Schnelleinstieg Reader

Home|Suche|Friedolin|Webmail de

Wortmarke FSU

Prof. Dr. Udo Tworuschka / Forschung


  

 Vita    Forschung   Funktionen   Publikationen

 

 

Udo Tworuschka: Religionswissenschaft und ethische Verantwortung

Weltethos und Toleranz bei Gustav Mensching

Als der Religionswissenschaftler Gustav Mensching 1978 starb, endete zugleich eine Ära der Religionswissenschaft, die der Bonner Gelehrte als "Religionswissenschaft des Verstehens" bezeichnet hatte. Vergleichen und Verstehen waren ihre Schlüsselkategorien, die auch heute noch ihre Bedeutung in der Religionswissenschaft haben. Menschings Lebenswerk lässt sich in dem immer wieder neuen Ringen zusammenfassen, der "lebendigen Wirklichkeit der Religion gerecht zu werden". Mensching steht in einer Reihe von Denkern, die je auf ihre Weise den Rationalismus der Aufklärung zu überwinden versuchten: Schleiermacher, Herder, Lessing, Rudolf Otto u.a.

Mensching zählt zu den großen Religionswissenschaftlern des letzten Jahrhunderts. Zusammen mit Gerardus van der Leeuw, Friedrich Heiler, Kurt Goldammer, Mircea Eliade und anderen steht sein Name für das Programm der "Religionswissenschaft des Verstehens". Viele ehemals Große des Faches standen in einem direkten bzw. indirekten Schülerverhältnis zu dem Systematischen Theologen Rudolf Otto. Sein Begriff des "Heiligen" und Numinosen, sowie die Annahme, dass Religion die Möglichkeit ist, mit diesem Heiligen zu kommunizieren, bestimmte die Grundzüge ihrer Religionswissenschaft. Klassisch ist Menschings Religionsdefinition:"Religion ist erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen". Alle genannten Forscher - mit Ausnahme des religiösen Randsiedlers Mircea Eliade - hatten eine Beziehung zur evangelischen Theologie, wie unterschiedlich diese im Einzelnen auch zu bestimmen ist. Ich hebe diesen Tatbestand besonders hervor, weil dies bei jüngeren Kollegen heute keineswegs mehr selbstverständlich ist, ja Ausnahme zu werden droht. Außerdem wird von den Kritikern im Allgemeinen eine Einheitlichkeit dieses Theologieverhältnisses unterstellt, die gar nicht besteht. Ein Beispiel hierzu: Friedrich Heiler, mit dem Mensching gern in Parallele gestellt wird, hielt anlässlich seines 75. Geburtstages am 30.Januar 1967 in Bad Oeynhausen eine Tischrede, die sein großes kirchliches, genauer liturgisches Interesse deutlich werden lässt. Eine vergleichbare Rede wäre für Mensching schlechterdings undenkbar gewesen. Es ist an der Zeit, die gegen die Hauptvertreter der Religionswissenschaft des Verstehens immer wieder erhobenen Pauschalvorwürfe kritischer unter die Lupe zu nehmen.

Wie die übrigen genannten Fachvertreter gilt Mensching als Repräsentant eines veralteten religionswissenschaftlichen Konzeptes. Zum Paradigma heutiger Religionswissenschaft gehört ihr Selbstverständnis als humanwissenschaftliche Disziplin. Ihre Untersuchungsobjekte sind die empirischen Religionen, die ihrerseits als Ausdrucksformen menschlichen Verhaltens gelten, die in historische Kontexte eingebunden und nicht ohne sie erforschbar sind. Rationalität, Exaktheit, intersubjektive Überprüfbarkeit, "methodischer Atheismus", Deskription, Verzicht auf absolut geltende Wahrheits- und Werturteile sind wichtige Merkmale einer so verstandenen Religionswissenschaft. Anthropologisch gilt Religion als Eigenschaft des Menschen, so wie Kunst und Spiel. Bereits vor Jahrzehnten stellte Mensching fest, "dass alle echte Religionswissenschaft auf eine empirische Tatsachengrundlage bezogen sein muss. Religionswissenschaft ist also keine willkürliche Spekulation über jenseitige Wirklichkeiten (...). Die Tatsachengrundlage, die die Basis aller Religionswissenschaften sein muss, liefern die historischen Religionen der Welt in ihren Kultbräuchen und Gottesvorstellungen, ihren ethischen Anschauungen und Glaubenshaltungen. Wenn wir hier von Tatsachen sprechen, so liegt der Tatsachencharakter nicht etwa darin, dass die in den verschiedenen religiösen Traditionen überlieferten Vorstellungen, die mythischen Berichte und die an die Kultpraktiken geknüpften Erwartungen Tatsachen, also objektive Wirklichkeit betreffen und also in diesem Sinne `wahr` sind, sondern darin, dass alle diese Erscheinungsformen religiösen Lebens historisch sind, d.h. in der Ebene der tatsächlichen Geschichte gegeben sind".

Eine weitere Grundannahme heutiger Religionswissenschaft ist angesichts der Anfragen analytischer Philosophie zu prüfen: die Auffassung, dass über Wahrheit und Falschheit menschlicher Erkenntnis die Beobachtung der empirisch wahrnehmbaren, realen Objekte entscheidet, dass Wahrheit also in der Überstimmung von subjektivem Erkennen und objektivem Tatbestand liegt. In seinen "Essays on World Religion" hat Huston Smith Religionswissenschaft vor dem Hintergrund der Postmoderne reflektiert. Angesichts der Tatsache, dass die Wissenschaft selbst solche Ideale in Frage stellt, rät er, sich nicht dem Ideal wissenschaftlicher Objektivität zu verschreiben.

Gegen Ende meines Studiums geriet die Religionswissenschaft immer tiefer in das Fegefeuer der Methode. Später als andere Wissenschaften. Fast kein Stein blieb mehr auf dem andern. Die Großen, die "Heiligen" des Faches, vor allem das Theoriekonzept des Heiligen, wurden vom Sockel gestoßen. Religionswissenschaft im Sinne Ottos, Heilers und Menschings wurde für obsolet erklärt. Mich hat das gleichwohl nicht gehindert, weiterhin an sie anzuknüpfen. Selbstverständlich bedeutet das nicht, sie einfach fortzuschreiben. Dafür war der methodologische Schock zu heftig, und zu heilsam. Es galt und gilt auch weiterhin, die tragfähigen Elemente der klassischen Religionswissenschaft zu bewahren und ggf. auszubauen. Der Religionsphänomenologie warf man ihr a-historisches Interesse am "Wesen" der Religion vor, prangerte ihre Aufmerksamkeit für Theologisches an, etikettierte gar die gesamte hermeneutische Religionswissenschaft unterschiedslos als Krypto-Theologie. Menschings Interesse an der "Lebensmitte" jeder individuellen Religion hat unhistorischen Wesensbeschreibungen immer wieder kräftig entgegengesteuert. Der Religionswissenschaftler Richard Friedli (Fribourg) hat in der anlässlich von Menschings 100. Geburtstag an der Friedrich-Schiller-Universität Jena veranstalteten ersten Gustav-Mensching-Vorlesung für religiöse Toleranz weiterführende Gedanken zur Brauchbarkeit der Lebensmitte-Konzeption für die Konfliktforschung vorgetragen.

Zu Menschings Lebensleistungen gehört es, die Religionswissenschaft als eigenständige Disziplin neben den orientalistischen Fächern und der Theologie etabliert zu haben. Was ihm nicht gelang, waren erneute Brückenschläge zur Theologie. Dies lag nicht nur an Mensching selbst, sondern wesentlich wohl an der theologischen Großwetterlage. Menschings Lebenswerk ist nicht ohne seine komplizierte Beziehung zur evangelischen Theologie zu verstehen. Der Gelehrte entwickelte sich von der lutherischen Theologie zur Religionswissenschaft hin. Er betrieb Religionsforschung in Abgrenzung zur Theologie, ohne freilich von theologischen Grundannahmen und fachspezifischer Terminologie Abschied zu nehmen. Seine Religionstypologie enthält Denkmuster, die ihren "Sitz im Leben" in der lutherischen Theologie haben. Gleichwohl blieb das Verhältnis zur evangelischen Theologie Bonner Prägung durchweg gespannt. Zwischen der Theologischen Fakultät und dem Seminar für Religionswissenschaft herrschte, soweit ich dies aus eigener Erfahrung beurteilen kann, Funkstille. Wie stark jedoch die religiösen und theologischen Bindungen Menschings waren, ist schon daraus zu ersehen, dass er sich bewusst in die Tradition eines Protestantismus stellte, die gegen Bekenntniszwang votiert und stattdessen für "lebendige religiöse Erfahrung", für ein "offenes Christentum" eintritt. Dass Mensching sich im liberal-protestantischen "Bund für Freies Christentum" engagierte, dessen Ehrenpräsident Albert Schweitzer ist, blieb seinen Studierenden - lange Jahre auch mir - verborgen. Gesprochen hat er nach meiner Erinnerung darüber nie.

Ich kann und will an dieser Stelle nicht Menschings in seiner Vollständigkeit immer noch keineswegs restlos bekanntes Oeuvre würdigen, nicht seine Religionssoziologie, nicht die zahlreichen religionsphänomenologischen Untersuchungen, auch nicht seine Studienbücher und Einführungen. Ich greife nur einen Gesichtspunkt heraus, den roten Faden in Menschings Lebenswerk, der auch im vorliegenden Band materialreich dokumentiert wird: sein Einsatz für religiöse Toleranz. Mensching war einer der Wegbereiter religiöser Toleranz im vergangenen Jahrhundert. Toleranz, genauer: "inhaltliche Toleranz", lautet eine der großen Pathosformeln des Gelehrten. Seit den späten 1920er Jahren hat er sich mit dieser Thematik beschäftigt, vor allem in seinem Toleranz-Klassiker "Toleranz und Wahrheit in der Religion" (1955), übersetzt in viele europäische Sprachen, auch ins Japanische. 1996 ist diese Schrift im Wartburg-Verlag, Weimar, mit einem Vorwort von Hans Küng neu herausgegeben worden.

Mensching versteht seine Schrift nicht nur als akademischen Beitrag. Der Gelehrte tritt vielmehr engagiert für die "inhaltliche Toleranz" ein. Im Unterschied zur bloß "formalen Toleranz" weicht diese den Wahrheits- und Absolutheitsansprüchen anderer Religionen nicht "indifferentistisch" aus oder vereinnahmt sie synkretistisch. Im Gegenteil: "Inhaltliche Toleranz" nimmt fremde Wahrheitsbehauptungen produktiv auf, rechnet mit der vielleicht schmerzlichen, vielleicht befreienden Möglichkeit, dass eine "Begegnung mit dem Heiligen" anderen Religionen prinzipiell zuzutrauen ist.

Offensein für die spirituellen und ethischen Werte fremder Völker und Religionen: Diese Haltung musste Mensching zu seiner Zeit oft noch kämpferisch verteidigen. 1954 beriet die bayerische Landessynode über eine künftige "Kirchliche Lehrordnung". Sie kam zu dem aus heutiger Sicht für zumindest erstaunlich gehaltenen Urteil, dass schon derjenige die "reine Lehre seiner Kirche" preisgibt, der "sich einer andern christlichen Kirche oder Gemeinschaft anschließt". Vor dem Hintergrund noch relativ geschlossener religiöser Milieus war Menschings Eintreten für inhaltliche Toleranz gegenüber anderen Religionen seiner Zeit weit voraus.

Menschings Nationen und Religionen verbindendes Engagement wird u.a. durch seinen Einsatz bei der "Gesellschaft zur Gründung einer Welt-Universität" dokumentiert, die 1960 auf Schloß Pourtales bei Straßburg aus der Taufe gehoben wurde. Zahlreiche Nobelpreisträger und Gelehrte von Weltruf waren damals von der Idee einer Welt-Universität als Mittelpunkt der Völkerverständigung beseelt, um einen neuen, erdumspannenden Humanismus zu begründen. In seiner Ansprache zur Eröffnung des Inauguralkurses hob Mensching die Inter- und Transdisziplinarität der an ihr vertreten Fächer hervor: "Die Welt-Universität soll weltumspannend und weltbestimmend werden. Weltumspannend soll sie in doppeltem Sinne sein: Hinsichtlich der Beteiligung aller Völker einerseits und hinsichtlich der Problematik und der Forschungsaufgaben andererseits. (...) Gegenstand der Forschung sollen nicht Spezialfragen einzelner Disziplinen sein, sondern Probleme, an deren Lösung oder doch Förderung die Welt interessiert ist. (...) Um solche Ziele anzustreben, bedarf es besonderer Persönlichkeiten als Lehrende und Lernende, akademische Lehrer und erprobte Praktiker aus allen Ländern sollen berufen werden, die nicht nur in ihren Fächern Wertvolles leisten, sondern sowohl den Blick über die Grenzen ihres Faches hinaus auf große Synthesen zu richten gewillt und fähig sind, sondern auch gesinnungsmäßig sich verpflichtet fühlen, für eine verständnisvolle und friedliche Zusammenarbeit aller, die guten Willens sind, zu wirken". Die Aufgaben der Religionswissenschaft beschrieb er - Gedanken u.a. eines Ninian Smart vorwegnehmend - folgendermaßen: "Hier an der Welt-Universität wäre in einmaliger Weise die Möglichkeit gegeben, nicht nur aus den Textquellen der Religionen, sondern durch lebendige Anschauung im täglichen Umgang mit Anhängern der verschiedenen Religionen und durch das sachliche Gespräch jenes Erkennen der letzten Einheit und ein Verstehen der verschiedenen Religionen, ihrer Anhänger und damit der von diesen Religionen vorzugsweise bestimmten Völker zu führen. Wenn also das erklärte Ziel der Weltuniversität darin bestehen soll, den Frieden der Welt durch eine Mobilisierung der Seelen und Geister zu gründen und zu sichern, dann dürfte (...) ein Studium der vergleichenden Religionswissenschaft geeignet sein, die Vertreter der verschiedenen Religionen auf der Basis erkannter letzter Einheit einerseits und des Rechtes der religiösen Eigenart anderseits zu echter inhaltlicher Toleranz zu führen...".

Auch wenn Mensching immer wieder dafür plädiert hat, die Wahrheitsfrage im Unterschied zur Wesensfrage aus der Religionswissenschaft auszuklammern, so war, wenn ich dies einmal so formulieren darf, die theologische Seele in seiner Brust zu stark, um der Wahrheitsfrage ausweichen zu können. Mensching entwickelt in seiner Toleranzschrift keine - in heutiger religionstheologischer Terminologie - exklusive, inklusive oder indifferentistische, sondern eine universalistische Wahrheitsauffassung. Wahrheit kann rationale Richtigkeit bedeuten, beschreibt dann die "Eigenschaft eines Urteils, einer Aussage über einen objektiven Sachverhalt". Das Gegenteil dieser Wahrheitsform ist der Irrtum bzw. die Lüge. Viel wichtiger ist in den Religionen aber eine andere Wahrheitsform, nämlich Wahrheit im Sinne göttlicher Wirklichkeit. Schon früh beschäftigt sich Mensching mit dem Mythos. Dieser gilt ihm als eine typische Ausdrucksform früher Religionen, insbesondere der biblischen Texte. "Echte Wirklichkeitsauffassung" vermittelt der Mythos, die jedoch heute vielen nicht mehr ohne weiteres zugänglich sei. Mythen seien keine primitiven Göttergeschichte, sondern "Bericht und im Berichtetwerden sich ereignender Nachvollzug numinosen Geschehens". Statt "Bericht" und "Berichtetwerden" würden wir heute im Anschluss an Harald Weinrich die narrativen Kategorien der "Erzählung" und des "Erzählens" verwenden. Die Wahrheit des Mythos sucht man nach Mensching "vergeblich in der Richtigkeit seiner Aussagen und Berichte"; denn der Mythos ist - wie das "Glaubensbekenntnis" - eine Form des Symbols. Die Wahrheit des Symbols ist die "vom Symbolgegenstand selbst unterschiedene numinose Wirklichkeit". "Inhaltliche Intoleranz", die in der Bestreitung bzw. Bekämpfung fremder "Wahrheit" besteht, verkennt den Symbolcharakter religiöser Aussagen, verschiebt die Wahrheitsidee "von der Wahrheit als erfahrener Wirklichkeit in die Sphäre der Wahrheit als rationaler Richtigkeit". Der "echte Absolutheitsanspruch" - für Mensching ein entscheidendes Kennzeichen von Universalreligionen - wird von ihm als eine "Erlebnisaussage" verstanden. Sie besteht darin, dass der Fromme die Wahrheit existentiell in einem "absoluten", bindenden Sinne erfährt. Dieser "intensive Absolutheitsanspruch" ist "die in logischer Form ausgesagte existenzielle Bindung an die erfahrene Gotteswelt". Nach Mensching wird der Absolutheitsanspruch falsch verstanden, wenn er als logisch-erkenntnismäßige Richtigkeitsaussage aufgefasst und apologetisch gegen andere Religionen gewendet wird. Zum Vergleich zieht Mensching die "seelischen Beziehungen von Mensch zu Mensch, vor allen in ihren Liebesbeziehungen" heran bzw. die Absolutsetzungen im nationalen Sinne. Wahrheit im Sinne von göttlicher Wirklichkeit, ausgedrückt in einer bekennenden Sprache, ziehe einen intensiven Absolutheitsanspruch nach sich, der aber nicht automatisch grundsätzlich die Wahrheitsmöglichlichkeit anderer Religionen bestreite.

Mensching betrieb keine Religionswissenschaft im Elfenbeinturm. Dies macht ihn modern, läßt ihn zu einem Vordenker angewandter Religionswissenschaft werden. Er sah in ihr auch eine praktische, handlungsorientierte Disziplin mit Lösungsangeboten für Gegenwartsprobleme. So schrieb der Bonner Gelehrte nicht nur eine komparatistische Ethik ("Gut und Böse im Glauben der Völker", 1941, 2. Aufl. 1950), sondern griff immer wieder auch in aktuelle Diskussionen ein. Zum Beispiel in den Streit um Bekenntnisschule und konfessionellen Religionsunterricht. Auch hierzu sind seine Überlegungen gerade heute wieder bedenkenswert: "Nicht konfessionelle Unterscheidungslehren, sondern eine Verlebendigung urchristlicher, allen christlichen Konfessionen gemeinsamen Glaubenshaltung sollte am Anfang stehen und schon hier das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der christlichen Konfessionen wecken. Ich halte dagegen nichts von einer (...) allgemeinen religiösen Erziehung ohne Beziehung zu einer der konkreten geschichtlichen Religion, weil sie farblos und inhaltslos bleibt. Religion ist nur wirklich und wirksam in Religionen. Religion an sich existiert nicht (...) Hat man aber den Ausgang von der konkreten Religion des Christentums in der angegebenen Weise genommen, dann gilt es, den Blick in die Weite zu richten und Verständnis zu gewinnen für die nun kennenzulernenden fremden Religionen und sie als andere Möglichkeiten religiösen Lebens erfassen zu lernen".

Nach wie vor ist unsere Welt geprägt durch religiöse Zerrissenheit. Oft sind Religionen Verursacher von Zank und Streit. Dabei sind ihre Liturgien randvoll gefüllt mit Friedensaussagen. De facto sind es meist die Religiösen, die Gläubigen, die Frommen, die für Recht und Ordnung eintreten, die Heiligkeit von Kriegen propagieren, für die Todesstrafe eintreten. Hindus kämpfen gegen Muslime in Indien, Sikhs gegen Hindus, Muslime und Juden befinden sich in permanenter Auseinandersetzung, Katholiken und Protestanten in Irland liefern ein weiteres Beispiel religiöser Intoleranz. Man könnte mit Karl Barth von der "Dämonie einer bestimmten Zeit" sprechen, von der "Zeit der Sünde", der letztlich "verlorenen" Zeit, die sich in einer derart "vergifteten Atmosphäre" ausdrückt. In allen denkenden Religionen geht es um Gewissheiten, nicht um Problematisierungen, Zweifelhaftigkeiten, Rätselhaftigkeit. Angesichts der überbordenden, exzessiv gewordenen Technologien des 21. Jahrhunderts - Genetik, Nanotechnologie und Robotik - angesichts der über-lebenswichtigen Probleme auf dieser Erde, ist es den großen Werte bildenden Größen dieser Welt, den Religionen, aufgegeben, für Frieden, Dialog, Toleranz einzutreten - trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer jeweiligen Axiomatiken.

Weil im Sinne Menschings grundsätzlich alle Religionen "Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen" sein können sind, dürfen Christen sich unbefangen den spirituellen Erfahrungen, Inhalten und Werten einer anderen Religion öffnen. Hans Küng bescheinigt Mensching, "früher als andere dafür eingetreten (zu sein), dass Christen für die religiösen Werte fremder Völker und Religionen offen sein sollten".

Unibund Halle - Leipzig - Jena Coimbragroup Partnerhochschule des Spitzensports