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DDR


Arbeiter- und Bauernfakultät: Kaderschmiede und Karrieresprungbrett
Karl Griewank: Mittler zwischen Ost und West
Marxismus-Leninismus: Ein Pflichtfach und seine Geschichte

Kaderschmiede und Karrieresprungbrett

Die Geschichte der Jenaer Arbeiter- und Bauernfakultät

Passanten, die die August-Bebel-Straße entlanglaufen, nehmen das eindrucksvolle Gebäude mit den hohen Fenstern kaum wahr, das hier versteckt hinter großen Bäumen liegt. Nur der aufmerksame Beobachter wird oberhalb des Eingangs den Schriftzug „Arbeiter- und Bauern-Fakultät" entdecken. Seine Bedeutung und die Geschichte dieser Fakultät werden jedoch auch diesem wachsamen Fußgänger kaum geläufig sein. Nur noch wenige wissen, dass hier an der ABF, so das einstmals bekannte Kürzel, zwischen 1949 und 1963 ca. 5300 Studenten für die Erlangung ihrer Hochschulreife paukten.

Zwei Jahre nach Schließung von 13 der deutschlandweit insgesamt 15 ABF – nach 1963 bestanden nur noch die ABF Freiberg und Halle – setzte Hermann Kant ihnen mit seinem Roman „Die Aula" ein literarisches Denkmal. Mit Humor und Ironie erzählt Kant in diesem „Geschichts- und Geschichtenbuch", wie aus dem Elektriker Robert Iswall ein Journalist wurde, aus der Schneiderin Vera Bilfert eine Augenärztin, aus dem Zimmermann Gerd Trullesand und aus der Landarbeiterin Rose Paal Sinologen und aus dem Waldarbeiter Jakob Filter sogar ein Hauptabteilungsleiter im Ministerium für Forstwirtschaft. Doch nicht nur von ungewöhnlichen Bildungswegen wird erzählt, sondern auch vom „Sturm auf die Festung Wissenschaft".

Und die, die da ab 1949 „stürmten", waren junge Arbeiter, Bauern, Kriegsheimkehrer, Vertriebene. Eben jene Generation, die ihre Jugend im Krieg verlor und zu großen Teilen im sozialen Abseits stand. Junge Menschen, die ohne die Einrichtung ABF wohl nie eine Hochschule oder Universität besucht hätten. In drei Studienjahren erwarben sie in zäher kollektiver Arbeit die Hochschulreife und begannen anschließend ein Studium, auf das sie ab dem zweiten Studienjahr in Spezialzweigen der ABF vorbereitet wurden. Ermöglicht wurde ihnen der Besuch der ABF durch Bereitstellung von Stipendien und Wohnheimplätzen.

Bildung der „Neuen Intelligenz"

Chancengleichheit und Kompensation von Kriegsfolgen waren die demokratischen Gründungsmotive der 1946 entstandenen Vorstudienanstalten, aus denen die ABF hervorgingen. Sie wurden schon früh mit weiteren Leitgedanken verknüpft. Die ABF-Absolventen sollten während ihres Studiums die SED-Ideologie in die traditionell-bürgerliche Welt der Universitäten und Hochschulen einbringen und anschließend Teil der staatstragenden „neuen Intelligenz" werden.

Obwohl die ABF für das Bildungssystem der DDR von großer Bedeutung waren und in ihrer Funktion Einblicke in die Anfänge der DDR geben, ohne die man ihr Ende nicht verstehen kann, blieben sie bis heute von der Forschung nahezu unbeachtet. Bisher liegen lediglich wenige Studien vor, die sich jedoch schwerpunktmäßig mit den Vorstudienanstalten (VA) und der Gründungsphase der ABF auseinandersetzen. In der zeithistorischen Untersuchung von Michael C. Schneider geht es neben der allgemeinen Geschichte der Berliner VA/ABF um die Probleme bei der Einrichtung eines Arbeiterstudiums, der Anwerbung von geeigneten Kandidaten, um die Aufnahmeverfahren und sozialstrukturellen Aspekte, wie beispielsweise die Herkunft der Studenten. Der erziehungswissenschaftlich orientierte Beitrag von Jan Hendrik untersucht die VA/ABF Halle und zeigt deren Erziehungsmethoden, Zulassungsvoraussetzungen und Stundenpläne sowie Fächerinhalte. Neben diesen beiden neueren Studien existieren eine Reihe Jubiläums- und Gedenkschriften (für Jena aus dem Jahr 1985), die jedoch ausschließlich die Erfolge der ABF im Hinblick auf die Veränderung des sozialen Profils der Studentenschaft und ihren Anteil am sozialistischen Aufbau darstellten und die Richtigkeit der (Hochschul-)Politik der SED betonen.

Nur am Rande erforscht

Anfang der 60er Jahre begann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeiter- und Bauern-Fakultät. Entstanden sind zahlreiche Dissertationen, Staatsexamensarbeiten und Artikel über die ABF, die jedoch stark ideologisch geprägt sind. Dennoch kann man ihnen wertvolle Informationen über Struktur und Aufbau der ABF entnehmen. Abschließend bleibt jedoch festzustellen, dass die ABF bisher nur ansatzweise und für Jena noch gar nicht untersucht wurden. Selbst in den Veröffentlichungen zur Jenaer Universitätsgeschichte fand die ABF nur am Rande Beachtung. Auch in der umfangreichsten Ausgabe, der zweibändigen Jenaer Universitätsgeschichte von Max Steinmetz, wird lediglich der steigende Anteil an Arbeiter- und Bauernstudenten hervorgehoben.

Berge ungelesener Akten

Ausführliches über die Dozenten und Studenten der ABF, die Menschen, die an dieser Fakultät lehrten und lernten, ist nicht zu erfahren. Wer unterrichtete diese „neue Elite"? Wer leitete diese Fakultät? Woher kamen kurz nach dem Ende der faschistischen Diktatur im Sinne der sozialistischen Sache „fortschrittliche" Lehrbeauftragte, die zuverlässig und loyal die neuen Führungskräfte ihres Landes heranbildeten? Wer waren die ABF-Studenten? Woher stammten sie, wie kamen sie an die ABF und in welche Studien- bzw. Berufszweige traten sie nach ihrer ABF-Zeit ein?

Antworten auf diese Fragen, die Gegenstand eines laufenden Promotionsvorhabens sind, finden sich auf zweierlei Weg. Zum einen in den Archiven. Von Jena über Rudolstadt, Weimar bis nach Berlin reichen die Aktenberge, umfangreich und ungelesen. Zum anderen durch die Befragung von ehemaligen ABF-Dozenten und Studenten. Diese Interviews ermöglichen eine lohnende Ergänzung des Archivmaterials um das subjektive Erleben der Zeitzeugen – weitere Gesprächspartner sind willkommen.

Für die ABF Jena zeichnen die bisherigen Forschungsergebnisse ein ausgesprochen facettenreiches Bild. Zunächst beeindruckt der Direktor der Jenaer Fakultät Heinz Keßler. Erst 26-jährig und Absolvent der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät, begann er 1946 sein Direktorenamt an der ABF Jena. Er leitete mit strenger Hand, forderte, förderte und half seinen Dozenten privat wie beruflich. Keßler war ein unbeirrbarer SED-Genosse, der jene verstieß, die nicht für die Sache kämpften, und antidemokratische Tendenzen an die „Sicherheit des Staates" weitermeldete. Ein Direktor, der schon bei seinen Zeitgenossen umstritten war. Ehemalige Kollegen beschrieben ihn als Idealkommunisten, als dialektisch ausgezeichnet, als „Scharfmacher", aber auch als einen, der persönlichen Anliegen zugänglich war. Ein Direktor, der beruflich rigoros durchgriff, aber menschlich anständig gewesen sei, ein kluger Kopf und Redner, so das Fazit.

Noch Jahrzehnte später spaltet er die Erinnerungen seiner ehemaligen Dozenten und Studenten. Da sind jene, die ihn verabscheuen, die nicht vergaßen, wie er am 17. Juni 1953 feige aus der von aufgebrachten Jenenser Bürgern gestürmten Fakultät flüchtete oder berufliche Karrieren von politisch nicht Angepassten zerstörte.

Aber es gibt auch andere, die ihn bis heute hoch schätzen, weil er zu Leistungen anspornte, Weiterbildungen ermöglichte, eine scheinbar unerreichbare Wohnung besorgte oder den Dozentinnen die Kinderbetreuung erleichterte, indem das Sekretariat kurzerhand zur Kinderstube wurde.

Die Dozentenschaft, die an der Jenaer ABF lehrte, war ein bunter Haufen unterschiedlichster sozialer Herkunft, beruflicher Bildung und politischer Prägung. Da unterrichteten Studienräte und Gymnasiallehrer in Latein und den Naturwissenschaften. Übersetzer lehrten Fremdsprachen. Das Spektrum reichte von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, ostpreussischen Angestellten- und Beamtentöchtern, Umsiedlerfrauen aus dem Baltikum, alten Sozialdemokraten bis hin zu Studenten der Gesellschaftswissenschaften.

Einen sollte das ABF-Personal politische Zuverlässigkeit und fachliche Kompetenz. Aus diesem Anspruch ergaben sich in den Jahren des Bestehens dieser Fakultät immer wieder eine Reihe von politischen und Qualifizierungsproblemen. Denn es gab Dozenten, die ließen sich einfach nicht erziehen, hatten hohe fachliche Ansprüche an ihren Unterricht und vergaßen darüber den politischen Auftrag. Sie wurden, wenn möglich, durch fortschrittliches Personal ersetzt. Aber auch für ausschließlich klassenstandpunktfeste Dozenten mit fachlichen Schwächen gab es kein Bleiben an der ABF. Der Spagat zwischen fachlichem und politischem Anspruch führte über die Jahre zu einer hohen Fluktuation im Lehrkörper, aber auch zu hohen Exmatrikulationszahlen unter den Studenten. Trotz einer rigiden Personalpolitik blieben die ABF bis zu ihrer Schließung 1963 weit hinter den politischen und fachlichen Ansprüchen des ZK der SED zurück.

Das „richtige" Bewusstsein

Die bisherigen Forschungsergebnisse widersprechen bis heute geltenden Vorurteilen, die ABF seien lediglich Kaderschmieden der SED ohne wissenschaftliches Fundament gewesen. Freilich bildeten sie nicht nur aus, sondern erzogen auch zum „richtigen" politischen Bewusstsein. Dies mäßigte jedoch nicht die fachlichen Ansprüche an den ABF. Die Leistungsanforderungen blieben stets hoch. Ein Muss, wollten die ABF ihre ohnehin bezweifelte Existenzberechtigung innerhalb der Universität nicht aufs Spiel setzen. Weiterbildungen, schriftliche Stellungnahmen über den Bildungsstand, regelmäige Musterstunden und Hospitationen mit anschließender Auswertung bestimmten den Arbeits- und Studienalltag an der Fakultät ebenso wie Arbeitseinstze und politische Veranstaltungen außerhalb. Ein Netzwerk aus strengen Kontrollmechanismen und Leistungsüberprüfungen diente der Überwachung, Disziplinierung sowie Fort- und Ausbildung der Dozenten und Studenten. Doch das ist nur das Bild, das die Akten vermitteln.

Die ehemaligen Jenaer ABF-Dozenten und -Absolventen erzählen auch andere Geschichten. Die Dozenten berichten von einer arbeitsreichen und anspruchsvollen Zeit, von Herausforderungen wie dem Entwerfen eigener Unterrichtsmaterialien und Lehrbücher, dem Improvisieren und Unterrichten im Zweischichtsystem. Gesprochen wird vom Zusammenhalt zwischen Studenten und Lehrenden, von der außergewöhnlichen Atmosphäre an der Fakultät. Kein bloßes Lehrer-Schüler-Verhältnis sei es gewesen, sondern Partnerschaft. Hierzu trug auch der oft geringe Altersunterschied zwischen ABF-Dozent und -Student bei. Manche Partnerschaft hielt ein Leben.

1963: Auftrag erfüllt

1963 wurden die ABF feierlich geschlossen, sie hatten, wie es hieß, ihren historischen Auftrag erfüllt. Doch bereits 1957/58 hatte es Reduzierungs- und Schließungspläne gegeben. Die Jenaer Fakultät sollte zum Studienjahr 1958/59 geschlossen werden. Die ABF hatten Ende der 50er Jahre ihre Funktion an die Erweiterten Oberschulen und die Berufsausbildung mit Abitur verloren. Ihr Weiterbestehen verdankten die ABF neben einer veränderten, stärker volkswirtschaftlich orientierten Aufgabenstellung auch der Tatsache, dass sich die ABF in Krisenzeiten, wie 1953 und 1956, als zuverlässige Bastionen der SED bewährt hatten.

Was aus Kants Helden der ABF, den Studenten, wurde, wissen wir bereits. Für die Jenaer Absolventen war die ABF ebenfalls Sprungbrett in erfolgreiche Berufskarrieren. Aus den bisher befragten Jenaer ABF-Absolventen wurden Ärzte, Juristen, Lehrer, Übersetzer, Wissenschaftler und Produktionsleiter. Reale Bildungsromane, die bei näherer Betrachtung Einblicke in die Funktionsweise des DDR-Hochschulsystems und Anhaltspunkte für die Entwicklung und die Aufrechterhaltung von Loyalität gegenüber dem DDR-System geben, ohne die der Anfang und das Ende der DDR nicht verstanden werden können.

Jana Woywodt

Die ABF: Zum 10-jährigen Jubiläum war sie fein herausgeputzt. Heute weiß kaum noch jemand, was das Gebäude in der Jenaer August-Bebel-Straße einst beherbergte.

Foto: Archiv

Mittler zwischen Ost und West

Eine facettenreiche Figur: Der Jenaer Historiker Karl Griewank

Die Zeit von 1945 bis 1968 war für die Universität Jena eine Periode der großen Veränderungen. Nicht nur, dass am Ende die „3. Hochschulreform" mit der Abschaffung der Fakultäten stand und mit der Einrichtung von Sektionen letztlich die Struktur geschaffen wurde, die bis zum Ende der DDR prägend blieb. Auch sozialgeschichtlich hat, wie Ralph Jessen herausgearbeitet hat, ein Eliten- und auch Generationenwandel sondergleichen an den Hochschulen der DDR (bzw. bis 1949 der Sowjetischen Besatzungszone) stattgefunden.

Die ältere Forschung in Ost und West sieht darin – vor allem von offiziellen und ideengeschichtlichen Quellen ausgehend – die gezielte Umsetzung eines politischen Plans. Die hochschulpolitische Parole von der „planmäßigen ideologischen Umgestaltung der Universitäten" ließ und lässt sich auch in politischen Reden und Verordnungen finden. Aber entsprachen solche Parolen auch der Wirklichkeit und – falls ja – wie wurden sie umgesetzt?

Hauslehrer und Redakteur

Es wird eine Aufgabe der zu schreibenden Universitätsgeschichte sein, diesen spannenden und spannungsreichen Elitewechsel differenziert nachzuzeichnen. Mit dem Historiker Karl Griewank (1900-1953) soll im Folgenden eine Person vorgestellt werden, die inmitten der Auseinandersetzung stand. Griewank war von 1947 bis zu seinem tragischen Freitod im Herbst 1953 einer der so genannten „bürgerlichen" – also nichtmarxistischen – Wissenschaftler an der Alma Mater Jenensis. Er besetzte noch dazu das ideologisch wichtige Feld der Neueren Geschichte, auf dem die sich formierende marxistisch-leninistische Geschichtswissenschaft zunehmend ihre Deutungshoheit beanspruchte. Die Situation erschien den Beteiligten offener, als wir es uns heute denken mögen. Die Aktivisten der SED befanden sich noch in der Minderheit – sowohl unter den Studierenden, vor allem jedoch im Lehrkörper – und gerade die Philosophische Fakultät blieb lange Zeit geprägt von Gelehrten der alten Schule mit traditioneller bzw. pluralistischer Wissenschaftsauffassung.

Karl Griewanks Biographie war bis zu seiner Berufung auf das Ordinariat in Jena durchaus facettenreich. Er wuchs im bildungsbürgerlichen Milieu Mecklenburgs auf. Mit 18 Jahren legte er sein Abitur ab und wurde nicht mehr zum Kriegsdienst eingezogen. Er studierte in Göttingen, Leipzig, Rostock und Berlin und wurde mit 22 Jahren mit einer Arbeit zur Geschichte der Revolution 1848/49 promoviert. Nach der Dissertation war er als Hauslehrer und Lokalredakteur einer demokratischen, DDP-nahen Charlottenburger Tageszeitung tätig. Finanzielle Sicherheit erlangte er durch die seit 1926 wahrgenommene hauptamtliche Tätigkeit bei der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft", die sich bald „Deutsche Forschungsgemeinschaft" (DFG) nannte. Griewank hatte damit den üblichen wissenschaftlichen Karriereweg verlassen. Dennoch arbeitete er weiterhin an einer Habilitation, die er 1942 fertigstellte: „Der Wiener Kongreß und die Neuordnung Europas" – ein Titel, der mitten im Zweiten Weltkrieg aktuell-politisch verstanden werden musste.

Die DFG hatte nach 1933 vollständig ihren Charakter gewandelt. Das unabhängige Gutachterwesen war abgeschafft, Forschungsschwerpunkte im nationalsozialistischen Sinne neu festgelegt worden. Karl Griewank hatte als Referent diese Politik umzusetzen. Er trug die Entwicklung mit, war ausführender Funktionsträger. Dennoch bewahrte ihn vor allem seine christliche Überzeugung vor allzu großer Begeisterung über den Nationalsozialismus, so dass er nie Mitglied der NSDAP oder des NS-Dozentenbundes wurde, sondern stets Kontakt zur Bekennenden Kirche hielt. Auch in seiner Habilitation vermied er jegliche politische Andeutungen – auch im Vor- und Nachwort – und blieb ausschließlich beim historischen Thema.

Als man nun in Jena nach der Wiedereröffnung der Universität 1945 Ausschau hielt nach einem politisch unbelasteten Neuzeithistoriker, erschien Griewank geeignet. Zum Sommersemester 1947 waren die letzten Punkte der Berufungsverhandlungen geklärt, zu denen auch solche Dinge wie das Besorgen einer Wohnung und die Zuteilung einer Zusatzration Kartoffeln gehörten.

Die nun folgende Zeit war ohne Zweifel die produktivste Phase des Historikers Karl Griewank. Die Idee der Demokratie, die von allen Seiten propagiert, jedoch letztlich völlig unterschiedlich interpretiert wurde, nahm er aktiv auf und stellte sie in den Mittelpunkt seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit. Dabei knüpfte er an seine Arbeiten aus den Zeiten der Weimarer Republik an, behandelte vor allem die 1848er und die Französische Revolution.

Wichtig war ihm, die Ergebnisse der historischen Forschung öffentlich zu vermitteln. Er wurde mit der Organisation der Feiern zum 100. Jahrestag der Revolution betraut und hielt am 12. Mai 1948 die Festrede in der Aula der Universität. Aus dieser Rede, bzw. aus einer Rede zum selben Thema, die er auf dem ersten deutschen Nachkriegshistorikertag 1949 hielt, ist ein vielbeachteter und mehrfach abgedruckter Aufsatz entstanden: „Ursachen und Folgen des Scheiterns der deutschen Revolution von 1848". Griewank betonte die „unverlierbare Erinnerung" an die Revolution, die auch durch ihr Scheitern nicht ausgelöscht werden konnte.

Offener Angriff

Seine Beschäftigung mit der Französischen Revolution motivierte Reflexionen über die Universalität der Menschenrechte: „Durch die Katastrophe, in die es sich hat führen lassen, ist das deutsche Volk heute aufgefordert, sich um ein ernstes und gemeinsames Verständnis der Menschenrechte, ihres überzeitlichen Sinnes ebenso wie ihrer konkreten Anwendbarkeit zu bemühen", so Griewanks Überzeugung.

Das Jahr 1948 stellt jedoch nicht nur wegen des Revolutionsjubiläums ein besonderes Jahr für die Geschichte der Universität Jena dar. Es gilt auch als Jahr der „Universitätskrise", in der von politischer Seite massiv in die Hochschulautonomie eingegriffen wurde, was Griewank als Dekan der Philosophischen Fakultät und Mitglied des Senats hautnah miterlebte. Gegen den Widerstand seiner Fakultät wurde die Amtsenthebung des Philosophieprofessors Hans Leisegang durchgesetzt. Kurz darauf wurde der gewählte Rektor Friedrich Hund zum Rücktritt gezwungen und die Wahl des Biologen und SED-Mitglieds Otto Schwarz durchgesetzt.

1950/51 kam es dann auch zu einem offenen Angriff auf die Person Griewank zur so genannten „Treitschke-Debatte". Griewank erwähnte den 1896 gestorbenen preußisch-nationalistischen Historiker Treitschke in einer Vorlesung beim Überblick über die ältere Literatur. Diese Bemerkung wurde dann verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert und der Vorwurf formuliert, Griewank verherrliche einen Nationalisten. Gegen diese in der „Universitätszeitung" öffentlich gemachte Anschuldigung setzte sich dieser zur Wehr, legte dem Rektor sein Vorlesungsmanuskript offen und verwahrte sich gegen die Anfeindungen. Der Rektor, eben jener 1948 eingesetzte Otto Schwarz, nahm jedoch an den Sekretariatssitzungen der SED-Betriebsparteileitung teil und wusste über den dort diskutierten Plan, Griewank bloßzustellen, Bescheid. Griewank musste feststellen, dass er von diesem Rektor keine Unterstützung zu erwarten hatte und erhielt die Antwort, es gehe um „die prinzipielle geistige Auseinandersetzung unserer Zeit, um die Frage, für wen treiben wir Wissenschaft und wie" – und nicht um die Aufklärung des Sachverhalts.

Im Januar 1951 standen sich dann Studierende mit marxistischer und solche mit nichtmarxistischer Grundhaltung gegenüber. Von Seiten der gut vorbereiteten und organisierten marxistischen Gruppe wurde im Ergebnis deutlich gemacht, „dass es keine gleichberechtigten Wissenschaftsrichtungen gibt, sondern dass wir zwei Anschauungen in der Wissenschaft zu unterscheiden haben: die fortschrittliche und die reaktionäre". Die Schüler Griewanks hielten dem entgegen, dass es zu einer „Pressung der Fakten" käme, man könne in der Geschichtswissenschaft „nicht zu so einfachen und unumstößlichen Gesetzen gelangen".

Karl Griewank selbst betonte, er „ erkenne dem historischen Materialismus [...] den Wert eines heuristischen Prinzips zu, eines Leitfadens für die Auffindung des Richtigen. Ich finde in ihm viele Hinweise für die richtige Erkenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge". Zu einer zwingenden Methode knne er freilich nicht werden. Dazu nahm Griewank ganz klar Stellung und betonte, „dass für mich die Grundthesen des historischen Materialismus nicht überzeugend sind, dass der erkenntniskritische Realismus nicht für die Struktur der Welt Entscheidendes aussagen kann".

Bei der skizzierten Konfliktlage ist klar, dass die zunehmenden Auseinandersetzungen Griewank sehr zu schaffen machten. So reflektierte er in Briefen, dass er wohl nicht mehr lange seine Stellung als Nichtmarxist in der DDR halten könne. Ein Blick in die Akten der SED und der staatlichen Stellen zeigt, dass man sich dort gar nicht einig war über den Umgang mit Griewank. Auf der einen Seite liest man, er sei „gefährlich" und zudem „äusserst geschickt in der Bewahrung der Spielregeln"(Max Steinmetz). Es gelte, ihn „auszuschalten" und bloßzustellen (Lothar Bethold). Dem entgegen stehen auf der anderen Seite eine Reihe von Beurteilungen, die Griewanks Offenheit und Gesprächsbereitschaft sowie seine wissenschaftliche Reputation betonen. 1952 wurde ihm dann auch ein so genannter Einzelvertrag gegeben, mit dem man in dieser Zeit besonders wichtige Wissenschaftler in der DDR zu halten versuchte. Im selben Jahr wurde er auch in den „Wissenschaftlichen Beirat der Fachrichtung Geschichte" berufen und hielt auf der Historiker-Tagung der DDR am 7./8. Juni 1952 einen Vortrag zum neuzeitlichen Revolutionsbegriff, der sowohl zu Kontroversen als auch zur gegenseitigen Anerkennung führte.

Überraschender Freitod

Klar ist, dass die Konfrontation des Kalten Krieges und seine zunehmende Isolation Griewank belasteten, zumal er in eine exponierte Mittlerrolle zwischen Ost und West hineingewachsen war. Seine Fähigkeiten als Wissenschaftsorganisator übte er etwa als ordentliches Mitglied und später gar Sekretär der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften aus. Er war als Mitglied des Ausschusses des Verbands der Historiker Deutschlands nicht nur für das Einsammeln der in Ostmark bezahlten Beiträge zuständig, sondern fungierte in den Sitzungen als Brückenglied zwischen den Mitgliedern in der DDR und der Bundesrepublik. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass er auch in den Organisationen der DDR tätig war und dort auch abweichende Meinungen nicht verschwieg.

Das in der DDR öffentlich propagierte Festhalten an der deutschen Einheit und die durch seinen Schülerkreis entstandenen Verpflichtungen hielten ihn in Jena, auch wenn er aus München ein Angebot bekam, dort hauptamtlich an der Akademie zu arbeiten. Der Freitod des gerade vom Historikertag in Bremen zurückgekehrten Gelehrten kam für alle, auch für seine engsten Vertrauten, sehr überraschend. Er hatte keine konkreten politischen, sondern primär persönlich-gesundheitliche Gründe.

Für die Jenaer Geschichtswissenschaft stellte er ohne Zweifel einen schmerzhaften Verlust dar. Er erhielt ein feierliches Begräbnis, auf dem sich Vertreter der unterschiedlichsten Positionen aus beiden Teilen Deutschlands zusammenfanden. Die spätere offiziöse DDR-Hochschulhistoriographie wird die nun folgende Neubesetzung des Lehrstuhls durch Max Steinmetz als „neue Etappe in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft" bezeichnen und vom „Vormarsch der marxistischen Historiker auf breiter Front und Sieg der marxistisch-leninistischen Weltanschauung am Historischen Institut" sprechen. Somit wird dieser Personalwechsel als Teil jenes eingangs beschriebenen Generations- und Elitewandels skizziert. Im Nachhinein musste alles dem einfachen Muster von der planmäßigen Umgestaltung der Universitäten untergeordnet werden.

Es lohnt sich, diese Veränderungen und Konflikte mit ihren unterschiedlichen Interessenlagen und Perspektiven – auch in anderen Fällen genauer nachzuzeichnen. Nach dem Ende des Kalten Krieges, mit größerem Abstand und aufgrund neuerer Fragestellungen muss man nicht mehr auf einfache oder ideologische Muster zurückgreifen, sondern kann Ambivalenzen betonen und auch die aus Diskursunfähigkeit erwachsenen verpassten Chancen erkennen.

Tobias Kaiser

Karl Griewank spricht während der Gedenkfeier der Universität Jena zur Revolution 1848.

Foto: Sammlung Griewank

Allgemeines Ärgernis

Das Pflichtfach Marxismus-Leninismus und seine Geschichte

Eine regelrechte Literaturflut ist nach 1990 zur Politik- und Gesellschaftsgeschichte der DDR erschienen. Dennoch sind bis heute beträchtliche Forschungslücken geblieben. Dazu zählen etwa Aspekte der Sozialgeschichte der SED, der Rolle und Bedeutung von Massenorganisationen, der Außenpolitik der DDR oder der Militarisierung der Gesellschaft.

 

Dies sind Problembereiche, die sich auch als Ansatzpunkte für eine moderne DDR-Universitätsgeschichte eignen. Kaum etwas ist publiziert und bekannt zur tatsächlichen – und nicht mutmaßlichen – Rolle der Universitätsparteiorganisation. Noch längst nicht genug weiß man über die internationalen Beziehungen in ihrer Realgestalt. Keine Arbeiten, geschweige denn genaue Daten liegen vor zum Komplex Militarisierung von Forschung und Lehre, zur obligatorischen Zivilverteidigung oder der Reserveoffiziersausbildung.

Das weite Feld der Ideologie, sprich: des Marxismus-Leninismus (kurz ML) als fixer Größe an den Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR, ist ebenfalls nahezu unbestellt. Nur wenige ernst zu nehmende, nicht apologetische oder polemisch-kritische Publikationen sind seit 1990 zum Marxismus-Leninismus erschienen. Die wenigen vorliegenden Arbeiten haben zudem den Nachteil, fast ausschließlich die ideologiekritische Auseinandersetzung zu führen, ohne näher auf struktur-, sozial- oder selbst politikgeschichtliche Momente einzugehen.

Zwar befasst sich beinahe jede Darstellung zur DDR in unterschiedlicher Intensität mit Fragen zur Rolle und Bedeutung der Ideologie. Und natürlich gehen auch die meisten Arbeiten zur Bildungspolitik darauf ein. Aber eine systematische Darstellung des institutionalisierten Marxismus-Leninismus mit der Verzahnung von politik-, struktur-, sozial-, disziplin-, ideen- und studentengeschichtlichen Aspekten fehlt bis heute. Gelänge dies für die Jenaer Universität, könnte ein großer Teil einer solchen Institutsgeschichte in die zu schreibende Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts einfließen.

Selbst wenn die Geschichte des universitären Marxismus-Leninismus auf den ersten Blick als nur kleiner Ausschnitt erscheint, erweist sie sich bei näherer Betrachtung als panoramaartige Blaupause des realsozialistischen Hochschulalltags. Denn es darf nicht vergessen werden: Der Marxismus-Leninismus gehörte zur Normalität, zum schlechthin Typischen der sozialistischen Universität und war mit seinen Propagandisten an allen Fakultäten und in allen Gremien vertreten.

Gesteuerte Propagierung

Was als Austreibung nationalsozialistischen Ungeistes gleich nach Wiedereröffnung der Universität Jena im Oktober 1945 mit Pflichtvorlesungen zu aktuellen politischen Fragen begann, wuchs sich schnell über einige Provisorien zur zentral gesteuerten Propagierung eines neuen, nunmehr marxistisch-leninistischen Weltbildes aus. Hauptsächliche Träger dieser von der SED-Führung gestellten verbindlichen Aufgabe waren an der Jenaer Universität eine große Zahl von Institutionen, die zum Teil mit gleichem Personal aufeinander folgten.

Zahlreiche Institutionen

Es begann mit einem „Institut für dialektischen Materialismus" im Oktober 1946 (das erste seiner Art an einer deutschen Universität überhaupt), das im Herbst 1947 in einer „Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät" aufging, nach deren Auflösung ab 1951 ein „Institut für Gesellschaftswissenschaften" die weltanschauliche Erziehung der Studenten im Rahmen des obligatorischen gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums übernahm, das ab Januar 1960 als „Institut für Marxismus-Leninismus" firmierte und ab 1968 schließlich als „Sektion Marxismus-Leninismus" arbeitete.

Diese verschwand 1990 nach erneuter Umbennung in „Sektion Sozial- und Politikwissenschaften" gänzlich von der universitären Bildfläche.

Hatten das „Institut für dialektischen Materialismus" und die „Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät" noch eher experimentellen und provisorischen Charakter, so wurden mit der II. Hochschulreform neben dem Russischunterricht und dem Sport auch das ausgewählte Studium der so genannten Klassiker für alle Studierenden obligatorisch und blieb es zum allgemeinen Ärgernis von Studenten und Hochschullehrern bis in den Herbst 1989 hinein. Für eben dieses so genannte gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium zeichnete das Institut für Marxismus-Leninismus verantwortlich.

Was war die Funktion dieser para-akademischen Institution mit wechselnden Firmenschildern? Im Zentrum der Arbeit stand die marxistisch-leninistische Propaganda, der Versuch der ideologischen Durchdringung aller Bereiche universitären Lebens, d. h. der Lehre, der Fachdisziplinen bis hin zur studentischen Freizeit.

Der Anspruch der SED und ihrer universitären Sub-Institutionen (Universitätsparteileitung, Institut für Marxismus-Leninismus) war im Sinne des Wortes totalitär, was freilich mit anderen Begriffen (wie eben dem der Durchdringung) in den ungezählten Konzeptpapieren und Arbeitsprogrammen gleichbedeutend formuliert ist.

Erhofftes Ziel der „klassenmäßigen Erziehung" der Studierenden war die „sozialistische Persönlichkeit", war der dem Sozialismus treu ergebene Kader, der sich mit der Politik der SED verbunden fühlen und sie in der Praxis durchzusetzen helfen sollte. Den gleichen Zweck hatte die im Herbst 1967 initiierte Marxistisch-leninistische Abendschule für Hochschullehrer, die nun auch jeder Dozent neben seinen sonstigen Obliegenheiten zu durchlaufen hatte.

Pädagogischer Misserfolg

Natürlich klafften Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Es genügen wenige aufmerksame Blicke in die überlieferten Dokumente, um festzustellen, dass die Geschichte des Marxismus-Leninismus an der Friedrich-Schiller-Universität trotz intensivster Arbeit die Geschichte eines stupenden pädagogischen Misserfolgs ist. Viel zu offensichtlich waren für jedermann die ernsthaften Systemfehler, als dass vulgärer Dogmatismus sie hätte überdecken können, auch wenn sich allenthalben Studenten wie Mitarbeiter zu Lippenbekenntnissen genötigt sahen.

Der Marxismus-Leninismus war ein allgegenwärtiges Ärgernis, dessen Existenz man wohl oder übel akzeptieren musste. Zu echter Bewusstseinsverankerung ist es freilich zu keiner Zeit gekommen. Die Omnipräsenz der Propaganda erzielte eher den gegenteiligen Effekt einer Immunisierung. Die zahlreichen Analysen zum „Bewusstseinsstand" von Hochschullehrern und Studenten geben davon beredtes Zeugnis und die schiere Masse solcher Berichte ist zugleich Indiz für die eigentliche Ohnmacht.

Dass es aber angesichts der Fülle an politischen Lehrveranstaltungen durchaus interessante Vorlesungen und Seminare gab, liegt auf der Hand. Beispielsweise wurden an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät kontroverse Diskussionen zu Begriffen wie „Materie", „Bewusstsein" oder „Determinismus" durchaus positiv aufgenommen. Und wie für alle anderen Disziplinen der Universität galt auch für die Sektion Marxismus-Leninismus, dass das Interesse der Hörer am Stoff unmittelbar mit dem Charisma, der Kompetenz und dem Engagement des Lesenden korrelierte.

Die oft kolportierte Ansicht, die Sektion Marxismus-Leninismus sei ein einziger Hort der wissenschaftlichen und didaktischen Inkompetenz gewesen und ihre Mitarbeiter wären „engstirnige Sektierer, stumpfsinnige Dogmatiker, machtpolitisch angepasste Zyniker" ohne eine Spur „philosophischer, historischer oder ökonomischer Bildung" gewesen, wie es der abtrünnige Berliner ML-Dozent Hermann von Berg polemisch formulierte, lässt sich natürlich so pauschal nicht aufrechterhalten. Sie ist aber wohl für einen Teil der Mitarbeiter nicht von der Hand zu weisen.

Vor allem zu Beginn der fünfziger Jahre besaßen nur wenige von ihnen eine abgeschlossene akademische Ausbildung. Demzufolge mangelte es auch an der Zahl qualifizierter Dissertationen – jener Eintrittskarte in die akademische Welt, ohne die man dort nur selten wirklich wahr- und ernst genommen wird. Zahlreiche ML-Lehrkräfte waren anfänglich gar der Ansicht, dass der Titelerwerb nicht relevant wäre, da der Auftrag, als Propagandisten der Partei zu wirken, keine akademischen Weihen erfordere und der Zeitaufwand ohnehin unvereinbar mit der umfangreichen Lehr- und Erziehungsarbeit sei.

Dies trug nicht gerade zur Hebung des Ansehens der ML-Mitarbeiter an den Universitäten bei. Von den landesweit arbeitenden 440 Mitarbeitern des Gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums im Jahre 1957 waren nur 25 promoviert, 20 standen vor dem Abschluss und 140 hatten gerade einmal mit einer Dissertation begonnen.

Freilich besserte sich das im Laufe der Jahre. Das generelle Problem der unzureichenden Qualifikation blieb jedoch bestehen. Eine interne Umfrage zu Wissensstand und Lesegewohnheiten der Mitarbeiter der Jenaer Sektion aus dem Jahr 1969 offenbarte denn auch eklatante Schwächen und Bildungslücken, die vor allem die elementaren Kenntnisse der Klassiker Marx, Engels und Lenin selbst betrafen. Dagegen waren die meisten bestens über aktuelle SED-Papiere und -Beschlüsse im Bilde.

Trotz des auf Lehre und Propaganda liegenden Schwerpunktes der Arbeit wurden auch Forschungsleistungen vollbracht, die zwar die Reputation der Sektion insgesamt nicht zwingend verbesserten, aber doch Beachtung verdienen. Vor allem drei langfristig angelegte Projekte fallen auf: Zum Ersten ist die Forschungsgruppe unter Leitung von Helmut Korch zu „Philosophischen Fragen der Naturwissenschaften" zu nennen, die etwa mit den Jenaer Physikern kooperierte.

Seismographische Messungen

Zum Zweiten ist das Interdisziplinäre Zentrum für Konservatismusforschung unter Leitung von Ludwig Elm erwähnenswert. In zwölf Heften kann man die Ergebnisse der Forschungsarbeit von 1976 bis 1990 nachlesen, ohne dabei nur platte Polemik konstatieren zu müssen. Zum Dritten existierte seit dem Herbst 1977 eine Arbeitsgruppe, die in internationaler Zusammenarbeit mit Editionsarbeiten zur Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) beschäftigt war. Dennoch nehmen sich die Forschungen gegenüber der Vorrangigkeit der Lehre wie ein Appendix aus.

Für unser heutiges Interesse an der DDR-Universitätsgeschichte erweist sich eine nähere Betrachtung der Sektion und ihrer schriftlichen Hinterlassenschaften als überaus nützlich. Denn ML-Vorlesungen und -Seminare waren nicht zuletzt seismographische Messungen, die seit den 50er Jahren detailliert dokumentiert, weitergeleitet und ausgewertet wurden.

Sorgsam sammelte man die studentischen Fragen und Meinungen sowohl zu den Inhalten des Grundlagenstudiums als auch ihre Kommentare zur jeweils aktuellen politischen Situation. Die Stimmungsbilder, die dadurch archiviert wurden, sind von großem Wert für die Analyse der tatsächlichen Atmosphäre an der Universität. So kann durchaus glaubhaft nachgewiesen werden, dass sich trotz vordergründigem Opportunismus das Gros der Universitätsangehörigen in „weltanschauliche(r) Dissidenz" (Richard Löwenthal) übte und für ML-Floskeln nicht zu begeistern war.

Symbolischer Schlussstrich

Quasi über Nacht ist der Marxismus-Leninismus geräuschlos von der weltanschaulichen Bühne weit hinter die Kulissen verschwunden. Die Fragen, die sich nun zu seiner vierzigjährigen Präsenz an der Jenaer Universität stellen, sind Legion. Es wird daher gegenwärtig genau untersucht, wie sich der Marxismus-Leninismus und mit ihm die Macht der SED an der Universität etablierte und ebenso, wie er letztlich wieder verschwand.

Im März 1992 wurde auf Beschluss des akademischen Senats, begleitet von einem kurzen Rauschen im lokalen Blätterwald, die Marx-Büste vor dem Eingang des Universitätshauptgebäudes demontiert und in den Keller der Kustodie verbannt. Damit war ein recht eindeutiger, symbolischer Schlussstrich unter ein Kapitel Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert gezogen worden.

Von der ehemaligen Omnipräsenz des Marxismus-Leninismus kann sich heute trotzdem jeder ein Bild machen. Allerdings liegt die ungeheure Masse der schriftlichen Hinterlassenschaften wie Blei in den Magazinen der Universittsbibliothek. Kaum jemand interessiert sich dafür. Kaum jemand dürfte darüber sonderlich traurig sein.

Michael Ploenus

Ungeliebte Lektüre: Das Studium des Marxismus-Leninismus war seit der II. Hochschulreform an der Universität Jena obligatorisch.

Foto: Hellwage

 

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang