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Geschichtsschreiber der Freiheit

Der Universalhistoriker ohne Geschichts-Professur

Die Alma Mater Jenensis, auch Salana genannt, führt seit 1934 den Namen Friedrich Schillers. Er hat hier zwischen 1789 und 1791 als Universalhistoriker gelehrt – auch wenn ihm seine Kollegen die Bezeichnung „Professor der Geschichte" verweigerten. Schiller hatte sich 1787 der Historie zugewandt, weil er glaubte, so seine wissenschaftlichen und künstlerischen Interessen am besten verbinden und seine finanzielle Misere lösen zu können. Seine historischen Schriften verkauften sich besser als seine frühen Dramen und Dichtungen. In Jena schrieb Schiller u. a. die „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs" und erklärte danach in einem Brief vom 21. September 1792 an seinen Freund Körner sein Historiker-Dasein für beendet: „Keine Arbeit mehr, die mir ein anderer auferlegt oder einen anderen Ursprung hat als Liebhaberei und Neigung". Das kulturelle Gedächtnis setzte dem Dichter und Denker Schiller zahllose Denkmäler, dem Historiker keines.

 

Schiller und die Salana

Namensgeber der Universität war nicht der Historiker, sondern ein nationalistisch gedeuteter Schiller, den die Nazis für ihre Zwecke instrumentalisierten. Die Gnade der frühen Geburt schützt zwar nicht vor fragwürdiger Inanspruchnahme, wohl aber vor Schuldzuweisungen: Die Universität Jena behielt Schillers Namen, weil er über alle Umbrüche hinweg DER deutsche Freiheitsdichter geblieben ist. Die Einschätzung, dass sich die Universität zu wenig mit ihrem Schiller identifiziere, ist schwer zu widerlegen. Sie ist aber nicht deswegen richtig, weil das Universitätssiegel ein von Karl V. abgesetzter Kurfürst ziert, der 1548 aus der Haft heraus eine „Hohe Schule" gründen ließ und längst gestorben war, als diese 1558 zur Universität und – so Schiller 1787 – zu einer „ziemlich freien und sichern Republick" wurde.

Wie also lässt sich Schiller gegen das erdrückende Image des auf dem Marktplatz thronenden „Hanfrieds" protegieren? Ein neues Denkmal – warum eigentlich nicht? – scheitert wohl an den Kosten, die Umbenennung einer prächtigen Straße – beim Fürstengraben hätte dies Tradition – aus Identitätsgründen, ein neuer Briefkopf der Universität bisher ebenfalls. Schiller-Feiern, -Biere, -Vorlesungen etc. gibt es ohnehin schon reichlich. Bleibt der Universität die geistige Auseinandersetzung mit einem ihrer größten Wissenschaftler, der sich ganz der Freiheit verschrieben hatte.

Der Universalhistoriker

Sein Programm erläuterte Schiller in seiner Jenaer Antrittsvorlesung vom 26. Mai 1789 „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?". Zeittypisch versteht er sich als Universalhistoriker, d. h., er will alle Gegenstände der Betrachtung zum Gang der Weltgeschichte in Beziehung setzen. Schiller selbst strebt zudem in Anlehnung an Immanuel Kant an, das vergangene menschliche Handeln in ein System zu bringen und als eine zur Freiheit fortschreitende Entwicklung darzustellen. Er betont deswegen den konstruktiven Charakter der Geschichtsschreibung. Die so genannten Fakten besitzen keinen Sinn, erst indem der Mensch seine Verknüpfungen wie beispielsweise Ursache und Wirkung an sie heranträgt, gewinnen sie ihre spezifische Bedeutung. Schiller weiß um den subjektiven Charakter jeder Erkenntnis, die vom „menschlichen Gemüth" beglaubigt werden müsse. Dies ist aber deswegen kein Problem, weil die Weltgeschichte notwendig zu Vernunft und Freiheit fortschreitet, und es nur darauf ankommt, dieses Prinzip auch dort zu erkennen, wo scheinbar die bloße Unvernunft waltet.

Vor diesem Hintergrund entwirft Schiller 1789 ein überaus optimistisches Bild seiner Gegenwart: Alle Menschen leben in Frieden, sie verknüpft ein „weltbürgerliches Band". Es existiert – so Schiller 1790 mit Blick auf die Französische Revolution – das kostbare Gut der „Menschenfreiheit", das „an Wert zunimmt, je größer die Anzahl derer wird, die es mit uns teilen". (HA 4, 845) Politische Freiheit und Kultur haben sich verbunden. Die für die kulturelle Entwicklung des Menschen notwendige Ordnung wird nicht mehr – wie in der Antike – mit despotischer Unterdrückung erkauft, sondern durch Gesetze hergestellt, die sich der noch freie Mensch aus eigener Einsicht gegeben hat und denen er sich unterwirft.

Für den Historiker Schiller ist die Frage typisch, ob die Völkerwanderung und die „gesetzlose stürmische Freiheit des Mittelalters [...] eine notwendige Bedingung unserer besseren Zeiten" (....) gewesen sei. In solchen Kontexten stehen auch seine beiden großen historischen Darstellungen: „Die Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung" und die „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs". Während der Freiheitsaspekt sich im ersten Fall quasi von selbst ergibt – die Niederländer verteidigen bzw. erringen ihre Freiheit gegen den Machtanspruch König Philipps II. von Spanien und geben sich eine republikanische Ordnung –, liegt dieser im anderen Falle, einem aus aufgeklärter Perspektive als sinnlos bewerteten langen, zerstörerischen Glaubenskrieg, keineswegs auf der Hand.

In Schillers Gartenhaus in Jena erinnert ein Gedenkstein an den Autor des „Wallenstein" – seine historischen Arbeiten, wie die „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs", bleiben aber weithin unbedacht.

Foto: Scheere

 

Der Dreißigjährige Krieg

Friedrich Schiller schreibt keine Kriegsgeschichte. Leiden und Grausamkeiten interessieren ihn ebensowenig wie militärische Strategien oder wirtschaftliche Zustände. Ihm geht es um den Kampf zwischen Herrschsucht und Freiheitsstreben, der die Verbindung zur Gegenwart herstellt, für die der Westfälische Frieden noch immer gültiger verfassungs- und völkerrechtlicher Bezugsrahmen ist. Schiller unterlegt daher seiner Kriegsgeschichte ein doppeltes Freiheitsmuster:

1. Mit Blick auf die deutschen Verhältnisse haben seines Erachtens Krieg und Westfälischer Frieden dafür gesorgt, dass das System der deutschen Freiheit erhalten blieb. Deutschland bewahrte seine alte Verfassung und verhinderte eine universalmonarchische oder despotische Alleinregierung des Kaisers.

2. Für das europäische Staatensystem war der Dreißigjährige Krieg das reinigende Fegefeuer, das im Westfälischen Frieden ein System freier souveräner Staaten und damit die Voraussetzung für ein Mächtegleichgewicht und den ersehnten Ewigen Frieden entstehen ließ.

In der Einleitung benennt Schiller die Religionsspaltung als treibende Kraft des Geschehens. Mit Martin Luther beginne der Aufbruch zu Vernunft und Freiheit. Für den Krieg macht Schiller die Habsburger verantwortlich. Sie werden als Feinde der Reformation und der deutschen Freiheit eingeführt. Weil sie die Alleinherrschaft über das Reich nicht realisieren konnten, wurde die Aufklärung möglich: „So wie die Flamme der Verwüstung aus dem Innern Böhmens, Mährens und Österreichs einen Weg fand, Deutschland, Frankreich, das halbe Europa zu entzünden, so wird die Fackel der Kultur von diesen Staaten aus einen Weg sich öffnen, jene Länder zu erleuchten." (HA 4, 366) Neben dem 1790 von Schiller noch hochgeschätzten revolutionären Frankreich bleibt Deutschland der Hoffnungsträger für Freiheit und Kultur. Deswegen war der Kampf gegen die freiheitsbedrohende Habsburger Kaiserdynastie im Dreißigjährigen Krieg wichtig und vernünftig.

Heldenreiche Ernestiner

Während Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen schuldig wird, weil er als Lutheraner die Partei des Kaisers ergriff, kämpfte der „heldenreiche Stamm der Ernestiner" auf der richtigen Seite der Freiheit: „Deine und Deutschlands Rache schliff ihnen gegen Habsburgs Geschlecht einen heiligen Degen, und von einer Heldenhand zur andern erbt sich der unbesiegte Stahl. Als Männer vollführen sie, was sie als Herrscher nicht vermögen, und sterben einen glorreichen Tod – als die tapfersten Soldaten der Freiheit." (HA 4, 448) Doch sie waren zu schwach, so dass Kaiser Ferdinand II. und sein „Vezier" Albrecht von Wallenstein in Deutschland schalten und walten konnten, wie sie wollten: „Die deutsche Freiheit gegen widerrechtliche Eingriffe verteidigt zu haben, wurde als ein Verbrechen behandelt." (HA 4, 474) Doch es waltet die List der Vernunft: Ein Brand mobilisierte 1631 endlich die evangelischen Fürsten: „und die deutsche Freiheit erhob sich aus Magdeburgs Asche." (HA 4, 525)

Der schwedische König fiel bei Lützen 1632 aus der Sicht Schillers daher nicht nur als Freiheitsheld, sondern auch als Eroberer: „Die wohltätige Hälfte seiner Laufbahn hatte Gustav Adolf geendigt, und der größte Dienst, den er der Freiheit des Deutschen Reichs noch erzeigen kann, ist – zu sterben [...] Sein schneller Abschied von der Welt sicherte dem Deutschen Reiche die Freiheit und ihm selbst seinen schönsten Ruhm." (HA 4, 637) Schillers Aufmerksamkeit gilt danach Wallenstein, der „groß und bewundernswert, unübertrefflich" gewesen wäre „wenn er Maß gehalten hätte". (HA 4, 686) Mit dessen Ermordung erlischt Schillers Interesse an diesem Krieg. Die Positionen sind markiert und im Prager Frieden wurde 1635 die deutsche Freiheit verraten, denn die Stände mussten ein Gesetz anerkennen, das sie sich nicht selbst gegeben hatten: „ein Werk der Willkür". (HA 4, 697) Daran entzündete sich jedoch der Widerstand, der nach weiteren 13 langen Kriegsjahren den Westfälischen Frieden brachte. Dieses „mühsame, teure und dauernde Werk der Staatskunst" sicherte den Deutschen ihre politische Freiheit und ermöglicht es ihnen, ihre Kultur vorbildhaft für die Menschheit zu entwickeln.

Schillers Deutung des Dreißigjährigen Krieges als Freiheitskampf vertrug sich nicht mit den gängigen Bildern deutscher Historiker vom zersplitterten und machtlosen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, von fremden Mächten, die auf seinem Boden Krieg führten und die Deutschen unterdrückten. Sie sahen mit Fritz Dickmann noch im Jahr 1959 in diesem Frieden ein „Unglück für das deutsche Volk".

Schillers Position

Diejenigen, die den Historiker Schiller später bewerteten, hielten seine Einschätzungen für „falsch", zu wenig national, zu sehr „gedichtet" und zu wenig mit Anmerkungen versehen. Sie konnten die Hochachtung der deutschen Freiheit durch den Zeitgenossen und Historiker Friedrich Schiller nicht mehr verstehen.

Schiller selbst hat seine Auffassungen später keineswegs revidiert, wohl aber schien das Ziel der Freiheit angesichts des Terrors der Französischen Revolution wieder in eine etwas weitere Ferne gerückt. Seinem Mäzen, dem Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, erläuterte Schiller am 13. Juli 1793, „daß derjenige noch nicht reif ist zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt." Abhilfe sollte die ästhetisch-sittliche Erziehung bringen, mit der die Denkungsart der Menschen auf die politische wie bürgerliche Freiheit vorbereitet werden sollte.

Ist Schiller überholt?

Ist dies alles überholt und haben wir heute Besseres zu bieten? Der Dichter, der Denker und der Historiker Friedrich Schiller stehen für eine moderne Universität, die sich zukunftsoffen ihrer freiheitlichen Tradition bewusst ist, und Jena gut zu Gesicht.

Georg Schmidt

 

 

Bestes literarisches Beispiel für Schillers Hochachtung der Freiheit ist der „Rütli-Schwur" aus „Wilhelm Tell": Laßt uns den Eid des neuen Bundes schwören./ – Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,/ In keiner Not uns trennen und Gefahr./ – Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,/ Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben./ – Wir wollen trauen auf den höchsten Gott/ Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Abbildung: Rahmberg

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang