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Allerlei Spiele

Anmerkungen zu Schillers ästhetischer Erziehung

„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Schillers Wort aus seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen" (1795) ist berühmt. Es ist so berühmt, dass es vielleicht schon reichlich abgegriffen wirkt – wie die nicht mehr ganz taufrische Sentenz eines „Klassikers" eben, die man zum Feiertag gerne zitiert und dann wieder auf sich beruhen läßt. Nun haben es Sentenzen üblicherweise an sich, dass man ohne weiteres versteht, wovon die Rede ist. Deshalb nickt man ja dazu und ist zugleich froh, nur bisweilen an solche Weisheiten erinnert zu werden. Aber ist das genau besehen bei Schillers Wort der Fall? An welche Spiele ist denn hier eigentlich gedacht?

 
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist", schreibt Schiller – doch er meint nicht, dass Kinder spielen dürfen, während Erwachsene arbeiten müssen. Foto: Archiv

Die erste Assoziation, die sich beim „Spielen" vermutlich einstellen dürfte, ist die des Kinderspiels. Erwachsene müssen arbeiten, während Kinder spielen dürfen – diese Vorstellung liegt nahe, sie ist hier jedoch auf keinen Fall gemeint. Zwar hat Schiller seine ästhetische Erziehung tatsächlich vor die Folie der modernen Arbeitsgesellschaft gerückt. Als einer der ersten hat er das Phänomen der Arbeitsteilung analysiert und die damit einhergehende Spezialisierung als eine „Zerrüttung" sowohl der einzelnen Individuen als auch des politischen Ganzen beschrieben. „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft." Jürgen Habermas hat nicht zu Unrecht behauptet, dass in solchen Sätzen die Gesellschaftskritik des jungen Marx vorweggenommen sei.

Mit der Verklärung angeblich unschuldigen und harmonischen Kinderglücks hat Schiller gleichwohl nichts im Sinn. Kinderspiele erlösen aus der gesellschaftlichen Entfremdung nicht: weder im buchstäblichen, noch im übertragenen Sinne einer stilisierten Rückkehr in vormoderne Verhältnisse. Schiller folgt demnach nicht Rousseau, der uns diese idealtypische Gegenüberstellung von „guter" (Kinder-)Natur und „böser" (Erwachsenen-)Kultur seit dem 18. Jh. bis heute so nachhaltig eingeprägt hat. Trotz vieler Anklänge gehört er auch nicht zu den bedingungslosen Verehrern des antiken Griechenlands, wie es damals im Gefolge des Altertumsforschers Winckelmann Mode war. Der Gang der Dinge war unvermeidlich. Und der moderne Zuwachs an Reflexion und Spezialisierung ist auch ein Fortschritt. Präzise hat Schiller damit verbunden auf den Begriff gebracht, dass die verklärende Sehnsucht nach dem kindlich „Naiven" nichts anderes ist als eine „sentimentalische" Projektion (Über naive und sentimentalische Dichtung, 1796).

 

 

Spiele für Erwachsene?

Also keine Kinderspiele – sondern Spiele für Erwachsene. Und was wären dies für welche? Da es sich um eine „ästhetische Erziehung" handeln soll, liegt nun, als zweite mögliche Assoziation, der Gedanke an die schöne Kunst nicht weit. Dieser Gedanke ist es denn auch, der vornehmlich mit Schillers Projekt verbunden wird. Im Kontrast zur Welt der Arbeit, der Pflicht, der notwendigen und ernsten Erfordernisse des Lebens eröffnet sich in Gestalt der Kunst eine eigene und andere Welt: eine autonome Welt des freien, zwanglosen Spiels. In ihr dürfen wir Erfahrungen machen, die uns, zumindest zeitweilig, vom Druck der Verhältnisse entlasten und die „Bruchstücke" unserer Existenz zu einem harmonischen Ganzen verbinden. Schon Kant hatte das Spezifische der ästhetischen Erfahrung als ein „freies Spiel" unseres Gemüts bestimmt, von ihm hat Schiller den Ausdruck offenbar übernommen.

 
Schiller – hier mit seiner Familie in seinem Jenaer Gartenhaus – sah im Spiel die Chance, in die Erfordernisse des Gemeinsinns einzuüben. Foto: Archiv

Was heißt das nun aber konkret? Wenn das Spiel in die Gegen-Welt der Kunst führen soll, dann ist offenbar gemeint: Wir gehen ins Theater, hören Musik im Konzert, schauen Bilder an im Museum. Das sind ja wohl die Orte und Gelegenheiten, aus dem Alltag herauszutreten, das Schöne in aller Freiheit zu genießen und frische Kräfte zu sammeln. „Wir verlassen eine schöne Musik mit reger Empfindung, ein schönes Gedicht mit belebter Einbildungskraft, ein schönes Bildwerk und Gebäude mit aufgewecktem Verstand", so schreibt Schiller in der Tat. Und dass er damit wiederum als erster ein Phänomen getroffen und in seinem autonomen Rang behauptet hat, das sich einstellen mag, wenn man die Orte der schönen Kunst besucht, ist wohl nicht zu bezweifeln.

Aber hat Schiller wirklich nur daran gedacht? Dann hätten wir ihm einen Kunstbegriff zu verdanken, der das Spiel mit dem Schönen zu etwas ganz Außerordentlichem, zugleich aber auch zu etwas Fragwürdigem macht. Typisch „idealistisch", möchte man dann sagen. Das Publikum zieht sich in die exklusiven Räume der hohen Kunst zurück, verbringt dort einen angeregten Abend und kehrt erfrischt zurück in die Welt, die bleibt, wie sie ist. Und wer ist überhaupt dieses Publikum? Die Weimarer Hofgesellschaft vielleicht, die später zum „bildungsbürgerlichen" Publikum erweitert die Konzertsäle füllt und als solches heute gar nicht mehr existiert? Taugt dieser Schiller zu mehr als schönen Feiertagsreden?

In seiner Schiller-Biographie „Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus" (2004) macht Rüdiger Safranski an dieser Stelle einen kühnen Sprung. Schillers Welt der schönen Kunst sei inzwischen vergangen, wenn sie denn je etwas anderes als eine schöne „Utopie" gewesen sein sollte, das meint auch er. Was aber ihm zufolge nicht vergangen ist, sondern unsere Gegenwart in massivster Art charakterisiert – ist das Spiel. Die ganze Gesellschaft spielt, nur hat sie dabei das Medium gewechselt. Jetzt sitzt sie nicht im Konzertsaal, sondern vor dem Fernseher. Die „Medienkultur" ist das Stichwort: bis hin „zur Bereitschaft, sich gehen zu lassen", macht sie aus allem ein Spiel, das „immer mehr Angelegenheiten des Lebens ins Belieben des Einzelnen" stellt. Dass dem so ist, ist nicht zu bestreiten. Dass es sich dabei aber, wie Safranski meint, um eine „überraschend banale" Verwirklichung des Schillerschen Konzepts handeln soll, dies führt in die Irre. Warum? Ein Fall für Sonntagsreden wäre Schiller dann doch jedenfalls nicht.

 

 

Das Gesellschaftsspiel

Nun ist er das tatsächlich nicht. Der Grund dafür liegt allerdings darin, dass Schiller ein Spiel vor Augen stand, das sich in dem der schönen Kunst von vornherein gar nicht erschöpft. Neben dem Kinderspiel, das hier ausscheidet, und dem Kunstspiel und seiner Verfallsform des Medienspiels ist also noch eine dritte Spielvariante zu berücksichtigen: Nennen wir sie das Gesellschaftsspiel. Kennzeichen dieses Spiels ist es, dass das Publikum sich hier nicht um ein Kunstwerk versammelt. Im Gesellschaftsspiel wird es vielmehr selber zum Akteur: zum Akteur in einem Kunstwerk, das es selber darstellt und dessen Entstehen und Gelingen an den Handlungen aller Einzelnen hängt. Was sich auf diese Weise, und nur auf diese Weise, bildet, nennt Schiller das Reich des „ästhetischen Staats" – und auf diese politische Dimension des Ästhetischen kommt es entscheidend an.

Tatsächlich ist der Ausdruck „Staat" hier nicht metaphorisch gemeint. Ein Staat, so definiert Schiller selbst, ist diejenige „objektive Form", „in der sich die Mannigfaltigkeit der Subjekte zu vereinigen trachtet". Und ausgehend davon fragt er sich zunächst, wie denn diese erwünschte Vereinigung vieler Einzelner zu einem gemeinsamen Ganzen, zu einem politischen Gemeinwesen zustande kommen kann. Offenbar gibt es zwei Möglichkeiten: zum einen die, dass „der Staat die Individuen aufhebt". In diesem Fall werden die Einzelnen gezwungen, ihre partikularen Interessen zugunsten der Allgemeinheit aufzugeben – womit die Gefahr des Totalitarismus droht.

Die andere Möglichkeit stellt das Gegenteil dar. Hier geht es darum, dass umgekehrt „das Individuum Staat wird". Allein in diesem Fall wird ein freies Gemeinwesen entstehen, das die Individuen nicht „unterdrückt", sondern „ehrt", weil es nämlich die Einzelnen selber sind, die sich zur „Idee des Ganzen hinaufgestimmt" haben. So sind sie konkret in der Lage, in die jeweils eigene Perspektive die Hinsicht auf das Allgemeine zu integrieren. Woran Schiller bei diesem „Staatwerden" des Individuums denkt, ist ein Politikum ersten Ranges und heute unvermindert aktuell. Gemeint ist die unverzichtbare Ausbildung des sensus communis, des Gemeinsinns.

Davon, dass seine Bürger einen vitalen Sinn für die öffentlichen Dinge entwickeln, und nicht allein auf die Durchsetzung ihrer Privatinteressen pochen oder sich dem Zwang der Verhältnisse nur beugen, hängt die Verwirklichung eines freien Staates ganz wesentlich ab. Hellsichtig vermerkt Schiller aber auch das Problem, das hier liegt. Die eingangs genannte Diagnose lautete ja, dass in modernen Gesellschaften sowohl das Ganze als auch die Individuen in „Bruchstücke" zerfallen. Und wenn das richtig ist, dann lauert hier nicht nur die erschreckende Konsequenz, dass gerade moderne Gesellschaften totalitarismusanfällig sind – was Schiller im Verlauf der Französischen Revolution bestätigt fand. In eins damit ist dann auch gar nicht absehbar, wie sich unter solchen Umständen das einzig taugliche Gegenmittel, der Sinn der Einzelnen für die öffentlichen Dinge also, überhaupt ausbilden könnte: gäbe es da nicht den Ausweg, die Lage spielend zu verändern.

Spielen für den Gemeinsinn

Das Spiel, das Schiller meint und mit der ganzen Bedeutung unseres Menschseins verbindet, ist demnach wirklich kein bloßes Feiertagswort. Denn seine politisch brisante Idee ist die, auf dem Weg des Spiels in das Erfordernis des sensus communis einzuüben. Das liegt schon dem Spiel mit der schönen Kunst zugrunde. Das Besondere der ästhetischen Erfahrung ist ja gerade dies, nicht etwa ins Belieben der Einzelnen zu fallen, so dass jeder schön oder häßlich finden mag, wie es ihm nach seinem Privatgeschmack gefällt. In der Begegnung mit einem echten Kunstwerk" kommt ihr vielmehr eine gewisse Verbindlichkeit zu: zumindest potenziell müssten andere dem Urteil beistimmen können.

Um wie viel mehr aber gilt das beim Gesellschaftsspiel, das den öffentlichen Raum des ästhetischen Staats wirklich konstituiert. Hier, im „Kreise des schönen Umgangs", geht es nicht um die exklusive Begegnung mit schöner Kunst, sondern um alltägliche „Lebenskunst": um die Kunst, in der konkreten Begegnung mit anderen die Umgangsform einer „zivilisierten" und deshalb freien Gesellschaft auszubilden.

Mit Moral im strengen Sinne hat dies gar nichts zu tun. Entscheidend ist, im öffentlichen Umgang Distanz zu den jeweiligen Privatinteressen zu nehmen, das eigene Verhalten so zu gestalten, dass es „mitteilbar" wird, indem es die anderen in ihren Bedürfnissen respektiert.

Exemplarisch nennt Schiller die Höflichkeit. Weit entfernt davon, eine hohle äußerliche Form zu sein, auf die man ebensogut verzichten könnte, ist sie genau die zivile Form, die uns im Spiel mit dem „schönen Schein" erlaubt, uns jenseits intimer Vorlieben im öffentlichen Raum mit Rücksicht und Respekt zu bewegen, ja eigentlich ein Verständnis für den Eigensinn dieses Raums zu gewinnen. Zu Schillers Diagnose der bruchstückhaften Gesellschaft passt es dabei sehr gut, dass dies auch für das Spezialgebiet der Wissenschaft gilt. Sofern es um die Belange des sensus communis geht, ist auch von ihren Angehörigen verlangt, in den „Kreis des schönen Umgangs" einzutreten und ihre Positionen öffentlich mitteilbar zu machen.

Die Gefahr, die das Spiel mit der schönen Kunst im womöglich folgenlosen Rückzug an einen exklusiven Ort bedroht, existiert somit im Gesellschaftsspiel von vornherein nicht. Gewiss kommen dem ästhetischen Staat Museen und Theater zugute. Aber seine öffentliche Wirklichkeit, auf die es ankommt, gewinnt er nur im Umgang seiner Mitglieder miteinander, soweit sie ihr Verhalten an den „Gesetzen des guten Tons" orientieren. Worum es mit einem Wort geht, ist die Praxis einer politischen Kultur. Ohne sie, auch das hat Schiller deutlich gesehen, werden uns die besten politischen Institutionen nichts nützen. Und das ist nun ein Anspruch, den die „Medienkultur" mit ihrer Tendenz zur beliebigen Privatisierung aller Bereiche offenkundig gar nicht auf „banale" Weise, sondern überhaupt nicht erfüllt. Genau deshalb ist ja Schillers Konzept von bestechender Aktualität.

Birgit Sandkaulen

 

 

 

 

 

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang