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Der Brotgelehrte im Bologna-Prozess

Prof. Walther über die Aktualität von Schillers Gelehrteneinteilung

Das glauben wir alle recht gut zu wissen: Friedrich Schiller hätte nie an einer reformierten Universität Jena des Jahres 2005 mit ihren gestuften Bachelor- und Master-Studiengängen lehren können. Grundfalsch! Wir haben es uns nur seit langem angewöhnt, seine Jenaer Antrittsvorlesung vom 26. Mai 1789 ernst zu nehmen. Wollte Schiller mit ihr seinen Hörern doch verdeutlichen, dass er nicht der Universität Jena als effizienter Vermittlungsinstitution von Gebrauchswissen angehörte, sondern der unter gleichem Namen laufenden parallelen Exzellenz-Universität? „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" benannte seine Vorlesung zwar der neue außerordentliche Professor der Philosophie. Aber haben wir nicht übersehen, dass er auf die Geschichte erst am zweiten Abend zu sprechen kam, als er mit bewusst anspruchsvollen Ausführungen schon die Hälfte seines Publikums vergrault hatte? Ganz planvoll! Denn schon Monate zuvor hatte er einem Freund mitgeteilt, dass er sich an der Universität über Universalgeschichte eigentlich nur privat äußern wolle. Das kann doch nur im Klartext heißen: Am Abend des 26. Mai sprach einer, der seinen Lebensunterhalt seit 1782 mit historischer Schriftstellerei verdiente, darüber, dass er eigentlich gar kein Brotgelehrter sein wolle, als den ihn die Universität berufen habe, sondern lieber ein philosophischer Kopf.

Die im Titel erwähnte Universalgeschichte diente nur dazu, den in Jena lehrenden Ordinarius für Geschichte Christoph Gottlob Heinrich zu ärgern – was schnell gelang. Auf Wunsch Heinrichs bescheinigte die Fakultät Schiller, dass er als Professor der Philosophie, nicht der Geschichte installiert worden sei. Damit hatte der Brotgelehrte Schiller erreicht, dass ihm die Institution, die ihn als Brotgelehrten verpflichtet hatte, bescheinigte, dass er vielmehr ein philosophischer Kopf sei.

Zwar kündigte Schiller entsprechend dieser Verpflichtung zunächst bis 1793 weiterhin Vorlesungen zur Geschichte an. Er hielt sie aber zumeist nicht, sondern stattdessen lieber philosophisch-ästhetische Privatkollegs. Das hinderte ihn aber nicht daran, weiterhin als historischer Schriftsteller und Verfasser historischer Dramen zu arbeiten. Zusätzlich lie er sich als philosophischer Kopf eine jährliche Zuwendung von Herzog Carl August zahlen. 1794 ersetzt ein Karl Ludwig Woltmann Schiller als akademischen Lehrer der Geschichte in Jena.

So berief man also 1789 in Jena einen „Seiteneinsteiger" zum Professor, konnte mit seiner Exzellenz auf Außenwirkung setzen, ohne ihm ein Gehalt zu zahlen. Er lebte als „Brotgelehrter" und lehrte seine Studenten, dass sich anspruchsvoller Umgang mit Geschichte nicht als Grundlage für eine spätere Berufstätigkeit eigne, sondern nur als Bildungsgrundlage. Denn Schillers Universalgeschichte war natürlich etwas anderes als die vom Ordinarius für Geschichte Heinrich gelehrte Faktengeschichte. Ganz anders dachte sich Schiller die Funktion seiner Universalgeschichte. Sie sollte den Studenten die Notwendigkeit einer historischen Orientierung aller Wissenschaften vermitteln, also in das geschichtliche Denken schlechthin und in die Methodik historischer Betrachtung einführen. Nur so sei die Brücke zwischen den subjektiven Berichten über den „Gang der Geschichte" und dem objektiven „Gang der Welt" zu finden. Der philosophische Verstand stelle die Verbindungen zwischen den historischen Bruchstücken her und mache sie zum zusammenhängenden Ganzen. Auf diese Weise trügen alle vorhergehenden Zeitalter bei, die Gegenwart zu einem menschlichen Jahrhundert zu machen.

Geschichte als Gebrauchswissen

Aber, wie gesagt, das war die Aussage des philosophischen Kopfes Schiller. Als Brotgelehrter an der Universität kann man dies nur im privaten Kreise lehren oder in anspruchsvollen historischen Büchern wie der nun in Jena entstehenden „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" und historischen Dramen der Öffentlichkeit präsentieren. Christoph Gottlob Heinrich wusste, dass Geschichte als akademische Lehre ausschließlich in einer Verwendung der Lehrinhalte außerhalb der Universität als Gebrauchswissen interessierte.

Kann man sich Schiller inmitten einer modularisierten Lehruniversität mit ihrer effektiven Vermarktung von Gebrauchswissen vorstellen? Ja! Denn er war geschickterweise nicht an sie, sondern ans gleichnamige Parallelunternehmen Exzellenz-Universität berufen, in dem hoch qualifizierte Forscher hoch qualifizierte Studenten in die Exzellenzforschung einführen. Wie die alte Universität Jena könnte sich die künftige des Bologna-Prozesses loben, mit dem Seiteneinsteiger Schiller – und seinen einem Bachelor- oder Mastergrad entsprechenden Studien an der Militärakademie Solitude – jemanden mit einem berufsqualifizierenden Abschluss berufen zu haben. War er vielleicht eher ein Studienabbrecher, der gerade nicht mit dem im Studium Erlernten seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller mehr schlecht als recht bestritt?

Das war der Trick der Weimarer Universitätsreform um 1800: Die alte Universität des Gebrauchswissens in der Außenwirkung zu einer das Ansehen der Alma Mater hebenden Exzellenz-Universität durch junge Nachwuchswissenschaftler zu (v)erklären, die kaum etwas kosteten, sich vielmehr über Studiengebühren und Drittmittel finanzierten.

Schillers Antrittsvorlesung ist also geeignet darüber nachzudenken, dass die Unvereinbarkeit der Prinzipien von Bologna-Universität und Exzellenz-Universität bereits einmal verkleistert wurde, bis nach 1806 der politische wie wissenschaftspolitische Offenbarungseid zugleich fällig war. Weimarer Hof und der Geheime Rat Goethe wollten die Exzellenz Schillers an der Universität als Ornat. Damals ließen sie freilich die Besoldungsstruktur der Ordinarien und die Universitätsordnung unberührt, so dass die Philosophische Fakultät die Weimarer Regierung und die der anderen drei thüringischen Erhalterstaaten diese Personalergänzungspolitik meist gern treiben ließ. Sie akzeptierte mit Schiller einen akademisch Vorgebildeten, wenn er sich den Formalien fügte. Seine „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung" galt als akademische Qualifikationsschrift und er konnte „Magister artium et doctor philosophiae" promoviert werden.

Als philosophischer Kopf suchte Schiller freilich an der Jenaer Universität die Exzellenz-Universität und fand doch größtenteils nur die Brotgelehrten der Bologna-Universität. „Aus der Geschichte erst werden Sie lernen, einen Werth auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben", riet Schiller im Mai 1789 seinen Studenten.

2005 sind wir zwischen Workload und Gebrauchswissensvermittlung und der Notwendigkeit, die Universität als Institution der Erkenntnis zu erhalten, hin- und hergerissen. Vergessen wir nicht, der Namensgeber unserer Alma Mater hielt es nicht allzu lange als akademischer Lehrer in Jena aus. Weil er ein philosophischer Kopf war – aber nicht nur. Taugt jegliche Universität letztlich nur für Brotgelehrte?

Prof. Dr. Helmut G. Walther fragt, ob Schiller selber denn nun „Brotgelehrter" oder „philosophischer Kopf" war – und welchen Schiller die heutige Universität bevorzugen würde.

Foto: Archiv

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:32:50   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang