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Die Anatomie der Bewegung

Das Spiel der Ideen und Bilder in Schillers „Der Tanz“

DER TANZ

Siehe wie schwebenden Schritts im Wellenschwung sich die Paare
Drehen, den Boden berührt kaum der geflügelte Fuß.
Seh ich flüchtige Schatten, befreit von der Schwere des Leibes?
Schlingen im Mondlicht dort Elfen den luftigen Reihn?
Wie, vom Zephyr gewiegt, der leichte Rauch in die Luft fließt,
Wie sich leise der Kahn schaukelt auf silberner Flut,
Hüpft der gelehrige Fuß auf des Takts melodischer Woge,
Säuselndes Saitengetön hebt den ätherischen Leib.
Jetzt, als wollt es mit Macht durchreißen die Kette des Tanzes
Schwingt sich ein mutiges Paar dort in den dichtesten Reihn.
Schnell vor ihm her entsteht ihm die Bahn, die hinter ihm schwindet,
Wie durch magische Hand öffnet und schließt sich der Weg.
Sieh! Jetzt schwand es dem Blick, in wildem Gewirr durcheinander
Stürzt der zierliche Bau dieser beweglichen Welt.
Nein, dort schwebt es frohlockend herauf, der Knoten entwirrt sich,
Nur mit verändertem Reiz stellet die Regel sich her.
Ewig zerstört, es erzeugt sich ewig die drehende Schöpfung,
Und ein stilles Gesetz lenkt der Verwandlungen Spiel.
Sprich wie geschiehts, daß rastlos erneut die Bildungen schwanken,
Und die Ruhe besteht in der bewegten Gestalt?
Jeder ein Herrscher, frei, nur dem eigenen Herzen gehorchet,
Und im eilenden Lauf findet die einzige Bahn?
Willst du es wissen? Es ist des Wohllauts mächtige Gottheit,
Die zum geselligen Tanz ordnet den tobenden Sprung,
Die, der Nemesis gleich, an des Rhythmus goldenem Zügel
Lenkt die brausende Lust und die verwilderte zähmt;
Und dir rauschen umsonst die Harmonieen des Weltalls,
Dich ergreift nicht der Strom dieses erhabnen Gesangs,
Nicht der begeisternde Takt, den alle Wesen dir schlagen,
Nicht der wirbelnde Tanz, der durch den ewigen Raum
Leuchtende Sonnen schwingt in kühn gewundenen Bahnen?
Das du im Spiele doch ehrst, fliehst du im Handeln, das Maaß.

 

 

In seinem Distichon zum Wesen des antiken Metrums – in deutschen Verslehren jahrzehntelang ein Musterbeispiel für die Kunst der zweizeiligen Gedichtform – findet Schiller eine schöne optische Entsprechung für die Wandlungen der Klanggestalt: „Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab." Auf dem gleichmäßig ‚fließenden’ Wechsel des selben Metrums gründet auch die große, bis in die epische Breite des „Spaziergangs" mündende Form seiner Elegien, zu denen „Der Tanz" gehört. Ebenso berücksichtigt die graphische Anordnung seiner ‚antiker Form sich nähernden’ Gedichte die Pendelschwingung beim Oszillieren der Silben zwischen Hexameter und Pentameter: Der lange hexametrische Auftaktvers beginnt am linken Zeilenrand, während der kürzere pentametrische durch Einrückung davon abgesetzt ist, so dass im Druckbild die dynamische, flussartige Gestalt einer Schlängellinie oder Serpentine erkennbar wird. Zieht man beide Zeilenränder, links und rechts, in Betracht, so läge in Bezug auf den strukturellen ‚Kern’ der Elegie der Schluss nahe, dass das stete Changieren zwischen Hexameter und Pentameter an das Muster einer sich unablässig selber reproduzierenden Doppelhelix erinnert. Vergleichbar wäre es außerdem mit dem An- und Abschwellen des menschlichen Tonus in seiner auf dem Diagramm zwischen Systole und Diastole mäandernden Gestalt – ein Bild, an dem der Mediziner Schiller wahrscheinlich Gefallen gefunden hätte.

Seine Überlegungen zur Natur dieser griechischen Metren mögen Schiller bewegt haben, sich lyrisch dem Thema des Tanzes in der Form der Elegie zu nähern. Und in der Tat, wenn etwas an Schillers Lyrik – die trotz des Gedenkjahrs im Vergleich mit den Manifestationen zu seinem übrigen Werk auffällig wenig Beachtung findet – heute einzunehmen vermag, so ist dies kaum seinen Balladen und seinen in gereimtem Pathos verfassten Liedern zu verdanken. Sondern es beruht am ehesten auf seinen nach antikem Vorbild verfassten Strophen, etwa „Das Glück", einem Lieblingsgedicht Gottfried Benns – oder eben auch der Tanz"-Elegie. Sie ist in der Erstfassung 1795 entstanden und in Cottas „Musen-Almanach für das Jahr 1796" abgedruckt, hier in der zweiten, von Schiller für seine Gedichtsammlung von 1800 überarbeiteten Fassung zitiert.

Es ist in Schillers „sentimentalisch" geprägter Lyrik der Regelfall und stellt uns heute, da wir an die Konkretion und Unmittelbarkeit moderner Lyrik gewöhnt sind, vor Schwierigkeiten bei der Rezeption: Schiller geht von einer abstrakten Begrifflichkeit aus, arbeitet deduktiv, von den Begriffen zu den Phänomenen dringend – im bewussten Gegensatz zur „naiven" Ursprünglichkeit Goethes. Im „Tanz" widmet Schiller sich der Idee von Bewegung im äußeren Erscheinungsbild des Tanzes. Schiller seziert die Bewegung als genetische Triebfeder des Tanzes. Die gesellige zwischenmenschliche Ausdrucksform wird ihm dadurch zum Spiegelbild eines Zustandes universaler Animation, sowohl der organischen als auch der anorganischen Sphäre: „Wie, vom Zephyr gewiegt, der leichte Rauch in die Luft fließt, / Wie sich leise der Kahn schaukelt auf silberner Flut, / Hüpft der gelehrige Fuß auf des Takts melodischer Woge, / Säuselndes Saitengetön hebt den ätherischen Leib."

 

Der Tanz ist bei Schiller nicht nur Titel einer Elegie, er ist auch stilistisches Medium seines lyrischen Schaffens.

Foto: Archiv

 

Abstraktion der Dynamik

Die sich vom Gegenständlichen immer wieder entfernende Abstraktion macht jedoch gerade die Faszination am „Tanz" aus: Die Art, wie hier der abstrakte Begriff eines dynamischen Dingzustandes in plastische Bilder transformiert wird, die in ihrer Vielfalt wiederum als eigenständige Erweiterungen, Variationen, Facetten, Aspekte des Abstraktums Bewegung gelten können, ist erstaunlich. In „Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen" notiert Schiller um dieselbe Zeit, als wolle er seine lyrische Methode apostrophieren: „Nur will die Imagination ungebunden und regellos von Anschauung zu Anschauung überspringen, und sich an keinen andern Zusammenhang, als den der Zeitfolge binden. [...] Um auf der anderen Seite dem Verstande Genüge zu thun und Erkenntniß hervorzubringen, muß die Rede einen geistigen Theil, Bedeutung, haben, und diese erhlt sie durch Begriffe, vermittelst welcher jene Anschauungen auf einander bezogen und in ein Ganzes verbunden werden. Findet nun zwischen diesen Begriffen [...] der genaueste Zusammenhang statt, während daß sich die ihnen korrespondierenden Anschauungen [...] bloß durch ein willkürliches Spiel der Phantasie zusammenzufinden scheinen, so ist das Problem gelöst, und der Verstand wird durch Gesetzmäßigkeit befriedigt, indem der Phantasie durch Gesetzlosigkeit geschmeichelt wird."

Schiller kommt dieser Maxime durch die Art seiner Elegie nach: Er macht Bewegung als universales Gestaltprinzip transparent, welches, in der Welt des Stofflich-Materiellen beheimatet, zurückwirkt auf den ästhetischen Akt – das Kunstprodukt des Gedichts. Schiller gelingt es, die Widersprüche, die sich dem statischen Beobachter bei der Wahrnehmung von Bewegung offenbaren, durch eine an der Rhetorik des Paradoxen geschulte Sprache zu vergegenwärtigen: „Schnell vor ihm her entsteht die Bahn, die hinter ihm schwindet, / Wie durch magische Hand öffnet und schließt sich der Weg. / Sieh! Jetzt schwand es dem Blick, in wildem Gewirr durch einander / Stürzt der zierliche Bau dieser beweglichen Welt. / Nein, dort schwebt es frohlockend herauf, der Knoten entwirrt sich, / Nur mit verändertem Reiz stellet die Regel sich her. / [...] Sprich wie geschieht’s, daß rastlos erneut die Bildungen schwanken, / Und die Ruhe besteht in der bewegten Gestalt?"

Tanz der Elemente

Auch andernorts – etwa in den Strophen seiner „Rätsel" – ist bei Schiller die antithetische Fügung von Paradoxa, auf der Stilfigur des Chiasmus basierend, poetisches Prinzip. Dabei bleibt ihm bewusst, dass die Wahrnehmung von Bewegung, der „Tanz" der Elemente nach einer in sich dynamischen Poetik verlangt, die unbedingt auch dasjenige berücksichtigt, welches, wie die Paradoxien der Bewegung, menschliches Erfassen und Begreifen übersteigt. Diesem Problem ist „Über das Erhabene" gewidmet: „Wer freylich die große Haushaltung der Natur mit der dürftigen Fackel des Verstandes beleuchtet, und immer nur darauf ausgeht, ihre kühne Unordnung in Harmonie aufzulösen, der kann sich in einer Welt nicht gefallen, wo mehr der tolle Zufall als ein weiser Plan zu regieren scheint [...]. Wenn er es hingegen aufgibt, dieses gesetzlose Chaos von Erscheinungen unter eine Einheit der Erkenntnis bringen zu wollen, so gewinnt er von einer andern Seite reichlich, was er von dieser verloren gibt. Gerade dieser gänzliche Mangel einer Zweckverbindung unter diesem Gedränge von Erscheinungen [...] macht sie zu einem umso treffendern Sinnbild für die reine Vernunft, die in eben dieser wilden Ungebundenheit der Natur ihre eigne Unabhängigkeit von Naturbedingungen dargestellt findet." Da das ästhetische Spiel", wie Schiller seinen Briefen „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen" anvertraut, sich unter den Bedingungen zeitlicher Progression abspielt, ist diesem die Bewegung inhärent. Form entsteht demnach durch die Inszenierung von Bewegung – beim ästhetischen Durchspielen der „freien Bewegung", „die sich selbst Zweck und Mittel ist". Und weiter vermerkt er in den „Briefen" zum ursprünglichen Zusammenhang von Wahrnehmung und Ästhetik im Dienste freier, künstlerisch-poetischer Hervorbringung: „Der Gegenstand des Taktes ist eine Gewalt, die wir erleiden; der Gegenstand des Auges und des Ohrs ist eine Form, die wir erzeugen."

Was also kann das seltsame „Maaß", das der letzte Vers in so überraschendem Gegensatz zum „begeisternden Takt" und „wirbelnden Tanz" der vorangehenden Zeilen propagiert, anderes meinen als die poetische Form, die sich aus der Wahrnehmung und Reflexion von und über Bewegung erst ergibt – das Gedicht selbst? Für Schiller ist der Tanz eine in dynamisches „Maaß" getaktete soziale „Spiel"-Form. Die Analogie dazu liefert das Gedicht mit seinem Rhythmus als dynamischem Nukleus, der die einzelnen Verse durch Enjambements („des Rhythmus goldenem Zügel / Lenkt") und durch assoziative semantisch-syntaktische Übergänge in Bewegung setzt. (Ewig zerstört, es erzeugt sich ewig die drehende Schöpfung, / Und ein stilles Gesetz lenkt der Verwandlungen Spiel").

Gewiss, Schiller ist weit davon entfernt, „Montage" im Sinn des modernen Gedichts zu betreiben – die Möglichkeiten für die späteren, weitaus drastischeren, sinnverfremdenden Brüche moderner Gedichtkörper sind jedoch im Kern, eben durch die erkannte Variabilität, ja ‚Elastizität’ des Rhythmus schon in seiner Poetik angelegt: So sind es gerade die Zeilenübergänge und Enjambements, die den „Tanz" fließend machen, in Bewegung halten. Schiller muss sich das bewusst gemacht haben, als er die zweite Fassung des Gedichts auf Anraten Wilhelm von Humboldts hin überarbeitete, der genau den Zusammenhang zwischen elegischem Metrum (gleichmäßige Abfolge von Pentameter auf Hexameter) und der inneren Dynamik ‚zwischen den Zeilen’ angesprochen hatte.

Die Dynamik, der Schillers Elegie sowohl in ihrem Pendeln zwischen abstrakter Reflexion und bildlicher Vergegenwärtigung, als auch in der rhythmischen Entfaltung der Verse nachkommt, steht, wie der Rückblick auf 200 Jahre Poesiegeschichte seitdem bekräftigt, erst an der Schwelle einer ungemein ‚dynamischen’ Entwicklung der lyrischen Formen- und Bildersprache: Man denke an Hölderlins metaphorisch wie metrisch kühne Hymnenkomplexe, Whitmans rastlose Langzeilen, die Dynamik von Rilkes „Duineser Elegien", das zu elliptischer Hast geraffte Zusammenspiel von Bild- und Lautfiguren bei Mandelstam oder jenes in Versform gekleidete poetologische Credo von William Carlos Williams: „Good Christ what is / a poet – if any / exists? / a man / whose words will / bite / their way / home – / being actual / having the form / of motion".

Schillers „Tanz" bleibt derart metrische Freiheit, die dem Sprechrhythmus des urbanen Alltags abgeschaut ist, notwendig fremd. Dennoch kreieren die ‚fließenden’ daktylischen Vers-Maße seiner Hexameter und Pentameter eine dynamische Suggestion, durch deren Form der Akt der Bewegung zugleich immer auch reflektiert und metaphorisiert wird. Die in „Ueber die nothwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen" formulierte Gestaltungsabsicht von „Sinnlichkeit im Ausdruck und Freyheit in der Bewegung" scheint damit eingelöst worden zu sein. Eingebettet in die so plastische Schilderung abstrakter Verläufe, wird in „Der Tanz" eine Erkenntnis verdichtet, der Schiller sich in den Briefen „Ueber die ästhetische Erziehung" mit philosophischer Präzision zu nähern suchte: Dass der Zustand von Bewegung die Triebfeder des poetischen Gestaltungsakts, des „ästhetischen Spiels" sei. Das bewegte Befinden ist für Schiller Prädisposition für die Entfaltung einer dynamischen Wahrnehmungs- und Sinnenwelt, die ästhetische Form und geistige Freiheit dann jeweils neu gebiert: „Nur mit verändertem Reiz stellet die Regel sich her".

Jan Röhnert

 

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang