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Jeden Monat ein anderes Leiden

Der kranke Schiller

Wohl kaum ein anderer deutscher Geistesheros hat sein nachklingendes unsterbliches Werk unter solch großen körperlichen Beeinträchtigungen geschaffen wie Friedrich Schiller. Sein Werk war vielfach ein „Trotzalledem".

Schillers Kreativität war besonders ab 1791 ein Sieg des Geistes über einen chronisch erkrankten Körper. Dies gilt vor allem für die Periode seiner Arbeit an den großen Dramen des Spätwerkes – für „Maria Stuart" (1800), „Die Jungfrau von Orleans" (1801), die „Braut von Messina" (1803), „Wilhelm Tell" (1804) und den unvollendet gebliebenen „Demetrius".

Der Student und junge Arzt

Friedrich Schiller war nach Aussagen seiner Schwester Christophine „... vom frühestem Alter an ein zartes Kind". Als er 13-jährig (1773) in die Militärakademie des Herzogs Carl Eugen von Baden-Württemberg aufgenommen wurde, war dies für ihn eine schwere Belastung. Wiederholt kränkelte er. Der Mitzögling Schmidlin urteilte im Herbst 1774: „Ein kränklicher und schwächlicher Leib hat ihm bisher noch nicht zugelassen, seine Gaben anzuwenden, wie er gern wollte...".

In den ersten zwei Jahren seines Aufenthaltes lag er insgesamt siebenmal in der Krankenstube, einmal sogar fünf Wochen. In dieser Zeit verminderte sich sogar sein körperliches Wachstum. Durch ein Aufholwachstum zwischen 15 und 16 Jahren wurde er aber noch einer der größten Eleven der Karlsschule, die er noch nicht völlig ausgewachsen mit 21 Jahren und 179,1 cm verließ. Schiller war am Ende seines Medizinstudiums 1780 ein großer und stattlicher Mann. Während seines fünfjährigen Studiums der Medizin war der junge Student aber wiederholt mit einer Krankheit zusammengekommen, deren Ursache im 18. Jahrhundert noch unbekannt und die nicht heilbar war – der Tuberkulose.

Bekannt ist, dass er an der Obduktion seines Mitschülers Hiller, der an Tuberkulose starb, teilgenommen hat. Ein ihm besonders nahestehender Mitstudent und Freund, Johann Christian Weckerlin, verstarb ebenfalls an dieser tückischen Krankheit.

Schillers dritte medizinisch-akademische Abschlussarbeit „Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" beschäftigte sich mit der Leib-Seele-Einheit. Schiller kommt zu dem klaren Schluss: „Die Tätigkeiten des Körpers entsprechen den Tätigkeiten des Geistes, d. h. jede Überspannung von Geistestätigkeit hat jederzeit eine Überspannung gewisser körperlicher Aktionen zur Folge...". Diese Erkenntnis hat er jedoch in seinem eigenen Leben aufgrund ökonomischer Zwänge und idealistischer Leidenschaftlichkeit selbst kaum oder wenig berücksichtigt.

Der Militärarzt Friedrich Schiller. Gemälde von P. F. Hetsch, 1781/82

 

Nachdem der Regimentsmedicus Schiller von seinem Herzog nach der Aufführung seiner „Räuber" mit einem Schreibverbot belegt wurde, floh er nach Mannheim. Hier erkrankte der junge Theaterdichter an der Malaria – dem „kalten Fieber". Eine Eigen- und Falschbehandlung schwächten ihn sehr, er aß über Wochen nur Wassersuppen und fiebersenkende Chinarinde. Trotz der wiederholten Fieberanfälle schonte sich Schiller nicht und arbeitete an seinem „Fiesco" und an der Erstgestaltung des „Don Carlos". Schillers spätere Gattin Charlotte sagte rückblickend über die Mannheimer Zeit: „...dort legte er auch den Grund zu seiner Kränklichkeit, weil er da so viel an kaltem Fieber litt und sich immer mit China curieren wollte".

1785 bis 1805

Eine gesundheitliche Stabilisierung kann nach Schillers Umzug von Mannheim nach Leipzig/Gohlis und danach nach Dresden beobachtet werden. Im Kreise der Familie Körner sowie bei den Freunden Dora Stock und Ludwig Ferdinand Huber fühlte er sich wohl – hier entstand im Oktober/November 1785 das „Lied an die Freude", das in Beethovens Vertonung heute unsere Europahymne ist.

Nachdem Schiller 1787 nach Weimar umgezogen war, fühlte er sich bereits im September des Jahres zehn Tage unwohl. Als er den Sommer des Jahres 1788 in der Nähe der Töchter der Frau von Lengefeld in Volkstedt bei Rudolstadt verbrachte, ereilte ihn eine starke Grippe mit Zahnschmerzen. Er fühlt sich „schändlich zugerichtet" und tröstete sich gegen die „Zentnerlast von Langeweile" mit Märchenbüchern, die ihm die Lengefeldtöchter schickten.

Vorlesung muss leider ausfallen

Ein Lebenshöhepunkt für Schiller war der Tag der Antrittsvorlesung als Professor für Philosophie an der Jenaer Universität, die am 26. Mai 1789 stattfand. Schiller war zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt. Er wurde aber bereits in diesem Jahr, wie im Vorjahr, durch Erkrankungen geplagt. Und bereits kurz nach Aufnahme seiner Vorlesungstätigkeit musste er am 10. Juni 1789 eine Vorlesung wegen Erkältung verlegen. Die Neigung zu Erkältungen begleitete ihn auch in dem Jahr seiner Heirat 1790. Schiller fürchtete, dass er seine „Unpässlichkeit" bei seiner Heirat, die am 22. Februar 1790 in Wenigenjena stattfand, „mit in den Ehestatus hinüber nehmen muss".

Der leidende Friedrich Schiller.
Steinzeichnung von Westermayr

 

Zu einer ernsten Krise kam es im Jahre 1791. Schiller befiel nach einem Konzert ein schweres Katarrhfieber mit Seitenstichen, was auf eine Rippenfellentzündung deutet. Freunde vermuteten damals bereits eine „Lungensucht" (Lungentuberkulose), da Schiller bei einem Rückfall der Erkrankung elf Tage später Blut spuckte. Hoffnungsvoll schrieb der Arzt Schiller jedoch: „Der blutige Auswurf färbte sich bald ein und hatte guten Eiter. Nur die üble Einmischung des Unterleibes machte das Fieber compliciert". Rührend kümmerten sich die Studenten und Freunde um den kranken Professor. Sie teilten sich die Nachtwachen, darunter war auch der junge Novalis, der später selbst 29-jährig an Tuberkulose starb.

Zu einem erneuten und lebensbedrohenden Rückfall kommt es im April 1791. Der seit eineinhalb Jahren verheiratete junge Mann hatte Schüttelfrost und Schocksymptome. Nach einem schweren Atemnotanfall kommt es zum Verlust der Sprache. Schiller erholt sich, aber die krampfartigen Schmerzen des Unterleibes (vermutlich durch eine Tuberkulose bedingte Bauchfellentzündung) breiten sich in der Folge auf den gesamten rechten Unterleib aus.

Verfrühte Totenfeier

Nach der schweren Erkrankung Schillers kam im Mai 1791 das Gerücht auf, dass er verstorben sei. In Kopenhagen veranstalteten Schillers dänische Freunde bereits eine Totenfeier.

Der weitere Krankheitsverlauf entspricht dem Verlauf einer unbehandelten Organtuberkulose mit vorwiegendem Befall von Lunge und Darm. Dabei können Phasen von Erkrankung und Erholung abwechseln. Diese Situation charakterisiert Schillers Krankengeschichte in den folgenden 14 Jahren von 1791 bis 1805.

Bereits 1792 kommt es zu einem erneuten Krankheitsschub. Schiller macht sich „auf mehrere Stürme" in den nächsten Jahren gefasst. Die wiederkehrenden Unpässlichkeiten belasteten Schiller sehr. Er schreibt seinem einstigen Mitstudenten, dem Arzt Fr. W. von Hoven im Oktober 1792 auf das gemeinsame Medizinstudium reflektierend: „Schwer hat mich die Hippokratische Kunst für meine Apostasie (Abkehr) bestraft. Da ich nicht mehr ihr Jünger sein wollte, hat sie mich unterdessen zu ihrem Opfer gemacht". Immer wieder fasst er jedoch neuen Lebensmut. „So lange meine Krankheit fortfährt wie bisher mein Gemüth zu verschonen, werde ich mich nicht für unglücklich halten", schrieb er noch 1792. Im Folgejahr teilt er jedoch bedrückt seinem Dresdner Freund Körner mit: „ ...jedes Zeichen im Tierkreis bringt mir ein anderes Leiden". Mitunter kommt er im Winter monatelang nicht an die frische Luft. Seine Vorlesungstätigkeit an der Universität muss er einstellen.

 
Mahnung an die Lebenden – in Todesangst 1791 geschriebene Zeilen des schwer Erkrankten: „Sorgt für eure Gesundheit, ohne diese kann man nicht gut seyn".

Krankheit spornt an

Schiller fühlt sich in seiner Arbeitsfähigkeit gehemmt. Die Beeinträchtigung seiner Arbeit wird in einer Aussage vom 27. Mai 1793 besonders deutlich: „Das alte Übel regt sich bei diesem unbeständigen Wetter so oft und hält gewöhnlich so hartnäckig an, dass ich immer von 3 Tagen 2 verliere und in den guten Intervallen eilen muss, um nur das Notwendigste an meinen Geschäften zu fertigen". Die Krankheit bricht Schiller jedoch nicht, sie spornt ihn sogar an: „...ich werde tun, was ich kann und wenn endlich das Gebäude zusammenfällt, so habe ich doch vielleicht das Ehrhaltenswerte aus dem Brande geflüchtet". Dieses Ziel bestimmte nun sein Leben. Sein Körper verbrannte dabei z. T. im Feuer seines Geistes. Häufig stimulierte sich Schiller – der Nachtarbeiter war, da er zu dieser Zeit mit weniger Schmerzen arbeiten konnte – mit Kaffee, Likör und Schnupftabak. Auch rauchte er. Inspirierend wirkte auf ihn der Geruch faulender Äpfel.

Nach dem Freundschaftsbund mit Goethe 1794, der Schiller vitalisierte, wurden 1797 und 1798 die Zeitschriften „Die Horen" und „Xenien" herausgegeben, 1797 und 1798 folgten die Balladenjahre, 1798 wird „Wallensteins Lager" in Weimar aufgeführt. 1800 erkrankt Schiller erneut, dieses Mal an einem Nervenfieber. Im darauf folgenden Jahr schreibt er dem vertrauten Freund Körner nach Dresden: „Es ist nichts als die Tätigkeit nach einem bestimmten Ziel, was das Leben erträglich macht." Wieder gewonnene Kräfte erlauben Schiller 1802 Reisen nach Dresden und 1804 nach Berlin. Schon während des kurzen Berlinaufenthaltes musste er Termine absagen, vor der Rückkehr erkrankte er in Weimar an der „roten Ruhr" mit extremen Schmerzen.

Die letzte Erkrankung begann am 1. Mai 1805. Nach einem Besuch des Weimarer Theaters erlitt Schiller einen Fieberanfall, starker Husten und ein langanhaltender Fieberkrampf folgten. Schiller nahm unter Tränen von seinem neuneinhalb Monate alten jüngsten Kind Emilie Abschied, dann wurde er bewusstlos – und erwachte nicht wieder. Ein großes, von körperlichem Leid begleitetes Leben, das den Mitmenschen und nachkommenden Generationen gewidmet war, war zu Ende gegangen. Der Körper war im Kampf zerbrochen, das so schwer geschaffene Werk aber lebt über die Jahrhunderte weiter.

Das Ausmaß der Zerstörung des Körpers zeigte die Obduktion, welche die Zerstörung von Lunge, Nieren, eine Schrumpfung des Herzmuskels und die Schädigung des Darms erschreckend sichtbar machte. Im Sektionsprotokoll heißt es: „Die rechte Lunge mit Pleura (Rippenfell) von hinten nach vorne und selbst mit dem Herzbeutel ... so verwachsen, dass es kaum mit dem Messer separat zu trennen war. Die Lunge war faul und brandig, breiartig und ganz desorganisiert. Auf der rechten Seite alle Därme mit den Peritonäum (Bauchfell) verwachsen. Das Herz stellte einen leeren Beutel dar und hatte sehr viele Runzeln, war häufig ohne Muskelsubstanz. Die rechte und linke Niere in ihrer Substanz aufgelöst und völlig verwachsen. Der obduzierende Arzt Dr. Huschke schrieb an den Weimarer Herzog Carl August: „Bei diesen Zuständen muss man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können".

Der Arzt Friedrich Schiller hat einst in einer seiner schwersten gesundheitlichen Krisen (1791) mit zittriger Hand für seine Nächsten auf einen Zettel geschrieben: „Sorgt für eure Gesundheit, ohne diese kann man nicht gut seyn". Diese zeitlose Aussage Schillers sollte vor allem auch von uns Heutigen als lebensnahes Vermächtnis beherzigt und im täglichen Leben verwirklicht werden.

Volker Hesse

 

 

Der von Krankheit gezeichnete Friedrich von Schiller 1804.
Zeichnung von F. G. Weitsch

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang