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2.3 Personalstruktur und Finanzierung


Die personelle Entwicklung ist an den Universitäten seit einigen Jahren
und auch noch in absehbarer Zeit durch zwei gegenläufige Bewegungen
geprägt: Die Studierendenzahlen steigen, der Umfang des Lehrpersonals
stagniert oder nimmt in einigen Bereichen deutlich ab. Die Abnahme
betrifft vor allem den Mittelbau, insbesondere die Dauerstellen mit höherem
Lehrdeputat. Was dadurch an Qualifizierungsstellen und Flexibilität
gewonnen wird, geht an Lehrkapazität und Kontinuität verloren.
Infolge dessen werden die Seminar- und Übungsgruppen größer, mitunter
so groß, dass Seminargespräche und -diskussionen nur noch in Ansätzen
gelingen und sich auf einen immer kleineren Teil der Teilnehmer
beschränken. Dieser Zustand der Massenuniversität ist in Westdeutschland
seit Jahrzehnten üblich, nun auch in den neuen Bundesländern etabliert
und durch die Kapazitätsverordnung und die Mittelknappheit mit
Gesetzeskraft gefestigt. Insofern universitäre Bildung aber gerade auf
Gespräch, Diskussion und intensiven wissenschaftlichen Praktika beruht,
entzieht die Überfüllung ihr die Grundlage. Die Konsequenz sind
nicht nur qualitativ weniger gebildete, sondern auch quantitativ weniger
Absolventen. Es ist wie bei einer engen Tür: Je mehr zugleich auf sie
zustürmen, desto weniger kommen durch. Steigende Anfänger- ergeben
sinkende Absolventenzahlen. Die Studienreform des Bologna-Prozesses
gelingt in dem Maße, wie sie diesen Zustand ändern kann. Ändert sie
ihn nicht, ist sie durch die Zunahme von Regelungs- und Verwaltungsaufwand
bloß schädlich.

Aus der Überlegung, wie der im Bologna-Prozess gewollte höhere Betreuungs-
und Prüfungsaufwand bewältigt werden soll, wird die Einführung
eines "lecturers" gefordert. Das ist schlüssig, weil bei der jetzigen
Personalsituation keine höheren Lehrleistungen zu erbringen sind.
Die englische Bezeichnung lässt noch offen, wo sich diese Position in
die deutschen Besoldungs- und Lehrverpflichtungsordnungen einfügt.
Nimmt man die Forschungsorientierung der universitären Lehre ernst,
dann darf ein lecturer nicht ausschließlich mit Lehraufgaben befasst
sein. Seine Mitarbeit in der Forschung ist gerade für seinen Status als
Universitätslehrer unverzichtbar. Sinnvoll erscheint hier ein flexibles Deputat
zwischen 12 und 16 Semesterwochenstunden. Es liegt damit deutlich
über dem Deputat der Professoren, gibt aber zugleich Spielraum für
die jeweiligen Anforderungen der Institute. Die Position des lecturers
sollte als eigene Karriere neben dem und nicht als Durchgangsstation
für den Professorennachwuchs angesehen werden. Ob die Position des
lecturers noch mit Forschungsaufgaben und damit letztlich mit dem
Anspruch universitärer Bildung auf Verschränkung von Forschung und
Lehre verknüpft werden kann, erscheint angesichts der Lehrbelastung
äußerst fraglich. Hier werden die konkreten Entwicklungen sorgfältig
zu beobachten und die Möglichkeiten einer Anbindung an Forschungsaktivitäten
kritisch zu prüfen sein.
Studiengebühren sollen in Zukunft die Unterfinanzierung der Universitäten
lindern. Langzeitstudiengebühren leisten dies in kleinem Umfang
schon jetzt. Obwohl sie an den Universitäten für zusätzliche Lehrveranstaltungen
eingesetzt werden, kann man hier noch von keiner Verbesserung
sprechen. Sie helfen zwar, die Lehrüberlast zu mäßigen, sofern die
Mittel zusätzlich und ausschließlich an die jeweilige Universität gehen -
eine Lösung bringen sie aber nicht. Generelle Studiengebühren würden
dies in ganz anderem Maße können. Die Einführung solcher Gebühren
ist gesellschaftlich umstritten, deren Folgen (u. a. für die Steuerung
von Nachfrageverhalten) sind schwer abschätzbar. Mit Blick auf die
Einführung von Studiengebühren hält noch der Konsens, dass sie ausschließlich
für die Verbesserung der Lehre eingesetzt werden. Dass sie
zu einer weiteren Absenkung der staatlichen Finanzierung führen, will
offiziell niemand, doch sind inoffiziell alle überzeugt, dass es dennoch so
kommen wird. Der Widerspruch zwischen politischer Willenserklärung
und politischem Handeln ist im Bildungs- und Wissenschaftsbereich
zu eingeübt, als dass irgendjemand hier eine Änderung erwartet. Sicher
ist also nur, dass Studiengebühren zumindest vorerst zu einer finanziellen
Verbesserung der Universitäten führen würden. Sicher ist aber
wohl auch, dass sie in einigen Studiengängen die Nachfrage drosseln
würden: und zwar in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern,
deren aktuelle hohe Anfängerzahlen quantitativ in keinem Verhältnis
zur möglichen Berufsperspektive stehen. Denn das wird - neben den
noch offenen Folgen für die Sozialverteilung der Bildungschancen - die
einschneidendste Konsequenz der Studiengebühren sein: Sie etablieren
ein Kosten-Nutzen-Denken unter den Studierenden und ihren Eltern.

Die daraus resultierende Rationalisierung der Studiengangswahl und
Disziplinierung des Studienverlaufs haben ihr Gutes. Die Kehrseite
ist der Zweckrationalismus eines pekuniären Renditedenkens. Er steht
nicht per se im Widerspruch zur universitären Bildung. Im Gegenteil:
Dass sich der finanzielle Mehrwert eines Universitätsabschlusses statistisch
belegen lässt, ist eines der Hauptargumente für die Einführung
von Studiengebühren. Doch ist es ein erheblicher Unterschied, ob dieses
Investitionskalkül volkswirtschaftlich gesehen wird oder ob man es der
individuellen Kontoführung aufträgt. 3.000 € für den Bachelor- und
noch einmal 2.000 € für den Master-Abschluss sind moderat. Aus dem
Blickwinkel finanzschwacher Familien und bei dem immer prekärer
werdenden Berufseinstieg, der zunehmend aus unbezahlten Praktika besteht,
sieht das jedoch anders aus. Dass es bis heute zwar Beschlüsse für
die Erhebung von Studiengebühren, jedoch nur wenige überzeugenden
Darlehns- und Stipendienangebote gibt, ist problematisch. Hier könnte
eine Konzeption wie die von "Bildungsgutscheinen" für Abiturienten ein
möglicher Ansatz sein. Auf einem kontrollierten Sekundärmarkt für die
Einlösung dieser Gutscheine hätten sich die Universitäten mit ihren Studiengangsangeboten
zu bewähren.

Die grundsätzliche Veränderung, die mit der Einführung von Studiengebühren
beginnt, kann man mit einem Satz so bezeichnen: Universitäre
Bildung wandelt sich von staatlichem Angebot und staatlicher Leistung
zur Ware auf dem Bildungsmarkt. In die Universitäten zieht damit unternehmerisches
Denken ein - bei den jetzigen Preisen zwar nur erst im
Ansatz, aber es ist eben der Ansatz dazu. Die Universitätsleitungen müssen
in Zukunft ein Interesse daran haben, ihre Bildungs- und besonders
auch Fortbildungsangebote marktgerecht auszurichten und zu verbessern.

Die Kostenrechnung wird bei der Fortentwicklung der Studienangebote
deshalb eine ganz neue Rolle spielen. Dabei geht es zunächst
um ein Finanzkalkül, das mit wissenschaftlichen Ansprüchen nichts zu
tun hat: Was kostet ein Studiengang und was bringt er ein? Das Kosten-
Nutzen-Denken wird nicht nur die Studierenden, sondern zugleich
die Universitätsleitungen verändern. Wissenschaftliche Ansprüche indes
sind darauf angewiesen, sich auf ihre Sache zunächst ohne Ausrichtung
an Vermarktungsmöglichkeiten zu konzentrieren. Zweifelsohne steht
alle Wissenschaft in der Pflicht, gesellschaftlich angesichts knapper öffentlicher
Ressourcen ihren Nutzen dokumentieren und legitimieren zu
müssen. Dies kann jedoch nicht dazu führen, dass Nützlichkeit von Forschung
an deren unmittelbarer wirtschaftlicher Verwertbarkeit gemessen
wird. Zur zentralen Aufgabe der Universität wird es in ihrer Außendarstellung
gerade auch gehören, den Nutzen universitärer Forschung
und Lehre auch in jenen Bereichen darzustellen, die nicht unmittelbar
in wirtschaftliche Verwertungszusammenhänge eingebunden sind und
in diesem Sinne vom Kosten-Nutzen-Kalkül befreit werden müssen.

Zudem ist die Zukunft der Grundlagenforschung in allen Bereichen sicherzustellen,
weil eine Vernachlässigung der Grundlagenforschung eine
Gefährdung von Universität und Gesellschaft mit sich bringen würde.
Aus der neuen Rolle der Universität als Mitanbieterin auf dem Bildungsmarkt
entsteht insgesamt ein neues Konfliktpotential zwischen Marktund
Wissenschaftsorientierung. In den Entscheidungen, welche Professuren
wiederbesetzt und welche Bachelor- und Masterstudiengänge
eingerichtet werden, sind diese Konflikte schon jetzt spürbar. Der Erfolg
wissenschaftsorientierter Lehre und die Verwirklichung des an sie geknüpften
Bildungsanspruchs hängen davon ab, ob diese Konflikte offen
diskutiert und ausgehandelt werden.


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