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Umfrage

Täglich oder selten?

Wie Wissenschaftler der Uni Jena „Open Access“ nutzen

 Freier Zugang zu wissenschaftlicher Literatur für alle - das ist die Idee von "Open Access". Kostenlos im Internet zugänglich, sollen sich wissenschaftliche Informationen so maximal verbreiten. Doch kann sich das Konzept tatsächlich durchsetzen?
Dazu haben wir Wissenschaftler der Universität Jena gebeten, die folgenden drei Fragen zu beantworten:

a. Nutzen Sie "Open Access"-Medien?

b. Was erwarten Sie von "Open Access"-Publikationen?

c. Was halten Sie von dem Vorschlag, die Publikationsanzahl von Wissenschaftlern zu reduzieren bzw. bei Förderanträgen nur noch eine bestimmte Anzahl an Publikationen zuzulassen?




a. In meinem Fach spielen "Open Access"-Medien bislang nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb nutze ich sie selten, etwa im Bereich von unter fünf Prozent.

b. Soweit relevant (siehe Frage 1), geht es mir darum, Auskunft zu sehr aktuellen Vorgängen zu erhalten. Wissenschaftlich tiefgründige Untersuchungen finden sich in derartigen Medien nach meiner Erfahrung eher selten.

c. Im Prinzip ist der Vorschlag sinnvoll. Ich bezweifle aber, dass er einen wirksamen Beitrag leistet, die Publikationsflut einzudämmen, da die Ursachen hierfür zu vielfältig sind.


Ohler7Prof. Dr. Christoph Ohler, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Europarecht , Völkerrecht und Internationales Wirtschaftsrecht

Foto: Scheere

a. Ich nutze "Open Access"-Medien, sowohl als Rezipientin als auch zu eigenen Veröffentlichungen z. B. in Onlinejournals. Gerade bin ich im Forschungsaufenthalt in Serbien und freue mich sehr darüber, dass es hier deutlich mehr z. B. wissenschaftliche Journals als in Deutschland oder gar im angelsächsischen Raum gibt, auf die man ohne Schwierigkeiten zugreifen kann. Dies erleichtert die Forschung, aber natürlich auch die Bildungsmöglichkeiten für Studierende und interessierte Bürger ungemein, die sonst von Zugangshürden wie Passwörtern oder teuren Gebühren von diesem Wissensraum ausgeschlossen werden.

b. Mein Wunsch an "Open Access"-Medien ist nichtsdestotrotz eine hohe Qualität an die Beiträge wissenschaftlicher Arbeit, d. h. eine gewissen redaktionelle Betreuung und Begutachtung ist unerlässlich. Eine gewisse Aktualität sehe ich in diesen Medien deutlich eher als in wissenschaftlichen Printmedien gegeben, da hier einfach schneller gearbeitet werden kann. Auch die Redaktionen arbeiten häufig effektiver.

c. Der Vorschlag, die Publikationsanzahl zu begrenzen, ist sehr zu begrüßen. Denn nur so kann einer überhand nehmenden Quantifizierung, unter der die Qualität der wissenschaftlichen Beiträge leidet, Einhalt geboten werden und der Druck auf die (Nachwuchs-) Wissenschaftler reduziert werden.


Mehler_Daniela_privatDaniela Mehler, Doktorandin im Graduiertenkolleg "Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa"

Foto: privat

a. Selten, bisher eine eigene Veröffentlichung.

b. Dasselbe, wie von Peer-Review-Printmedien.

c. Sinnvoll.


prof_kothe_privatProf. Dr. Erika Kothe, Professur für Mikrobielle Phytopathologie

Foto: privat

a. Ich nutze "Open Access"-Medien sehr wenig.

b. "Open Access"-Publikationen sind meines Erachtens nur nachrangig.

c. Die Reduktion der Publikationen bei einzureichenden Anträgen ist lange überfällig. Ich begrüße das ausdrücklich, da dieser Schritt endlich wieder Inhalte in den Vordergrund stellt.


prof_benndorf_scheereProf. Dr. Klaus Benndorf, Lehrstuhl für Herz- Kreislauf-Physiologie

Foto: Scheere

a. Ja, ich nutze sie sowohl als Rezipient und ich veröffentliche in entsprechenden Zeitschriften (nicht nur, aber auch).

b. Hohe Aktualität und Zugänglichkeit auch für die Öffentlichkeit, die ja unsere Forschung letztlich finanziert. Die Qualität hängt davon ab, wie etabliert und selektiv die entsprechende Zeitschrift ist. Da gibt es in meinen Forschungsfeldern noch keine "Open Access"-Zeitschriften, deren Beiträge die allerhöchste Qualitätsstufe haben.

c. Das muss man sehr differenziert erörtern. Einerseits finde ich es richtig, etwas gegen die "Publikationsflut" zu unternehmen und Qualität gegenüber Quantität zu betonen - in vielen Forschungsfeldern werden mehr Dinge publiziert, als selbst die Experten lesen können! Andererseits: In der Psychologie ist es ohnehin etabliert, dass Beiträge in "hochrangigen internationalen Zeitschriften" aus Projekten erwartet werden, also die Qualität zählt. Ferner sind die DFG-Vorgaben auch recht willkürlich, z. B. kann es sein, dass eine produktive Wissenschaftlerin nicht nur fünf, sondern zehn hervorragende Beiträge vorweisen kann. Sollte ihr nicht die Möglichkeit gegeben werden, sich damit gegenüber jemandem abzuheben, der nur fünf hat?


Melanie.SteffensProf. Dr. Melanie Steffens, Professur für Psychologie

Foto: privat

a. Ich nutze "Open Access" - insbesondere in Blick auf ältere, sonst schwer zugängliche Literatur. Hinsichtlich der Zeitschriftkultur bin ich da allerdings weniger begeistert. Zumal das dazu führt, dass man nur die Arbeiten derjenigen liest, die man schon kennt. Neueinsteiger haben es dann, was die Rezeption anbelangt, schwerer. Zudem deutet alles darauf hin, dass "Open Access" sehr bald ein sehr teurer Access werden könnte. Die Idealisten des Los Alamos-Servers sind mittlerweile durch kommerzielle Unternehmen ersetzt. Und auch Google verdient mit seinem Tun - ansonsten würde dies nicht stattfinden. Darauf zu setzen halte ich langfristig für problematisch. Zur eigenen Veröffentlichung nutze ich diese Medien nicht.

b. Verlust von Nachhaltigkeit - als Herausgeber eines biologischen Journals gewinne ich den Eindruck, dass das eher zur Senkung des Niveaus führt. Die freie Kommunikation hat eben auch ihre Probleme.

c. Die Idee über Quantität Qualität zu bewerten ist keine gute. Mein Vorschlag schon lange: Auch in den Sciences könnte man mal wieder Bücher schreiben. Die Flut redundanter Arbeiten ist furchtbar. Nur muss man aufpassen, dass die angewandten Wissenschaften, die schnell und rasch Optimierungen umsetzen wollen, hier anders dastehen, als ein auch theoretisch interessierter Evolutionsbiologe oder gar ein Philosoph. Für die Bewertung von Anträgen eine kritische Vorauswahl von Publikationen durch den Antragsteller zu treffen, ist richtig. Ansonsten sollten wir dann konsequenterweise nicht mehr die Anzahl von Publikationen zählen sondern mit kg arbeiten.


BreidbachProf. Dr. Dr. Olaf Breidbach, Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften

Foto: Scheere

a. Ja, sowohl zur Veröffentlichung eigener Artikel als auch zum schnellen Runterlader der Artikel anderer. Es wird allerdings erwartet, dass die auf dieser Plattform bereitgestellten Artikel zeitgleich bei einem Journal zur Peer-Review-Veröffentlichung eingereicht werden. Die Artikel, die ich von der offenen Plattform runterlade, sind alle in einem Journal erschienen, der Download von der Journalseite ist jedoch meist komplizierter bzw. von zu Hause aus nicht ohne VPN-Verbindung möglich.

b. Die Qualität muss in jedem Fall so hoch sein, dass einer Veröffentlichung in einem Journal nichts im Wege steht. Der Zugang sollte sehr einfach sein, sonst kann man die Artikel gleich von den Websites der Journale runterladen. Der große Vorteil der "Open Access"-Plattformen ist meiner Meinung nach, dass die Veröffentlichungen sehr aktuell sind und nicht noch Wochen beim Peer-Review und der Nachbearbeitung verbringen. Somit erfährt man als Leser den aktuellen Stand sofort und ohne Zeitverzögerung.

c. . Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Publikationszahl von Wissenschaftlern verringert werden soll, das würde sicher auch den Wettbewerb mit ausländischen Wissenschaftlern verzerren. Man publiziert, damit themenverwandte Wissenschaftler von den eigenen Ergebnissen profitieren können und nicht alles doppelt erforscht wird. Daher scheint es mir unlogisch, die Zahl der Veröffentlichungen zu begrenzen. Dann würden wahrscheinlich mehrere Ergebnisse in einer Veröffentlichung stehen, was diese erstens unübersichtlich macht und die Ergebnisse künstlich anderen vorenthält. Ich könnte mir nur vorstellen, dass Doktoranden vor Abschluss ihrer Doktorarbeit nichts oder max. ein Paper veröffentlichen sollen, so dass ihre Hauptveröffentlichung die Dissertation bleibt (aus der dann wiederum ein Paper erstellt werden kann). Bei Förderanträgen die Zahl der eigenen angegebenen Publikationen zu beschränken, ist sicher sinnvoll. Es kommt jedoch auf die genaue Zahl an. Bei einem Antrag für einen Sonderforschungsbereich ist das Themenfeld so umfangreich, dass z. B. fünf eigene Publikationen im Allgemeinen nicht ausreichen werden, um zu zeigen, dass der Antragsteller die nötige Erfahrung mitbringt. Am sinnvollsten wäre vielleicht eine prozentuale Beschränkung wie 40 Prozent der gesamten eigenen Publikationen dürfen aufgeführt werden. Alles andere finde ich zu pauschalisiert.


DoreenMuellerDoreen Müller, Doktorandin am Lehrstuhl für Gravitationstheorie

Foto: privat

a. Ja, wenngleich selten und v. a. als Rezipient.

b. Hohe Zugänglichkeit und Aktualität der Beiträge, geringere Qualitätskontrolle als in Printmedien.

c. In dem Sinne, dass Wissenschaftler nur eine vorgegebene Zahl von Publikationen angeben dürfen, die sie selbst als herausragend bezeichnen, leuchtet mir der Vorschlag unmittelbar ein.


puttkamerProf. Dr. Joachim von Puttkamer, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte

Foto: Günther

a. Besonders wichtig ist für uns in der theoretischen Physik das arXiv (arXiv.org). Dabei handelt es sich um ein preprint Archiv, zu dem wir zum einen vorab alle unsere Publikationen schicken. Zum anderen ist dieses Archiv auch eine der wichtigsten Informationsquellen: täglich durchstöbere ich die Liste der neuen preprints und informiere mich so über die Arbeiten der Kollegen in aller Welt. Kurz gesagt: Wer in unserer Community dieses Archiv nicht nutzt, bleibt im Wesentlichen unsichtbar für den Rest der Welt. Das arXiv ist aber nicht Gegenstand eines Peer-Review Verfahrens, also kein Journal. Zur Publikation nutzten wir daher u. a. auch "Open Access"-Journale, wie JHEP oder NJP. Da aber in der Regel alle Publikationen in diesen Journalen vorher bereits auf dem arXiv sind, lese ich diese anderen "Open Access"-Medien nicht regelmäßig, sondern nutze sie höchstens um die neueste Version eines Artikels nach Peer-Review nochmals anzuschauen.

b. Uneingeschränkte Zugänglichkeit; die Qualität sollte dem üblichen Standard entsprechen; die Beiträge sollten eine höhere Aktualität als in üblichen Printmedien haben, da die Publikationszeiträume technisch bedingt kürzer sein sollten.

c. Eine "nette Idee", der ich eine gewisse Attraktivität nicht absprechen kann, aber ich fürchte, sie wird an der Praxis scheitern. Gezählt wird überall (ist ja auch leichter als Lesen, d. h. als sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen). Das bedeutet, dass für die Entscheidung über Stellen und Fördermittel die Zahl der Publikationen und weitere bibliometrische Indikatoren immer eine Rolle spielen werden. Daher würde ich derzeit keinem Nachwuchswissenschaftler empfehlen, wegen der neuen DFG-Regel weniger zu publizieren.


Gies_HolgerProf. Dr. Holger Gies, Heisenberg-Professor für Theoretische Physik/Quantenfeldtheorie

Foto: Scheere

a. Wir in unserer Gruppe nutzen momentan "Open Access"-Medien nur als Rezipient. Als Wissenschaftler werden sie in der heutigen Zeit daran gemessen, in guten Zeitschriften, d. h. mit hohen Impact-Faktoren zu veröffentlichen. Da dieser Impact-Faktor für die meisten "Open-Access"-Journale noch sehr niedrig bzw. nicht vorhanden ist, haben wir noch nicht in "Open-Access"-Journalen veröffentlicht. Die Möglichkeit von Verlagen erschienene Publikationen in "Open Access"-Plattformen bereit zu stellen, ist aufgrund der anfallenden hohen Kosten, nicht möglich. Das begrüßenswerte Prinzip der freien Zugänglichkeit wird aber die Downloadzahlen und damit auch den Impact-Faktor von "Open Access"-Journalen erhöhen, was es dann für Wissenschaftler attraktiv macht, in diesen zu publizieren. Generell finde ich die freie Zugänglichkeit wissenschaftlicher Literatur sehr gut. Damit sich diese durchsetzt, bedarf es jedoch noch eines Umdenkens.

b. Ich erwarte von "Open Access"-Publikationen das gleiche, das ich auch von anderen wissenschaftlichen Publikationen in "peer-reviewed" Journalen erwarte: Sie sollten von hinreichend hoher wissenschaftlicher Qualität sein, welche ein Publizieren rechtfertigt. Weiterhin sollte es sich bei "Open Access"-Beiträgen um keine Zweitverwertung handeln, sondern um Originalarbeiten. "Open Access"-Beiträge sollten zudem für möglichst jeden Wissenschaftler zugänglich sein bzw. die Bekanntheit der "Open-Access"-Quelle sollte hinreichend hoch sein, denn ein weiteres Qualitätsmerkmal für einen Wissenschaftler ist es heutzutage, wie oft seine Arbeiten von andern Kollegen zitiert werden, was seine nationale und internationale Sichtbarkeit unter Beweis stellt.

c. Diesen Vorschlag begrüße ich ausdrücklich. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass eine Umsetzung dieses Vorschlags massive Veränderungen bzw. ein Umdenken bei den Universitäten und auch Fördereinrichtungen mit sich bringen muss. Ein Beispiel ist nur die leistungsbezogene Mittelzuweisung bzw. Vergütung von Wissenschaftlern. Ein Kriterium dafür, ist der wissenschaftliche Output eines Wissenschaftlers, der sich natürlich momentan, neben der Drittmittel-Einwerbung, massiv in der Anzahl an Veröffentlichungen widerspiegelt.


prof_juergen_popp
Prof. Dr. Jürgen Popp, Lehrstuhl für Physikalische Chemie II

Foto: Kasper

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letzte Änderung:  am 2010-11-01 13:54:31   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang