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Evolution ohne Genetik?

Wie zwei Erklärungsmodelle zusammenfinden mussten 

Wie kaum ein anderer Wissenschaftler hat der britische Naturforscher Charles Darwin unser modernes Weltbild geprägt und unsere kulturellen Werte einem Wandel unterworfen. Mit seiner Theorie zur „Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" stellte er Mitte des 19. Jahrhunderts die Biologie vor Herausforderungen, die bis heute zu den faszinierendsten der Biowissenschaften gehören. Doch Darwin war nicht der Erste und nicht der Einzige, der Theorien über die Entstehung der lebendigen Vielfalt auf der Erde aufstellte. Schon vor ihm – und selbst im Kontext der Jenaer Naturforschung der Goethezeit – wurden Vorstellungen über die Entstehung von Tier- und Pflanzenformen entwickelt. Diese Vorstellungen hatten allerdings nicht – wie diejenigen Darwins – eine wirkliche Naturgeschichte, nach der die Natur in ihrer Entwicklung auch wirklich Neues schafft, sondern lediglich Naturgeschichten zum Ziel. Es interessierte nur, wie ein in sich vorbestimmtes Formgefüge sich in einer realen, spezifisch ausgebildeten Umwelt etablierte. Einer der derart denkenden Biologen war der französische Naturforscher Jean Baptiste de Lamarck, der denn auch eher dem Kontext einer spekulativen Naturphilosophie als dem Darwinismus zuzuordnen ist.

 

Versuch einer Vereinigung von Darwinismus und Lamarckismus aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Foto: Bibliothek Ernst Haeckel

 

Darwin glaubte an den Zufall

Darwins Ansatz war darin neu, dass in seiner Geschichte der Erde die Formen zufällig, nach Maßgabe des physiologisch Möglichen, entstanden, nicht aber nach Maßgabe einer vorgegebenen Idee oder Zielvorstellung. Dabei blieb für Darwin und dessen Protagonisten – wie Ernst Haeckel – offen, inwieweit in der historischen Entwicklung dann aber auch einmal etablierte Merkmalszustände weiter vererbt werden konnten. Nach unserer heutigen Vorstellung können wir dies ganz selbstverständlich mit den Ergebnissen der modernen Genetik erläutern. Zu Darwins Zeit sah dies aber anders aus. Zwar hatte schon Mitte des 19. Jahrhunderts Gregor Mendel die konzeptionelle Grundlage einer Genetik geschaffen. Es sollte aber bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dauern, bis diese Genetik den Biologen auch wirklich bewusst und in ihrer Bedeutung einsichtig wurde: Mendels Genetik musste Anfang des 20. Jahrhunderts regelrecht wiederentdeckt werden. Damit war die konzeptionelle Lücke im Argument der Evolutionsbiologen geschlossen, sollte man denken. Dem war aber nicht so. Es mussten noch einmal mehrere Jahrzehnte vergehen, ehe die Biologen Genetik und Evolutionslehre zusammen dachten. Wie war es möglich, diese Lücke so lange offen zu halten? Hatte die Evolutionslehre vor 1930 Alternativen zu dem Ansatz einer Genetik geschaffen oder konnte sie, in ihrer eigenen Argumentation versponnen, schon nicht mehr erkennen, dass ihr ein weiterführender Schritt möglich geworden war?

Ein Moment in dieser Geschichte einer verhinderten innerwissenschaftlichen Kommunikation ist verbunden mit dem Jenaer Biologen Ernst Haeckel, dem bedeutenden Protagonisten des Darwinismus vor 1900. Haeckel verknüpfte seine Evolutionsvorstellungen mit einer speziellen Sicht auf die Embryonalentwicklung der verschiedenen Tierarten. Seine daraus entwickelte Lehre wurde nach 1900 massiv kritisiert. In Konsequenz dieser Kritik wurden das evolutionsbiologische und das entwicklungsbiologische Denken voneinander separiert. Die Genetik war nach 1900 aber zunächst Teil einer Entwicklungsbiologie. So kamen denn Evolutionslehre und Genetik nicht zusammen. Die Evolutionslehre blieb deskriptiv. Sie beschrieb Wandlungsprozesse, kennzeichnete Entwicklungsschübe und griff konzeptionell dabei auf ältere Vorstellungen, bis zu denen von Lamarck, zurück. So etablierten sich verschiedene Diskussionslinien – saltatorische, neolamarckistische und orthogenetische – denen allen gemeinsam war, die neu entstandene Genetik kaum, und wenn überhaupt, dann nur unvollkommen wahrgenommen zu haben.

Widersprüche aufgelöst

Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich die Theorien der gemeinsamen Abstammung und der Evolution allgemein durchgesetzt. Die um 1900 wieder entdeckte Genetik ordnete man damals aber nicht dieser Diskussion zu, sondern fasste sie als Alternative zum Darwinismus auf. Die Mutation wurde als zentraler Mechanismus der Evolution verstanden, womit sich ein Widerspruch mit den darwinistischen Selektionstheorien ergab. Erst Mitte der 1920er Jahre gelang es einer internationalen Gruppe von Biowissenschaftlern diesen Widerspruch aufzulösen und so die moderne Evolutionstheorie zu schaffen. Man sprach von „Evolutionärer" oder „Moderner Synthese", von „Synthetischer Theorie" oder „Neo-Darwinismus", ohne sich auf einen Namen einigen zu können. Diese Theorie setzte sich dann in den 1930er Jahren durch und hat seither die Evolutionsbiologie dominiert.

Ziel der am Ernst-Haeckel-Haus angesiedelten, durch die DFG geförderten, Arbeitsgruppe „Alternativtheorien in der Evolutionsbiologie des 20. Jahrhunderts" ist es, die nach 1900 ansetzende Theoriediskussion um die Evolution, in der die Genetik teilweise explizit ausgegrenzt wurde, darzustellen. Dabei stellt sich weiter die Frage, ob solche evolutionären Alternativtheorien in expliziter Nachfolge Haeckels standen, ob sie die um 1900 so bedeutende Entwicklungsmechanik von Wilhelm Roux oder die Position von Hans Driesch aufnahmen. Und inwieweit sie paläontologische und paläoanthropologische Forschungen einbanden. Zu klären ist ferner, was die Evolutionsbiologie jener Jahre überhaupt zur Kenntnis nahm und wie sie sich ohne Genetik zu begründen vermochte.

Olaf Breidbach/Uwe Hoßfeld/Georg Levit

 

 

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang