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Das Ende der Nationalfigur

Zu den vergangenen und den diesjährigen Schiller-Feiern

Der 200. Todestag Friedrich Schillers – wären zu diesem Anlass solche Feiern vorstellbar? In vielen deutschen Städten werden nicht einzelne, sondern ganze Zyklen von Festreden gehalten, nicht nur von Germanisten, sondern auch von Ministerpräsidenten, vom Bundespräsidenten und von Ehrengästen aus dem Ausland; sie füllen Hör- und Festsäle, die für den Publikumsandrang nicht groß genug sein können; die Theater sowieso, aber auch viele Laiengruppen spielen und rezitieren Schiller, so dass von der Großstadt- bis zur lokalen Vereinsbühne ein flächendeckendes Angebot herrscht; dessen Popularität wird nur noch von Denkmalseinweihungen übertroffen, die zu Volksfesten auswachsen; der Bundespräsident ruft zur nationalen Schiller-Spende für Forschung und Nachlass-Pflege auf; die Kinder haben schulfrei. Überwältigend. Aber auch: unvorstellbar – jedenfalls für das Jahr 2005 sowie für 2009, wenn Schillers 250. Geburtstag ansteht. Die Vorstellung eines nationalen Spektakels gehört nicht in die Gegenwart und nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit der Schiller-Jubiläen.

Diese Vergangenheit gab es tatsächlich, mit allem eben Erwähnten. 1839 wird die Enthüllung von Thorwaldsens Schiller-Denkmal in Stuttgart zum Volksfest mit geschätzten 30000 Teilnehmern. 1859, zum 100. Geburtstag, bilden gleichzeitige Schiller-Feiern in etwa 500 Orten das wohl größte Massenfest des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Dass Minister und Präsidenten auf den Rednerlisten stehen, gilt für die Schiller-Feiern der 1950er Jahre. Und es ist Theodor Heuss, der 1959 zur Schiller-Nationalspende aufruft. Das alles ist Vergangenheit.

Der Zeitraum, in dem Schiller populär und Schiller-Feiern Nationalfeiern waren, beträgt fast anderthalb Jahrhunderte. Er beginnt mit Schiller-Ehrungen von Kavallerie-Einheiten in den anti-napoleonischen Kriegen, die sich das Reiterlied aus „Wallensteins Lager" zu eigen machen („Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! / Ins Feld, in die Freiheit gezogen." Vers 1052f.). Es organisiert sich seit den 1820er Jahren in der liberal-demokratischen Nationalbewegung, gipfelt in der Hundertjahrfeier 1859, die zu einem Manifest dieser Bewegung wird. Und es endet genau 100 Jahre später, 1959, wo nun zwei deutsche Staaten neben- oder gegeneinander mit Schiller ihre je eigene Wahrheit und Einheit feiern. Danach ist Schluss. Nicht mit Schiller-Feiern überhaupt, doch damit, dass man sie als Nationalfeiern bezeichnen könnte. Was uns im Jahr 2005 erwartet, wird man wohl nicht so nennen. Dass Ministerpräsidenten und der Bundespräsident festrednerische Schiller-Bekenntnisse ablegen werden, erwartet niemand. Auch nicht, dass Hör- und Festsäle nicht reichen, am allerwenigsten, dass sich mehrere Zehntausend in seinem Namen versammeln. Mit Schiller befassen sich heute Spezialisten. Dass sich „die Deutschen", dass sich die Nation mit ihm befasste, ist eine anachronistische Formulierung, die keinen realen Inhalt mehr findet. Ebenso anachronistisch wie die Bezeichnung „Nationalausgabe", die auf der nach wie vor führenden Werkausgabe steht.

Tatsächlich ist es das Ende der fünfziger Jahre, das die Zäsur setzt. Weder der Nationalsozialismus und die politische und militärische Kapitulation des Deutschen Reichs noch die Gründung der beiden deutschen Staaten wirkt hier als Einschnitt. Schillers Funktion als nationale Symbolfigur reicht über diese Ereignisse hinweg, bleibt in diesen Ereignissen lebendig. Die Kurzform und zugleich das rhetorische Paradestück dieser Funktion ist der Rütlischwur aus „Wilhelm Tell" oder, prägnanter noch, der dem eigentlichen Schwur vorausgehende Vers „Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln." (Vers 1203) Im 19. Jahrhundert trägt er die Botschaft von Antifeudalismus und demokratischer Einigung, im 20. Jahrhundert wird er den widersprüchlichsten Kontexten adaptiert. Er findet auf nationalsozialistischen Feiern Verwendung, dann in Festreden Ost- und Westdeutschlands, die damit jedoch weniger die deutsche Einheit als vielmehr ihren jeweiligen Alleinvertretungsanspruch meinen. Die konkurrierende Berufung auf Schiller und den Rütlischwur wird so zum pointiertesten Ausdruck der Teilung. „Wir sind ein Volk": Im Schiller-Jahr 1955 rufen sich das die Vertreter zweier deutscher Staaten aggressiv entgegen. Als dieser Ausspruch 1989/90 auf den Transparenten der Leipziger und dann Berliner Demonstrationen wieder auftauchte, da dachte wohl kaum jemand an Schiller. „Wir sind das Volk" hatte die Parole zunächst geheißen. Der Wechsel vom bestimmten zum unbestimmten Artikel war keine Hommage an den klassischen Dichter der nationalen Einheit. Die Vereinigung 1990 geschah nicht im Namen Schillers. Wenn es dabei eine dichterische Reminiszenz gab, dann griff sie kürzer zurück. Manche Transparente zitierten aus Bechers Hymne: „Deutschland einig Vaterland".

 

 

1955–1959

Becher selbst hat dabei natürlich an Schiller gedacht. Als Kulturminister der DDR ist er einer der vordersten Festredner der fünfziger Jahre. Auch ist er bis zu seinem Tod 1958 Präsident des Schiller-Komitees, das in der DDR alle Schiller-Feiern parteilich lenkt. Dabei geht es um zwei Jubiläen, 1955 den Todes-, 1959 den Geburtstag. In der Bundesrepublik wird beider Jahrestage vergleichbar offiziell gedacht, auch wenn eine parteiliche Zentralorganisation fehlt. Doch ohne Minister und Staatspräsidenten geht es auch hier nicht. Wie spannungsvoll der politische Kontext ist, zeigen schon wenige Ereignisse: 1954/55 die Pariser Verträge und der Warschauer Pakt, die beide deutschen Staaten zu Teilen verfeindeter Militärblöcke machen oder 1956 der Aufbau von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee. Das ist der Rahmen, in dem, wie gesagt, Schiller weiterhin als Symbolfigur der deutschen Einheit gefeiert wird. Einheit ist dabei nicht nur eine aktuelle, sondern auch eine geschichtliche Frage. Denn so sehr sich die Festredner in Ost und West dem tagespolitischen Streit um die deutsche Staatlichkeit stellen, so sehr geht es ihnen zugleich um die Kontinuität der deutschen Geschichte. Viele Schiller-Reden dieser Jahre mühen sich um die Darstellung dessen, was nach dem 2. Weltkrieg am meisten zu bezweifeln ist: dass es eine geschichtliche und eine aktuelle deutsche Einheit gebe, die zu feiern sei.

Es sind Politiker, die so reden, Politiker in Ost und West, die – anders, als heute denkbar – noch in stattlicher Zahl als Schiller-Redner auftreten: u. a. Otto Grotewohl, Johannes R. Becher, Theodor Heuss, Carlo Schmid. Und es sind die letzten gesamtdeutschen Redner (allen voran Thomas Mann), die das Bild des deutschen Einheitsdichters zelebrieren. Konträr zu deren Bemühungen aber läuft eine andere, zumeist von Professoren verfolgte Intention: nämlich die, Schiller ganz aus der nationalen Perspektive herauszunehmen. Es sind die Fachleute unter den Festrednern, die die Entnationalisierung des Schiller-Gedenkens betreiben. Sie greifen damit weniger in die politischen Dichterfeiern ein, sie ziehen sich vielmehr aus ihnen zurück. Mit dieser Entfremdung von literaturwissenschaftlich-professionellem und national-repräsentativem Gedenken geht die Zeit der Schiller-Nationalfeiern zu Ende. Das gilt für West- und Ostdeutschland natürlich in unterschiedlicher Weise. Im Westen löst sich die nationale Kontur des Schiller-Bildes schnell auf, im Osten bleibt sie als Parteilinie erhalten. Doch gibt es auch hier Zeugnisse der Entfremdung, auch hier innere und äußere akademische Rückzüge. Die Schiller-Nationalfigur wandert damit ganz aufs SED-Parteiplakat, bis 1959 wird sie zur Monstranz im anti-westlichen Propaganda-Zug. Die ursprüngliche Einheitsbotschaft kehrt sich ins Gegenteil, Schiller wird zum Feldzeichen im Kalten Krieg

Die Universität Jena spielt in diesem Zusammenhang eine eigenwillige Rolle: Sie steht eher am Rande oder, so könnte man es auch sagen, leicht trotzig bei sich selbst. Kraft ihres Namens ist sie natürlich einer der Orte der offiziellen Schiller-Ehrungen. 1955 ragt Jena quantitativ durch eine viertägige Festveranstaltung heraus, auf der Ernst Bloch den Hauptvortrag hält: mit eindeutig staatslobenden Worten an die DDR, die Bloch später, nach seiner Übersiedlung nach Tübingen, in einem Neudruck der Rede subtil in Kritik umschreibt. Auch der namhafteste Redner des Schiller-Jahres 1955, Thomas Mann, verbindet sich mit der Jenaer Universität: Er wird in diesem Jahr ihr Ehrendoktor. Das hätte das wohl glanzvollste Ereignis werden können, das die Jenaer Aula je gesehen hat. Doch kam es dazu leider nicht. Denn Thomas Mann war nicht bereit, zur Entgegennahme der Urkunde den Abstecher von Weimar nach Jena zu machen. So musste sich das Jenaer Kollegium nach Weimar begeben, um die Ehrenpromotion weniger als Auszeichnung zu verleihen, als vielmehr dem illustren Mann wie ein ihm gleichgültiges, Jenaer Bedürfnis hinterher zu tragen. Diese Konzentration auf Weimar ist keine bloße Privatsache Thomas Manns.

 

 

Schiller wurde in Ost und West sehr unterschiedlich auf den Sockel gehoben – hier wird allerdings nur das Denkmal vor dem Jenaer Universitätshauptgebäude aufgestellt.

Foto: Archiv

 

Konzentration auf Weimar

Auch das Schiller-Komitee der DDR verhält sich so, indem es die führenden politischen, künstlerischen und auch wissenschaftlichen Gedenkveranstaltungen an den „Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten" in Weimar platziert. Die Vertreter der benachbarten Universität nehmen als Gäste daran teil. Ihre Absicht, selbst eine Schiller-Tagung in Jena auszurichten, scheitert an dem Wunsch, dazu internationale Wissenschaftler einzuladen. Die Weimarer Tagung sieht nur namentliche Einladungen vor und im Einzelnen abgesprochene Beiträge. So setzt es das Schiller-Komitee gegen die Jenaer Wissenschaftler durch. Wie sich diese Erfahrung niederschlägt, zeigen die zwei Festreden, die der Jenaer Germanist Joachim Müller in den beiden Gedenkjahren hält: 1955 tritt er noch mit einer Staatsrede auf, die der sozialistischen Erbedoktrin folgt; 1959 erinnert er mit Schiller an die akademische Freiheit. Das ist die Konstellation Weimar-Jena im Schiller-Jahr 1959: Während Helmut Holtzhauer, der Direktor der Weimarer Gedenkstätten, seine Tagung am Ende auf die Einigkeit des sozialistischen Humanismusbegriffs einschwört, spricht der Jenaer Germanist in seiner Aula von der Freiheit des Professors Schiller von politischer Bevormundung.

Was also ist 2005, ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der Nationalfigur, in Schillers Namen zu feiern? Gewiss nichts Einheitliches mehr. Wenn heute manche Städte, manche Theater, Verlage, Museen, Gymnasien zum Schiller-Jubiläum tätig werden, meint jeder damit etwas anderes. Was kann eine Universität mit ihrem Namen meinen?

Übertrieben und auch unpassend wäre der Anspruch, dass sich mit ihm kollegiumsweit ein einheitliches Bekenntnis und eine kollektive Verpflichtung verbänden. Die Umstände, wie die Universität zu ihrem Namen kam und wie sie heute zu ihren Studierenden und ihrem Kollegium kommt, liegen so weit auseinander, dass es abwegig wäre, hier von Bekenntnis zu sprechen. Das kann womöglich für Individuen gelten, nicht aber im Verein für 20000 Studierende und einige Tausend Beschäftigte. Fragt man nach den Umständen der Namensgebung im Jahr 1934 zurück (s. S. 5), wird überdies alle Bekenntnisfreude und Feierstimmung ernüchtert und mit einem glanzlosen bis düsteren Kapitel der Universitätsgeschichte konfrontiert. In der Studienortswahl und bei Berufungsverhandlungen spielt der Namenspatron ohnehin eher selten eine Rolle. Dass sich andererseits die eine oder der andere gleichwohl durch den Namen der Jenaer Universität zu Schiller und seinem Werk bringen lässt, ist eine schöne Nebenwirkung.

Wenn der 200. Todestag Schillers dennoch auch eine Verpflichtung für die Universität Jena ist, dann liegt das an der besonderen öffentlichen Wahrnehmung, die jedes Jubiläum ermöglicht. Im Schiller-Jahr sind alle Medien bereit, das Thema Schiller zu behandeln. Das muss die Universität aus ihrer Verantwortung nutzen, oder weniger pathetisch gesagt: aus ihrer Zuständigkeit. Und zuständig ist die Universität für die Auseinandersetzung mit Schillers Werk, zuständig aus ihren verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen heraus. Was sagt die Philosophie, aber auch die Politologie und Pädagogik zu Schillers These, dass nur Kunst und Kontemplation wirksam zur Freiheit erziehen? Was sagt die Literaturwissenschaft zu Schillers Essayistik und Ideen-Dichtung? Was sagt die Geschichtswissenschaft zu Schillers Darstellung und Erklärung des Dreißigjährigen Kriegs? Wie entspricht unser heutiges Selbstbild Schillers Theorie der Moderne? Schillers Begriff dafür, „sentimentalisch", klingt uns heute fern und fast kitschig. Was er darunter versteht, ist uns aber ungleich näher: die Erfahrung, dass die Harmonie von Individual- und Gesamtsicht in allen Bereichen endgültig verloren ist. Solche Fragen aus dem Fach heraus und dennoch nicht nur für das Fach zu erörtern, scheint mir das Passende, was die Friedrich-Schiller-Universität im Schiller-Jahr unternimmt. Weniger Festreden also und mehr Fachvorträge, aber solche, die ihr Publikum weit über das Fach hinaus finden können.

Stefan Matuschek

 

Thomas Mann – hier mit dem damaligen Rektor Hämel – erhielt 1955 die Ehrendoktorwürde der Universität Jena in Weimar, wo auch die offiziellen Schiller-Feiern stattfanden – nicht an der Universität, die seinen Namen trägt.

Foto: Archiv

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang