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Interview Prof. Drefahl
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„Eine gewisse Cleverness“

Günther Drefahl über seine bewegte Amtszeit als Rektor

Altrektor Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Günther Drefahl (geb. 1922) kam 1949 an die Universität Jena und prägte zunächst als Prorektor und von 1962-67 als Rektor die Wissenschaftspolitik der Hochschule. Im Herbst 2002 sprach Dr. Matthias Steinbach mit dem Chemiker über seine Erfahrungen mit der Parteileitung, die Liebe zu seinem Fach und sein Engagement für die Studenten.

Matthias Steinbach befragte den Zeitzeugen und Altrektor Günther Drefahl. Foto: Günther

 

Herr Prof. Drefahl, Sie sind von Hause aus Chemiker. Warum haben Sie dieses Fach gewählt?

Ursprünglich wollte ich Wirtschaftsjurist werden. Der Studienwunsch scheiterte am guten Zuspruch meines Vaters, der als Prokurist einer Rostocker Chemiefirma sagte, mit den Diplomökonomen haben wir keine guten Erfahrungen gemacht und Recht gibt es bei den Nazis nicht, also brauchst du’s auch nicht zu studieren. Studiere etwas Gescheites. Ich wählte also die Chemie, aber Wirtschaftsplanung und Wissenschaftsorganisation haben mich dann in meiner Universitätszeit immer begleitet.

Haben Sie das Fach später dennoch schätzen gelernt?

Die Chemie ist eine kreative Sache, bei der man das Handwerkliche mit der Freude am Forschen und am Gestalten verbinden kann. Für mich war sie damals in erster Linie Experimentalchemie – die Möglichkeit, Ideen zu entwickeln und sie zu verwirklichen.

Sie waren 23 Jahre alt, als sie 1946 in den Rostocker Lehrkörper aufgenommen wurden. Das ist sehr jung.

Das kann man wohl sagen. Das war sicher nicht normal, aber was war damals schon normal? Ich hatte die Aufgaben der Professur für organische Chemie wahrzunehmen und unterlag dabei, wie der Rektor auch, einer Irreführung. Denn die Entnazifizierung des vorgesehenen Ordinarius dauerte nicht wie angenommen zwei Monate, sondern fast zwei Jahre, in denen ich diese Professur vertreten musste. Im September 1949, also kurz vor Gründung der DDR, wurde ich nach Jena berufen, bin also noch ein Professor aus der Zeit der Besatzungszone.

Welchen Eindruck hatten Sie damals von der Universität Jena?

Jena war 1949 noch stark zerstört, ein chemisches Institut gab es faktisch nicht. Aber es gab Professor Hein, den ich als glänzenden Wissenschaftler und guten Chef zugleich kennen lernte. Hein hatte großes wissenschaftliches Ansehen in der Chemie und schon eine Schule aufgebaut, die erstklassig war.

1949 war auch die Zeit nach den bürgerlichen Rektoren Friedrich Zucker und Friedrich Hund. Otto Schwarz, der in den Händen der damals sehr wild agierenden Parteileitung war, hatte das Amt inne, aber nicht als Souverän, sondern als Instrument der Partei. Schwarz hat sich gleich während meiner Jenaer Anfangszeit um eine akademische Geselligkeit bemüht, kam da fast wie ein bürgerlicher Schöngeist daher, letztlich aber mit dem Ziel, Parteiwerbung zu betreiben. In diese politisierte Atmosphäre kam ich hinein, ohne dass ich jedoch irgendwie darunter gelitten hätte.

Das heißt, die Naturwissenschaften waren davon weniger betroffen?

Die Universität war gespalten. Es gab eine politisch aktive Richtung vornehmlich innerhalb der Gesellschaftswissenschaften, der Philosophie, der Pädagogik und der Rechtswissenschaften. Der andere Teil – Naturwissenschaften, Medizin, Landwirtschaft, Theologie – der hielt sich, so gut es ging, raus. In diesem Teil hatten nach wie vor die Bürgerlichen die Mehrheit, nicht nur zahlenmäßig. Die Partei versuchte zwar auch hier Einfluss zu nehmen, aber dem waren doch Grenzen gesetzt.

1951 übernahmen Sie in Jena als Prorektor für Forschungsangelegenheiten eine wichtige staatliche bzw. akademische Leitungsfunktion. Welche Anforderungen wurden an Sie gestellt und worüber hatten Sie zu entscheiden?

Ich hatte weniger etwas zu entscheiden, als vielmehr die Voraussetzungen für die Forschung zu schaffen, denn es war ja noch so viel zerstört. Es war kein Geld da, es fehlten Assistentenstellen. Es musste erst wieder eine materielle Basis für die Forschungsideen entstehen, die in den Fakultäten noch lebendig waren.

Die finanziellen Mittel stellte der Staat nur zur Verfügung, wenn man dafür begründete Anträge stellte. Dabei wurde viel getrickst. Wir haben Mittel aus allen Ecken der DDR zusammengeholt, auch aus Industrie und Restposten zentraler Fonds.

Es war eine Zeit, in der man sich eine gewisse Cleverness aneignete – so haben wir an der Universität genug Geld für Forschung gehabt. Denn die Industrie hatte nicht genügend eigene Forschungskapazität und schloss direkt mit den Fakultäten Verträge. Hier in Jena, das ist bekannt, haben wir mit Schott, Jenapharm und Zeiss kooperiert.

Haben Sie Projekte abgelehnt?

Ja, sicher. Unsinnige Projekte wurden auch abgelehnt. Da gab es verschiedene. Einmal wollte Professor Becker, der Germanist, ein Wörterbuch des Funktionärs verfassen. Das hatte er meinem Referenten mitgeteilt, der mich anrief und meinte, hier gebe es mal echt was zu lachen. Und dann habe ich Herrn Becker angehört und ihm gesagt, er solle lieber dafür sorgen, dass die Funktionäre normales Deutsch sprechen.

Für den Historiker wäre das Wörterbuch eine interessante Quelle.

Ja, das wäre hoch interessant, Parteichinesisch als Wörterbuch!

Sprechen wir über den Mauerbau von 1961, der ja eine Zäsur für die Universität und die Wissenschaftsentwicklung darstellte.

Das ist eine ganz schwierige Geschichte. Zunächst einmal herrschte eine mehrheitlich ablehnende Stimmung vor. Abgesehen von den profunden Marxisten und Parteifunktionären empfanden wir alle die Mauer als eine Schande. Und an den vermeintlichen antifaschistischen Schutzwall gegen einen Angriff hat ja niemand ernsthaft geglaubt.

Es gab dann auch im Senat eine Auseinandersetzung. Es sollte eine Erklärung abgegeben werden. Der Philosoph Georg Mende betonte, dass es hier um Schutz vor den Klassenfeinden ginge: „Es ist unser Staat, und wir Kommunisten haben im KZ gesessen, und wir haben diesem Staat die Grundlagen gelegt, und wir haben, und wir haben, und wir haben..." Und da habe ich dann gesagt – und das war das einzige Mal, dass ich laut geworden bin im Senat: „Ich verbiete mir ein für alle Mal, dass Sie diesen Staat als ihr Eigentum beanspruchen. Ohne die große Zahl der Nichtparteigenossen hätten Sie diesen Staat nie aufbauen können. Es ist nicht Ihr Staat, es ist unser Staat, und daran sollten auch Sie nicht rühren."

Daraufhin herrschte Stille im Senat. Dann habe ich noch gesagt: „Die Grundlage zu den Mauern liegt in der verfehlten Politik zur deutschen Einheit auf beiden Seiten."

Die internationalen Wissenschaftsbeziehungen blieben vom Mauerbau und von der Blockkonfrontation nicht unberührt.

Natürlich wurden die auswärtigen Kontakte nun einer stärkeren Kontrolle unterworfen. Selbst die Briefe sollten geöffnet in der Poststelle abgegeben werden. Das haben wir aber nicht gemacht, sondern sie einfach in den Briefkasten geworfen. Veröffentlichen durften wir unsere Ergebnisse im Westen, wenn in der DDR keine Zeitschriften dafür vorhanden waren. Dann wurden ja hier auch immer mehr Zeitschriften gegründet, darunter einige gute. Die wissenschaftlichen Gesellschaften wurden abgetrennt. Ich habe als Rektor und Vorsitzender der Chemischen Gesellschaft der DDR noch Verhandlungen mit der Chemischen Gesellschaft drüben geführt. Und wir erreichten, dass wenigstens das Chemische Zentralblatt gemeinsam fortgesetzt wurde und die Chemischen Gesellschaften in der DDR und in der BRD einen freundschaftlichen Dialog führten. Zum Teil mussten die Mitgliedschaften aber aufgegeben werden, vor allem in den westdeutschen Gesellschaften, nicht so sehr in englischen oder amerikanischen Gremien. Auch Kongressteilnahmen wurden immer weiter zurückgedreht.

Nach Innen setzte mit dem Mauerbau die so genannte „Störfreimachung" der Universität von jeglichen westlichen Einflüssen ein. Spektakulär und inzwischen ausführlich dokumentiert ist der Fall des Mathematikprofessors Walter Brödel, der Anfang 1962 nach langer Kampagne aus politischen Gründen fristlos entlassen wurde und seines Professorentitels verlustig ging. Aus der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät befürworteten neben Max Steenbeck letztlich auch Alfred Eckardt als Dekan und Sie als damaliger Prorektor für Forschung Brödels Entlassung. Wie sehen Sie die Vorgänge heute?

Nicht wesentlich anders als damals, allerdings ergänzt durch die Erkenntnisse über die systematisch aufgebaute Hetzkampagne der Parteiführung gegen Brödel.

Die Fakultät und ich stimmten überein, mit einer Lösung der Personalprobleme einen Neuaufbau der Mathematik zu fördern. Die Entlassung Brödels war im Partei- und Staatsbereich längst beschlossen. Unsere Möglichkeiten beschränkten sich auf die Wahrung des legalen und formalen Rahmens dieser Kündigung. Wohl war – und ist – mir in dieser Sache nicht! Doch wir mussten die Grenzen unserer Einflussmöglichkeiten akzeptieren.

1962 wurden Sie – obgleich parteilos – Rektor. Die Naturwissenschaften und die Medizin hatten, vermutlich mit Unterstützung der Theologie, im Senat also offensichtlich noch die Möglichkeit, Mehrheiten zu behaupten und auch Nicht-Parteimitglieder zu wählen.

Jena war die einzige Universität, an der die parteilosen Rektoren sogar in der Überzahl gewesen sind: Das fängt mit Zucker und Hund an, Schwarz nicht, geht weiter mit Josef Hämel, dem Mediziner, der kurz vor dem Universitätsjubiläum von 1958 nach dem Westen ging, mit Drefahl und schließlich dem Pathologen Franz Bolck. Dann war’s vorbei.

1962 wurde ich gewählt. Ich konnte in einigen Fragen mit der Partei zusammenarbeiten – in diesem System konnten sie nicht sagen, wir machen nichts, was die Partei sagt, das wäre völlig unsinnig gewesen –, aber es gab eben Grenzen, wo ich aus Anstandsgefühl mir selbst und der Universität gegenüber dann auch gesagt habe: „Nein, das machen wir nicht."

Es ging da etwa um die Studenten, die sich weigerten, die Reservistenausbildung mitzumachen. Ich habe mir aus meinen eigenen Erlebnissen des Krieges einen Rest Pazifismus bewahrt und deshalb verurteile ich niemanden, der diesen Dienst verweigert. Das ist so auch in den Senatsakten dokumentiert.

Sie galten immer als ein Hochschulpolitiker, dem die Studenten am Herzen lagen.

Die Universitäten wurden ja schließlich zur Ausbildung der Studenten gegründet und betrieben und nicht der Professoren wegen. Es gab und gibt wohl Professoren, die Schwierigkeiten haben, das anzuerkennen. Aber es ist ja eigentlich vollkommen absurd, wenn sich die Leistung eines Hochschullehrers vorzugsweise an den Kilos bedruckten Papiers und der Summe eingeworbener Drittmittel bemisst. Da gibt es doch Wichtigeres, eben die Studenten.

Ich habe auf einer FDJ-Studententagung einmal dazu aufgefordert, erst mit den Studenten zu reden und wenn dann noch ntig, über sie. Ich habe die meisten Studierenden als fleißige, gutwillige und verantwortungsbewusste Menschen kennen gelernt.

Bei 4000 jungen Leuten, die gegen Ende meines Rektorats studierten, gibt es natürlich immer Abweichungen – leistungsmäßig und natürlich auch in der politischen Haltung.

Bei letzteren Fällen zeigte sich die Ineffektivität der politisch-ideologischen Bildungsträger, des gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums und der FDJ, aber von Fall zu Fall auch ein fehlendes Vertrauensverhältnis zu den Lehrkräften.

Die disziplinarischen Schritte auf Universitätsebene wurden gelegentlich auf die Ebene staatlicher Gerichte gezogen, und es wurde „exemplarisch" bestraft.

Wie stand es generell um das Verhältnis von staatlicher Leitung und Parteileitung an der Universitt?

Der Einfluss der Partei wurde besonders fühlbar zu bestimmten Höhepunkten, er wirkte gleichsam wellenförmig. Da ging es etwa um die Umsetzung von Parteitagsbeschlüssen oder die Vorbereitung eines Ulbricht-Besuches.

Nach und nach kamen auch in alle Fakultäten parteigebundene Professoren, wenige zwar, aber es kamen welche dazu. Zum Teil waren das wissenschaftlich sehr gute Leute, die es unter den Genossen ja ebenso gab wie wissenschaftlich Schwache unter den Nichtgenossen.

Aber es kennzeichnet die Position der Jenaer Universität im Vergleich mit anderen Hochschulen der DDR, dass der Rektor und die Mehrheit der akademisch gewählten Senatoren parteilos waren und so als ausgleichende Elemente den Einfluss der Partei eindämmen konnten.

Mit dieser „Eindämmungspolitik" dürften Sie kaum auf Gegenliebe der Partei gestoßen sein?

Die Partei machte mir vor allem zum Vorwurf, dass ich das so genannte Kollegium des Rektors nicht benutzte. Das sollte aus den vier Prorektoren, dem Partei-, FDJ-, Gewerkschafts-Sekretär, dem Verwaltungsdirektor und dem Kaderleiter bestehen – also praktisch nur noch aus Genossen.

Sich diesem Gremium unterzuordnen, wäre eine unwürdige Geschichte geworden. Deswegen habe ich den Arbeitsplan des Kollegiums des Rektors, der bei der Parteileitung gemacht und mir zugespielt wurde, nicht ernst genommen.

Mir trug das den Vorwurf mangelnder Kollegialität ein, sogar in Richtung autoritärer Leitungsführung. Ich habe meine Entscheidungen anders getroffen: Ich hatte die Dekane, wenn ich etwas mit den Fakultäten zu besprechen hatte, ich hatte die Kollegen direkt und ich hatte den Senat. Wozu also noch dieses Kollegium?

Das ist schlagartig geändert worden, als mein Nachfolger Franz Bolck 1967 das Rektoramt übernahm. Dann wurde ja auch der Senat praktisch entmachtet, umgeformt in einen akademischen und einen gesellschaftlichen Rat, die dann fast nichts mehr zu sagen hatten. Ausschlaggebend war nur noch die Weisung des Rektors, die auf den Beschlüssen des Kollegiums basierte.

Walter Ulbricht spielte für die Jenaer Entwicklung bis zum Ende ihrer Rektorenzeit eine nicht unwesentliche Rolle, im Gegensatz zu Honecker, der die Universitäten mied.

Ulbricht hatte eine Schwäche für Jena. Das war bekannt, die anderen Rektoren, mit denen ich ja zum Teil sehr gut befreundet war, haben oft genug zu mir gesagt: Ja, ihr habt es gut. Ulbrichts innere Bindung an Jena hing zusammen mit seiner Zeit in Jena in den 1920er Jahren und dann damit, dass er die Universität 1945 wieder eröffnet hatte. Und es gab ja auch noch andere, die uns gewogen waren: Alexander Abusch und am Anfang auch Kulturminister Johannes R. Becher, später Kurt Hager, dessen Schwiegertochter hier studierte. Kurzum: Es gab einen guten Draht nach Berlin, eigentlich die ganze Zeit.

Die III. Hochschulreform von 1968 haben Sie als Rektor nicht mehr erlebt, die Vorbereitungen dazu aber sehr wohl. Worin bestand in Ihren Augen das Ziel dieser Reform, was waren die Inhalte und wer die Initiatoren?

Das Ziel bestand für mich eindeutig in der Zerschlagung der Fakultäten und der großen Institute. Dadurch, dass an der Spitze dieser Institute die alten Bürgerlichen standen in ihrem leicht patriarchalischen Führungsstil, hatte die Partei nicht den nötigen Einfluss. Dort duzte sich niemand.

Man gab im Rahmen der Reform zwar vor, Strukturen ändern zu wollen, aber in Wirklichkeit ging es um die Ideologisierung und Politisierung der Universität, letztendlich um die Durchsetzung der „führenden Rolle" der Partei.

Das bedeutete die Zerschlagung der alten „universitas litterarum"?

Das war das eigentliche Ziel. Der angestrebte Aufbau von Profilen war ja in Ordnung und zum Teil schon geschehen, wenn auch nicht so extrem. Es gab ja schon Profilhochschulen mit Ilmenau, mit Leuna-Merseburg, mit Magdeburg, mit Erfurt oder Dresden.

Es wäre ja auch nichts zu sagen gewesen gegen wissenschaftlichen Gerätebau in Physik und Mathematik oder Materialkunde in der Chemie, wenn es nicht doktrinär behandelt worden wäre.

Es ging alles sehr schnell. Im Frühjahr 1968 wurden bereits die Fakultäten aufgelöst. Als erstes kamen die Bereiche, wo es am wenigsten machte, wie das Institut für Wortforschung oder die Musikwissenschaft, die nach Weimar verlegt wurde. Dann folgten die Pharmazie, die Geologie und zum Schluss der große Brocken, die Landwirtschaft. Während man im Senat noch 1967 einem Entwicklungskonzept der Landwirte für die nächsten Jahre zustimmte, waren hinter der Bühne die Würfel bereits gefallen.

Mit dem Abbau von Fakultäten und Instituten und der Streichung der kleinen Fächer, mit der Umsetzung von Assistenten und der Schwerpunktbildung im wissenschaftlichen Gerätebau als Partner von Zeiss nahm Jena nun eine Vorreiterrolle im Extremen ein. Die Zeiss-Direktoren wurden bald die heimlichen Rektoren oder besser die „grauen Eminenzen" und Wortführer des gesellschaftlichen Rates. Als ich das begriffen hatte, habe ich mich dagegen gewehrt. Es ging nicht an, eine gewachsene Universität mit dem Ansehen, das sie gerade auch durch die geisteswissenschaftlichen Fächer hatte, nun völlig auseinander zu nehmen.

Die Universitätsgeschichte von 1983 beschreibt das Ende Ihres Rektorats als eine harmonische Übergabe der „goldenen Amtskette" von Ihnen an Ihren Nachfolger Franz Bolck, während Sie der stellvertretende Minister für Hoch- und Fachschulwesen für Ihren „persönlichen Anteil an der sozialistischen Weiterentwicklung unseres Hochschulwesens" lobte. Wie haben Sie damals das Ende Ihrer Amtszeit erlebt?

Eines Tages erschien Prorektor Gerhard Riege im Rektoramt mit dem Vorschlag der Partei, dem Zeiss-Direktor und Mitglied des Zentralkomitees der SED Ernst Gallerach eine Professur ehrenhalber zu verleihen, und fragte mich, wie ich dazu stände.

Ich wollte dem nicht zustimmen. Von dem Zeitpunkt an waren die Spannungen zwischen mir und der Partei offensichtlich. Im Oktober 1967 war ich einige Zeit krank und während meiner Abwesenheit ergriff man die ersten Maßnahmen. Mein Stellvertreter und erster Prorektor Heinz Kessler fungierte jetzt plötzlich als „geschäftsführender Rektor". So etwas gibt es gar nicht.

Man kritisierte meine mangelnde Kollektivität und forderte, ich solle mich endlich entscheiden. Vieles lief unehrlich und geheim. Schließlich kam die Partei und sagte, ich hätte wohl nicht mehr die Lust, weiter zu machen und es gäbe ja auch einen Nachfolger. Ich schlug Bolck dann sogar vor, ohne zu wissen, dass er hinter meinem Rücken an diesen Sachen beteiligt war. Mit dem neuen Rektor ging ein Aufatmen durch die Partei. Der Senat verlor seinen Einfluss, die akademische Selbstverwaltung brach zusammen.

Es folgten die Verträge mit Zeiss. Und so war die Hochschulreform in Jena in nahezu drei Monaten verwirklicht. Dann kam Ulbricht hierher und bedankte sich beim Rektor dafür, dass er das so schön gemacht hatte.

Bolck und Gallerach erhielten später den Karl-Marx-Orden. Ich war gar nicht mehr existent, was insoweit verblüffend ist, als Berlin damals anderer Meinung war. Dort gehörte ich dem Vorstand des Forschungsrates der DDR an, war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und wurde schließlich auch im Wissenschaftsbereich nach wie vor vollkommen respektiert.

Jedenfalls war die Universität von diesem Zeitpunkt an nur noch begrenzt meine Universität. Was mir aber immer geblieben ist: ein freundschaftliches, respektvolles Verhältnis zu den Menschen der Universität, ob Professor, Mitarbeiter oder Student, und meine Liebe zur Chemie und auch zur Stadt Jena.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

(Interview: Matthias Steinbach)

 

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang