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„Moraltrompeter von Säckingen“

Anmerkungen zum Verhältnis von Nietzsche und Schiller

Wer wäre nicht gern ein Glied gewesen in der langen Kette derer, die von Nietzsche beschimpft wurden? Wen er aufs Korn nahm, der war berühmt: zumeist schon vorher, danach erst recht. Besonders gering schätzte der „Donnerer", wie ihn Stefan George einmal nannte, die deutschen Dichter und Denker. In ihnen sah Nietzsche zuletzt nur noch Exponenten einer „Preß- und Frechheitsfreiheit", die sich nicht nur politisch, sondern vor allem grammatikalisch fortwährend an allem verging, das ihm etwas galt. Nur Jacob Burckhardt, der Baseler Kollege und „verehrungswürdige Freund", sowie Goethe, ein „europäisches Ereignis" und ein „unsauberer Geist" zudem, wie Nietzsche lobend vermerkte, blieben von Kritik verschont.

Ansonsten fährt er schweres Geschütz auf. Sowohl gegen die Klassiker, die er einmal mit Begeisterung gelesen und verehrt hatte, als auch gegen jene Emporkömmlinge, die erst in der Bismarckzeit und dem in Nietzsches Augen geisttötenden „Reich" von 1871 zu Rang und Ehre gekommen waren. So geriet Luther, einst Übervater der kreuzzeitungsschwangeren Naumburger Jugend Nietzsches, zu einem „Verhängnis von Mönch" und, wie die ganze Kirche, zum Ding der „Unmöglichkeit". Kant, der „Chinese von Königsberg" mit dem „fehlgreifenden Instinkt in allem und jedem", gebissen überdies von der „Moral-Tarantel" Rousseau, wurde schlicht „Idiot". Hegel und Heine waren Unglücksfälle, die deutschen Historiker „Hanswürste der Politik". Selbst über Wagners „demagogisches Talent" höhnte dessen vormals begeisterter Anhänger. Ganz schlimm wurde es bekanntlich, wenn der nach dem frühen Tod des Vaters unter „lauter Frauenzimmern" Aufgewachsene zu seinen berüchtigten Tiraden gegen das andere Geschlecht anhob. Seine Schwester Elisabeth als das „Lama" kam da noch gut, zu gut weg. Lou Salomé dagegen, Nietzsches unerfüllte Liebe, traf die ganze verbale Wut des Abgewiesenen, als dieser sie zur „Äffin [...] mit falschen Brüsten" herabwürdigte.

 

 

Zu den – vergleichsweise noch moderat – Angefeindeten zählte auch Schiller. Das Verdikt vom „Moraltrompeter von Säckingen" ist weithin bekannt. Man hat darin eine späte Entgleisung ebenso gesehen wie den Beleg dafür, dass Nietzsche zumindest mit dem „Idealismus" des Dichters und den „Verbesserern der Menschheit" überhaupt fertig war. Auch bedachte Nietzsche Schiller mit den wenig freundlichen Beinamen „Theatermaestro" und „Attitüden-Held" – wohl um einer von ihm selbst erst nach und nach vorgenommenen Abgrenzung willen: „Das andre, was ich nicht hören mag", so schrieb er in der Götzendämmerung", „ist ein berüchtigtes ‘und’: die Deutschen sagen ‘Goethe und Schiller’ – ich fürchte, sie sagen ‘Schiller und Goethe’".

„Pfeile auf die Zunge gelegt"

Tatsächlich fand gerade der junge Nietzsche in Schiller einen geistigen Führer. Der „Idealist Schiller", so heißt es in einer Vorarbeit zu Nietzsches Autobiographie „Ecce homo", hatte „mir schon mit 13 Jahren Pfeile auf die Zunge gelegt." Am Anfang stand Nietzsches Beschäftigung mit den Balladen. Es folgten „Wallenstein" und „Wilhelm Tell", „Don Carlos", „Die Räuber". Im humanistischen, streng protestantischen Klima Schulpfortas brach Nietzsche 1859 mit Schiller und den Schiller-Feiern in die liberale Ära auf. Zum wiederholten Male las er hier die Räuber, deren Charaktere ihm übermenschlich erschienen: „Man glaubt", so ein Tagebucheintrag, „einen Titanenkampf gegen Religion und Tugend zu sehen, bei dem aber doch die himmlische Allgewalt einen endlos tragischen Sieg erringt." Noch, wie man hinzufügen müsste. Und Karl Moors Abgesang, „daß zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrund richten würden", mag den braven Primaner Nietzsche zu einem ersten kritischen Blick auf eben diesen Bau genötigt und ein Gefühl für das Unerledigte am Projekt der Aufklärung vermittelt haben.

Gleich Schiller wird der junge Nietzsche Historiker um der literarischen Verarbeitung und Wirkung Willen, die Geschichte zur Beute für Dramatik und Poesie. Er greift mythische und ideale antike Stoffe auf, treibt eifrig Quellenstudien, arbeitet beständig an kleinen Trauerspielen und dramatischen Gedichten: Alexander, Barbarossa, Konradin, Kolumbus oder wieder Wallenstein werden seine Themen, Typen und Helden. Fast scheint es, als habe ihn damals jene historische Krankheit befallen, die er später für lebensfeindlich erklären sollte. Schiller blieb indes nicht zufällig Referenzpunkt für eine monumentalische Art der Historie. Die gehöre, wie Nietzsche in der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" (1874) ausführte, „vor allem dem Tätigen und Mächtigen", dem, „der einen großen Kampf kämpft, der Vorbilder, Lehrer und Tröster braucht und sie unter seinen Genossen und in der Gegenwart nicht zu finden vermag." Nietzsches aufsteigendes eigenes „Unbehagen an der Kultur", wie seine Beschäftigung mit der Geschichte als beständige Suche nach sich selbst, finden im Anderen eine Projektionsfläche.

Aus den „Portenser"-Stoffen klingen aber auch noch die Hoffnungen auf einen kleindeutschen Nationalstaat. Gelegentlich werden Fermente eines frühliberalen Gesellschaftsbildes sichtbar. So ist man durch eine Notiz des 17-Jährigen am Vorabend des preußischen Verfassungskonflikts von 1862 an Schillers Distichon über die „Würde des Menschen" von 1796 erinnert: „Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen;/ Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst." In ähnlich forderndem Tonfall wähnt der junge Nietzsche nun den Staat glücklich, in dem „Gleichstellung Aller, Gütergemeinschaft u. strenges Christentum" vorherrschten. Er formuliert dafür drei sociale Grundsätze: Für jeden Mann muß es eine Frau geben [...]. Jeder Mensch muß die seinen Fähigkeiten am meisten entsprechende Beschäftigung treiben können. Jeder Mensch muß ein seiner Familie und seiner Arbeitsfähigkeit angemessenes Vermögen haben. Die Vereinigung dieser Grundsätze muß den Menschen glücklich machen." Höchst erstaunlich hört sich so etwas aus dem Munde dessen an, der später jedes Gleichheitspostulat – sei es nun christlich oder sozialistisch – als Illusion und eben idealistische Falschmünzerei ablehnen wird.

Noch in die beginnenden 1860er Jahre fällt Nietzsches Lektüre der Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen" (1793/94), die insbesondere seine Tragödienschrift (1872) mit ihrem dionysischen Welt- und Lebensentwurf stark beeinflusst haben. Im Mittelpunkt steht der handelnde, auch Zwangslagen widerstehende Mensch, der sich als Spieler und Tänzer Freiheitsräume erschließt. Wo fortan vom „Schillerschen" die Rede ist, meint Nietzsche „Erziehung durch Kunst". Dazu gehört auch das antike Motiv der „Künstler im Wettkampf", für das ihm die „Goethe-Schiller-Kultur" solange das ideale Exempel bot, bis sie im „Reich" zum „Ruhebett deutscher Bildung" verkam. Schillers Idee einer durch schönen, fairen Umgang des eingreifenden Künstlerpolitikers zivilisierten Gesellschaft, die fremde Freiheit schont, während sie eigene zeigt, konnte nicht bestehen. Ebenso wenig wie dessen Apologie einer guten, aufgeklärten Herrschaft, die sich auf Weisheit stützt. So wird auch die am Schluss der Tragödienschrift noch angestellte Überlegung bald verworfen, dass Schiller, wäre er nur älter geworden, Führer und Erzieher der Burschenschaft hätte sein können. Ein „Abgott der Zeitgenossen", wie uns Nietzsche später wissen lässt, wäre er in jedem Fall geworden – nun aber auch derer, die ihr Denken und Fühlen in Iffland und Kotzebue und einem die Fortschrittsgläubigkeit ironisierenden ästhetischen Konservativismus wiederzufinden meinten.

 

Für den jungen Nietzsche war der „Idealist Schiller" noch ein geistiger Führer.

 

Tugendhafter Bürger in Verdacht

Unmittelbarer zündete beim jungen Nietzsche die politische Botschaft der aus der Erfahrung der französischen Terreur verfassten Briefe Schillers an seinen Kopenhagener Mäzen, den Prinzen von Augustenburg: Das revolutionäre Freiheitsstreben desavouiert sich im Kampf gegen die Herrschsucht selbst durch Inhumanität. Damit werden nicht nur das Ideal des heroischen Freiheitshelden, sondern auch das des tugendhaften Bürgers verdächtig. Das Schillersche Paradox aufgreifend und mit dem Theodizee-Problem spielend, verarbeitete Nietzsche 1862 die Hinrichtung Ludwigs XVI. in einer kühnen Konstruktion: „Für anderer Sünden ist entquollen/ Dein frommes Blut, des Henkers Hohn,/ Und sterbend ist dein Wort erschollen,/ Daß du verzeihst und gnädig bist/ Dem Volk der Revolution./ So sprach der Freiheit größter Sohn,/ Der Sansculotte Jesus Christ." In der Ablehnung revolutionärer Gewalt wie im Misstrauen gegenüber Mehrheiten weiß Nietzsche sich mit Schiller grundsätzlich einig. Nur der „Meister kann die Form zerbrechen", heißt es bekanntlich im „Lied von der Glocke". Und noch schlagender wird im „Demetrius" die Absage an eine, zumal exportierte Demokratie: „Der Staat muß untergehen, früh oder spät,/ wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet." Was bei Schiller mit Blick auf den Charakter des demos aber eher unentschieden bleibt und lediglich als temporäre Enttäuschung erscheint, wird bei Nietzsche zur festen Gewissheit: „Heerde" und „Hornvieh", wie er sagt, können weder durch Schönheit noch durch Revolution und schon gar nicht durch einen übermächtigen Sozial-, respektive Kontrollstaat zur „Freyheit" geführt werden. Hinter der revolutionären Erhebung und allem Getöse von Menschenwürde und Gerechtigkeit – die frühliberalen Jugendträume sind verflogen – ist für Nietzsche nichts als der Geist des Ressentiments und ein Gefühl, zu Unrecht minderbemittelt zu sein: „Bin ich eine Kanaille, so solltest du es auch sein: auf diese Logik hin macht man Revolutionen."

Kosmopolitische Gesinnung

Dauernde Übereinstimmung, auch wenn Schiller nur im Geiste Weltbürger sein konnte, findet sich hingegen in einer kosmopolitischen Grundgesinnung, die hier wie dort bei Verneinung der eigenen Zeit mit einer Bejahung großer Vergangenheiten, vor allem der Griechen, zusammenfiel. So fühlt sich zum Erscheinen der „Genealogie der Moral" (1887) ein Rezensent unter Hinweis auf die gleiche Sehnsucht beider Autoren nach der versunkenen Welt der Antike an Schillers „Götter Griechenlands" erinnert. Während bei Schiller der „Gute alte Zeit"-Komplex das Altertum als Denkmodell und Konstrukt kultureller Reflexion zu reaktivieren sucht, das allein im Medium der Kunst vergegenwärtigt werden könne. So gewinnt der Rekurs auf antike Vorbilder – die „Vaterordnungen" – beim reifen Nietzsche ein greifbares politisches Profil. Das attische Politikverständnis und dessen institutionelle Grundlagen werden zum Vorbild, an dem sich die Kritik am Demokratisierungs- und Nationalstaatsbildungsprozess des 19. Jahrhunderts bemisst. Was Schiller in den „Augustenburger Briefen" nur vage andeutet: Der Mensch sei bloßer Empfänger der Gesetze, mit dem Staat verbunden durch „Repräsentation aus der zweyten Hand", durch Arbeitsteilung zerstreut und entfremdet, konkretisiert Nietzsche unter Verweis auf die griechische Polis und macht damit zugleich die Gegenrechnung zu nivellierenden und zentralisierenden Tendenzen seiner Zeit auf. In anderer Weise aggressiv als Schiller, streicht Nietzsche die Unvereinbarkeit der Gegenwarts-Kultur mit dem griechischen Altertum heraus.

So kann es für den späten Nietzsche auch kein Zurück mehr geben zu Schillers Helden, zumindest nicht in einem moralisierenden und didaktischen Sinn. Insoweit mag der eingangs zitierte „Moraltrompeter" seinen Sinn haben, wenn er nicht überhaupt nur eine der vielen Verrätselungen ist, mit denen der späte Nietzsche irritiert. Zuletzt galt die Kritik vielleicht nicht einmal Schiller selbst, sondern richtete sich vielmehr gegen eine neue nationalpädagogische Verwertung seiner Stoffe und seiner selbst, etwa als Vordenker der Reichsgründung, durch die Sedan-seligen Bildungsphilister. Die Künstler und guten Europäer – Helden, wie sie Nietzsche antizipiert – sind aus anderem Holz. Als kühle Beobachter der Zeit „überschauen sie die Vernichtung der Religion und Metaphysik, Noblesse und Individual-Bedeutung", leben hinter den Ereignissen und bleiben – vorerst zumindest – in Deckung. Sie meiden die Feuerzonen und wollen weder Bürger noch Politiker oder Besitzer sein: „Pfui über die, welche sich jetzt zudringlich den Massen als ihre Heilande anbieten! Oder den Nationen! Wir sind Emigranten."

Im „Ecce homo" projiziert Friedrich Nietzsche die Krise des Helden dann auf sein eigenes Naturell: „Ich bin das Gegenteil einer heroischen Natur." Trifft dies am Ende nicht auch auf Schillers Wilhelm Tell zu, den Mann und das „Drama der Widerstandbewegung", wie Rolf Hochhuth meinte. Es mag ja sein, dass der Stoff, dem vor Schiller bereits die Französische Revolution huldigte, den Anspruch der Nation auf politische Freiheit und den patriotischen Willen auch des Individuums gegen jede Unterdrückung vermittelt. Aber ist Tell selbst – wenn überhaupt – nicht doch nur ein Freiheitsheld wider Willen? Während ihm am Schluss das Volk zujubelt und die Herrschaft ihre Knechte frei gibt, geht er schweigend von der Bühne. Wohin? In einen arkadischen Naturzustand, wo fremde Stimmen ihn nicht mehr scheuchen? Dann könnte man ihm noch nachträglich Nietzsches Selbstgespräch des „Einsamen" in den Mund legen: „Verhasst ist mir das Folgen und das Führen./ Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren!/ Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken:/ Und nur wer Schrecken macht, kann Andre führen [...]." Nun ist Tell nicht identisch mit seinem Schöpfer, aber darin zumindest, dass sie keine Führer sein wollten und ihrer nicht bedurften, waren auch Schiller und Nietzsche sich einig.

Matthias Steinbach

 

Später blickte Nietzsche nur noch auf Schiller hinab. Schiller war für ihn „Theatermaestro", „Attitüden-Held" und „Moraltrompeter von Säckingen".

Foto: Archiv

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang