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„Tell unsers teutschen Vaterlandes“

Schillers Drama von 1804: Literatur und Leben

Die von der Theaterdirektion umgesetzte Streichung einer Schlüsselszene in der „Tell"-Aufführung am Weimarer Hoftheater am 1. Dezember 1804 mag heute befremdlich erscheinen. Damals jedoch war ein solcher, auch mit dem Dichter abgestimmter Schritt mit Blick auf den hohen Ehrengast der Veranstaltung verständlich bzw. unumgänglich.

Es handelte sich dabei bereits um die achte in der Reihe der erfolgreichen Aufführungen von Schillers „Wilhelm Tell" in jenem Jahr, die am 17. März ihren glanzvollen Auftakt gefunden hatte. Der Abend des 1. Dezember 1804 sollte ganz im Zeichen der künftigen Landesherrin, der russischen Kaiserschwester Maria Pawlowna, stehen. Sie hatte erst wenige Wochen zuvor an der Seite ihres Gemahls, des Thronfolgers Carl Friedrich, ihren vielumjubelten Einzug in Weimar gehalten. Selbstverständlich wollte man sich vor der „Fürstin aus dem Osten" mit dem neuesten Schauspiel des Dichters der „Räuber" schmücken, doch hätte die Gesamtpräsentation des „Tell" einen sehr bedenklichen Nebeneffekt haben können. Schließlich erfolgte nach dem Drehbuch im 5. Akt die Gegenüberstellung des Schweizer Freiheitshelden mit dem Vatermörder „Parricida". Mit dieser, politischen Zündstoff enthaltenden Schlüsselszene hatte Schiller Tyrannenmord gerechtfertigt. Der Herzog von Schwaben ist nicht nur deshalb ein Vatermörder, weil der ältere Blutsverwandte durch ihn fiel. Er ist es auch deshalb, weil er den Kaiser Albrecht I. ermordet hat, der noch dann im Sinne patriarchalischer Vorstellungen eine Vaterfigur bleibt, wenn er Unrecht tut. War die Szene nach Schillers Intentionen dem Stück immanent, konnte eine solche – so die damalige Meinung – einer Kaisertochter natürlich nicht zugemutet werden. Auch Schiller hat sich diesem politischen Motiv nicht verschließen können.

Noch im April 1804 hatte er gegenüber dem Berliner Theaterdirektor Iffland auf der „persönlichen Erscheinung des Parricida" und dem Monolog in der hohlen Gasse bei der dortigen Aufführung hartnäckig bestanden. Auf Ifflands Fragebogen notierte er dazu: „Parricidas Erscheinung ist der Schlußstein des Ganzen. Tells Mordthat wird durch ihn allein moralisch und poetisch aufgelöst [...] die Hauptidee des ganzen Stückes wird eben dadurch ausgesprochen, nehmlich: Das Nothwendige und Rechtliche der Selbsthilfe in einem streng bestimmten Fall".

Wilhelm Tell in einer alten Illustration.

 

Das Politische als Kunstform

Vom Politischen als Kunstform in Schillers Schauspiel von 1804 sind seitdem immer wieder unterschiedliche Interessengruppen angezogen und inspiriert worden. Die fast alljährlich am Hoftheater vor allem für die Jenaer Studenten veranstalteten Inszenierungen der „Räuber" mit den damit verbundenen „Räuber-Fahrten" stellten eine eher harmlose Form der Schiller-„Applikation" dar. Hingegen führte die Instrumentalisierung des „Tell"-Themas mit seinem Selbsthelfermotiv in dem altdeutsch-patriotischen Kreis in Jena auf einen fatalen Irrweg mit tiefgreifenden Folgen für die deutsche Geschichte bis zum heutigen Tag.

Ein wenig beachtetes Beispiel der politischen Radikalisierung und des modernen deutschen Nationalismus ist die spezifische „Tell-Rezeption" der Jenaischen Burschenschaft in den Jahren 1818 und 1819. Die unter dem Eindruck des restaurativen Rückschlags der „Heiligen Allianz" allgemein vorherrschende Stimmung unter der akademischen Jugend und speziell den Mitgliedern der 1815 in Jena gegründeten „Urburschenschaft" im Jahre 1819 umschrieb ein ehemaliger Aktiver am Ende seines Lebens mit den Worten: „Wohl gingen die Namen von Wilhelm Tell, Charlotte Corday u. a. von Mund zu Munde". Zu diesem Zeitpunkt war damals eine vermeintlich erlösende Tat, die Ermordung des in Mannheim lebenden Erfolgsschriftstellers und russischen Staatsrats August von Kotzebue durch den ehemaligen Jenaer Theologiestudenten Karl Ludwig Sand aus Wunsiedel am 23. März 1819, geschehen. Sie wurde als blutige Abrechnung des nationalistischen Moralfanatismus mit dem „Verräter und Verführer der Jugend" (aus dem Tagebuch Sands) gesehen.

Welches Gedankengut war virulent, um eine solche fundamentalistische Gewaltbereitschaft zu erzeugen? Antworten geben auch die „nachgelassenen Papiere" eines engen Freundes von Sand, die auch eine „Lebensbeschreibung Sands" enthalten: „[...] die Helden unsers Volks aus grauer Vorzeit waren sein Vorbild. Früh hatte er schon die Schweizergeschichte von Johannes v. Müller gelesen, nachahmenswerth hielt er Tell’s und Winkelried’s That. In der freyen reinen Luft des Fichtelgebürgs nährte er Vaterlandsliebe in seiner Brust und befestigte sie unsern Altvorderen gemäß durch Frömmigkeit."

Sand und andere verklärten Tell zur mythischen Gestalt. Und die eigene Verwandlung in die Symbol- und Identifikationsfigur Wilhelm Tell wird zu einem Stück gelebter Wirkungsgeschichte. So wie von Sand wurden von vielen Burschenschaftern die terroristischen Attitüden geteilt. Die idealisierende These, Sand sei „eine einsame radikale Randerscheinung in der Variationsbreite liberaler und nationaler Ideen" dieser Zeit gewesen, bedarf wohl einer gründlichen Überprüfung angesichts der Quellenlage. Die Zahl der geistigen Hintermänner und ihrer Gefolgschaft ist weit zahlreicher als bisher angenommen. So trug Sand auf dem Weg nach Mannheim neben zwei Dolchen, dem Johannesevangelium und anderen Utensilien auch Lieder aus dem von den Brüdern Carl und Adolph Ludwig Follen zum Druck in der „Kröker’schen" Buchhandlung in Jena vorbereiteten Kampfliederbuch „Freye Stimmen frischer Jugend" mit sich. Darin wird Schiller zum deutschen Gesinnungskämpfer erhoben und der Tyrannenmord legitimiert: „Du sangst vom Zwingherrnmord, von Freiheitsleben,/ Von Menschenrechten, Volksherrlichkeit!/ Solang sich Herzen, schwerer frey erheben,/ Lebt Dein Gesang, du Hahn, der Morgenschrey". Im „Bundeslied" (der Schweizer auf dem „Rütli"), das von Carl Follen stammt, erreichte die Auseinandersetzung mit dem politischen Ideengehalt des „Wilhelm Tell" eine neue Stufe: Gefordert wurde nun die Vereinigung von Wort und Tat aus „Überzeugung". Dabei war das Ziel des terroristischen Anschlags seit langem auserkoren worden: Kotzebue. Der unter russischer Schirmherrschaft zunächst in Weimar lebende zaristische Spion, dem nicht nur – wie bisher – öffentliche Ächtung, sondern besser noch, das Schicksal des Landvogts Geßler im „Tell" zuteil werden sollte. Für viele – darunter der Bonner Professor Ernst Moritz Arndt – war er eine „in Weimar ausgeheckte deutsche Schmeißfliege". Vor diesem Hintergrund wurde die Freiheit als unveräußerliches Naturrecht definiert und präventiver Tyrannenmord als legitime Notwehr. In der Beseitigung Kotzebues wurde gleichsam eine fast strategische Notwendigkeit gesehen.

Wilhelm Tell als Tyrannenmörder und Freiheitsheld der „Helvetischen Republik" (1798-1803). Am Boden ein zerbrochenes Joch. Das Rutenbündel in seinen Händen ist das Symbol der Regierungspolitik der Helvetischen Republik: Nur in der straffen Einheit ist man stark. Ein ähnliches fest verschnürtes Rutenbündel findet sich als Helmzier im 1818 entstandenen neuen Wappen der Jenaer Burschenschaft.

Repro aus: Böning (1998)

 

Von der Wahnidee durchdrungen

Allerdings entnahm der Gründer des Darmstädter Turnplatzes Karl Christian Wilhelm Sartorius zwei seiner radikalen „Turnlieder" vorsorglich dem Ränzel Sands. Der als Gymnasiallehrer in Wetzlar lebende Sartorius war es auch, der Sand in ritueller Handlung die langen Nackenhaare schor. Sein letztes Quartier fand Sand im Hause des den Gießener „Schwarzen" nahestehenden Darmstädter Advokaten Karl Heinrich Hofmann. Die geistigen Köpfe der Jenaer Burschenschaft waren jedenfalls von der Wahnidee tief durchdrungen. Das belegt auch eine handschriftliche Eintragung unter dem unmittelbaren Eindruck des Mordes (wahrscheinlich im April 1819) als Beleg für die innere Einstellung in der Ende Februar 1819 erschienenen Schrift „August von Kotzebues literarisches und politisches Wirken": „Er [K.] hat eine andere Gesundheit bekommen! Eine große Geschäftsreise angetreten! In den Himl oder die Hölle."

Bei dieser Bemerkung könnte es sich um eine Anspielung auf das „Demetrius"-Fragment Schillers handeln. Von besonderem Interesse ist auch der fingierte Druckort „Tobolsk" durch den anonymen Verfasser der Schrift. Er rief damit wohl in Erinnerung, was Schiller in seiner unter demselben fingierten Druckort, der sibirischen Stadt Tobolksko, erschienenen „Anthologie für 1782" der deutschen Jugend warnend zurief, als der Dichter der „Räuber" seinem Carl Moor „ein hinreißendes Bild jugendlicher Kraft und kühner Uebertretung der Gesetze und der bürgerlichen Ordnung aufgestellt hatte, dessen Einfluß auf den unerfahrenen Jüngling seinem redlichen Herzen wohl bedenklich werden möchte". Zu dieser Bewertung gelangte der offenkundig literarisch beschlagene leitende Mannheimer Untersuchungsrichter, Staatsrat von Hohnhorst, nach seinen Verhören von Follen und Sand. Wie Hohnhorst aus den Untersuchungsakten zitiert, wurde letzterer von einem „Frauenzimmer aus der Schweiz" in einem Brief euphorisch als „Tell unsers teutschen Vaterlandes" bezeichnet.

Gerechtfertigter Tyrannenmord

Die „Tell"-Fehlinterpretation der Jenaer Burschenschaft lag ganz auf der Linie von „Turnvater Jahn" in Berlin, einem ihrer geistigen Ziehväter. Wie der Historiker Georg Gottfried Gervinus im zweiten Band seiner Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts seit den Wiener Verträgen" (Leipzig 1856) mitteilt, habe der Deutschtumsideologe nach dem Mord im Gespräch empfohlen, „Johannes Müller über Tell, und Cicero über die Tödtung Cäsars zu lesen." In der Tat geht aus dem von der preußischen Polizei beschlagnahmten Tagebuch eines Berliner Turners und späteren Schulamtskandidaten hervor, dass er Derartiges aus dem Munde Jahns unmittelbar nach dem Mord am 29. März 1819 vernommen hat. Das Urteil über diese historische Analogie mag der Fachwelt überlassen bleiben. Jedenfalls war auch Cicero bemüht, die Rechtmäßigkeit des Tyrannenmordes an Caesar, dem Zerstörer der alten Republik, zu rechtfertigen. Das moralische Recht des Tyrannenmords beruhte auf der Bejahung der gewaltsamen Selbsthilfe „in einem streng bestimmten Fall".

Die im 19. Jahrhundert in Deutschland vorwaltende Tendenz, in Schillers „Tell" ein philosophisch schlüssiges Freiheitsdrama zu suchen, beginnt bei der Jenaer Urburschenschaft. Diese vertrat mehrheitlich die zeitbedingte bedenkliche Ideologie auch dann noch, als die von Metternich durchgepeitschten „Karlsbader Beschlüsse" vom Deutschen Bundestag in Frankfurt verabschiedet und die so genannten „Demagogenverfolgungen" eingesetzt hatten. Sand erschien dadurch als „Märtyrer" und Opfer einer autoritären, rückwärtsgewandten Politik der Großmächte. Auf dem Weg von Jena in die Heimat Tells, die Landschaft Schillers am „Rütli", notierte einer von ihnen im Oktober 1819 in das Fremdenbuch der Wartburg, dem Ort des historischen Studententreffens von 1817, unter der Eintragung seines inhaftierten und seiner Hinrichtung entgegensehenden Kameraden Sand vom 12. März: „Viel düstre Wolken trüben noch Teutschlands Morgenroth – Das Vaterland, Ihr Lieben, bedarf noch manchen Tod!"

Thomas Pester

 

Vierwaldstätter See: „Ich bin befreyt".

Koloriertes Aquatintablatt von Christian Gottlob Hammer nach Carl Ludwig Kaaz (um 1810)

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang