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Strafe als Besserungsmittel

Schiller und das Recht

Rechtliche Gegenstände und die Behandlung rechtlicher Probleme kommen in Schillers Werken allenthalben vor. In den Dramen und Erzählungen, den Gedichten, den historischen und theoretischen Schriften Schillers spielt das Recht, namentlich das Strafrecht und das Staatsrecht, eine geradezu dominierende Rolle. Wie ist das zu erklären?

Man hat es auf ein besonderes Interesse Schillers am Recht zurückgeführt. Doch ein solches Interesse lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht erkennen. Es sind vielmehr Schillers Rollen und Perspektiven als Dramatiker, als Psychologe, als Freiheitsenthusiast und Aufklärungsidealist sowie als Kunsttheoretiker, die ihn immer wieder auf rechtliche Gegenstände und Probleme führen.

Als Dramatiker bevorzugt Schiller große Charaktere, darunter vor allem erhabene Verbrecher. In seinen kunsttheoretischen Schriften hat er ausführlich über deren ästhetische Brauchbarkeit" reflektiert. Die Strafe als schicksalhafte Vergeltung (Nemesis) enthält ihrerseits dramatisches Potenzial: Als unheilvoll-furchtbare Macht erweckt die Nemesis den Eindruck des Erhabenen; den Verbrecher überwältigt sie und verleiht ihm dadurch tragische Größe. Für all dies stehen etwa „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua", „Wallenstein" und „Die Braut von Messina". Der Verbrecher interessiert auch den Psychologen Schiller; und zwar nicht nur im Drama, wo die Verbrecherpsyche Gelegenheit zur Gestaltung großer Seelenauftritte gibt (z. B. im „Fiesco"), sondern auch in der Erzählung, in der Schiller den psychischen Triebfedern und sozialen Ursachen des Verbrechens nachspürt und zu Ergebnissen kommt, welche die Erkenntnisse moderner Kriminalätiologie vorwegnehmen – so in der Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre".

 

 

Strafe im Sinne der Aufklärung

Die Sicht auf die Verbrechensursachen hat für Schiller Konsequenzen für die Sicht auf die Strafe. Sieht man die Ursachen des Verbrechens wesentlich in gesellschaftlich bedingten seelischen Konflikten und Deformationen, so folgt hieraus eine Strafkonzeption, die weniger auf die Tat als auf den Täter abstellt, die nicht so sehr die Vergeltung für das begangene Verbrechen wie die Besserung des Täters und seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft sowie seine Versöhnung mit den Gesetzen im Auge hat. Eben diese Auffassung der staatlichen Strafe als Besserungs- und Resozialisierungsmittel entspricht auch dem Menschen- und Staatsbild der Aufklärung. So kommen der Dramatiker Schiller auf der einen, der Psychologe und Aufklrer Schiller auf der anderen Seite zu gegensätzlichen Strafkonzeptionen.

Rechts- als Kunststruktur

Gedanken von Recht und Gerechtigkeit, von juristischer Schuld und moralischer Sühne, von gelungener Schuldaufarbeitung und gescheiterter Selbstrechtfertigung werden im Drama „Maria Stuart" in These und Antithese, in Parallelen und Spiegelungen und in komplementär-symmetrischem Aufbau des Stückes dramaturgisch kunstvoll gestaltet. Eine Affinität Schillers zu strafrechtsdogmatischen Strukturen wird überraschend bei einer Analyse der 4. Szene des Ersten Aktes sichtbar. Das dort von der Amme Hanna Kennedy zugunsten Marias gehaltene Plädoyer folgt bis ins Detail einer Systematik, in welche die heutige Strafrechtswissenschaft den Begriff der Straftat aufgliedert (Tatbestandsmäßigkeit, Rechtswidrigkeit, Schuld, Strafzumessung). Doch sind es in Wahrheit nicht die Strukturen des Rechts, deren Konzeption zu Schillers Zeit auch gar nicht der heutigen Auffassung entsprach, sondern die Gesetze des Dramas – der dramatischen Steigerung –, denen Schiller in der Ausgestaltung der Verteidigungsrede der Amme folgt. Nicht juristisches Interesse oder rechtliche Informiertheit, sondern Künstlertum ist es auch hier, was Schiller zum Recht führt.

Den Aufklärer und Freiheitsenthusiasten Schiller interessieren das Verhältnis zwischen Individuum und Staat und von daher die verschiedenen Staatsformen und Staatsverfassungen. Seinen staatstheoretischen Ausgangspunkt formuliert Schiller in der Schrift „Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon". Der Staat ist hiernach nicht Selbstzweck, sondern „eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann". Der Zweck der Menschheit aber ist „kein andrer als Ausbildung aller Kräfte des Menschen". Hindert eine Staatsverfassung, dass die im Menschen liegenden Kräfte sich entwickeln, so ist sie verwerflich und schädlich". Schillers Auffassung von der Republik als freiheitlicher Regierungsform, die ihm durch die Lehren Montesquieus und Rousseaus vermittelt ist, findet in den Dramen „Fiesco" und „Don Carlos" bekenntnishaft Gestalt. Die naturrechtliche Grundlage republikanischer Staatlichkeit und ein daraus sich ergebendes Recht zum Widerstand gegen ein despotisches Regime bis hin zum Tyrannenmord sind Thema im „Wilhelm Tell" und im „Don Carlos". Bemerkenswerte und noch heute gültige Gedanken zu Gefahren, die der freiheitlichen Ordnung und den Menschenrechten drohen, wenn Einzelne versuchen, Menschheitsbeglückungsideale unvermittelt und auf „abgekürztem Weg" in die Wirklichkeit umzusetzen, enthalten die „Briefe über Don Carlos". Der Idealist Schiller weiß um die Ambivalenz des Idealismus.

Schillers Ideal ist das von ihm „Vernunftstaat" genannte Gemeinwesen, in dem allein das Sittengesetz herrscht und wahre Freiheit die Grundlage der politischen Verbindung bildet. Von diesem Vernunftstaat und seinen anthropologischen Voraussetzungen handeln Schillers Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen", die eben damit nicht nur eine Ästhetik, sondern wesentlich ein politisches Programm enthalten. Den Menschen, den der Vernunftstaat erfordert, gibt es noch nicht. Auch die Aufklärung und die Französische Revolution haben ihn, so Friedrich Schiller, nicht hervorgebracht.

Um zu einer moralischen Staatsverbesserung zu gelangen, ist eine Verbesserung der Menschheit nötig. Das Werkzeug, das diese allein bewirken kann, ist die schöne Kunst, „weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert". Es ist also die in der ästhetischen Erfahrung vermittelte Form der Freiheit, welcher der Vernunftstaat im Sinne Schillers entspricht. Der so verstandene Staat ist ein herrschaftsfreier Raum, in dem Machtstrukturen sich nicht mehr bilden können. Durch den Weg der ästhetischen Erfahrung hat der Staat sich selbst aufgehoben. Der Staat – und mit ihm das Recht – ist verschwunden.

Udo Ebert

 

 

Wilhelm Tell schießt seine Pfeile auch auf der naturrechtlichen Grundlage republikanischer Staatlichkeit und eines sich daraus ergebenden Rechts zum Widerstand gegen ein despotisches Regime – bis hin zum Tyrannenmord.

Foto: Archiv

 

 

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang