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Erinnerungsort an das Bürgerlied

Schillers Garten an der Leutra und sein „Belvedere“

Friedrich Schiller hatte im März 1797 mit Johann Friedrich Cottas (1764-1832) Finanzhilfe ein Gartenhaus vor Jena erworben. Zu einem bedeutsamen Ereignis für den „Honorarprofessor" an der Universität Jena (seit März 1798) und seine Familie gestaltete sich im zweiten Sommer nach dem Einzug die Richtung und Fertigstellung des in der Südwestecke des Gartens anstelle einer Hütte neuerrichteten Badestübchens mit aufgestockter Arbeitsetage. Schiller nannte es später liebevoll sein „Belvedere".

Am 16. Juli 1798 konnte er an Goethe in freudiger Stimmung vom Richtfest Mitteilung machen: „Mein Häuschen ist gerichtet, aber jetzt sieht man erst, wieviel noch geschehen muß, eh man darin wohnen kann. Es gewährt eine recht hübsche Aussicht besonders nach dem Mhltal. Der Mangold kommt schön hervor." Drei Tage später berichtete er seinem Schwager Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald (1737-1815) davon: „In diesem und im vorigen Jahre habe ich meinen Garten nur halb genießen können, weil soviel gebaut werden mußte und also viel Raum braucht, bequem unterzubringen. Jetzt aber haben wir alle recht gut Platz und würden auch des Winters hier wohnen können, wenn man dem Wind und Schneegestöber in einem freistehenden dünn gebauten Hause nicht zu sehr ausgesetzt wäre. Wir können uns in drey Stockwerke vertheilen, die Kinder und das Gesinde bewohnen den untern Stock, meine Frau den mittlern und ich bewohne die Mansarden, wo ich ein großes Zimmer und zwey Piecen habe. Die Küche ist vom Hause abgesondert. Auch habe ich diesen Sommer einen Pavillon am Ende des Gartens bauen lassen, von zwey Stockwerken, woraus man eine recht hübsche Ansicht hat. Meine Frau soll euch gelegentlich einen Riß, sowie auch einen Prospect des Gartens schicken."

Am nächsten Tag musste er jedoch Goethe über erneut auftauchende Schwierigkeiten informieren: „Mein Bau geht nicht so lebhaft fort, es ist sehr schwer jetzt in der Aernte die hier schon zu Teil angefangen Arbeiter zu bekommen, welche mir zu Verfertigung eines Strohdaches und zum Ausstacken der Wände nötig sind". Erst am 25. August konnte die Einweihung des von Schiller lange entbehrten stillen Refugiums am Gartenende, in das er sich vorwiegend in den Nachtstunden zum Lesen und Schreiben zurückziehen konnte, stattfinden.

 
Illustration von Johann Martin Wagner (1817) zum eleusischen Fest. Schillers „Bürgerlied" bildlich dargestellt (25. Strophe).

 

 

Wallensteins Entstehungsort

Ihm war es nunmehr möglich geworden, sich ganz auf die Weiterarbeit am Wallenstein" zu konzentrieren – der Bearbeitung des einaktigen ersten Teils „Wallensteins Lager", das am 12. Oktober anlässlich der Eröffnung des umgebauten Weimarer Hoftheaters uraufgeführt werden sollte. Charlotte Schiller kommentierte die neue Konstellation an Charlotte von Stein in einem Brief vom 26. September: „Schiller ist viel besser als das vorige Jahr, als Sie ihn sahen [...] Unser Garten hat sich auch formiert und ist jetzt schon besser kultiviert. Ein Gartenhaus ist entstanden, der Küche gegenüber, was eine wunderschöne Aussicht hat nach der Saale hin, und ins Leutratal, wo ich mich beim Mondscheine sehr ergötze, die großen Massen von Licht und Schatten zu sehen, die an dem Abhang und weißen Sandfels entstehen".

Inwieweit diese neue Umgebung ihm zur Freisetzung neuer kreativer Energien verhalf, lässt auch Schillers Schreiben an Goethe in Weimar vom 7. September erkennen: „Für den ‚Almanach’ habe ich mein Geschäft geschlossen; das letzte Gedicht bringe ich mit. Jetzt muß ich eilen, den kleinen Rest der guten Jahrszeit und meines Gartenaufenthalts für d[en] ‘Wallenstein’ zu benutzen, denn wenn ich meine Liebesszenen nicht schon fertig in die Stadt bringe, so möchte mir der Winter keine Stimmung dazu geben [...]".

 
Schillers „Gartenzinne" von 1798. Undatierte Sepiazeichnung von Charlotte Schiller

 

 

Zivilisierung des Naturmenschen

Mit dem „letzten Gedicht", in Schillers Kalender verzeichnet unter dem 7. September mit dem Eintrag „Ceres fertig gemacht", war sein am 31. August begonnenes „Bürgerlied" gemeint. Dieses beruhte auf der ihm von Goethe zur Verfügung gestellten Fabelsammlung, „welche Hyginus im rohen und fr ein anderes Zeitalter ausgeführt hat". Schiller machte hier auch Natur- und Landschaftserfahrung zum Medium seiner Geschichtsphilosophie. In dem bald zum Kanon des deutschen Bildungsbürgertums gehörenden „Bürgerlied" realisierte Schiller, inspiriert von griechischer Klarheit und in streng metrischer Form, eine seiner zentralen ästhetisch-geschichtsphilosophischen Ideen: die Zivilisierung des „rohen Naturmenschen" durch die Kunst. Im Zeichen der Erziehung durch die Kunst wird Menschheits- zur Bildungsgeschichte und zu deren Ziel die Utopie vollendeter Humanität. Die Hymne hat jedoch keine Urgeschichte, sondern die Gegenwart zum Thema und stellt durch ihren Handlungsablauf „eine pädagogische Umkehrung des Gewaltausbruchs dar, den Schiller mehrfach in den unmenschlich ‘triebhaften’ Ausschreitungen der Französischen Revolution anprangerte" (Giovanni Sampaolo, in: „Aurora", Jg. 61, 2001, S. 15). „Es war lange ein Lieblingsplan Schiller’s, die erste Gesittung Attika’s durch fremde Einwanderungen episch zu behandeln. Das Eleusische Fest ist an die Stelle dieses unausgeführt gebliebenen Planes getreten". So das Urteil des profunden Kenners, Wilhelm von Humboldt, in seinem klassisch gewordenen Essay „Ueber Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung" von 1830, in welchem er Schillers idealisches Antikebild als dessen poetische „Lieblings"-idee interpretierte.

Das fertige Gedicht wurde von Schiller am 10. September 1798 nach Weimar zu Goethe mitgenommen, der ebenfalls mehrere Gedichte zum Almanach beisteuern sollte. Einem Rat seines Tübinger Verlegers Cotta vom 11. September folgend, „Wäre es nicht rätlich, die Almanache dißmal in Jena brochiren zu lassen", wurde der „Musen-Almanach für das Jahr 1799", mit einem Titelkupfer von Johann Heinrich Meyer (1759-1832) versehen, in der bewährten Jenaer Druckerei Göpferdt gedruckt. Der neue „Musen-Almanach" kam zur Leipziger Herbstmesse 1798 in einer Auflage von 2150 Exemplaren auf den Markt und enthielt auch Schillers „Bürgerlied", das später unter der Überschrift „Das Eleusische Fest" bekannt werden sollte. Den engen Zusammenhang mit seinem Entstehungsort vor den Toren Jenas, der Dichter-„Zinne" über der Leutra, hat Goethe später selbst wiederholt – auch zeichnerisch – hergestellt. An einem Segment der Wirkungsgeschichte von Schillers Werk ist dieser Sachverhalt nachprüfbar.

Eine besonders symbolhafte Würdigung seines teuren verstorbenen Freundes als wichtigster Repräsentant der deutschen Klassik und Ausdruck öffentlich gemachter Trauer hat Goethe bekanntlich im „Epilog zu Schillers Glocke" (1. Fassung 1805; Erstdruck im „Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1806") vorgenommen. Darin bahnte er der weiteren Heroisierung Schillers als „Liebling der Nation" den Weg mit den später vielzitierten Worten:

[...] Indessen schritt sein Geist gewaltig fort

In’s Ewige des Wahren, Guten, Schönen,

Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,

Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

Schon am Anfang des folgenden Verses lokalisierte er genau den Erinnerungsort an die „Erhabenheit seines Geistes", den Ausgangspunkt des idealisierten Schillerbildes, welchen er nicht zufällig gerade in Jena verortete:

Da schmückt’ er sich die hehre Gartenzinne,

Von wannen er der Sterne Wort vernahm,

Das dem gleichew’gen, gleichlebend’gen Sinne

Geheimnißvoll und klar entgegen kam.

Dort sich und uns zu köstlichem Gewinne,

Verwechselt’ er die Zeiten wundersam [...].

Den astronomischen und meteorologischen Interessen von Großherzog Carl August und Goethe, aber wohl auch Pietätsgründen geschuldet, kam es 1811/12 zum Ankauf von Schillers ehemaligen Gartengrundstück an der Leutra für eine neue Sternwarte. Von diesem Zeitpunkt an war die herzogliche „Oberaufsicht", in einer Art Schicksalsgemeinschaft mit dem Schillergarten verbunden. Elf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, im April 1816, kehrte auch Schillers Witwe noch einmal an die Stätte in der südlichen Vorstadt, neben dem Wesselhöft’schen Hause, zurück und schrieb an Cotta nach Tübingen, der mit dem Garten aus eigener Anschauung am Himmelfahrstag des Jahres 1798 gut vertraut war: „Ich habe den Muth gefunden, unsern ehemaligen Garten zu besuchen. Das Observatorium ist dort angelegt, und es ist mir tröstlich, daß man da, wo Schillers Geist ehemals sich mit dem höchsten der Poesie beschäftigte, auch unmittelbar der Sterne Wort vernehmen soll, wie Goethe so schön sagt". Offensichtlich stand Charlotte von Schiller noch immer unter dem Eindruck der Wiederholung der Vorstellung des Epilogs in Weimar am 10. Mai 1815 anlässlich des 10. Todestages ihres Gatten, die unter dem Motto gestanden hatte:

Freude dieser Stadt bedeute,

Friede sei ihr erst Geläute.

 

 

Diese letzte, wiederum veränderte Fassung war im Verlag der Cotta’schen Buchhandlung im „Morgenblatt für gebildete Stände" vom 13. März 1816, Nr. 63, d. h. kurz vor ihrem Besuch, erschienen. Ein Jahr später trat Goethe im Frühjahr 1817 einen fast halbjährigen Aufenthalt in Jena an, der nur von kurzer Abwesenheit unterbrochen wurde. Am Tag nach seiner Ankunft führte ihn am 22. und 23. März 1817 der Weg in das neue astronomische Observatorium vor der Stadt und in ein anderes in der Nhe gelegenes, zum Ankauf durch den Großherzog vorgesehenes Gartengrundstück. Wie eine Notiz im Tagebuch besagt, beschäftigte ihn besonders ein Gegenstand: „Treppe an Schillers Gartenhaus besorgt". Damit nicht genug, verfasste er am 24. März 1817 ein Promemoria an Christian Gottlob von Voigt (1743-1819), das einen ersten Museumsplan enthielt und selbst die Inneneinrichtung detailliert vorschrieb. Er regte an „[...] das Ganze so herzustellen, daß man zu dem obern Zimmer gelangen und Fremde dahin führen könne. Die wallfahrten häufig hierher, und meine Absicht ist, den hergestellten Raum nicht leer zu lassen, sondern des trefflichen Feundes Büste daselbst aufzustellen, an den Wänden in Glas und Rahmen ein bedeutendes Blatt seiner eigenen Handschrift, nicht weniger eine kalligraphische Tafel, meinen Epilog zur Glocke enthaltend [...]".

Goethes Motiv kann wohl darin bestanden haben, dass er als Schillers engster Freund „im Arrangement des Gedenkraums die dioskurische Nähe zum Verstorbenen [...] beansprucht" (Christoph Michel, Insel-Almanach auf das Jahr 2005, S. 268f.). Andererseits war die Vergegenwärtigung gerade dieses Ortes als „Sammelpunkt der Produktivkräfte des Freundes und seiner eigenen Erinnerungen" (Ders., S. 268) nicht nur dem Historiker Schiller als Dichter der „Wallenstein"-Trilogie gewidmet. Im Andenken dieses Ortes klang wohl auch die Erinnerung an die unmittelbar mit dem Einzug in die „Zinne" verbundene Entstehung des „Bürgerlieds" von 1798 an, wo Schiller ebenso „uns zu köstlichem Gewinne, die Zeiten wundersam [verwechselt]" hat. In einem wie im anderen Falle wurde zum literaturhistorischen Mythos verklärte Rezeptionsgeschichte dort verankert.

Dafür sollte noch ein weiterer Umstand sprechen. Im Jahre 1817 entstand eine Serie von Umrisszeichnungen auf der Grundlage des „Bürgerlieds". Der Zeichner der Stiche, der in Rom lebende Johann Martin Wagner (1777-1858), war eng mit dem Kunstprogramm des Weimarer Klassizismus verbunden. Auf Veranlassung Goethes wurde noch im selben Jahr die Wiederveröffentlichung des Werkes mit einem prachtvollen Bilderapparat bei Cotta in Tübingen in Auftrag gegeben. Mit den Umrissstichen und Kupfern von F. Ruscheweyh erschien „Das eleusische Fest" schließlich 1818 bei Cotta.

Thomas Pester

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang