Schnelleinstieg Reader

Home|Suche|Friedolin|Webmail de

Wortmarke FSU



 

"Die Universität während des Nationalsozialismus"

(Kurzfassung des Projektbeitrags von Antje Hasegewa)

Die Jenaer Rektoren während der NS-Zeit

Die Debatte über die Rektorenbildnisse

Die Jenaer Studenten zwischen 1933 - 1945

 

 

Die Rektoren der Universität Jena zwischen 1933-1945:

Abraham Esau, Wolf Meyer-Erlach, Karl Astel

 

Zur Zeit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 ist Abraham Esau (1884-1955) amtierender Rektor der Universität Jena. Er ist technischer Physiker und hat auf seinem Fachgebiet herausragende wissenschaftliche Leistungen im Bereich der drahtlosen Telegraphie und Kurzwellentechnik vollbracht. Esau promoviert 1908, und er wird 1928 zum ordentlichen Professor ernannt. Der Titel seiner Antrittsvorlesung lautet "Die Energievorräte der Erde und ihre technische Ausnutzung". Esau erfreut sich sowohl bei den Dozenten als auch bei der Studentenschaft großer Beliebtheit. Bereits 1932 wird er zum Rektor gewählt. 1933 tritt der in die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ein. Bei der letzten echten Rektorenwahl, die vor Ende des Zweiten Weltkrieges stattfindet, wird Esau als Rektor im Amt bestätigt.

Bei der nächsten Wahl werden die Wahlstimmen nicht mehr gezählt, sondern nur "gewogen", weshalb 1935 Wolfgang Meyer (1891-1982) zum Rektor ernannt wird. Nach seinem Theologiestudium ist er als Pfarrer und als Rundfunkprediger tätig. Er gehört den Deutschen Christen an, die eine Loslösung des Christentums von den jüdischen Ursprüngen anstreben. Ohne Promotion wird Meyer 1933 zum ordentlichen Professor für Praktische Theologie an der Universität Jena ernannt und hält seine Antrittsvorlesung über "Das neue Deutschland und die christliche Verkündigung". Seinen Namen lässt er 1935 in Meyer-Erlach ändern. Nach einem Gastaufenthalt in Griechenland 1937 erhält Meyer-Erlach die Ehrendoktorwürde der Universität Athen. Seine übereifrigen Reden für den Nationalsozialismus wirken stets übertrieben. Außerdem wird ihm zur Last gelegt, dass er 1929 eine Ansprache zur Einweihung einer Synagoge in Würzburg gehalten hat. Obwohl er bereit ist, sich von den mittlerweile bei den Nationalsozialisten in Ungnade gefallenen Deutschen Christen zu distanzieren, wird Meyer-Erlach als untragbar für das Rektorenamt betrachtet und 1937 wieder durch seinen Vorgänger Esau ersetzt. 1939 wird Esau an die Technische Hochschule in Berlin berufen.

Deshalb wird 1939 Karl Astel (1898-1945) zum Rektor ernannt. Neben seinem Medizinstudium hat sich Astel als fanatischer Nationalsozialist an zahlreichen Straßenkämpfen und am Hitlerputsch von 1923 beteiligt. 1933 wird er zum Präsidenten des Landesamtes für Rassewesen in Weimar ernannt. Tausende von Zwangssterilisationen sind seiner Verantwortung zuzuschreiben. Als Doktor der Medizin und SS-Hauptstürmführer wird er 1934 zum ordentlichen Professor ernannt. Sein Lehrauftrag für "menschliche Züchtungslehre und Erbforschung" wird 1935 in "menschliche Erbforschung und Rassenpolitik" geändert. Er hält seine Antrittsvorlesung über "Rassendämmerung und ihre Meisterung durch Geist und Tat als Schicksalsfrage der weißen Vlker". Schon kurze Zeit nach Übernahme des Rektorenamts folgt die Ernennung Astels zum Staatsrat. Seine Einführungsrede "Die Aufgabe" vom Wintersemester 1936/37 stellt eine Zusammenfassung der nationalsozialistischen Ziele im Bildungsbereich dar. Trotz der Durchhalteparolen, die er während des Zweiten Weltkrieges stets in seine Reden einfließen lässt, hält er selbst nicht bis zum Ende des Krieges durch. Er begeht im April 1945 Selbstmord.

Esau kann ab 1949 wieder als Physiker arbeiten. Er stirbt 1955 in Düsseldorf. Meyer-Erlach, der sich gleich nach dem Krieg in Briefen als Sozialist, Widerstandskämpfer und Verfolgter darstellt, wird nach einigen Jahren als Gelegenheitsarbeiter wieder als Pfarrer eingesetzt. Er stirbt 1982 in Idstein.

Alle drei Rektoren haben als Soldaten am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Esau gerät sogar in Afrika in französische Kriegsgefangenschaft. Für die Generation, der die drei Rektoren angehören, dient der stärker werdende Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg dazu, sich über den verlorenen Ersten Weltkrieg und seine Folgen hinwegzutrösten. Dieser Umstand führt dazu, dass man dem Nationalsozialismus billigend gegenübersteht, und ihm somit den Weg ebnet, der unumkehrbar in die Katastrophe führt.

Esau, Meyer-Erlach und Astel tragen im Rektorenamt zum Fortbestand der 1934 in "Friedrich-Schiller-Universität" umbenannten Universität Jena bei, die eine der vier trotz Krieg weiterhin geöffneten Universitäten Deutschlands ist. Allerdings stehen bei Meyer-Erlach und besonders bei Astel nationalsozialistische vor wissenschaftlichen Interessen. Esaus Skrupel gegenüber den Nationalsozialisten werden durch Ehrungen und Auszeichnungen ausgeräumt. Alle drei Rektoren haben einen Beitrag für die Universität geleistet. Sie haben aber auch einen Teil, politischer Mitverantwortung fr die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 zu tragen.

 

Die Debatte über die Rektorenbildnisse

Die so genannten "Acht Magnifizenzen" sind eine Serie von Rektorenbildnissen der Künstlerin Anke Doberauer. Von der "Gesellschaft der Freunde und Förderer der FSU" sind sieben Portraits in Auftrag gegeben worden, um die Bildreihe der Rektoren von 1945 bis heute zu vervollständigen. Bei ihren Nachforschungen über die bereits verstorbenen Rektoren stößt die Künstlerin auch auf Karl Astel (1898-1945). Er ist zwischen 1939-1945 Rektor der FSU Jena und gilt als überzeugter Nationalsozialist. Die Künstlerin entschließt sich, das Porträt Astels, stilistisch von den anderen Portraits abgehoben, in die Bildserie einzufügen. Als die Ausstellung Ende 1997 eröffnet wird, kommt es innerhalb der Universität, in Jena und weit darüber hinaus zu heftigen Diskussionen. Auf der Seite der Kritiker stehen z.B. der inzwischen verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden Ignaz Bubis, der Schriftsteller Jürgen Fuchs und der damalige thüringische Innenminister Richard Dewes. Sie alle führen eine Geschichtsdebatte und bringen folgende Kritikpunkte immer wieder zum Ausdruck: Erstens, eine Porträtierung Astels und das Aufhängen dieses Bildes bedeuten eine Ehrung, die der Nazi-Verbrecher Astel nicht verdient hat. Zweitens, das Aufhängen des Portraits ist eine Beleidigung der NS-Opfer. Außerdem wird auch teilweise der künstlerische Wert der Gemälde bezweifelt.

Die Befürworter der Bilder weisen, im Gegensatz dazu, auf die künstlerische Qualität der Bilder hin. Außerdem lehnen sie das Argument, dass die Porträtierung einer Ehrung gleichkommt, kategorisch ab. Für sie sind die Gemälde eine Dokumentation.

Die ganze Thematik scheint sehr kompliziert zu sein. Eigentlich sollte sich jeder seine eigene Meinung über diese Portraits bilden. Dieser Versuch gestaltete sich jedoch schwierig, da niemand genau zu wissen scheint, wo sich diese Bilder befinden und ob sie öffentlich zugänglich sind.

 

Die Jenaer Studenten zwischen 1933 - 1945

 

Wie die meisten deutschen Studenten, sind auch Jenaer Studenten enttäuscht von der Bildungspolitik der Weimarer Republik. Von den Nationalsozialisten erhoffen sie sich eine Verbesserung ihrer Lage. Deshalb begeistert sich ein Großteil der Jenaer Studenten schon vor 1933 für nationalsozialistische Ideale. Antisemitismus und "völkische" Ideologie sind unter den Studenten sehr verbreitet.

Ab 1933 verändert sich der Alltag der Studenten grundlegend. Alle Abiturienten müssen vor dem Studium einen halbjährigen Arbeitsdienst absolvieren. Durch die Erfahrungen der Studenten bei Arbeitsdienst und Wehrmacht wird ihre politische Einsatzbereitschaft nicht wesentlich vergrößert. Obwohl die Mehrheit der Studenten das NS-Regime befürwortet und unterstützt, ist das politische Interesse doch eher gering. Es kommt sogar zu Beschwerden über Ungehorsam und mangelnde Aktivität der Studenten. Dem NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund), der sich an der Universität Jena bereits 1925/1926 gründet, gelingt es, den gewünschten "neuen Studententyp" ("flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl") zu erschaffen. Auch die Jenaer Studenten bilden da keine Ausnahme. Die Mehrheit zeigt nur wenig Interesse für Arbeitsdienst, Pflichtsport und politische Schulung. Unzufriedenheit über die Zerschlagung der Studentenverbindungen und über Arbeitseinsätze außerhalb des Studiums führen aber nicht zu einer ablehnenden Haltung oder gar zum Widerstand gegen das NS-Regime. Der "unpolitische Studententypus" bleibt weiterhin dominant. Er passt sich soweit wie nötig an, um seine spätere Karriere nicht zu gefährden.

1935/1936 vollzieht sich ein Generationswechsel auch in der Jenaer Studentenschaft. Diese neue Studentengeneration ist bereits durch Hitlerjugend, Arbeits- und Wehrdienst sozialisiert. Durch ihre vielen Pflichten ist sie überlastet und ist durch besondere Passivität gekennzeichnet. Zwar sind die Jenaer Studenten grundsätzlich bereit die NS-Herrschaft an der Universität zu tolerieren. Es kommt aber auch zu verschiedenen Konflikten. Die schon vor 1933 erkennbare konservative Grundeinstellung und der vorhandene Antisemitismus setzen sich auch nach 1933 fort. Auf die nach der Machtübernahme verordnete Mobilisierung, Disziplinierung und Militarisierung reagiert die Mehrheit der Studenten jedoch passiv. Aber nur wenige Studenten distanzieren sich anfangs vom Nationalsozialismus. Erst als 1935/1936 immer mehr Belastungen auf die Studenten zukommen, wird ihre Haltung gegenüber dem NS-Regime etwas kritischer. Konsequenzen bleiben aber weitgehend aus, da Widerstand den meisten Studenten zwecklos erscheint. Besonders zwischen 1936 und 1939 sind die politischen Aktivitäten gering. Viele Studenten sind auf einen schnellen Abschluss bedacht.

Die Universität Jena unterstützt das NS-Regime bei der Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie. Außerdem leistet sie kriegsvorbereitende und kriegsunterstützende wissenschaftliche Arbeit, besonders auf dem Gebiet der Kriegs- und Wehrwissenschaften.

Durch den Krieg wird der Alltag der Jenaer Studenten stark verändert. Durch die Studienverkürzung und die großen Belastungen (Wehrsport, Arbeitseinsätze usw.), denen die Studenten ausgesetzt sind, nimmt auch ihre Leistungsfähigkeit im Laufe des Krieges immer weiter ab. Durch die Einführung einer neuen Studienordnung, die Einrichtung neuer Lehrstühle und die Entlassung regimekritischer und jüdischer Lehrer wird das gesamte System der Universität Jena von der NS-Ideologie durchdrungen. In jeder Studienrichtung müssen die Studenten ideologische Veranstaltungen besuchen. Da ein Großteil der Jenaer Studenten in kriegswichtigen Fächern immatrikuliert ist, können sie der NS-Doktrin nicht entkommen. Viele Jenaer Studenten wirken durch ihre Arbeit in den Fachschaften, beim KPE (Kriegspropagandaeinsatz) oder beim FEO (Facheinsatz Ost) sogar direkt an kriegswichtigen Projekten mit. Außerdem sind natürlich auch die Jenaer Studenten Teil der so genannten "inneren Front". Das bedeutet auch, sie müssen ständig für den Krieg einsatzbereit sein.

Sie werden beispielsweise zur Arbeit in der Rüstungsindustrie und zu Ernteeinsätzen herangezogen. Viele Studenten nehmen nur ungern an Arbeitseinsätzen und politischen Schulungen teil. Sie lehnen das NS-Regime jedoch nicht grundsätzlich ab.

Während des Krieges können sich viele Studenten nur mit Einschränkungen ihrem Studium widmen. Aber Jena bietet den Studenten einige Vorteile. Die Universitt ist zentral gelegen, nicht direkt vom Krieg betroffen und kann den Lehrbetrieb bis zum Ende des Krieges aufrechterhalten. Im Vergleich zu anderen deutschen Universitäten herrschen in Jena annehmbare Studien- und Lebensbedingungen. Außerdem geht auch während des Krieges das kulturelle Leben in der Stadt weiter.

Ende der 1930er Jahre und im Laufe des 2. Weltkrieges (1939-1945) verändert sich die Struktur der Studentenschaft an der Universität Jena. Jena ist beispielsweise eine der Universitäten die Kurse im Rahmen des so genannten "Langmarcstudiums" (begabte junge Männer können ohne Abitur ein Hochschulstudium aufnehmen) durchführt. Dadurch sollten besonders Arbeiter und Bauern angesprochen werden.

Um den Mangel an Akademikern auszugleichen, propagiert das NS-Regime nach Kriegsbeginn das Frauenstudium. Dadurch steigt auch an der Jenaer Universität der Frauenanteil stark an. Gegen Ende des Krieges 1945 sind zwei Drittel der Jenaer Studenten Frauen.

Da die Universität Jena den Studienbetrieb bis Kriegsende aufrechterhalten kann, kommt es 1945, wie schon zu Kriegsbeginn 1939, zu einem Anstieg der Studentenzahlen. Das macht zeitweilig einen reibungslosen Ablauf des Lehrbetriebs unmöglich.

Direkter Widerstand der Jenaer Studenten gegen das NS-Regime kann nicht nachgewiesen werden. Es kann allenfalls von Distanz gegenüber dem Regime gesprochen werden. Mit Kriegsbeginn verliert der NSDStB seinen Einfluss auf die Jenaer Studenten, da die Führer sich zur Wehrmacht melden. Das macht eine straffe Organisation unmöglich. Nach und nach können sich die nach der Machtübernahme aufgelösten traditionellen Studentenverbindungen wieder etablieren. Auch wenn es sich beim Großteil der Jenaer Studenten nicht um überzeugte Nationalsozialisten handelt, stehen sie doch bis zum Kriegsende dem NS-Regime loyal gegenüber. Nur einzelne Studenten versuchen, sich durch Opposition in bestimmten Situationen individuelle Freiräume zu erhalten.

 

Die ausführliche Arbeit kann in der Lernwerkstatt, Ernst-Abbe-Platz 8, Raum 615 eingesehen werden.

Hinweise zu aktueller Literatur:

Hoßfeld, Uwe; John, Jürgen; Lemuth, Oliver & Stutz, Rüdiger (2003): "Kämpferische Wissenschaft" - Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag.

Uni-Journal Jena, Nr. 02 - Wintersemester 2003/2004, 22-23.

Unibund Halle - Leipzig - Jena Coimbragroup Partnerhochschule des Spitzensports