ihrer Komplementarität zugleich ein konvergentes Bild der kulturwissenschaftlichen Fächerlandschaft an der Universität Jena. Zwar muss sich der Leser nicht dazu herausgefordert sehen, sie als ein Aggregat zu begreifen, um sie auf höherer Ebene in einem System wieder zusammenfassen zu können. Aber zuweilen mag er zwischen den einzelnen Antrittsvorlesungen doch erstaunliche Querverweise entdecken, mag „in den Wellen des Rheins", wie Schiller schreibt, „sich Asiens Reben" spiegeln sehen.

Nikolas Immer

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang