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Der Körper bestimmt den Geist

Schiller als Mediziner

Die große Aufmerksamkeit, die Friedrich Schiller im Gedenkjahr 2005 zuteil wird, lässt erkennen, dass der Name Schiller den meisten unserer Zeitgenossen nach wie vor ein Begriff ist. Die wenigsten von ihnen dürften sich freilich dessen bewusst sein, dass Friedrich Schiller von Hause aus Mediziner gewesen ist.

Medizin war das Fach, das er an der Hohen Karlsschule zu Stuttgart studiert hat. Und er hat den Beruf des Arztes auch eindreiviertel Jahre lang ausgeübt, als Regimentsmedicus der württembergischen Armee. Dass sich dennoch kaum jemand an den Mediziner Schiller erinnert, hat einen einfachen Grund. Er hat der Medizin nichts gegeben, an das heute noch zu erinnern wäre. Freilich, wenn Schiller auch in der Medizin keine Spuren hinterlassen hat, so hat die Medizin doch bei ihm ihre Spuren hinterlassen – in seinem Denken und seinem literarischen Werk. Es sind Momente, die wesentlich dazu beigetragen haben, aus Schiller einen modernen Dichter zu machen.

Was haben wir überhaupt an Zeugnissen über den Medizinstudenten und Regimentsmedicus Schiller? Da sind zunächst die drei Dissertationen, die er als Examensarbeiten angefertigt hat. Eine erste mit dem Titel „Philosophie der Physiologie", von der allerdings nur die ersten Kapitel erhalten sind. Eine zweite „De discrimine febrium", in der es um den Unterschied zwischen „entzündlichen und fauligen Fiebern" geht. Und eine dritte, die die Thematik der ersten Dissertation noch einmal unter dem Titel „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" verhandelt. Darüber hinaus haben wir vor allem das Protokoll einer Leichenöffnung, die Berichte über die Krankheit des Eleven Grammont – das einzige Beispiel für klinische Arbeit während des Studiums –, ein Rezept über ein Brechmittel, einen kurzen Zeitungsartikel über „Elektrizität als Heilmittel" und die Erinnerungen der Freunde aus der Stuttgarter Zeit.

Dass wir von Schiller drei oder vielmehr zweieinhalb Dissertationen haben, liegt daran, dass seine erste Dissertation von den Gutachtern nicht akzeptiert worden ist. Schiller stand zwar bei seinen Lehrern an der Hohen Karlsschule durchaus in hohem Ansehen, er war nach allgemeiner Auffassung der Musterschüler der aufstrebenden Akademie. Aber die erste Dissertation ließen sie dennoch nicht durchgehen. Sie war ihnen in der Sache zu spekulativ und im Stil zu grandios, zu wenig empirisch, zu wenig im Ton wissenschaftlicher Sachlichkeit gehalten. Schiller erhielt allerdings eine neue Chance: Das Resultat ist die dritte Dissertation. Und für den Fall, dass das Unternehmen wiederum misslingen sollte, hielt er die zweite Dissertation in der Hinterhand, die Schrift über das Fieber, eine Arbeit, die deutlicher auf einem klassischen Feld der Medizin angesiedelt ist.

Schiller auf dem Totenbett.

Rötelzeichnung von Ferdinand Jagemann (1805)

 

Wohl keine visionäre Kraft

Es hat Zeiten gegeben, in denen man dem, was Schiller hier an Gedanken über das Verhältnis der „tierischen" und der „geistigen Natur des Menschen", der Physiologie und der Psychologie entwickelt, die gleiche visionäre Kraft hat zuerkennen wollen, die man so gerne dem Dichter zuspricht. Aber mit solchen wohlmeinenden Urteilen hat man ihm doch wohl zu viel der Ehre getan. Spätestens seit der Schiller-Forschung der 1970er und 1980er Jahre wissen wir, dass sich in den medizinischen Schriften Schillers buchstäblich kein einziger Gedanke findet, den die zeitgenössische Medizin nicht bereitgehalten hätte.

Was Schiller in ihnen zu Papier brachte, ist nichts anderes als die zeitgenössische Medizin – durchaus auf der Höhe der Zeit. Alles, was er zum psychophysischen Problemfeld aufbietet, ist in Werken wie der Anthropologie des Leipziger Mediziners Ernst Platner und der Physiologie des auch in der Literatur berühmt gewordenen Albrecht von Haller, den Arbeiten von dessen Freund Johann Georg Zimmermann und der Erfahrungs-Seelenkunde Johann Georg Sulzers bereits vorgezeichnet.

Schon die Thematik, die Schiller für die erste und die dritte Dissertation gewählt hat, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass er im Grunde weder den Zug zum Arzt noch zum Naturwissenschaftler gehabt hat – und das ist ja wohl die unabdingbare Voraussetzung dafür, in der Medizin etwas ausrichten zu können. Was Schiller an der Medizin interessiert, sind vor allem die Möglichkeiten zur Erkundung der Natur des Menschen, dessen, was die Aufklärung „allgemeine Menschennatur" genannt hat. Dabei geht es ihm immer um ein Bild des Menschen als Ganzem. Und hierbei wiederum vor allem um den Status des menschlichen Geistes.

Das ist ein Grundimpuls aller Dichter und Denker der „Goethezeit": den Rang und die Bedeutung des Geistigen zu exponieren und zu sichern. Und dies angesichts der Verwissenschaftlichung von Welt- und Menschenbild, wie sie mit der Etablierung der modernen Wissenschaft, der Wissenschaft more geometrico im 17. und 18. Jahrhundert, in Gang gekommen war und in der modernen Welt einer Grundtendenz zu materialistischen Positionen zum Durchbruch verhalf. Sie wollten zeigen, dass der Mensch immer noch mehr und anderes sei, als alle Wissenschaft der Welt über ihn zu sagen wisse, und dies keineswegs an den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft vorbei, sondern in voller Kenntnis dessen, was sie zu leisten vermag. Das ist es, was den jungen Schiller beschäftigt, und zwar gerade auch in seinen medizinischen Arbeiten.

Anliegen der Aufklärung

Der „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" – wie Schiller die dritte Dissertation überschrieb – hat im 18. Jahrhundert nicht nur die Medizin beschäftigt. Dieser Zusammenhang war das zentrale Anliegen der gesamten Bewegung der Aufklärung. Die Aufklärer fragten bekanntlich in allen Belangen nach der Natur, und sie fragten insbesondere nach dem, was am Menschen Natur sei. Dabei wandten sie sich mit einer nie dagewesenen Intensität dem Instinktbetrieb der Selbst- und Arterhaltung zu, den der Mensch mit dem Tier teilt, der „tierischen Natur" des Menschen. Sie suchten sich so von einer – vor allem religiös geprägten – Überlieferung zu lösen, der gemäß die Natur, wie sie meinten, nur zur Kenntnis genommen wurde, um übersprungen zu werden und um das, was am Menschen Seele und Geist ist, als autark gegenüber dem Natürlichen zu erweisen. So wie das am deutlichsten in der Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele zum Ausdruck kommt. In eben dem Maße, in dem man in diesem Sinne die Begriffe von der Instinktnatur des Menschen ausarbeitete, stand man dann freilich vor der Frage, mit der sich auch Schillers Dissertationen befassen: wie die Instinktnatur des Menschen dann doch wieder mit seiner Vernunftnatur zusammenzudenken sei, wie eben seine „tierische Natur" mit seiner „geistigen Natur" zusammengehe.

 

Philosophie heilt die Seele

Wohin die Reise nach dem Willen der Aufklärer gehen sollte, kann man zum Beispiel einem Aufsatz von Wieland entnehmen. Er gibt mit seinem Titel zugleich zu erkennen, wie nah die Aufklärer in dieser Frage Philosophie und Medizin beisammen sahen. „Philosophie als Kunst zu leben und Heilkunst der Seele betrachtet", heißt das Werk. Wieland entwickelt hier auf der Linie der Rousseauschen Zivilisationskritik den Gedanken, dass der Leib-Seele-Dualismus etwas Unnatürliches sei. Er finde sich deshalb auch noch nicht im Naturzustand, bei Naturvölkern wie den Indianern, sondern erst bei den hochzivilisierten, überbildeten Völkern des modernen Europa. Der Mensch habe sich als ein Wesen zu begreifen, bei dem „Leib und Seele nur eine Person" seien, „(so zu sagen) alles Körperliche geistig und alles Geistige körperlich ist" das ist der neuralgische Punkt im Nachdenken der Aufklärung über den Menschen. Dabei hat sie mit ihrer Philosophie alle möglichen Modelle durchgespielt, die sich dann auch in der Medizin der Zeit wiederfinden. Da gibt es auf der einen Seite die, für die „alles Körperliche geistig" ist, den Geist-Monismus etwa eines Berkeley. Da gibt es auf der anderen die, für die „alles Geistige körperlich" ist, den materialistischen Monismus zum Beispiel eines La Mettrie. Diese beiden monistischen Positionen bezeichnen aber nicht den „Mainstream" der Aufklärung. Der bewegt sich von John Locke bis zu Kant auf einer Linie skeptischen Pragmatismus’. Wo immer wir menschliches Leben beobachten, können wir uns empirisch von dem Parallelismus physiologischer und psychologischer Prozesse überzeugen. Und doch können wir nicht ergründen, warum das so ist.

Diese drei Positionen finden wir dann auch in der Medizin des 18. Jahrhunderts wieder. Auf der einen Seite haben wir die Schule des Hallenser Mediziners Georg Ernst Stahl, für den alle physiologischen Prozesse und damit auch alle Krankheiten ihre Ursache in der Seele haben. Die physiologischen Prozesse sind also durch die psychologischen determiniert. Auf der anderen Seite steht die Schule von Hermann Boerhaave, aus der der Frühmaterialist La Mettrie hervorgegangen ist. Stahls Animismus wird in Schillers Dissertation ebenso zurückgewiesen wie der Materialismus La Mettries – so wie Schiller das an der Karlsschule gelernt hat. Da bewegt man sich im Gefolge Platners, Hallers, Zimmermanns und Sulzers auf der Linie, die Schiller „die Mittellinie der Wahrheit" nennt, auf der Linie des so genannten Influxionismus: Man vertieft sich empirisch-pragmatisch in den psychophysischen Parallelismus als eine „Notwendigkeit", einen naturgesetzlichen Zusammenhang, dessen Ursache freilich „noch nicht zu erkennen", „noch nicht zu begreifen" sei.

„Der Mensch ist nicht Seele und Körper, der Mensch ist die innigste Vermischung dieser beiden Substanzen". Von diesem Gedanken aus, der ganz der Position Wielands entspricht, geht Schiller dem „Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" nach. Als Erstes legt er mit Blick auf die Entwicklung sowohl des einzelnen Menschen als auch der menschlichen Kultur im Ganzen dar, dass der von der tierischen Instinktnatur gesteuerte Kampf um die Selbst- und die Arterhaltung, um „Ernährung" und „Zeugung", die Voraussetzung für die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten sei. Von ihm gingen die entscheidenden Impulse für die Entfaltung des geistigen Lebens aus. Sodann sammelt er Indizien dafür, wie „tierische Empfindungen die geistigen begleiten". Wer seelisch leidet, kann körperlich krank werden, und wer körperlich krank ist, kann durch positive seelische Erlebnisse genesen. Körperliche Ereignisse und Umstände beeinflussen die seelische Verfassung und die geistige Aktivität, seelische Bewegungen und Haltungen manifestieren sich körperlich, im Aussehen, in Mimik, Gestik und Physiognomie.

Belege aus dem Lehrbuch

Schiller belegt seine Thesen allerdings ohne eigene klinische Empirie, nur durch Lehrbücher. Auf die eigene Kappe Schillers gehen ausschließlich Fallbeispiele aus der schönen Literatur. Und er hat seine Arbeit reichlich mit literarischen Exempeln gespickt, vor allem aus Shakespeare. Julius Caesar, Richard III., Lady Macbeth, King Lear und Othello werden genannt, und – man höre und staune – Schillers eigene „Räuber", die parallel zu den Dissertationen entstanden sind. Das dürfte wohl als Indiz dafür gelten, in welchem Horizont Schiller verarbeitet hat, was er im Medizinstudium gelernt hat. Es ist ein philosophisch-literarischer Horizont, der um ein Gesamtbild des Menschen kreist, kein im engeren Sinne naturwissenschaftlich-medizinischer.

Die erste und wichtigste literarische Frucht des Medizinstudiums ist das Räuber-Drama. Denn wie die „Räuber" in der Dissertation als Fallbeispiel figurieren, so arbeitet das Drama unausgesetzt mit den Thesen der Dissertation. Die „Räuber" sind im Grunde eine anthropologische Studie mit literarischen Mitteln. Auch in ihnen wird nach dem „Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" gefragt. Und zwar wird diese Frage im Blick auf die Lebensverhältnisse des Menschen in der modernen Welt gestellt, die Schiller wie Wieland als unnatürliche Verhältnisse begreift. Auf die Bühne gestellt wird sie in Gestalt der beiden ungleichen Brüder Karl und Franz Moor. Bei beiden ist der „Zusammenhang der tierischen Natur mit der geistigen" als an modernen Menschen auf krankhafte Weise gestört, mit dem Ergebnis eines fiebrig erhitzten Lebensgefühls. In Karl lebt „die tierische Natur auf Unkosten der geistigen", in Franz „die geistige Natur auf Unkosten der tierischen". Karl ist von der Natur bestens ausgestattet, er ist reich an vitaler Kraft, und seine Instinktnatur ist intakt, insbesondere was die Gefühlswelt anbelangt. Aber sein heftiges Gefühlsleben, seine Impulsivität lässt der geistigen Seite, dem Intellekt, der Überlegung, dem iudicium keine Chance: Herz ohne Hirn. Franz ist das genaue Gegenteil: Hirn ohne Herz. Die Natur hat ihn stiefmütterlich behandelt, er ist körperlich schwach, hässlich, emotional kalt. Und so setzt er ausschließlich auf seine geistigen Fähigkeiten, genauer: auf seinen Verstand, gemäß dem Motto: „Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des Mechanismus beugen? Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der Materie ketten lassen?".

„Schillers Bewußtsein von der Macht des Körpers über den Geist kann kaum überschätzt werden" (W. Riedel). In diesem Sinne hat die heutige Forschung die Begrifflichkeiten, die er sich im Medizinstudium erworben hat, weiter in sein literarisches und philosophisches Werk hinein zu verfolgen – bis hin zu seinen Vorstellungen von Schönheit, von ästhetischer Erziehung und vom ästhetischen Staat, die ja auch um nichts anderes als um den in der Moderne gestörten „Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" kreisen.

Gottfried Willems

 

Schillers dritte medizinische Dissertation „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" .

Abbildung: Archiv

 

 

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang