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1.2 Leitbilder


a) Studierende

Für die Studierenden eröffnet das Universitätsstudium die Möglichkeit,
sich auf der Basis intensiver Aneignung von Sachwissen an den Aufbau
einer kritischen Urteilskompetenz als Kern des Selbstdenkens zu wagen.
Universitäre Bildung ist in dieser Perspektive einerseits Teil der individuellen
Persönlichkeitsentwicklung und andererseits zugleich Voraussetzung
und Grundlage dafür, beruflich und gesellschaftlich im besonderen Maße
Verantwortung zu übernehmen. In dieser Spannung von Persönlichkeitsentwicklung
und Verantwortungsübernahme lässt sich der Anspruch universitärer
Bildung auf den Status des Studierens hin beschreiben.

Das universitäre Studium setzt voraus, dass die Studierenden sich darauf einlassen,
die eigene Persönlichkeit einem offenen Entwicklungsprozess auszusetzen.
Das heißt zunächst, sich auf die Inhalte der jeweiligen Studiengebiete
in ihren Lernanstrengungen zu verpflichten. Es bedeutet aber gleichzeitig,
dass Ansichten und Prägungen, bezogen auf die Sachebene, aber auch auf
den Umgang mit Wissen, grundsätzlich hinterfragbar sein müssen. Offenheit
zur Belehrung durch andere und den eigenen Verstand ist danach der
Schlüssel zu einem undogmatischen, kritischen und reflexiven Umgang mit
Wissen und Wissensgenerierung. Die grundsätzliche Bereitschaft, selbstverantwortete
Verbindlichkeit zu leben und für eigene Handlungen und Absprachen
geradezustehen, ist eine weitere Voraussetzung.

Universitäre Bildung ist untrennbar verbunden mit Begegnungen und
Diskussionen mit Lehrenden und anderen Lernenden. Sie bieten Anregungen
und helfen, anwendbares Wissen und Können zu erweitern. Sich
dabei als vertrauenswürdig zu erweisen und selbst vertrauen zu können,
ist dafür eine wesentliche Voraussetzung. Persönliche Integrität und gegenseitiger
Respekt als Verständigungsgrundlage eröffnen dann auch
Raum für sachliche Kritik, die Verbesserungswürdiges mit dem Ziel thematisiert,
Abhilfe zu schaffen. Inwieweit gerade die Einführung gestufter
Studiengänge die Möglichkeit zur Begegnung mit Lehrenden noch weiter
einschränkt als bisher, wird kritisch zu prüfen sein.

In der Begegnung mit den Studierenden stellt die zunehmende Internationalisierung
der Universität eine besondere Herausforderung und Chance
dar. Die Universität als ein internationaler Ort enthält die Aufforderung
an alle Studierende, sich der Bereicherung zu öffnen, die durch Mitstudierende
anderer Nationalitäten entsteht, und sich um deren Integration
in den universitären Alltag zu bemühen. Solchermaßen gelebte Weltoffenheit
ist ein Schlüsselziel des Studiums. Die Bereitschaft, die eigene
Kenntnis von Fremdsprachen auszubauen und den internationalen
Raum als Wahrnehmungs- und Handlungshorizont der Gegenwart zu
begreifen, ist eine Voraussetzung dafür, in einer globalisierten Welt das
eigene Wissen und Können verantwortlich einbringen zu können.

Dieser Aspekt der Internationalität und Internationalisierung der Universität
ist nicht nur eine spezifische Möglichkeit der Universität, sondern
bildet zugleich einen wesentlichen Baustein für das Verständnis jener Verantwortlichkeit,
die aus dem Privileg universitärer Bildung erwächst. Der
ihr eigene Primat des Selbstdenkens hat gleichermaßen Anschluss zum unmittelbaren
Broterwerb, zur politischen Sphäre und zum fachlich-wissenschaftlichen
Raum. Jeder Studierende muss in diesen Hinsichten die Bereitschaft
besitzen, das Selbstdenken als Grundlage des eigenen Handelns
zu begreifen. Der Verantwortung universitärer Bildung gerecht zu werden,
bedeutet auch, eigenes Handeln vorbildhaft zu gestalten, was immer auch
mit einschließt, dass es verallgemeinerbar sein muss. Das Ziel, Sachkompetenz
auf höchstmöglichem Niveau zu erlangen, ermöglicht auch die
Verantwortungsübernahme im Beruf, für die Politik und für den fachlichwissenschaftlichen
Bereich. Wissen und Können sind in dieser Perspektive
ein Mittel zum übergeordneten Zweck, an der Gestaltung der Gesellschaft
verantwortlich teilzunehmen. Dies lässt sich nicht allein dadurch erreichen,
dass "Lernstoff" vereinnahmt und reproduziert wird. Vielmehr muss
jeder Studierende sich dem Anspruch stellen, dieses Wissen und Können
kritisch zu durchdringen - um seiner selbst willen und mit Blick auf die
gesellschaftliche Verantwortung. So dient universitäre Bildung ganz wesentlich
dazu, das eigene Reflexionsniveau zu erhöhen und systematisch
zu fundieren. Das befähigt dazu, nachhaltige Strategien des Umgangs mit
Wissen aufzuzeigen und Risiken und Chancen einschätzen zu können.

Phantasievolles Denken, Kreativität und undogmatische Unkonventionalität
sind Teilaspekte einer individuellen Adaption von Wissen und Können,
die den Freiraum eröffnen, neue Denk- und Handlungswege zu suchen
und selbständig zu beschreiten. In diesem Sinn ist im Studium bereits die
Möglichkeit forschenden Lernens angelegt. Nicht jeder, der an dem Privileg
universitärer Bildung Anteil bekommt, wird später an vorderster Stelle
zeitlebens forschend tätig sein. Dennoch ist im universitären Studium der
Zusammenhang von Kompetenzerwerb und "forschender" Innovation angelegt,
und daher sind Studierende, die sich eine ausschließliche Fach- oder
Berufsausbildung wünschen, an der Universität nicht am richtigen Ort.

Trotz manchmal widriger Bedingungen im realen Alltag der Universität
bietet das Studium immer noch einen relativen Raum der Freiheit
zur Erprobung des eigenen Handelns, der in einem solchen Ausmaß in
anderen gesellschaftlich definierten Lebensräumen nicht anzutreffen
ist. Studierende können und sollen diesen Freiraum nutzen, um eigene
Ideen zu verwirklichen. Die Universität bietet viele Möglichkeiten zur
Übernahme von Verantwortung: in der akademischen Selbstverwaltung
als Ort, der Einsicht in die Funktionsweise von Institutionen ermöglicht,
auf die durch das eigene Handeln Einfluss genommen werden
kann; in den Fachschaften und anderen Formen studentischer Selbstverwaltung,
die aufgrund ihrer offenen Strukturen gut geeignet sind,
um Programmatisches zu formulieren, eigene Initiativen zu starten und
Verantwortung einzuüben. Inwieweit die Realität des Studienalltags von
einem zunehmenden Verlust der Freiheit zum Selbststudium aufgrund
struktureller Zwänge des Studienaufbaus geprägt ist, wird selbst immer
wieder Gegenstand der Thematisierung von Möglichkeiten und Grenzen
universitärer Bildung aus studentischer Sicht sein müssen.

Dass im Verlauf eines Studiums auch einige schwierige, wenn nicht gar
absurde Situationen auftauchen, die von Irrationalitäten und Dilemma-
Strukturen geprägt sind, sollte nicht nur als Bedrohung und Beschränkung
interpretiert werden, sondern könnte auch dazu führen, die eigenen
Kompetenzen zu erhöhen, wenn derartige Herausforderungen offensiv
angenommen, verarbeitet und gemeistert werden. Erfahrungen im Krisenmanagement
sind im späteren Alltag in vielerlei Hinsicht anschlussfähig.

b) Hochschullehrer

Der Hochschullehrer steht zur universitären Bildung mindestens in drei
Beziehungen:

  • über sich selbst,
  • über sein Verhältnis zu den Studierenden und
  • über sein Verhältnis zur kulturellen Dimension der Gesellschaft.

Diese drei Verhältnisse bestimmen die Existenzform "Hochschullehrer".
Die individuelle Herstellung einer Balance dieser drei Verhältnisse
untereinander markiert eine zentrale Herausforderung der beruflichen
Professionalität, deren Basis eine umfassende und durch innovatives Potential
mitbestimmte Fachkompetenz ist.

Im Verhältnis zu sich selbst stellt sich universitäre Bildung zugleich als
Privileg
und als unabschließbare Aufgabe dar. Es handelt sich um ein Privileg, insofern
der Hochschullehrer beruflich den Auftrag zu erfüllen
hat, seine eigene Bildung um der Entwicklung seiner Wissenschaft willen
permanent zu pflegen. Neben den Möglichkeiten materialer Weiterbildung
(zunächst auf seinen Fachgebieten, aber auch darüber hinaus) wird
ihm im Vergleich zu den meisten anderen Berufen in einem höheren
Maße ermöglicht, die eigene Persönlichkeitsbildung
weiterzuentwickeln.

Dies wird bzw. wurde durch eine entsprechende persönliche Besoldung,
die Bereitstellung materieller Ressourcen für die wissenschaftliche
Arbeit und (zumindest ansatzweise) durch zeitliche Ressourcen eröffnet.
Dieses Privileg ist jedoch zugleich in hohem Maße eine Verpflichtung,
Bildung als ständige Aufgabe für sich und die Gesellschaft zu begreifen.
Dies gilt zunächst für die fachliche Kompetenz, die der Hochschullehrer
im internationalen Horizont beständig zu sichern und auszubauen hat.

Verbunden ist damit die Erwartung, dass die eigene Wissenschaft aktiv
weiterentwickelt wird. Die durch die Gesellschaft gewährte Freistellung
für wissenschaftliche Untersuchungen enthält so zugleich die Herausforderung,
in Felder des Neuen, des Anderen, des Befremdenden, des
Besseren vorzustoßen. Routine wäre tödlich. Ein Hochschullehrer sollte
stattdessen ständiger "Experimentator" sein, der neue Wege geht. Dem
dienen verschiedene Systeme der Forschungsförderung.

Unabdingbare Voraussetzung ist für einen Hochschullehrer neben der
Sachkompetenz ein hohes Maß an Sozialkompetenz. Hierzu gehören
u. a. Kooperationsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft sowie - damit zusammenhängend
- die Schaffung und Bewahrung einer Kultur wechselseitiger Anerkennung
vor allem in Binnensystemen der jeweiligen fachlichen Zusammenhänge.

Im Verhältnis zu den Studierenden ist universitäre Bildung über die
Lehre, jedoch auch über die Einbindung in seine Forschung durch zwei
Ziele mit der Tätigkeit des Hochschullehrers verbunden. Das erste Ziel
besteht in der Vermittlung grundlegender Kenntnisse und Fertigkeiten.
Hierzu zählen die elementaren Wissensbestände einer Disziplin ebenso
wie die Lücken und Forschungsaufgaben (Anschlüsse) eines Fachgebiets.

Das zweite Ziel besteht in der begleitenden Förderung eines Habitus des
studierten Menschen. Zu diesem Habitus gehört vor allem der Aufbau
einer kritischen Reflexionsfähigkeit, Sein und Sollen unterscheiden sowie
alternative Denk- und Lösungsmöglichkeiten formulieren zu können.

Operationalisiert werden kann die Verantwortung für diese doppelte
Zielsetzung materialer und formaler Bildungsprozesse durch den
Gedanken kategorialer Bildung: an exemplarischen und für das Fach
entscheidenden Sachverhalten genau jene kritische Reflexionsfähigkeit
zu inszenieren. Dem Hochschullehrer kommt dabei - zumal auf dem
Hintergrund der Leitgedanken von Modularisierung - keineswegs nur
die Rolle des Redenden und Informierenden zu. Mindestens ebenso
wichtig ist eine Rolle des Irritierenden und In-Frage-Stellenden auf der
einen und die des Zuhörenden und kritischen Dialogpartners auf der
anderen Seite. Inwieweit dieses Element der Bildungsaufgabe des Hochschullehrers
durch die gegenwärtigen Bedingungen strukturell gefährdet
wird, ist im zweiten Teil "Gegenwärtige Bedingungen universitärer
Bildung" dargestellt.

Gegenüber der kulturellen Dimension der Gesellschaft (im analytischdeskriptiven
Sinne) bündeln sich die beiden oben genannten Aspekte
universitärer Bildung. Der Hochschullehrer wirkt über sein eigenes
Auftreten, seine Forschung und seine von ihm im Bildungsprozess
begleiteten Studierenden in die Gesellschaft hinein und wirkt darüber an
der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung von Kultur und Gesellschaft
mit. Universitäre Bildung steht über das Wirken der Hochschullehrer
letzten Endes in einer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft,
insofern ihr eigentlicher Zweck im verantwortlichen Umgang mit der
Wahrung und Weiterentwicklung von Wissensbeständen liegt, die der
Gesellschaft, ihrem kulturellen Gedächtnis und den Aufgaben der Gegenwarts-
und Zukunftsgestaltung im besten Fall nutzen, zumindest
aber auf der Grundlage von sorgfältigen Folgenabschätzungen nicht
schaden sollten. Darin findet die dritte Dimension der Verflechtung des
Hochschullehrers in universitäre Bildung ihren Ausdruck.


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