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Kurwenals Zahlenspiele


Streit über sprechende Hunde und rechnende Pferde

„Mein Hund kann sprechen" – wem fiele zu diesem Ausspruch nicht der Sketch des Humoristen Loriot ein, in dem ein zottiger Vierbeiner komplizierte Sätze wie „Fischers Fritz fischt frische Fische" meistert? Allerdings ist diese Eloquenz nur für das stolze Herrchen verständlich, für alle anderen klingt sie eher wie ein langgezogenes „Wuff".

Worüber wir heute lachen, beschäftigte in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ernsthafte Wissenschaftler – allerdings waren die „sprachlichen Äußerungen" der Tiere auch damals reine Interpretationssache. Die außerordentlich umfangreiche Literatur aus diesem Teilgebiet der „speziellen Tierpsychologie" weiß zu berichten, dass vor allem Hunden, aber auch Pferden damals nachgesagt wurde, sie seien in der Lage zu sprechen. Dabei wurde den „denkenden Tieren" unterstellt, sie könnten lesen und sich in Form von Klopfbewegungen der Füße mitteilen. Karl Kralls Elberfelder Pferde „Muhamed" und „Zarif" sowie Wilhelm von Ostens Hengst „Kluger Hans" sind nur einige Beispiele für diese Periode einer zum Teil noch stark anthropomorphen „Tierpsychologie". Nicht weniger als 79 rechnende Tiere weltweit zählte bis April 1936 eine in den Mitteilungen der Gesellschaft für Tierpsychologie veröffentlichte Statistik – darunter 21 Pferde, 57 Hunde und eine Katze. Die meisten der 52 stolzen Besitzer waren übrigens Frauen.

 
 Zahlenalphabet für Vierbeiner

Die Jenaer Universität und einzelne an ihr tätige Biologen nahmen bis in die Mitte der 1930er Jahre an den Diskussionen um zahlensprechende Tiere regen Anteil. So träumte beispielsweise der Zoologe Ludwig Plate davon, Tieren durch entsprechenden Unterricht ein Zahlenalphabet beizubringen, damit sie sich mit Menschen unterhalten könnten. Dem Biologen sollte dabei die Aufgabe zufallen, „Wahrheit und Irrtum nach Möglichkeit zu erkennen und abzugrenzen" und nicht etwa alles einfach als „Humbug" hinzustellen. Es kam in diesem Zusammenhang teilweise zu heftigen und polemisch geführten Kontroversen in der Tages- und Fachpresse, die bis in die Haeckel-Zeit zurückreichen und erst Mitte der 1930er Jahre beendet wurden.

„Wuff"! Vico von Bülow alias Loriot verpackte die ehrgeizigen pädagogischen Ambitionen mancher Hundebesitzer in einen Cartoon.

Plate unterschied drei zentrale Perioden der „denkenden Tiere" innerhalb der Tierpsychologie: I. Periode: Der „Kluge Hans" des Herrn von Osten; II. Periode: Die Krall`schen Pferde; III. Periode der denkenden Tiere: a: Rolf, der kluge Hund in Mannheim sowie b: Die Weimarer Hunde „Kurwenal" und „Lumpi".

Kurwenal, der eigentlich den klangvollen Namen Kuno von Schwertberg trug, war ein gelbroter Dackelrüde, 1928 geboren und im Besitz der Freiin Mathilde von Freytag-Loringhoven. Seine vermeintlich kognitiven Leistungen gaben Mitte der 1930er Jahre nicht nur an der Universität Jena – Anlass zu heftigen Diskussionen. Dabei standen sich in Jena zwei namhafte Biologen gegenüber. Der eine, Ludwig Plate, stammte aus dem Lager der Zoologen und war seit 1909 Haeckels Nachfolger als Direktor des Zoologischen Institutes und des Phyletischen Museums. Sein Kontrahent war Otto Renner, ein an Lebensjahren wesentlich jüngerer Botaniker, seit 1920 Ordinarius für Botanik und Direktor der Botanischen Anstalt und des Botanischen Gartens.

Im Gegensatz zum klopfenden Weimarer Hund „Lumpi" „sprach" Kurwenal in Belllauten. Dazu hatte ihm seine Herrin ein Zahlenalphabet beigebracht, nach dem sie einmal Bellen als Buchstabe a, zweimal Bellen als Buchstabe b usw. begriff, wobei es ihrer Interpretation anheim gestellt war, Buchstaben und Silben voneinander abzugrenzen. Um die Kommunikation nicht allzu langatmig werden zu lassen, forderte man von dem Hund, die Buchstaben von a bis k vorwärts zu bellen (a=1, b=2 usw.) und die Buchstaben z bis m rückwärts zu zählen (z=1, y=2 usw.). Da diese Bellserien nicht nur für den Hund sehr kompliziert, sondern auch für den Zuschauer äußerst anstrengend wurden, plädierte man dafür, den Hund nicht bellen, sondern gegen ein Brett klopfen zu lassen. Leider war der Hund jedoch nicht von seiner rein vokalen Fassung des Alphabets abzubringen.

Wahrheitsliebender Dackel

Der Zoologe Plate publizierte 1936 das Ergebnis einer Reihe von „Sitzungen" mit Kurwenal, die verdeutlichen, wie intensiv er sich mit dieser Thematik auseinandersetzte. Am 15. April 1936 fragte er den Dackel: „Was hältst Du von meiner Frau" und dieser antwortete: „Ich habe sie lieb", wozu er 85 mal bellen musste. Auf die Frage von Plates Frau: „Sagst Du auch die Wahrheit?", erfolgte die Antwort: „Ich sage immer die Wahrheit". Zehn Tage später machte Plate ein weiteres Experiment. Kurwenal lag hinter dem Rücken seiner Herrin auf seinem kleinen Sofa. Er zeigte ihm einen kleinen Zettel mit dem Buchstaben „F" darauf und sagte: „Belle diesen Buchstaben". Kurwenal antwortete mit einer kleinen Bellreihe, deren Sinn war: „Lass es doch bleiben, mich hinters Licht zu führen".

Für seine außergewöhnliche Begabung zahlte der bedauernswerte Dackelrüde Plates Diagnose zufolge allerdings einen hohen Preis: Er leide an einer Verkümmerung der Geschlechtsorgane aufgrund seiner starken geistigen Inanspruchnahme und einer gewissen Dickleibigkeit wegen mangelnden Auslaufs, außerdem zeige er eine Abneigung gegen Kinder, stellte der Zoologe fest.

Der seiner Profession nach den Tieren etwas ferner stehende Botaniker Renner teilte Plates Auffassungen nicht. In zahlreichen Artikeln in der Tagespresse sowie in Fachzeitschriften polemisierte er gegen die Mitteilungen des Zoologen: „Wenn die Beschäftigung mit sprechenden Hunden ein Gesellschaftsspiel geblieben wäre, hätte kein Wissenschaftler sich zur Aufdeckung der Spielregeln herzugeben brauchen [...] Warum ein Botaniker das Opfer gebracht hat, sich um Hunde anzunehmen, darüber ist hier nichts zu sagen. Aber er hielt sich insofern nicht für unzuständig, als die Unternehmung keine Fachkenntnisse erforderte, sondern nur ein wenig Logik."

 

Kühne Wunschträume der Herrin

Aufgrund der in der Presse vermeldeten „märchenhaften" Erfolge mit dem sprechenden Hund sah sich die Universität Jena Anfang Januar 1935 herausgefordert, das Verfahren der so genannten „Weimarer (Hunde-)Schule" zu prüfen. Eine Gruppe von Professoren – neben Plate und Renner der Anatom Ludwig Gräper und der Psychologe Friedrich Sander – fuhr deshalb in die Goethe-Stadt. Für Plate – einen „überzeugten Kurwenalisten" (Zeitschrift „Natur und Geist") – stand nach dieser Sitzung fest, dass der Hund tatsächlich nach den Regeln des Zahlenalphabetes sinnvolle Lautgruppen bildete.

Renner dagegen sah in der Interpretation der Belllaute die reine Willkür der Hundebesitzerin: „Kurwenal sitzt dicht neben seiner Herrin und drückt sich durch Bellen aus. Er fängt zu bellen an, sobald seine Herrin zu ihm zu sprechen aufhört, und bellt bald kürzere, bald längere Zeit fort, und zwar in ganz unregelmäßigem Rhythmus, meist ziemlich rasch, aber mitunter auch recht langsam. Zahlen, die er bei der Lösung von Rechenaufgaben findet, gibt er durch die entsprechende Zahl von Belllauten, und auch jeder Buchstabe heißt seine Zahl."

Renner sprach deshalb dem Verfahren jeden Wahrheitswert ab: „Was Kurwenal zum ,genialsten der denkenden Hunde’ gemacht hat, ist der beispiellose Wagemut seiner Herrin. Die Herrin hat wohl bei ihrem Erziehungswerk, das schon mehreren Hunden gegolten hat, an sich erfahren, dass ein starker Glaube hier die kühnsten Wunschträume wahr werden lässt [...]. Dieser Glaube wird durch die Kritik von tausend ungläubigen Thomasen nicht erschüttert werden; wer trennt sich aus freien Stücken von seinem Glück? Und deshalb werden Kurwenal und seine Schicksalsgefährten in kinderlosen Haushalten weiter rechnen und zahlsprechen müssen."

Um dennoch verwertbare Ergebnisse für die Wissenschaft zu erhalten und das „Wunder von Weimar" nochmalig zu überprüfen, schlug Renner vor, weitere Experimente von exakten Naturwissenschaftlern leiten, überwachen und beurteilen zu lassen. Hier war sich der Botaniker im Urteil mit seinen Kollegen Gräper und Sander einig, Plate hingegen wich wiederum mit seinen Auffassungen ab.

Als Experimentatoren schlug er den Physiker Georg Joos vor sowie „Herrn Kollegen [Hans] Berger – nicht in seiner Eigenschaft als Psychiater, sondern als Meister in der objektiven Registrierung subtiler Vorgänge am Lebendigen".

Für den Fall, dass der Hund zur Zufriedenheit der Kommission alle ihm gestellten Aufgaben erfüllt, bot Renner an, der Gesellschaft für Tierpsychologie oder einer anderen Vereinigung, „die sich der Humanisierung des Hundes widmet, zur Buße für mein absprechendes Urteil dreihundert Mark zur Verfügung zu stellen". Über das Stattfinden einer Sitzung mit den von Renner vorgeschlagenen Kommissionsmitgliedern ist nichts bekannt.

Die Diskussionen um den Hund Kurwenal wurden sowohl in der Tages- als auch in der Fachpresse ausgetragen. Durch Renners Äußerungen im März 1935 in der Zeitschrift „Der Biologe" war es schließlich zum Disput mit Plate gekommen: „Renners Indexmethode, d. h. seine Aufforderung, diejenigen Arbeiten, welche sich für die ,denkenden Tiere’ einsetzen, von deutschen wissenschaftlichen Zeitschriften auszuschließen, ist ebenso wie seine gehässige Schreibweise der deutschen Wissenschaft nicht würdig. Er ist nicht urteilsberechtigt auf Grund seiner ungenügenden Studien auf diesem Gebiet", urteilte Plate. Sein Vorwurf, dass die Mehrheit der Gegner solcher Auffassungen die Tiere häufig nie zu Gesicht bekam und dadurch auch falsche Urteile abgab, mag berechtigt sein. Er sah ferner die hohen geistigen Leistungen dieser Versuchstiere bereits vor Konrad Lorenz als Folge der Domestikation an und gab dem Wunsch Ausdruck, „dass die Fachleute ihre bisherige Zurückhaltung aufgeben und sich den denkenden Tieren mehr widmen, womöglich selbst Hunde unterrichten, damit der Gegensatz zwischen Anhängern und Gegnern überwunden wird".

„Da sprach Frau Professor Quidde:

Die Sache ist mir zu dumm, Ich mache nicht mehr midde In Eurem Brimborium. Plagt Ihr mit Logarithmen Das arme Pferdegeschlecht, Statt seinem Schutz sich zu widmen, So find ich es grundfalsch und schlecht."

Abbildung aus: Tierseele. Zeitschrift für vergleichende Seelenkunde ( 1. Jahrgang, 1913/14)

Wallfahrt der Gläubigen

Renner hingegen blieb bei seiner Meinung und betonte abschließend: Aber Tag für Tag wallfahrten Gläubige zu diesem Tempel [Kurwenals Heim] der liebenswürdigen Mystifikation, nicht zuletzt deshalb, weil auch ein paar Gelehrte dieses kindliche System als ein Mittel zur experimentellen Erforschung der Hundeseele gepriesen haben. Nur um gutzumachen, was von dieser Seite gefehlt worden war, habe ich mich zu dem Feldzug gegen die Weimarer Kynagogenschule entschlossen und das wesentlichste Ziel des Unternehmens ist, zu erreichen, dass wenigstens wissenschaftliche deutsche Zeitschriften künftig ihre Türe vor dieser Mystifikation verschließen." Dass hier in Jena die Zoologie mit dem Hund auf den Hund gekommen war, musste sie offensichtlich erst von einem Botaniker lernen.

Uwe Hoßfeld

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang