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Die Alphons-Stübel-Sammlung früher Orientphotographien
Stefan Heidemann
Wilhelm Hammerschmidt (tätig ca. 1860 bis 1870): Die Pyramiden von Gizeh vor 1864. Die kleine Karawane transportierte wahrscheinlich seine Photoausrüstung. In dem kleinen Zelt unter den Palmen beschichtete ervermutlich die Glasplatten, die man zu seiner Zeit nur im feuchtenZustand belichten konnte.
Eine umfangreiche Sammlung früher Orientphotographien gehört wie die Hilprecht-Sammlung Vorderasiatischer Altertümer und das Orientalische Münzkabinett zu den Schätzen des Instituts für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients in Jena. Ungefähr 500 großformatige Originalabzüge der berühmten Photostudios aus Konstantinopel, Beirut, Kairo, Alexandria und Port Said aus der Zeit zwischen 1850 und 1890 stellen eine der bedeutendsten Sammlungen ihrer Art dar. Sie wurde von dem Geologen und Lateinamerikaforscher Alphons Stübel (1835-1904) zusammengetragen und dem damaligen Orientalisten in Jena Karl Vollers (1857-1909) geschenkt. Die Photosdes 19. Jahrhunderts aus der Zeit vor Rollfilm und Massenphotographie sind nicht nur wichtige, bislang wenig genutzte Dokumente für die Architektur, Sozial- und Kunstgeschichte des Orients, sondern erlauben einen frischen Blick auf eine längst untergegangene Zeit, noch vor oder gerade am Beginn der umwälzenden Veränderungen in den Ländern des Vorderen Orients.
Der Ankauf des Verfahrens von Daguerre durch die französische Akademie der Wissenschaften im Jahr 1839, der als offizieller Beginn der Photographie gilt, wurde unter anderem mit der Möglichkeit begründet, Hieroglyphen auf ägyptischen Monumenten schnell und genau kopieren und dokumentieren zu können. Jedoch die Ursache für die rasche Anwendung und Verbreitung des Mediums im Orient war vor allem der seit den dreißiger und vierziger Jahren einsetzende Tourismus des wohlhabenden europäischen Bürgertums (1835 erste regelmäßige Fährverbindung zwischen Marseille und Alexandria; Reiseagentur "Thomas Cook") und deren Nachfrage nach preiswerten Souvenirs. Photographen der ersten Generation waren einzelne Europäer, die durch ihren Beruf - der Brite J. Robertson war Chefgraveur der osmanischen Münzstätte - oder aus Reiselust in den Orient kamen. In der zweiten Generation waren christliche osmanische Bürger, Griechen wie Zangaki, aber vor allem Armenier wie G. Lékégian und die Abdullah Frčres (Abdullahian) häufig Inhaber der Studios. Sie alle beobachteten eine Zeit, in der sich der Orient an der Schwelle zur Moderne befand. Wie bei Wilhelm Hammerschmidt und bei der Jenaer Neuentdeckung Joseph Bonomi sind Lebensdaten und -umstände vieler früher Photographen unbekannt. Der Niedergang der Studios setzte Anfang der neunziger Jahre des 19. Jhs. mit der Einführung der Kodak Nr. 1 und dem Rollfilm ein. Die einfache Kamera erlaubte dem Touristen seine eigenen photographischen Ansichten.
Erstmals zeigte im Sommer 1999 eine in Zusammenarbeit mit dem Fotozentrum der Universität entstandene Ausstellung "Der Orient im Blick. Die großen Photostudios des 19. Jahrhunderts" eine Auswahl von 25 Reproduktionen der lange vergessenen Alphons-Stübel-Sammlung. Diese Austellung wurde vom 14. März bis 14. Juni 2001 auch im Goethe-Institut in Alexandria gezeigt.
James Robertson (1813-1888): Der gebürtige Brite kam nach 1840 als Chefgraveur und Oberaufseher der osmanischen Münzstätte nach Konstantinopel. Er ist insbesondere durch seine Zusammenarbeit mit Felice Beato bekannt, mit dem er den Krim-Krieg dokumentierte. Robertson führte eine genaue Bildregie, die nichts dem Zufall überließ: hier die Hagia Sophia in Istanbul vor 1857. Rechts im Bild sind die Schemen einiger Personen zu sehen, die Robertson nicht arrangiert hatte.
Abdullah Frčres (tätig zwischen 1858-1899): Die Armenier Hovsep, Vichen und Kevork Abdullah betrieben sehr erfolgreich ein Photostudio in Istanbul und wurden 1862 zu Hofphotographen des osmanischen Sultans. Der photobegeisterte Sultan Abd al-Hamid II. vergab an sie den Auftrag, eine umfassenden Photodokumentation seines gesamten Reiches zu erstellen: Abreise der Pilgerkarawane von Kairo nach Mekka. In der Bildmitte der Mahmal, der Prozessionsschrein, der das Zentrum der Karawane bildet.
Literaturhinweise
Stefan Heidemann: Der Orient im Blick - Die großen Photostudios des 19. Jahrhunderts - Ausstellung in Jena vom 26. Juni bis 25. Juli 1999. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 149 (1999), S. 377-384.
Ders.: Den Orient im Blick. In: Rundbrief Fotografie N.F. 25 (2000), S. 37-39.
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