Raus aus der Nische
Abstrakte DDR-Kunst mit Abstand neu bewertet
| Realistisch und staatskonform versus rebellisch und subversiv. In der DDR führte moderne Kunst ein Nischendasein. Wie in der Diktatur moderne Kunstwerke entstehen konnten und wie diese zu werten sind, damit beschäftigte sich die Vorlesungsreihe „Zeitgenossenschaft - Künste und Kunstwissenschaften in der DDR“, die von November 2003 bis Februar 2004 an der Universität Jena stattfand. Prof. Dr. Albrecht von Massow hat mit seinem Kollegen Prof. Dr. Michael Berg vom gemeinsamen Institut für Musikwissenschaft der Musikhochschule Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Dr. Ulrich Zwiener und dem Collegium Europaeum Jenense (CEJ) mit wenig Geld den anspruchsvollen interdisziplinären Veranstaltungsmarathon organisiert. |

Prof. Dr. Albrecht von Massow |
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Wie kam es zur Idee dieser umfangreichen Veranstaltungsreihe? Ich habe in Westdeutschland eine musikgeschichtliche Ausbildung genossen, die zwar die zeitgenössische neue Musik betraf, aber nur die westlich des Eisernen Vorhangs. In Gesprächen mit Michael Berg, der in Ostdeutschland als Musikkritiker und Musikwissenschaftler tätig war, entstand die Idee, ein Symposium zu organisieren, um diese Musik vor 1989 jenseits des Eisernen Vorhanges kennen zu lernen. Das Symposium „Musik macht Perspektiven. Zeitgenössische neue Musik in der DDR“, das 2001 stattfand, war der Vorläufer für die „Zeitgenossenschaft“. Wir wollten dann wissen, welche Probleme für die anderen Kunstgattungen bestanden. Um vergleichbare Entwicklungen in der Literatur, in der Kunst- und Filmgeschichte aufzuzeigen, haben wir dann mit Hilfe des CEJ die Veranstaltungsreihe konzipiert. |
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Welches Ziel haben die Veranstalter verfolgt? Wir wollten die Kunst zum Vorschein bringen, die in der DDR zensiert oder unterdrückt bzw. nicht in dem Maße gefördert wurde wie die linientreue Kunst. Das betrifft die abstrakte Malerei, die experimentelle und zeitkritische Literatur, die zeitgenössische neue Musik und den experimentellen Film. Damit aber nicht nur in wissenschaftlichen Vorträgen über diese Kunst gesprochen, sondern sie auch wahrgenommen wird, haben wir begleitend Filmvorführungen, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen angeboten.
Warum erst jetzt, 14 Jahre nach dem Mauerfall? Man hat direkt nach dem Mauerfall in Ost und West angefangen, die Geschichte der DDR aufzuarbeiten. Es braucht aber Zeit, sich mit der neuen Situation abzufinden, sich zurechtzufinden und neue selbstkritische Kriterien zu entwickeln. Es ist ja nicht sofort alles Geschichte, sondern wirkt in Form von Strukturen, Denkweisen, Bewusstseinsformen in die Gegenwart hinein. Je mehr manches in die Vergangenheit zurück sinkt, umso breiter wird die Betrachtungsperspektive.
Viele der Künstler und Lehrer leben und lehren auch noch. Kommt daher der Titel „Zeitgenossenschaft“? Auch, aber er leistet mehr. Er meint die Zeitgenossenschaft innerhalb der DDR, und zwar der verschiedenen Künste untereinander und ihr Verhältnis zu Partei und Staat. Denn es existierten divergierende Auffassungen darüber was Kunst leisten soll, mehr oder weniger konfliktreich nebeneinander. Es gibt eine Zeitgenossenschaft von drei Hauptströmungen der Kunst in den letzten 20 Jahren der DDR: erstens der Sozialistische Realismus als neue Kunstform im Sinne der Parteiideologie, zweitens die selektive Aneignung der künstlerischen Traditionen und als dritte Strömung die zeitgenössische neue Kunst, die sich seit Mitte der 60er Jahre ausbreiten konnte. Manche Künstler haben alle drei Strömungen in irgendeiner Weise bedient oder reflektiert.
Wie war die Resonanz auf Ihre Veranstaltungsreihe? Gab es kritische Diskussionen? Ja, die gab es. Die zwei Pole, die sich im Publikum gegenüberstanden, könnte man so charakterisieren: die einen, die der Meinung waren, dass die Art und Weise, wie in der DDR Kunst organisiert und ermöglicht wurde, gar nicht so schlecht gewesen sei. Sie sind über Zensur und Diskriminierung hinweg gegangen und suchen im Nachhinein noch eine Rechtfertigung für ihre Kunstauffassung. Und andere, ebenso DDR-Bürger, die ganz klar unter diesen Zensuren und Diskriminierungen gelitten haben und nun eine Aufwertung der unterdrückten Kunst wollten. Die Positionen sind relativ fixiert, vor allem die Positionen derer, die dem alten System noch anhängen - was mich ein wenig bestürzt. Aber allein, dass solche Diskussionen zustande kommen, ist ein Gewinn.
Wie hat sich die Ideologie auf die Kunst in der DDR ausgewirkt? Die Institutionen in der DDR haben sehr stark durch die Verbände in die Künste hinein gewirkt, z. B. durch das Auftragswesen. Hier wurde selektiert, welche Kunst überhaupt veröffentlicht werden konnte. Der Sozialistische Realismus sollte eigentlich eine universelle Verbindung der Künstler untereinander sein. Das ist nie umgesetzt worden, aber der Anspruch war da. Ihm versuchte die Verbandsstruktur zu genügen. Für viele Künstler, die ihren eigenen Weg gehen wollten, war das sehr belastend.
Waren alle Kunstrichtungen gleichermaßen betroffen? Nein, die Literatur galt als höchste Kunst, weil sie am besten in der Lage ist, ideologische Botschaften zu vermitteln. Aber sie ist auch am gefährlichsten. Das konkrete kritische Wort ist eine fassbare Bedrohung für einen Staat wie die DDR. Deswegen fanden die meisten Ausbürgerungen im Bereich der Literatur statt. Wolfgang Biermann ist ja nicht wegen seiner Musik für Gitarre ausgebürgert worden. Die Musik als unkonkrete, nichtbegriffliche Kunst hat nie so stark im Visier der Parteiideologie gestanden. Man hat es nicht als Bedrohung angesehen, wenn Komponisten experimentelle, avantgardistische Techniken ausprobiert haben. Das war zwar eine Abweichung von bestehenden Kunstnormen, nicht aber eine konkrete Kritik am Staat. Das erklärt auch, warum vergleichsweise wenige, nichtkonforme Komponisten die DDR verlassen haben.
Hat diese Einengung, der ideologische Druck, Neuentwicklungen gehemmt? Sicher. Es hat parteigeleitete Diskussionen gegeben, durch die Werke abgelehnt worden sind. Diese Diskussionen waren mit Sicherheit ein Hindernis für die künstlerische Kreativität. Ganz zu schweigen auch von dem Druck innerhalb der Verbände. Das ist nicht alles nach außen gedrungen; aber es wurden beispielsweise aus Filmen bestimmte Sequenzen herausgenommen. Manche Filme konnten überhaupt nicht produziert werden.
Hat solche Repression nicht auch kreative Potenziale freigesetzt? Nehmen sie das Beispiel Musik: Die avantgardistischen Symphonien von Friedrich Goldmann sind aufgeführt worden. Allerdings selten und sie wurden dann von den Kritikern stark verrissen. Da frage ich mich, ob das wirklich ein Ansporn gewesen ist.
Aber es gibt doch Werke, die es ohne die DDR-Diktatur nicht gegeben hätte? In der zeitgenössischen Kunst der DDR gab es eine starke Tendenz, Gesellschaft zu thematisieren. Aber nicht mehr mit Mitteln großer Abbildlichkeit, konform mit der Gesellschaftsideologie, sondern kritisch, abstrakt, konfliktreich. Und dieses Thema „Gesellschaft“, würde ich sagen, hat mit den Ausdrucksmitteln, wie sie in der DDR gefunden wurden, in Westdeutschland keine entsprechenden Formen produziert, weil die Provokation nicht da war. Zum Beispiel würde ich von den Symphonien Friedrich Goldmanns sagen, dass sie immer in irgendeiner Weise Gesellschaft thematisieren. Und vielleicht wäre ohne dieses Gesellschaftslabor DDR eine solche Musik mit solchen Mitteln gar nicht entstanden. Insofern doch eine positive Antwort.
Aber die kommt nicht aus vollem Herzen...?! Mir macht dieser Gedanke ein wenig Angst. Man könnte daraus schließen, dass es gut sei, wenn der Menschheit in periodischen Abständen Zwang, Diktatur und Repression widerführen, damit sie wieder zu einer starken, rebellischen Kunst gelangt. Das ist natürlich nicht der Fall. Kunst kann auch sehr gut florieren, wenn sie frei ist. Die Menschen haben genug, woran sie sich reiben, es braucht keine staatliche Repression, um einen Kreativitätsschub für die Kunst in der Geschichte zu bewirken. Andererseits produziert eine gewisse Normierung der Kunst auch Widerstand und Widerspruchsgeist. Das ist in der DDR auch der Fall gewesen. Es hat viele Bestrebungen gegeben, die Kunst autonom zu machen. Sie hat es versucht, hat sich ein Material gesucht, welches nicht mehr repräsentieren kann, nicht mehr den öffentlichen Normen der Kunstdarbietung genügt, sondern eigene Wege geht, exzentrisch ist.
Sie sprechen von der so genannten Subkultur? Ich würde nicht nur die Subkultur nennen. Jemand hat mal die DDR das „Land der Graphik“ genannt, weil interessanterweise im Bereich der Grafik viel abstrakte Kunst geschaffen wurde. Grafik ließ sich verbreiten, denn sie war nicht so großformatig. Aber man bekam dafür auch nie und nimmer einen Auftrag etwa in der Größenordnung, wie ihn Werner Tübke für das Museum in Bad Frankenhausen erhalten hat. Auf der Ebene der großen öffentlichen Repräsentation gab es keine Aufträge für moderne zeitgenössische Kunst. Wenn man danach geht, dass Kunst den Anspruch hat, Großes zu gestalten, dann war ihr dieser Weg in der DDR versperrt. |
Sowohl Hermann Glöckners abstrakte „Schwünge", 1984 (Abb. rechts) als auch Max Uhligs „Halbfiguren", 1986 riefen bei DDR-Parteioberen Kritik hervor.
Abbildungen (3): Archiv Stadtmuseum |
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Nach der Wende sind viele DDR-Künstler verstummt, haben sie ihren Feind verloren? Es sind nicht alle verstummt. Manche haben vielleicht den Biss verloren, den sie vielleicht durch die spezifische Situation in der DDR hatten. Andere haben aber noch radikalere Werke nach 1989 geschaffen. Auch Heiner Müller ist ja nicht 1989 verstummt. Der unbekanntere Komponist Jörg Herchet hat nach 1989 fulminante Werke geschaffen, die fast noch mehr avantgardistische Spannkraft entwickelt haben. Auch beim Collagemeister Alfred Mörstedt habe ich nicht den Eindruck, dass er nachgelassen hätte. Nein, das ist von Fall zu Fall verschieden. Das Problem, welches ich sehe, ist, dass manche DDR-Künstler es gewohnt waren, für das Auftragswesen zu produzieren.
Sie haben die kritische Rolle der Kunstkritiker und Kunstwissenschaftler im DDR-Kunstapparat angesprochen... Natürlich müssen sie sich rückblickend die Frage gefallen lassen, wieweit sie durch ihre Tätigkeit in Verbänden und Zeitschriften an der ideologischen Durchsetzung der DDR-Kunstauffassung mit beteiligt waren. Auch hier muss man unterscheiden. Es gibt grob unterteilt die Hardliner, die wirklich die Idee eines sozialistischen Realismus durchsetzen wollten. Es gab auf der Gegenseite Leute, die das gar nicht wollten und es gibt Leute, die eigentlich am interessantesten sind, weil sie mit doppelter Zunge gesprochen haben. Auch eine Überlebenstaktik, die ich akzeptiere; beispielsweise, wenn einer in seinen Verlautbarungen in Zeitschriften ganz klar die sozialistischen Richtlinien verfochten und mitgetragen hat, dann aber im Unterricht seinen Schülern dennoch abstrakte Kunst oder Werke von Schönberg nahegebracht hat. Das hat es alles gegeben. Wir treffen in der DDR-Geschichte immer wieder auf ganz ambivalente Biographien.
Wie sieht es mit den Werken gefeierter DDR-Künstler aus, sie werden heute oft abwertend beurteilt? Ich glaube nicht, dass der Sinn von Veranstaltungsreihen wie der unseren darin liegt, Verurteilungen, schon gar nicht aus der Sicht von Westdeutschen, auszusprechen. Man kann Wege anbieten, mit denen die Leute zu ihrer eigenen Geschichte ein konstruktives Verhältnis gewinnen können. Das muss ein selbstkritisches, differenziertes Verhältnis sein. Es muss Möglichkeiten geben, durch diese Differenzierung nicht alles in der DDR-Kunst als negativ und schlecht zu empfinden, sondern mit manchen Sachen, die dort gelaufen sind, auch weiterhin leben zu können.
Können sie das konkreter ausführen? Man hat bei DDR-Kunstwerken sehr viel von Interaktion geredet, von Kommunikation von sozialen Modellen. Manche Künstler, z. B. Heiner Müller, waren in gewissem Sinne überzeugte Marxisten, die an einer sozialen Utopie festhielten und von dem DDR-Staat enttäuscht waren. Sie haben die Ideologie in ihrer Reinform nicht abgelehnt, sondern wollten gerade, dass sie zu ihren Ursprüngen, zu ihren authentischen, vielleicht auch humanistischen Werten zurückkehrt. Man darf nicht verkennen, dass auch ein wesentlicher Schaffensimpuls aus der Auseinandersetzung mit dieser Korrumpierung der Ideologie durch den DDR-Staat kam.
Woher kommt die Abneigung gegen abstrakte Kunst und ist sie im Osten stärker ausgeprägt? Das ist schwer zu beantworten, weil konkrete Zahlen zur Rezeption fehlen. Die Distanz gegenüber abstrakter Kunst, zeitgenössischer neuer Musik, experimentellen Filmen resultiert schon aus den Jahren, wo diese Kunst entstanden ist, den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sowohl nationalsozialistische als auch sozialistische Kunstideologie konnten daher auf bestehenden Vorurteilen aufbauen. Da diese also vorher entstanden waren, hat es sie später auch in Westdeutschland gegeben und es gibt sie immer noch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die positive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer neuer Kunst in der DDR stärker einem Antrieb gefolgt ist, nämlich dem Bedürfnis, aus vorgegebenen Normen auszubrechen. Dieses Bedürfnis ist immer noch da - oder anders ausgedrückt, bei denen, wo es noch da ist, merkt man, dass es nicht nur eine Frage der Rebellion war, sondern der Faszination im Umgang mit diesen ästhetischen Gebilden, ihrer Eigenart, ihrer Fremdheit entspringt. Sowieso hat die moderne Kunst schon längst, und zwar in allen Bereichen, aus der Nische herausgefunden. Sie wird nie ein breites Publikum haben, aber sie ist auch nicht mehr nur für ein Elitepublikum da. Das wird auch in Zukunft so sein, weil das Grundproblem des 20. Jahrhunderts, die Verbrauchtheit herkömmlicher Ausdrucksmittel, bis heute nicht gelöst ist. Das Bedürfnis nach neuen Ausdrucksmitteln ist ungemindert stark. Da sehe ich keinen Unterschied zwischen Ost und West.
Sie haben erwähnt, dass man sich vor der Wende kaum mit der abstrakten Kunst hinter dem eisernen Vorhang beschäftigt hat. Warum nicht? Es ist zweierlei: Zum einen ist es Desinteresse gewesen, zum anderen wusste und ahnte ich z. B. nichts von den Werken Zechlins, Goldmanns, Friedrich Schenkers, Herchets, weil die Außendarstellung der DDR in musikalischer Hinsicht nur eine moderate, etwas langweilige Moderne war, oder aber altbacken traditionell. Man hätte vielleicht auf ein paar Rundfunksendungen im Nachtprogramm zurückgreifen können. Auf Schallplatte gab es so gut wie gar nichts. Ich habe damals Platten von einigen tschechischen und polnischen Komponisten gekauft. Es war eine Mischung aus Unzugänglichkeit und Desinteresse.
Wie werten Sie das im Nachhinein? Es ist immer, wenn solche politischen Blöcke und Konflikte bestehen ein Fehler, sich nicht mit der Gegenseite zu beschäftigen. Gerade, wenn man mit einer Kultur in Konflikt gerät, z. B. heute mit der islamischen Kultur, muss man sich dafür interessieren, was dort läuft. Denn keine Diktatur oder kein repressives System ist unangreifbar. Es gibt immer Mittel und Wege es aufzulösen, zu unterwandern, und hierbei spielt die Kunst eine ganz, ganz große Rolle. Das hat die „Zeitgenossenschafts“-Reihe gezeigt. |

Alfred Mörstedt: Weiße Rosen, 1965 |
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