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„Die Aufarbeitung der DDR-Zeit kann nicht konfliktlos geschehen“

Interview mit dem Vorsitzenden der Senatskommission, dem Historiker Prof. Dr. Hans-Werner Hahn

Worin besteht die vorrangige Aufgabe der „Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert"?

Die Hauptaufgabe der Senatskommission besteht darin, die Geschichte der Universität Jena im 20. Jahrhundert, insbesondere während des Nationalsozialismus und der DDR-Zeit, aufzuarbeiten. Verstärkt wurde die Notwendigkeit solcher Arbeit u. a. auch durch die Debatten um die Rektorenporträts und vor allem um den Kinderarzt Jussuf Ibrahim. In beiden Fällen hat sich gezeigt, welch großer Forschungsbedarf besteht. Es wurde auch deutlich, welche Erwartungen von außen an Jena herangetragen werden, die eigene Universitätsgeschichte aufzuarbeiten.

Welche Aufgabe hat dabei der die Kommission begleitende Fakultätenbeirat?

Er soll die nötige Zuarbeit leisten. Es geht ja nicht nur um die Geschichte der Universität als Ganzes, sondern auch um die Geschichte der einzelnen Disziplinen. Die Mitglieder und Mitarbeiter der Senatskommission wären überfordert, wenn sie dies alles allein leisten müssten. Die Zusammenarbeit ist gut, muss aber in den nächsten Jahren noch weiter ausgebaut werden.

Vor der Gründung der Senatskommission wurde die Kritik laut, das Projekt wäre bei einem einzelnen Historiker besser aufgehoben. Warum wurde die Form einer Kommission gewählt?

Die Aufgaben, die wir uns gestellt haben, sind so vielfältig, dass sie von den Historikern alleine nicht bewältigt werden können. Sie erfordern einen interdisziplinären Ansatz. Es ist vor allem wichtig, die Wissenschaftsgeschichte mit ins Boot zu holen. Deshalb spielen beispielsweise Herr Breidbach und Herr Hoßfeld aus dem Ernst-Haeckel-Haus innerhalb dieser Senatskommission eine ganz wichtige Rolle. Wir bearbeiten schließlich ein weites Feld: Es geht um die Idee und Verfasstheit der Universität. Es geht um die soziale Struktur des Lehrkörpers und der Studentenschaft in den jeweiligen Epochen. Es geht um wissenschaftliche Profilbildung, also die Herausbildung von Disziplinen oder die Schwerpunkte, die herausragende Gelehrte in einzelnen Fächern setzten. Es geht um die Besonderheiten der Jenaer Universitätsentwicklung im Vergleich zu anderen und zwar im internationalen Vergleich. Wenn man sich diese unterschiedlichen Aspekte anschaut, dann wird man sehr schnell zu der Einsicht kommen, dass das an einem historischen Lehrstuhl alleine nicht geleistet werden kann.

Wie stark ist Ihrem Eindruck nach die Geschichte der Alma Mater Jenensis bei ihren Angehörigen, also den Professoren, Mitarbeitern und Studenten, präsent?

Die Kollegen an dieser Universität sind auf vielfältige Weise mit der Universitätsgeschichte konfrontiert, zumindest was die Geschichte ihres jeweiligen Faches angeht. Das Interesse der Studenten könnte freilich größer sein. Gerade von den Geschichtsstudenten würde ich da noch ein bisschen mehr Interesse und Initiative erwarten.

Inwieweit greifen Sie bei der Beschäftigung mit dem 20. Jahrhundert auf ältere Epochen zurück?

Es ist sehr wichtig, die älteren Epochen der Jenaer Universitätsgeschichte einzubeziehen. Nicht nur, weil es im Jubiläumsjahr 2008 natürlich auch und vielleicht sogar viel mehr um diese älteren Epochen gehen wird. Sondern auch deshalb, weil wir bestimmte Entwicklungstendenzen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur dann richtig verstehen können, wenn wir uns über die ältere Universitätsgeschichte und deren Traditionen Klarheit verschaffen. Es wird ein ganz wichtiger Teil der künftigen Arbeit sein zu fragen, wie sich die Universität in den unterschiedlichen Zeiten jeweils selbst gesehen hat, welche Erinnerungspolitik sie selbst im Laufe ihrer Geschichte betrieben hat. Wir wollen verstehen, wie sich diese Dinge im Lauf der Zeit – nicht zuletzt durch die politischen Brüche – verändert haben.

Das spiegelt sich ja auch schon in diesem Sonderheft wider, in dem sich nicht nur Beiträge über das 20. Jahrhundert finden. Aber der Schwerpunkt bleibt natürlich das vergangene Jahrhundert. Wo ist man bei der Aufarbeitung der Quellen derzeit angekommen?

Im vergangenen Jahr ist der Studienband „Kämpferische Wissenschaft" erschienen, der sich mit der Entwicklung der Universität Jena während des Nationalsozialismus beschäftigt. Diese Zeit ist mit diesem Studienband noch nicht vollständig, aber doch sehr gut aufgearbeitet. Der größte Forschungsbedarf besteht zweifellos über die Zeit nach 1945 und die Entwicklung in der DDR. Darauf soll in den nächsten Jahren der Schwerpunkt unserer wissenschaftlichen Arbeit liegen.

Institutionengeschichte ist auch immer Personengeschichte. Viele der Beteiligten aus der DDR-Phase der Universität leben noch. Sehen Sie darin eine Chance oder eher eine Schwierigkeit?

Ich sehe eine sehr große Bereitschaft bei den Leuten, die zum Teil 40 Jahre an dieser Universität tätig waren, sich als Zeitzeugen zur Verfügung zu stellen. Das sollte man zunächst einmal positiv erwähnen. Auf der anderen Seite gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen und Erinnerungen, die sich manchmal auch von den Archivbefunden unterscheiden können. Wir sind uns dieser Problematik bewusst und ich denke, dass die Aufarbeitung der DDR-Zeit nicht konfliktlos geschehen kann. Es werden am Schluss unterschiedliche Interpretationen vorliegen. Es gibt zum Beispiel unterschiedliche Ansätze zwischen den Generationen. Das Team unserer Mitarbeiter besteht aus sehr jungen Leuten, die unbelastet von früheren Auseinandersetzungen oder von der eigenen Biografie diese Arbeit angehen können. Dabei kommt es manchmal schon zu Schwierigkeiten, wenn man Zeitzeugen befragt. Aber ich denke, das muss man aushalten. Darüber hinaus gibt es ja auch Gruppen außerhalb der Universität, die sich sehr intensiv mit der Geschichte der Friedrich-Schiller-Universität nach 1945 beschäftigen. Ich sehe aber Auseinandersetzungen auch als eine Chance, die Dinge voranzutreiben. Und ich kann nur sagen: Die Senatskommission ist offen für Kritik und Diskussionen. Wir weichen solchen Debatten nicht aus, sondern versuchen, sie zu fördern und versuchen auch, davon zu profitieren.

Es gibt also keine Vorgaben und der Weg ist so offen, dass jedes Ergebnis präsentiert werden kann?

Ja. Es ist auch bereits so, dass es innerhalb der Mitarbeitergruppe, die sich mit der DDR-Geschichte beschäftigt, durchaus unterschiedliche Ansätze, unterschiedliche Positionen gibt. Wir wollen dies fördern und nicht von Anfang an eine Linie vorgeben, an der sich alle zu orientieren haben. Wir sehen das als Chance an, die Erkenntnisse auf diese Art und Weise voranzubringen und möglichst breit zu verankern.

Ein Ergebnis der Arbeit soll eine neue Publikation zur Universitätsgeschichte sein, die zum 450-jährigen Jubiläum der Universität im Jahr 2008 vorliegen soll.

Die Arbeit der Kommission hat natürlich auch mit dem anstehenden Universitätsjubiläum zu tun. Aber ich will eines ganz deutlich sagen: Wir arbeiten hier nicht vorrangig an einer Jubilumsschrift, sondern an einer methodisch und inhaltlich modernen Darstellung der Universitätsgeschichte, die einen gewichtigen Beitrag zur Universitts- und Wissenschaftsgeschichte Deutschlands, ja Europas darstellen soll.

Jena als Beispiel für europaweite Tendenzen?

Der vergleichende Ansatz ist ganz wichtig. Die Universität Jena hat diese Senatskommission sehr gut ausgestattet – besser als andere Universitäten, an denen auch Forschungslücken in Bezug auf Nationalsozialismus und DDR-Zeit bestehen, ihre entsprechenden Einrichtungen ausgestattet haben. Wir sehen es daher als Verpflichtung an, etwas vorzulegen, was den Charakter einer Pionierstudie hat. Wir haben uns deshalb von Anfang an bemüht, nicht im eigenen Saft zu schmoren. Sondern wir ordnen die Entwicklungen in Jena in größere politische, sozialgeschichtliche und eben auch wissenschafts- und universitätsgeschichtliche Zusammenhänge ein.

Nun hat selbst der NS-Band „Kämpferische Wissenschaft" schon weit über 1 000 Seiten. Und die Erkenntnisse aus der DDR-Zeit werden noch umfangreicher sein. Wie wollen Sie diese Ergebnisse in einen Band integrieren, der dann insgesamt 450 Jahre umfassen und dabei noch lesbar sein soll?

Wir wollen im Jahr 2008 für die Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Gesamtdarstellung der Universität Jena vorlegen, die in Stil und Umfang für jemanden geeignet ist, der sich an wenigen Abenden einen Eindruck über die Geschichte der Universität im 20. Jahrhundert verschaffen will. Vermutlich wird das keiner alleine schreiben können. Daher werden wir drei oder vier Kollegen der Senatskommission beauftragen, jeweils den entsprechenden Abschnitt für eine Großepoche zu schreiben. Vorbereitet wird diese Gesamtdarstellung durch Studienbände, in denen auf einzelne Bereiche und Themen viel genauer eingegangen werden kann. Nach dem NS-Band steht nun ein ähnliches Vorhaben für die Zeit nach 1945 an. Darüber hinaus kommt es mir als Leiter der Senatskommission aber auch sehr darauf an, bei dieser neuen Gesamtdarstellung nicht im 20. Jahrhundert stecken zu bleiben. Ich plädiere sehr dafür, auch für die älteren Epochen der Jenaer Universitätsgeschichte bis zum Jahr 2008 eine lesbare Gesamtdarstellung vorzulegen. Weil es keineswegs so ist, dass die älteren Arbeiten, die ja auch jeweils zu Jubiläen verfasst worden sind, alles abdecken. Im Gegenteil: In den letzten Jahren sind für die älteren Epochen der frühen Neuzeit und auch für das 19. Jahrhundert wesentliche neue Ansichten gewonnen worden.

Sind Sie optimistisch, dass das bis 2008 gelingen wird? Was muss die Kommission dafür zuerst angehen?

Was wir uns in nächster Zeit besonders vornehmen werden, sind die Entwicklungsprozesse in den naturwissenschaftlichen Fächern. Sie haben im Laufe des 20. Jahrhunderts immer stärker an Bedeutung gewonnen. In diesem Zusammenhang stellt die Verbindung von naturwissenschaftlicher Forschung und der Industrie in Jena ein ganz wichtiges Forschungsfeld dar. Da gibt es inzwischen eine sehr enge Kooperation mit den großen Werken Zeiss und Schott. Ein weiterer wichtiger Bereich, der verstärkt werden soll, ist die Kooperation mit anderen Universitäten. Es gibt inzwischen eine sehr enge Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten, die vor einer ähnlichen Situation stehen. Hier möchte ich die Berliner Humboldt-Universität nennen, die 2010 ein großes Jubiläum feiert. Durch diese Zusammenarbeit wird die Arbeit der Jenaer Senatskommission über die Grenzen unserer Universität hinaus noch bekannter als sie ohnehin schon ist.

Sie sprachen eben das Verhältnis zwischen Universität und Stadt an. Schreibt die Kommission nicht die Geschichte der Stadt eigentlich mit, wenn sie an der Universitätsgeschichte arbeitet?

Das würde ich mir sehr wünschen, zumal ich persönlich mich lange Zeit mit der Stadtgeschichte im Allgemeinen, nicht nur in Bezug auf Jena, mehr beschäftigt habe als mit Universitätsgeschichte. Das ist ein ganz wichtiges Feld, das im Übrigen nicht nur in Jena schlecht erforscht ist, sondern auch in vielen anderen Universitätsstädten, etwa in Gießen, das von der Größenordnung her ja zumindest im 19. Jahrhundert vergleichbar war. Die Frage ist, inwieweit eine Universitt die Stadtentwicklung prägt, wie Stadt und Universität im Laufe ihrer Geschichte miteinander umgehen. Wir haben vor einem Jahr versucht, dieses Thema einmal in einer Ringvorlesung anzugehen und hoffen in Zukunft auf eine bessere Kooperation. Es wäre generell zu wünschen, dass sich die Stadt selbst mehr für diese Dinge interessiert. Denn die Entwicklung der Stadt Jena und die Entwicklung der Universität sind besonders eng miteinander verbunden.

Die Universität hat jedenfalls durch die Einrichtung der Kommission ein klares Zeichen gesetzt – und zwar neben dem wissenschaftlichen auch ein politisches: Wir sind bereit, uns mit unserer Geschichte gründlich und ohne irgendwelche Denkvorgaben zu befassen. Einer Kommission, die vor dieser großen Aufgabe steht, wünsche ich weiterhin viel Erfolg!

(Interview: Axel Burchardt)

 

Der Lehrstuhlinhaber für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Prof. Dr. Hans-Werner Hahn leitet zusätzlich die „Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert".

Foto: Scheere


 

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang