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Schlüssel zu Schillers Wortschatz

Das Schiller-Wörterbuch setzt neue Maßstäbe

Es ist durchaus keine Übertreibung, wenn man sagt, dass die Sprache Friedrich Schillers bisher noch unerforscht ist. Ein deutliches Indiz dafür ist die Tatsache, dass das Sachregister des renommierten, fast 1000 Seiten umfassenden „Schiller-Handbuchs" von Helmut Koopmann (1998) zum Stichwort „Sprache" lediglich zwei Seitenangaben bietet (die auf stilistische, nicht grammatische Fragestellungen führen); die Stichwörter „Syntax", „Semantik" oder „Grammatik" kommen in diesem Werk überhaupt nicht vor.

Arbeiten zu Schillers Sprache beziehen sich in aller Regel auf Stil- oder Rhetorikuntersuchungen, die eine präzise und detaillierte Auseinandersetzung mit dem Material vermissen lassen. Die seit 1900 immerhin für das Gebiet der Wortforschung einsetzende Detailuntersuchung ist offensichtlich für die gegenwärtige Sprachforschung ohne Folgen geblieben. Und eine tatsächlich linguistische Auseinandersetzung mit der Schillersprache steht noch aus.

Dafür sind im 21. Jahrhundert natürlich auch technische Hilfsmittel zu nutzen. Die lizensierte Internet-Ausgabe der Schiller-Nationalausgabe durch Chadwyck-Healey bietet jedoch nur den Primärtext sowie den kritischen Apparat und hat gegenüber der gedruckten Ausgabe daher lediglich den Vorteil einer Volltextsuche – die aber natürlich nur dann eine Hilfe ist, wenn der Nutzer genau weiß, was er suchen muss. Generelle Defizite, auch für die Internet-Ausgabe des Schiller-Corpus, sind

– die mangelnde Einheitlichkeit der Annotationsstandards,

– die eingeschränkte Zugänglichkeit vieler dieser Korpora,

– das Fehlen komplexer Such- und Recherchemöglichkeiten, die dem Benutzer die Texte erschließen.

Abhilfe schafft hier das Schiller-Wörterbuch, das an der Friedrich-Schiller-Universität Jena 1997 begonnen wurde. Es schlüsselt als Autorenwörterbuch, vergleichbar dem Goethe-, Luther- oder Kant-Wörterbuch, den Wortschatz Friedrich Schillers vollständig auf und informiert umfassend über etwa 32000 Wörter. Es erscheint 2006 in einer Print-Version und auf CD-ROM beim Verlag Walter de Gruyter (Berlin/New York).

Bislang sind bei vergleichbaren Wörterbuchprojekten technische Hilfsmittel noch nicht systematisch und effektiv verwendet worden. Die bisherigen Projekte basieren auf umfangreichen Karteikarten-Sammlungen, was die Laufzeit natürlich entsprechend verlängert: Das 1949 begonnene Goethe-Wörterbuch, an dem insgesamt 17 Mitarbeiter in drei verschiedenen Dienststellen arbeiten, ist derzeit bis zum Stichwort „Gesäusel" gediehen und wird gegen 2050 abgeschlossen werden. Dagegen ist das Schiller-Wörterbuch von Anfang an als computergestütztes Projekt angelegt worden und wird dadurch eine Gesamtlaufzeit von nur etwa acht Jahren haben. Es setzt daher auch in arbeitstechnischer Hinsicht neue Maßstäbe.

 

 

Hilfsmittel der Forschung

Das Schiller-Wörterbuch ist ein unentbehrliches Hilfsmittel für alle Forschungen, die sich mit Schiller, der Sprache und Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts, speziell der Weimarer Klassik, und mit der Geschichte der deutschen Sprache befassen. Denn es ist durchaus nicht so, dass Schillers Sprache mit dem Neuhochdeutschen der Gegenwart deckungsgleich wäre. Vielmehr hat sich die deutsche Sprache in den vergangenen 200 Jahren in vieler Hinsicht verändert, und es kann zu beachtlichen Fehlinterpretationen kommen, wenn dies nicht berücksichtigt wird.

Dafür ein Beispiel:

Im „Don Karlos" II/5, 1155-1159 (letzte Ausgabe von 1805) sagt der Titelheld:

„Er ist da, / Der große schöne Augenblick, der endlich / Des hohen Pfundes Zinsen von mir fordert: / Mich ruft die Weltgeschichte, Ahnenruhm, / Und des Gerüchtes donnernde Posaune."

Der Kommentar zur Schiller-Nationalausgabe deutet das Wort „Gerücht" als hyperkorrekte Schreibung für „Gericht" und gibt die Bedeutung an der vorliegenden Stelle als „Jüngstes Gericht, Weltgericht" an. Das ist aber im Kontext durchaus unpassend. Anhand des Schiller-Wörterbuchs kann man nun leicht feststellen, dass erstens Schiller die Schreibungen für „Gericht" und „Gerücht" immer auseinander hält. Zweitens hat der Ausdruck „des Gerüchtes donnernde Posaune" eine Parallele in der „Posaune der Fama", vgl. z. B. NA 20/89:

„o so zerreiße deinen unsterblichen Lorbeer, Thalia, laß deine Posaune von ihr schweigen, ewige Fama!".

Und drittens hat „Gerücht" bei Schiller nicht unbedingt die abwertende Konnotation „haltloses Gerede", sondern bezeichnet wertfrei etwas, das gesagt wird, aber noch nicht bestätigt ist, vgl. z. B. Don Karlos III/7, NA 7/293 (Rigaer Fassung von 1787):

„Marquis von Posa? – Das ist ia der kühne Maltheser ihro Maiestät, von dem das Gerücht die unerhörte That erzählte."

Don Karlos geht es an der vorliegenden Stelle also nicht um die ewige Seligkeit, sondern um seinen durchaus irdischen Heldenruhm.

Im Schiller-Wörterbuch wird jedes Lemma paraphrasiert, ins Englische übersetzt und in drei verschiedenen Artikelabschnitten semantisch, morphologisch und syntaktisch untersucht. Drei gesonderte Abschnitte informieren über Wortbildung, weitere Ableitungen des behandelten Wortes und über Unterschiede zum modernen Sprachgebrauch, die auf der Basis des Duden-Universalwörterbuchs ermittelt werden.

Die Lexikonartikel informieren also über die Bedeutung, Verwendungsweise, Belegfrequenz und kontextuelle Funktion aller Wörter in Schillers Sprache. Aus praktischen Gründen wird jeder Lexikonartikel in sechs verschiedene Felder gegliedert, für die dann jeweils 10-12 verschiedene Suchkriterien vorgegeben werden können.

Rosemarie Lühr

 

Über Schillers körperliches Wachstum wissen wir viel, über das „Anwachsen" seiner Sprache und seines Wortschatzes wird das Schiller-Wörterbuch erstmals umfassend informieren.

Abbildung: Archiv

 

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang