Es gibt keine gesellschaftlichen Veränderungen – tiefgreifende und langfristige schon gar nicht – ohne gutes Vorbild. Best practice-Übungen aus dem Instrumentenkasten des new public management belegen dies ebenso wie der akademische Brauch der Verleihung von Wissenschafts- oder Lehrpreisen. Und so wird auch die Herbeiführung der Gleichheit von Mann und Frau in der Besetzung universitärer Ämter nicht ohne das gute Vorbild von Wissenschaftlerinnen gelingen.

 

Solche Vorreiterinnen, die mit gutem Beispiel vorangehen, präsentieren die vorliegenden Porträts. Sicher, es sind nicht mehr Pionierinnen wie Rowena Morse, die erste Frau, die an der Universität Jena promovierte, oder Mathilde Vaerting, die 1923 als erste Professorin berufen wurde - aber sie sind eben gute Beispielgeberinnen, die zur Nachahmung auffordern wollen. Sie zeigen allen Studentinnen, Doktorandinnen und Habilitandinnen: Es geht, der Weg lohnt sich. Und die Universität fügt hinzu: Es lohnt sich nicht nur für die Wissenschaftlerinnen, sondern auch für die Wissenschaft.

Denn Wissenschaft lebt von der Vielfalt - an Erfahrungen, Lebensplänen und Karrieremustern, Perspektiven und Sichtweisen - und Uniformität ist der Feind jeder Kreativität.

Möge die vorliegende Publikation ermutigen, dem guten Beispiel der hier Porträtierten zu folgen.

Prof. Dr. Klaus Dicke, Rektor
Jena, im Sommer 2011

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) studieren insgesamt zweimal so viele junge Frauen wie Männer, auch wenn das Verhältnis in den einzelnen Disziplinen noch sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Unter denjenigen, die sich für eine Promotion und damit für den ersten Schritt zur eigenen wissenschaftlichen Arbeit entschieden haben, geht der Anteil von Frauen zurück:

 

Im Mittel ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen. Schauen wir aber auf den Anteil von Frauen, die Professuren innehaben, so sieht das Bild dramatisch anders aus: Von den insgesamt 379 Professuren an der FSU sind nur 49, also 12,9 Prozent, mit Frauen besetzt. Und dieses Bild ist keineswegs spezifisch für Jena, sondern mehr oder weniger typisch für die Situation an Universitäten in Deutschland aber auch in einigen anderen europäischen Ländern.

Die Zeit, in der die Meinung vorherrschte, dass Frauen nicht für eine Karriere in Wissenschaft und Forschung geeignet seien, ist mittlerweile passé. Im Gegenteil: Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden nicht müde, die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen zu beklagen. In Übereinstimmung damit gibt es seit Jahren zahlreiche Bemühungen und Anreizprogramme, auch den Anteil von Professorinnen zu erhöhen. Der Weg dahin scheint allerdings langwierig und steinig zu sein, erfolgreiche Veränderungen kommen nur äußerst zäh voran.

Viele Analysen verfolgen das Anliegen herauszufinden, wer und was Nachwuchswissenschaftlerinnen davon abhält, eine Universitätskarriere einzuschlagen. Immer wieder wird dieselbe Vielzahl von Ursachen identifiziert und an deren Behebung gearbeitet. Ich denke, es ist durchaus aufschlussreich, die Blickrichtung einmal zu ändern und unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen Persönlichkeiten zu lenken, die »vorhanden« sind, die nämlich den Weg zur Professur erfolgreich eingeschlagen haben.

Vor einiger Zeit traf ich die Präsidentin der Gleichstellungskommission der Universität Zürich und erfuhr von ihr, dass hier genau diese Idee bereits realisiert worden war: Die Universität stellte mit jeweils einem individuellen Porträt jede einzelne ihrer Professorinnen der Öffentlichkeit innerhalb und außerhalb der Universität vor. Ich war begeistert, und wir kamen überein, dass diese Idee Verbreitung erfahren sollte. So finden Sie nun in den vorliegenden Mappen die Professorinnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Mit jedem einzelnen Porträt wird deutlich, dass der Weg einer Karriere als Wissenschaftlerin und Universitätsprofessorin selbstverständlich offen steht.

Betrachtet man all diese Biographien zusammen, wird deutlich, wie vielfältig die Wege sind, die eingeschlagen werden und zum Erfolg führen können. Ich möchte allen danken, die auf unterschiedliche Weise zur Verwirklichung dieses Vorhabens beigetragen haben, Frau Kollegin Prof. Dr. Brigitte Tag von der UZH für das beeindruckende Vorbild, dem Kanzler der FSU, der die notwendigen Mittel bereitstellte, Frau Daniela Siebe, Frau Franziska Jähnke, Frau Anne Günther und Frau Dipl.-Psych. Annette Wagner-Baier, die die organisatorischen und gestalterischen Umsetzungen bewerkstelligt haben, und natürlich ganz besonders allen Jenaer Kolleginnen, die mit dem Beitrag ihres Porträts die Sammlung überhaupt erst möglich gemacht haben.

Prof. Dr. Amélie Mummendey
Jena, im Sommer 2011

Vor über 20 Jahren war ich Studentin eines Studienfachs – Psychologie – , in dem die Männer unter den Studierenden eine kleine Minderheit bildeten (circa 25 Prozent). Auf der »anderen« Seite sah das Zahlenverhältnis ganz anders aus, es gab nur ein oder zwei Professorinnen. Die Studentinnen, umgeben von intelligenten, ehrgeizigen Kommilitoninnen mit Bestnoten, waren sich sicher, dass das Bild in naher Zukunft ein ganz anderes werden würde.

 

Inzwischen bin ich Professorin in diesem Fach, der Anteil der Studentinnen liegt nahe 80 Prozent - und es gibt neben mir noch ein oder zwei weitere Professorinnen. So ähnlich stellen sich die Zahlenverhältnisse an den meisten deutschen Universitäten dar. Während die Erfolge bei der Erhöhung des Frauenanteils auf Professuren noch nicht durchschlagend sind, sind sie an anderen Stellen doch bemerkbar. So schließen inzwischen ähnlich viele Frauen wie Männer ihre Promotionen in den Fächern ab, die als Studienfächer bei Frauen höchst beliebt sind. Und danach?

Das Gleichstellungsteam an der Friedrich-Schiller- Universität, das neben den zentralen Gleichstellungsbeauftragten aus zahlreichen (stellvertretenden) Gleichstellungsbeauftragten in den Fakultäten besteht, achtet darauf, dass Frauen und Männer bei Stellenbesetzungsverfahren die gleichen Chancen erhalten. Aber: Objektiv gleiche Situationen werden nicht notwendigerweise auch subjektiv gleich empfunden. Beispielsweise zeigen viele sozialpsychologische Studien der letzten Jahre zum Thema »Bedrohung durch Stereotype«, dass ein aus Männern bestehendes Gremium Frauen abschreckt: Dasselbe Gremium wirkt auf Männer anders als auf Frauen. Das ist für uns immer wieder Anlass zu monieren, dass möglichst viele Frauen auf allen Statusebenen in Auswahlkommissionen mitwirken.

Übertragen auf die Studiensituation, in der nur wenige Professorinnen zwischen vielen männlichen Kollegen in Erscheinung treten, bedeutet das: Auf Studentinnen wirkt die Universität als Wirkungsstätte anders als auf Studenten. Eine aktuelle Studie der University of Massachussetts (2011, Journal of Personality and Social Psychology) konnte überzeugend nachweisen, dass eine Dozentin in einem mathematisch-technischen Einführungskurs unmittelbare positive Auswirkungen auf die Identifikation von Studentinnen mit dem Fach, aber auch auf leistungsbezogene Aspekte hatte.

Es ist daher wichtig, Professorinnen als Vorbilder zu haben, damit sich überhaupt Nachwuchswissenschaftlerinnen dafür entscheiden, diesen Weg einzuschlagen. Das vorliegende Projekt soll dazu beitragen, diese Wirkung zu erreichen. Professorinnen in ihrer ganzen Vielfalt werden hier vorgestellt, um zu zeigen, wie unterschiedlich die Wege sind, die zu diesem Berufsziel führen.

Und das Projekt soll eine weitere, ebenso wichtige Funktion für Nachwuchswissenschaftlerinnen erfüllen. Ich habe manchmal den Eindruck, jede Frau sucht, allein auf sich gestellt, ihren eigenen Weg in die Wissenschaft, anstatt von den Erfahrungen anderer zu profitieren. Insofern ist es hilfreich zu sehen, welche Tipps die hier dargestellten Professorinnen geben. Hoffentlich lässt sich die eine oder andere Nachwuchswissenschaftlerin davon ermutigen, so dass die Gleichstellungsbeauftragten in Zukunft zahlreiche Bewerbungen von Frauen vorfinden.

Prof. Dr. Melanie Steffens
Jena, im Sommer 2011

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