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Zeitgeschichte


Paul von Hindenburg: Der Streit um die Nationalfarben
Nationalsozialismus: Die Universität Jena im Zweiten Weltkrieg

 

Des Vaterlandes Hoffnung

Der „Ehrenbürger" Hindenburg und der Streit um die Farben

 

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – diese Alltagsweisheit gilt auch in historischen Zusammenhängen, in denen Bildquellen oftmals differenzierter Auskunft geben als karge schriftliche Überlieferungen. Dies trifft auch auf das unten abgebildete Motiv zu. Man erblickt dort zuerst die in sieben Abteilungen gegliederte Jenaer „Studentische Vertreterschaft von 1911", die in einem weiten Rund auf dem „Fürstenplatz" zu Weimar Aufstellung genommen hat. Den Löwenanteil bilden dabei – was charakteristisch war für die Besetzung zentraler symbolträchtiger Felder bei akademischen Zeremonien in der Weimarer Republik – die in vollem Wichs und mit ihren Flaggen erschienenen studentischen Korporationen. An dem Tag der Aufnahme, dem 10. Mai 1926, welchen die Jenaer Universitätsleitung zum dies academicus erklärt hatte, sollte eine obskure Ehrung stattfinden, die in mehrfacher Hinsicht einer gewissen symbolpolitisch aufgeladenen Pikanterie nicht entbehrte. Die gespannte Aufmerksamkeit der mit einem Sonderzug von Jena Angereisten war auf ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis, die Ankunft des Reichsoberhauptes, gerichtet, dem man in besonderer Weise zu huldigen gedachte.

Eine neue Medaille

Zweck des Besuchs des im Vorjahr gewählten Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, war es, dem von links nach rechts umgeschwenkten, völkisch und nationalsozialistisch durchsetzten Thüringer Landtag einen Besuch abzustatten. Diesen Anlass wollten der Rektor der „Thüringischen Landesuniversität" Jena, der Chemiker Alexander Gutbier, Mitglieder des Senats und Vertreter der Studentenschaft, nutzen, um als äußeres Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem 78-jährigen Kriegsveteranen und Ehrendoktor aller deutschen Hochschulen die akademische Ehrenbürgerurkunde zusammen mit einer neu geschaffenen Medaille zu überreichen. Noch musste man sich aber gedulden, denn Hindenburg hielt eine längere Rede im großherzoglichen Schloss, wo er sich unter anderem über den „wertvollen Theil unseres Wesens und unseres Volkstums" verbreitete.

Hindenburg war Ehrendoktor aller deutschen Universitäten. In Jena wurde er gar als „Retter" verehrt.

Abb: Hessisches Landesmuseum

 

Plädoyer für das Fechten

Als sich die Kutsche mit dem Reichspräsidenten endlich näherte, wurde dieser mit „Hurra"-Rufen begrüßt. Der AStA-Vorsitzende verlas anschließend eine Glückwunschadresse für den „aufrechten Führer des deutschen Volkes", worauf Hindenburg eine Dankesrede gehalten haben soll. Von ihrem Inhalt ist nur soviel bekannt, dass er betont habe, „dass niemand das traditionelle Gut der Studentenschaft, das Fechten, antasten dürfe. Viel eher müsse man im Boxen einen lebensgefährlichen Sport erblicken, wegen der Möglichkeit, einen zerschlagenen Kinnladen zu bekommen".

Hindenburg, der wie kaum ein anderer deutscher Politiker Exponent des alten Systems, Repräsentant einer an sich untergegangenen Zeit war, stand nicht erst seit 1926 in Jena in hoher Gunst. Schon am Vorabend seiner Wahl zum Reichstagspräsidenten am 25. April 1925 führten Jenaer Studenten gemeinsam mit den vaterländischen Verbänden einen Fackelzug für den Kandidaten des konservativ-nationalistischen „Reichsblocks" durch. Zahlreiche von ihnen betätigten sich als eifrige Wahlhelfer für den pensionierten Kriegshelden, der für sie ein eben solches nationales Idol wie Bismarck war. Einen Tag nach dem Einzug des Weltkriegsmythos und prononcierten Anhängers der schwarz-weiß-roten Hohenzollernmonarchie in Berlin am 12. Mai 1925 war ein dies academicus durch den Rektor, den Juristen Heinrich Gerland, aus Anlass der Amtseinführung Hindenburgs angeordnet worden. Das rechtsgerichtete Organ des Jenaer AStA, „Die Jenaer Studentenschaft", verlieh der vorherrschenden Stimmung unter den Studenten Ausdruck, indem es sich an vorderster Front am Kesseltreiben gegen den Privatdozenten Theodor Lessing von der Technischen Hochschule Hannover beteiligte, der am 25. April im „Prager Tageblatt" einen Hindenburg-unfreundlichen Artikel veröffentlicht hatte. Ihre massiven Angriffe gipfelten in der Forderung nach Entzug der venia legendi, da Lessing „außerhalb der Grenzen wissenschaftlicher Betätigung sich der Stellung eines Hochschullehrers unwürdig erwiesen" habe. In der Attacke verband sich eine anmaßende Haltung bei der Beurteilung der wissenschaftlichen Qualifikation mit latenten antisemitischen Tendenzen.

"Kraftvolle Führergestalten"

Eine ideologische Begründung für den in Jena grassierenden Hindenburgkult lieferte der Jenaer Philosoph Bruno Bauch, Gründer der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie" von 1917, in seiner anlässlich der Reichsgründungsfeier am 18. Januar 1926 gehaltenen Rede unter dem bezeichnenden Titel „Der Geist von Weimar und der Geist von Potsdam". In gedanklicher Abstraktion negierte Bauch den Gegensatz zwischen den beiden symbolischen Orten Weimar und Potsdam als „den zwei Seelen in der Brust des deutschen Volkes" und forderte „kraftvolle" Führergestalten an der Spitze des Staates anstelle des Parlamentarismus. Als „große Gestalten des staatlichen und militärischen Lebens" nannte er Hindenburg in einem Atemzug mit Bismarck und Moltke. Insofern war die vom Jenaer Senat mit Beschluss vom 5. Mai 1926 verfügte Ehrenbürgerwürde ein gewisser Höhepunkt, aber nicht Abschluss der Hindenburgverehrung in Jena. Man ehrte den „Reichspräsidenten und des Vaterlandes Retter und Hoffnung".

Mit einem Sonderzug waren im Mai 1926 Jenaer Studenten nach Weimar gereist, um dem Reichspräsidenten die akademische Ehrenbürgerurkunde zu überreichen.

Foto: Archiv

 

Obwohl der „Retter"-Mythos schon in dem von Jenas akademischer Jugend unterstützten Wahlkampf eine wesentliche Rolle gespielt hatte, muss die Frage offen bleiben, wem die Ehrung in Jena wohl mehr galt, dem Reichsoberhaupt eines demokratisch verfassten Staates oder dem vermeintlichen „Sieger von Tannenberg". Jedenfalls war ein eher lauer Kompromiss zustande gekommen. In reichsweiter Perspektive zeigte sich, dass vor allem die völkisch-nationalen Verbindungen in Hindenburg eben nicht den Präsidenten der Republik, sondern vielmehr den greisen Feldherrn des Weltkrieges, eine gleichsam mythische Vater- und Führerfigur ehrten.

Aufmarsch der Burschenschaften

Die erste Bildquelle zeigt die zwischen den anderen Korporierten und Freistudenten aufgestellten, traditionell dominierenden drei Jenaischen Burschenschaften, vereinigt im „Jenaer D. C.", im Zentrum des Blockes, etwas links vom Eingang der heutigen „Anna-Amalia-Bibliothek" (vom Betrachter aus gesehen). Die „Germanen" und „Arminen" tragen zur Huldigungszeremonie ihre traditionellen schwarz-rot-goldenen Bänder. Außerdem ist mit dabei – wie bei allen größeren akademischen und burschenschaftlichen Zeremonien in dieser Zeit – das von der Jenaer Universitätsbibliothek ausgeborgte historische „Dreifarb", die legendäre, dem Umfeld der Jenaer „Urburschenschaft" entstammende Wartburgfahne von 1817, das aus der freiheitlichen Nationalbewegung des frühen 19. Jahrhunderts hervorgegangene Urbild der deutschen Nationalfarben.

Das Zusammentreffen der burschenschaftlichen Fahnen, Bänder und des historisch gewordenen Unikats in seiner für die deutsche Geschichte wegweisenden symbolischen Farbkombination mit dem kaisertreuen „Führer des deutschen Volkes", nach den Worten von Horst Möller, aber aus heutiger Sicht „die personifizierte Kriegserklärung an die demokratische Republik", stellt eine eindrucksvolle, bislang wohl kaum beachtete Konfrontation, ja vielleicht sogar ein paradigmatisches Ereignis dar.

Kleinkrieg Weimar – Potsdam

Soweit die Rekonstruktion der nüchternen äußeren Fakten dieses Vorganges. Die genaue Bildbetrachtung führt sofort und unvermittelt auf das Feld der symbolischen Politik, den permanenten Kleinkrieg zwischen „Weimar und Potsdam". Von beiden politischen Lagern als „Flaggenstreit" publizistisch in der Öffentlichkeit und auch auf hchster parlamentarischer Ebene ausgetragen, bildete er die zentrale symbolpolitische Auseinandersetzung in den Jahren nach 1919. Die Farben Schwarz-Rot-Gold mit ihrem Ursprung in Jena auf der einen und das von Otto von Bismarck 1866 aufgegriffene preußisch-hansische Schwarz-Weiß-Rot auf der anderen Seite standen sich jetzt als „Kain und Abel der Republik" unversöhnlich gegenüber. Zu jenen, die sich schon am Beginn der Weimarer Republik in ihren Überlegungen über eine neue Verfassung für einen Flaggenwechsel und Schwarz-Rot-Gold in der Tradition von 1848 eingesetzt hatten, gehörte der liberale Berliner Historiker und Altburschenschaftler Friedrich Meinecke. Er trat in einem im „Demokratischen Studentenbund" in Berlin am 16. Januar 1925 gehaltenen programmatischen Vortrag „Republik, Bürgertum und Jugend" nachhaltig für „Schwarz-Rot-Gold, dies einst so heiß geliebte Symbol unseres Einheitstraumes im Jahre 1848 vom Deutschen Bundestage als deutsche Fahne anerkannt[e], im Jahre 1852 von seinem Palais in Frankfurt wieder niedergeholt[e]" Farbe ein. Doch sollte für ihn Schwarz-Rot-Gold nicht nur als „Vereinigungsband zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft" sondern zugleich als „Hoffnungszeichen für die Vereinigung mit Deutschösterreich" dienen. Der stets um Kompromisse bemühte „Vernunftrepublikaner" Meinecke nahm aber schon auf der Weimarer Tagung „verfassungstreuer" deutscher Hochschullehrer im April 1926 Korrekturen seiner Konzeption vor. Er bedauerte in seiner Rede „Die deutschen Universitäten und der heutige Staat" ausdrücklich, dass es 1919 nicht zu einem Ausgleich zwischen Schwarz-Weiß-Rot und Schwarz-Rot-Gold, sondern zu einem „völligen Farbenwechsel" gekommen sei.

Das Ereignis der weimar-jenaischen Hindenburgehrung kann vielleicht auch deshalb als „paradigmatisch" angesehen werden, weil just zu diesem Zeitpunkt, im April und Mai 1926, die letzte große parlamentarische Auseinandersetzung um die umstrittenen Reichsfarben in der Weimarer Republik tobte, mit angezettelt von keinem anderen als Hindenburg selbst. Da sie immerhin zu einem Regierungssturz führte, erscheint es angebracht, auf die so genannte „Lutherkrise" von 1926 einzugehen. Mit dieser Kabinettskrise fand der – seit der in der Weimarer Verfassung mit dem dort ausgehandelten „Flaggenkompromiss" – schwelende Streit um die Reichsfarben seinen Höhepunkt.

Streit um die deutschen Farben

Die Polarisierung der beiden politischen Lager bzw. Teilkulturen wurde weiter vorangetrieben durch die „Zweite Verordnung über die deutschen Flaggen" vom 5. Mai 1926, unterzeichnet von Hindenburg und dem parteilosen Reichskanzler Hans Luther. Darin wurde verfügt, dass diejenigen deutschen Auslandsmissionen, die „regelmäßig im Verkehr auf dem Seewege zu erreichen" waren, die Handelsflagge zu hissen hatten. Die Reichshandelsflagge war ein Ergebnis des Weimarer „Flaggenkompromisses": Schwarz-Weiß-Rot mit einer aus der Ferne unsichtbaren schwarz-rot-goldenen „Gösch". Dieser Beschluss des Kabinetts hatte einen Sturm der Empörung bei Sozialdemokraten, Freien Gewerkschaften und dem beiden nahestehenden republikanischen Wehrverband, dem „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", ausgelöst. Aber auch Zentrum und Demokraten protestierten gegen die restaurative, in der Tendenz antirepublikanische Neuregelung, von der sie erst aus der Presse erfuhren. Die Manipulation am schwarz-rot-goldenen Symbol der Republik wurde von ihnen einmütig als gezielter Angriff auf die Republik selbst betrachtet und verstärkte das ohnehin bestehende Misstrauen in die unter dem Einfluss der DVP stehenden Regierung Luther.

Reichskanzler und Kabinettsmitglieder hatten – flankiert von Hindenburg – in der Flaggenfrage politische Instinktlosigkeit bewiesen. Vor allem aber hatten sie nach der Einschätzung von Heinrich August Winkler, einem der wohl besten Kenner der Weimarer Republik, eines verkannt: „Dass sie sich mit ihrer Verordnung auf das Gebiet der symbolischen Politik begeben hatten – einen Bereich, der mehr noch als rein materielle Fragen geeignet war, Leidenschaften zu wecken und Gräben aufzureißen." Das illegitime Vorgehen Hindenburgs entsprach seiner antirepublikanischen Grundhaltung und seinem preußisch-deutschen Naturell. Als überzeugter Monarchist ließ er trotz seines bis 1933 formal verfassungstreuen Verhaltens so gut wie keine Gelegenheit aus, seine stille Obstruktion gegen die republikanischen Farben unter Beweis zu stellen.

Als ein Nachklang des Geschehens kann ein Gedicht zum Thema „Flaggenstreit" in den „Burschenschaftlichen Blättern" von Anfang Oktober 1926 angesehen werden. Im Anschluss an eine maßlose Idealisierung von Hindenburgs Taten anlässlich seines Geburtstages wurde das Gedicht eingerückt, in dem sich die geschundene schwarz-weiß-rote Seele ausspricht:

Umhüllt mit schwarzem Flor all’ eure Fahnen,
Dann hat das deutsche Volk ein einig Zeichen!
An dieses Sinnbild wird kein andres reichen,
Mit tieferm Ernst wird uns kein bessres mahnen,

Wie unwert wir der großen deutschen Ahnen.
Laßt Trauer unser Herz für deutsche Not erweichen,
Mit Haß und Streit kann man kein Ziel erreichen,
Nur einig bricht ein Volk der Freiheit Bahnen.

So laßt die Flagge, die ihr liebt, nicht wehen,
Des Landes Schmach und Not soll sie nicht sehen,
Als Mahnbild wird sie uns im Herzen stehen.

Das Reich soll erst zum Brudervolk sich finden,
Der Feinde Macht und Lüge gilt’s zu überwinden,
Erst dann laßt neu uns stolze Farben finden!

Im Lichte der geschilderten heftigen politischen Kontroversen, welche bis zum Ende der Republik unvermindert anhielten, muss das hier nur knapp skizzierte Aufeinandertreffen, das einen Tag vor der dritten großen Flaggendebatte der Weimarer Republik erfolgte, geradezu als Satyrspiel erscheinen, wobei außer Acht gelassen werden kann, ob der Reichsprsident die ihm zu Ehren präsentierten Symbole überhaupt wahrgenommen bzw. gedanklich verarbeitet hat. Hindenburg, nach den Worten Sebastian Haffners „damals die Galionsfigur des hochreaktionären Ludendorff, Monarchist bis auf die Knochen", hatte sich persönlich in diese Angelegenheit eingeschaltet und massiv in den Prozess der politischen Willensbildung eingegriffen. Schließlich war er es selbst gewesen, der durch einen Besuch in Hamburg, wo ihm kurz zuvor ein begeisterter schwarz-weiß-roter Empfang bereitet worden war, maßgeblich den Druck auf die Regierung erhöht hatte, in der leidigen Flaggenfrage aktiv zu werden.

Am 31. Juli 1926 fand ein burschenschaftlicher Festkommers der „Arminen" auf dem historischen Jenaer „Burgkeller" statt, in dem die völkisch aufgeladenen Emotionen hohe Wellen schlugen. Ausgehend von der vaterländischen Aufgabe, der „Erziehung zu reinem, starkem deutschen Volkstum", wurde wieder die beziehungsvolle Assoziationskette zwischen „Ersatzkaiser" und der legendären Wartburgfahne hergestellt. Der Redner der Aktivitas verkündete dazu: „Wollen wir diese Haltung wieder einnehmen, dann weht etwas in uns, was einen Luther und einen Bismarck und einen Hindenburg furchtlos und beharrlich handeln ließ. Ja, das wollen wir von neuem erklären."

Vor den zur Schau gestellten Reliquien von 1817, die als wichtiges Gestaltungselement der Veranstaltung und Bestandteil der politischen Liturgie fungierten, beschwor er als Schlussmotiv für den so geistig vollzogenen, die innenpolitisch-freiheitliche Überlieferung der „Urburschenschaft" verdunkelnden Rechtsruck: „Indem wir im Angesicht des Burschenschafterschwertes und der alten Burschenschafterfahne unser Bundeslied singen."

Thomas Pester

Urkunde über die Ernennung Hindenburgs zum Ehrenbürger der „Thüringischen Landesuniversität" Jena vom 10. Mai 1926.

Abb: Universitäts-Archiv, BA 1858

„Politisch zuverlässig"

Die Universität Jena im Zweiten Weltkrieg

 

Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurden die meisten Universitäten in Deutschland geschlossen. Jena bildete jedoch eine Ausnahme. Mit Berlin, Leipzig, München und Wien gehörte die Alma Mater Jenensis zu den fünf Universitäten im „Reich", die nur wenige Tage nach Kriegsbeginn ihre Lehre und Forschung fortsetzen durften. Die Uni Jena gehörte auch zu den wenigen Hochschulen, die ihren Betrieb bis Kriegsende aufrechterhalten konnten.

 

Wie ist diese Sonderstellung zu begründen? Die von Max Steinmetz (1958) und Siegfried Schmidt (1983) herausgegebenen Universitätsgeschichten verweisen auf die „politische Zuverlässigkeit", die sich die Universität Jena in den Jahren 1933-1939 erworben habe, sowie auf ihre zentrale und von Kriegseinwirkungen ungestörte Lage. „Die im Jenaer Lehrkörper wirkenden nazistischen Kräfte", heißt es etwa in der 1958er Darstellung, „hatten sich dieses Vertrauen des Gauleiters Sauckel und der zentralen Naziführung ... durch Leistung erkämpft". Von amtlicher Seite belegt ist diese Feststellung zwar nicht, sie darf aber in der Tat einige Plausibilität beanspruchen. Schon vor 1933 zeichnete sich die Entwicklung der Universität Jena zu einer „nationalsozialistischen" Hochschule im „Mustergau" Thüringen ab. Dennoch bleibt der Wandel der Fakultäten und Institute unter den Bedingungen des Krieges allzu schematisch, wenn etwa festgestellt wird: „Die Institute stellten ihre Arbeiten auf die Erfordernisse des Krieges um, soweit sie nicht schon aus der Zeit vor Beginn des Krieges unmittelbar in die direkte Planung zur Kriegsvorbereitung eingespannt waren..."

Gravierende Einschnitte ergaben sich erst mit Beginn des „totalen Krieges", als die Funktion der Universität als Lehr- und Forschungsstätte mit Erlass des Reichserziehungsministeriums vom 1. September 1944 über den „totalen Kriegseinsatz" zunehmend eingeschränkt wurde. Doch auch zu diesem Zeitpunkt nahm die Universität Jena wiederum eine Sonderstellung ein, als die von der Regierung geforderte Schließung der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen sowie der Philosophischen Fakultät verhindert werden konnte.

Wollte Jena zu einer „SS-Universität" machen: Rektor Karl Astel.

Foto: Archiv

 

Pflichtfach Wehrpolitik

Die Themen der Vorlesungen zeigen beim Übergang zum Krieg eher Kontinuität denn Veränderung. So standen bereits ab 1934 wehrpolitische Vorlesungen als Pflichtveranstaltungen auf dem Programm. 1936 initiierte der Dozent für Wehrwissenschaften Richard Kolb eine fächerübergreifende „Wehrvorlesungsgemeinschaft". In der Medizinischen Fakultät hatte man bereits 1937 mit Vorlesungen begonnen, die Kriegscharakter hatten. Hinzu kamen Sondervorlesungsreihen über „Grundfragen deutscher Wissenschaft" oder etwa „Pädagogisch-politische Vorlesungen" (SS 1941 – WS 1941/42). Ebenfalls vor Kriegsbeginn wurde eine von der Fachgruppe Kulturwissenschaft getragene antisemitische Vortragsreihe (WS 1938/39) begründet, die vor dem Hintergrund der Judenpogrome offensichtlich der Beschwichtigung der Jenenser dienen sollte.

Während die Versuche einer weltanschaulichen Durchdringung der Universität im Sinne der NS-Ideologie etwa unter Hinweis auf Vorlesungsthemen oder Gründung von Lehrstühlen für Kriegsgeschichte oder Wehrwissenschaft des Öfteren beschrieben worden sind, gestaltet sich die Analyse der Ausrichtung der Hochschulen auf rüstungstechnologische und rüstungsindustrielle Erfordernisse komplizierter. Die Frage, was genau in den Instituten geforscht wurde, in welchem Ausmaß sich Natur- und Technikwissenschaften auf rüstungsrelevante Forschungsfelder spezialisierten, und welchen Beitrag auch die Universitäten zum „totalen Krieg" leisteten, ist gegenwärtig noch immer offen.

„Alle Kräfte für den Krieg"

Für die Universität Jena wurden bislang nur Kriegsforschungen der Pharmakologischen Anstalt oder des Meteorologischen Instituts angedeutet. Wenn in der Universitätsgeschichte von 1958 vom „Einsatz aller Kräfte für den Krieg" die Rede ist und die Feststellung getroffen wird: „Die Universitäten führten kein sogenanntes Eigenleben, sie bildeten keine vom Kriege unberührte akademische Insel, sie wurden restlos einbezogen in das Getriebe der faschistischen Kriegsmaschinerie", so ist dieser Befund zu differenzieren. Insgesamt ist in der 1958er Darstellung die Tendenz erkennbar, durch einen Blick „von oben" den Charakter der Universität Jena als „Prototyp einer politischen Hochschule faschistischen Charakters" und als eine „der wichtigsten Universitäten für ‘Rassefragen’" zu erweisen. Der tatsächliche Beitrag zum Krieg wird durch die immer wieder beschriebenen Versuche des Gauleiters Sauckel und des Rektors Karl Astel, die Universität Jena zu einer „SS-Universität" auszubauen, jedoch eher verdeckt als erhellt.

Obwohl sich in der universitätsgeschichtlichen Literatur die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Krieg bislang nicht als eigenständiger Problemkomplex etabliert hat, lässt sich gegenwärtig ein zentraler Interessenschwerpunkt ausmachen: Warum, so wird gefragt, konnte unter den Voraussetzungen einer nicht stringenten und wenig zielgerichteten Wissenschaftspolitik das Regime zahlreiche – rüstungsindustrielle – Anwendungserfolge erzielen?

Auch Jahre nach ihrer Machtübernahme verfügten die Nationalsozialisten weder über ein wissenschaftspolitisches Programm noch über eine für die Wissenschaft zuständige zentrale Parteistelle. Mehrere Institutionen von Partei und Staat konkurrierten und intrigierten vielmehr um Einflussnahme und Kompetenzen. Zahlreiche Widersprüche kennzeichneten zudem die Einstellungen des Regimes zur Wissenschaft, so dass oftmals von einer „Normalität wissenschaftspolitischer Anarchie" (Anselm Faust) gesprochen wird. So standen das anti-intellektuelle Klima und die mangelnde Anerkennung von Wissenschaftlern, denen das Regime und insbesondere Hitler selbst mit Misstrauen und Sorge begegnete, im Widerspruch zur finanziellen Förderung der Wissenschaft insgesamt. Der in zahlreichen Fällen belegten Wissenschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialisten stand auch die extensive Inanspruchnahme von Expertenwissen, sowohl der Naturwissenschaftler als auch der Geisteswissenschaftler (z.B. Euthanasie, neue Waffensysteme, Neuordnung besetzter Gebiete etc.) gegenüber.

Schwerpunkt Großforschung

Tatsächlich war, wie heute besser erkennbar ist, das „Dritte Reich" eine Ära der Großforschung. In den Blickpunkt gerückt ist vor allem der fächerübergreifende Netzwerkcharakter von Wissenschaft, in den auch die Universitäten eingebunden waren. Dieser Strukturwandel der Wissenschaft wurde durch den Krieg nochmals beschleunigt. Eine effektive, zentrale Forschungslenkung ging jedoch auch vom Reichsforschungsrat (RFR) nicht aus, der 1937 vom Reichserziehungsministerium zur Koordination der wehrwissenschaftlichen Forschung und der Vierjahresplanforschung gegründet worden war.

Angesichts der Verstrickung der Wissenschaft in das nationalsozialistische Herrschaftssystem und des vielfachen „Mitmachens" auch von Hochschullehrern an Verbrechen hat sich der Topos von der „ungebrochenen" Tradition der deutschen Universität endgültig als Mythos erwiesen. Die apodiktische Unterscheidung zwischen NS-affinem Denken und „reiner" Forschung hat zu lange den Blick auf die Tatsache verstellt, dass in vielen Fällen weniger die weltanschauliche Übereinstimmung als vielmehr die Nützlichkeit für das Regime über den Erfolg bestimmter Projekte entschieden.

So ist das NS-System in der Lage gewesen, auch Nicht-Nationalsozialisten in den Wissenschaftsbetrieb zu integrieren. Die sofort nach der „Machtergreifung" einsetzende massive Ausgrenzungs- und Vertreibungspolitik an den Hochschulen führte zunächst zu erheblich verbesserten Berufsaussichten für jüngere Nachwuchswissenschaftler. Bereits Mitte der dreißiger Jahre wurde deutlich, dass der Konflikt zwischen politischen und wissenschaftlichen Auswahlkriterien die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft bedrohte und dem Erfordernis entgegenstand, den Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften zu beseitigen. Dieser Mangel verschärfte sich im Krieg zunehmend. Insbesondere aus den naturwissenschaftlich-technischen Fächern ist eine Abwanderung von Wissenschaftlern in die Industrie zu konstatieren. In der Berufungspolitik trat daher sehr schnell ein Wandel ein. Fachliche Gesichtspunkte gewannen gegenüber politischen Entscheidungskriterien wieder mehr an Gewicht. So wurden Lehrstuhlbesetzungen gegen den Willen der Fakultäten seltener. Eine Ausnahme bestand jedoch bei jenen Universitäten, bei denen „bestimmte Partei-Potentaten" eine beherrschende Stellung gewonnen hatten. Zu diesen Universitäten muss, neben Königsberg und Halle, auch Jena gerechnet werden, wo Gauleiter Sauckel eine vom Ministerium weitgehend unabhängige Personalpolitik verfolgte.

Wie aber konnte es gelingen, dass weite Teile des Wissenschaftspersonals ohne brutalen Zwang für die verbrecherische Kriegspolitik zu gewinnen war? Wie wir heute nicht allein aus den Diskussionen über die Rolle der Historiker im Nationalsozialismus wissen, war der Kreis der Schreibtischtäter, der Mitplaner und Vordenker von Vernichtungsmaßnahmen viel größer, als bislang angenommen wurde. Auf welche Weise profitierten Wissenschaftler selbst vom NS-System? Erinnert sei hier nur an die besondere Rolle der Medizin und Biologie, für die das NS-Regime Zugriff auf menschliches Untersuchungsmaterial ermöglichte. Und welche Rolle hatten wissenschaftliche Ergebnisse und Expertisen schließlich auf die nationalsozialistische Politik? Wo profilierten sich Wissenschaftler als „Vordenker der Vernichtung"? Wie ist die personelle Vernetzung von Universitätsangehörigen mit NSDAP und NS-Organisationen, Ministerien, Industrie und Militär zu beschreiben?

Bombentreffer hinterließen schwere Schden an zahlreichen Universitätsgebäuden, wie an der hier abgebildeten Universitäts-Bibliothek. Foto: Archiv

Versagen der Berufsethik

Die Forschung hat auf einen Teil dieser Fragen neue Erkenntnisse zu Tage gefördert. Der Trierer Historiker Lutz Raphael verweist hier auf das frühe Versagen von Wissenschaftsmoral und Berufsethik und die bereitwillige Anpassung vieler Wissenschaftler an die neuen Machthaber. Die NS-Ideologie habe sich nach 1933 zu einem breiten Spektrum politischer, philosophischer und wissenschaftlicher Ideen entwickelt, ohne dass es zu einer dogmatischen Fixierung der nationalsozialistischen Weltanschauung gekommen ist. Sie sei daher von vielen Humanwissenschaftlern zwar als politisch kontrolliertes, aber intellektuell offenes Meinungsfeld verstanden worden. Dass es nach 1933 nicht zu einer Kanonisierung der parteieigenen Ideologie kam, sei geradezu als Einladung verstanden worden, den Spielraum schöpferisch auszugestalten. So habe der Nationalsozialismus zu einer Beteiligung aller nationalen Kräfte eingeladen.

Eine zielgerichtete politische Steuerung oder ideologische Kontrolle des Wissenschaftsfeldes habe sich daraus, wie Raphael folgert, nicht ergeben. Die Selbstmobilisierung vieler Wissenschaftler sicherte die professionellen Spielräume für den Preis zunehmender Einpassung in den weltanschaulichen Rahmen. Gemeinsamer Boden war jedoch eine scharfe Abgrenzung nach Außen und nach Innen. Einer weitgehenden Abschottung gegenüber der internationalen Wissenschaft entsprach die Ausgrenzung der politisch oder „rassisch" Missliebigen. Gemeinsamer Nenner aller Selbstmobilisierungen sei ein extremer Nationalismus gewesen. Der „Dienst für Volk und Vaterland" habe dabei eine wichtige Brücke zum Rassismus der NS-Weltanschauung gebildet.

Die Erforschung der Verbindungen zwischen NS-Ideologie und zeitgenössischer „seriöser" Wissenschaft hat nicht nur die beträchtliche Integration von Wissenschaftlern in die Machtapparate des Regimes zu Tage gefördert, sondern auch das erhebliche Gewicht der Selbstmobilisierung von Experten für die zunehmende Radikalisierung der nationalsozialistischen Politik und der daraus resultierenden Verbrechen unterstrichen.

Der Historiker Detlev Peukert hat in diesem Zusammenhang den Begriff der „Endlösung aus dem Geist der Wissenschaft" geprägt. Um diese „Expertenkulturen" und ihren Beitrag für das Regime neu zu gewichten, muss sich die Erforschung der Universität Jena im Nationalsozialismus von einem engen disziplin- oder institutionenfixierten Blickwinkel lösen.

Vielmehr sollte auch im Bereich der Universitäten den „realen", fächerübergreifenden Vernetzungen und Kooperationen zwischen Geisteswissenschaftlern, Juristen und Naturwissenschaftlern nachgespürt und geklärt werden, in welcher Weise und in welchem Ausmaß die Friedrich-Schiller-Universität Jena in die „Netzwerke" der nationalsozialistischen Wissenschafts- und Forschungspolitik eingebunden war. Gerade die vielfältigen Verbindungslinien der Universität Jena zur SS und zur NSDAP legen diesen Ansatz nahe.

Steffen Kaudelka

 

letzte Änderung:  am 2012-01-30 09:04:42   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang