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Bauer: Schriftliche Belege für einen Diskurs haben wir nicht. Aber wir haben die Situation, dass sich in kürzester Zeit zwei – Rektor Esau und der zuständige Ministerialbeamte Stier – in einer, aus heutiger Sicht bedeutenden Angelegenheit einig gewesen sind. Wenn man die Namensverleihung tatsächlich nur als ein „Abfallprodukt" größerer politischer Aktionen des Regimes ansieht, unterschätzt man die Auseinandersetzung mit Schiller über Generationen hinweg.
John: Da wir bislang keine weiteren Dokumente zum Hintergrund der Namensgebung und ansonsten nur die Schiller-Reden und -Schriften haben, ist der Rest Spekulation. Ich denke auch, es ist für unsere Frage nicht erheblich.
Natürlich sind es immer einzelne Gruppen oder Personen, die die Initiative ergreifen, nie die gesamte Universität. In Greifswald war es ein Theologe namens der Stahlhelm-Hochschulgruppe, in Halle die Theologische Fakultät. Dann sind diese Initiativen – zu diesem Zeitpunkt (Frühjahr/Sommer 1933) gab es noch keine „Führer-Rektoren" und kein Reichs-Wissenschaftsministerium – auf dem normalen Amtswege per Senatsbeschluss zum Universitätsanliegen gemacht und von den Rektoren an die politischen Bürokratien herangetragen worden. In Jena ist das dann ein Jahr später gleichsam im Schnellverfahren geschehen. Entscheidend ist, dass die Initiativen – wie auch immer – von den Universitäten selbst ausgingen und die Namen nicht vom Regime oktroyiert wurden.
Bauer: Wichtig ist aber darüber nachzudenken, dass nicht Esau alleine in dieser Sache für die Universität agiert haben kann. Ich würde in jedem Fall dem Ministerialbeamten Stier mehr Initiative zubilligen, der wie kaum ein anderer die Geschicke der Jenaer Universität als Beamter über lange Jahre hinweg mitgestaltet hatte. Außerdem ist es eben wichtig anzuerkennen, dass es eine Auseinandersetzung um Schiller schon seit fast 150 Jahren gab. Neben der Tatsachengeschichte müssen wir auch im Zusammenhang mit der Namensverleihung über Erinnerungskultur nachdenken und reden. Jede Generation hat sich an dieser Universität mit Schiller auseinandergesetzt. Denkmäler für Schiller waren auch in Jena und innerhalb der Universität bereits gesetzt worden und das im Besitz der Universität befindliche Gartenhaus beherbergte seit den 1920er Jahren ein kleines Schillermuseum.
Damit war ein Nährboden für die Benennung vorhanden?
John: Ich sehe das genauso. Es gab bereits eine lange Tradition universitärer Schiller-Deutung mit bestimmten, oft situationsbezogen umcodierten Deutungsmustern. Mit den Namenspatronen Arndt, Luther und Schiller legten die drei Universitäten 1933/34 symbolische Bekenntnisse zur „nationalen Erhebung" ab und verliehen so ihrer Kooperationsbereitschaft Ausdruck. Akte universitären Eigensinns oder der Distanz zum NS-Regime waren das keineswegs.
Bauer: Es geht aber nicht nur um nationale Bilder, in Jena geht es auch darum, Schiller ins Verhältnis zur Korporation zu setzen. Und das hat Tradition. Man sagt ganz klar und deutlich auch und vor allem in Jena: „Und er ist unserer". Man eignet sich Schiller in Jena auch und vor allem als Professor an. Das ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal.
John: Es ging in Jena wie bei den anderen beiden Universitäten um Repräsentanten der deutschen Kulturnation, die an diesen Universitäten einst selbst gewirkt hatten und die in den Selbstbildern dieser Universitäten fest verankert waren, aber natürlich auch eine Tradition reichsweiter „nationaler" Konnotation hatten.
Bauer: Kann es nicht 1934 auch sein, dass man aus Sicht der Thringischen Landesregierung Interesse daran hatte, gemeinsam mit den Jenaer Professoren, Dozenten und Studenten für die Thüringische Landesuniversität eine Namensvergabe zu initiieren? Es ist für meine Begriffe kaum anzunehmen, dass Rektor Esau alleine auf den Vorschlag gekommen ist. Sondern da muss es Gespräche gegeben haben. Das legt der generationsspezifische Umgang mit Schiller an der Universität nahe.
John: Wenn wir noch mehr zum Diskurs finden würden, wären wir glücklich. Fest steht: Die Initiative ging nicht von der Landesregierung aus. Es gab hier offensichtlich auch keinen längeren Meinungsbildungsprozess, sondern einen ziemlich kurz bemessenen Beschlussvorgang gleichsam „von Amts wegen".
Wieso blieb der Name Friedrich-Schiller-Universität nach 1945 bestehen?
John: Zunächst einmal: Schillers Name war für das NS-Regime nur begrenzt deutungs- und gebrauchsfähig. Rasch stellte sich heraus, dass Schiller – um den Titel einer NS-Propagandaschrift zu zitieren – doch kein „Kampfgenosse Hitlers" war. 1945 gab es eine allgemeine Rückbesinnung auf das von Goethe und Schiller repräsentierte „andere Deutschland der Dichter und Denker", von dem man sich „Heilung" nach der „deutschen Katastrophe" versprach. Und die sowjetischen Offiziere wussten es zu schätzen, dass eine Universität ihres Besatzungsbereiches den Namen Schillers trug. Er war – anders als Arndt und zeitweise auch Luther – nie strittig. Er ist für die Jenaer Universität gleichsam programmatisch legitimiert. Sie trägt ihn zu Recht. Das heißt aber nicht, dass man von der Namensvergabe 1934, ihren Umständen, Kontexten und Motiven einfach absehen könne.
Gilt dies bis heute?
Bauer: Natürlich wird keiner sagen, ich bin nicht stolz darauf, dass diese Universität nach Schiller heißt. Aber das kann ich nicht einfach auf eine Ebene stellen mit der damaligen Schiller-Perspektive der Russen. Schiller als Korporationsmitglied und „bürgerlicher Nationalheld" im 19. und 20. Jahrhundert ist aus Sicht der Universität wirklich ein Idealfall. Die heutigen Generationen müssen sich eine eigene Position zu Schiller bilden und dürfen nicht nur 1934 im Blick haben, sondern den Gesamtprozess, um eine Beziehung zum Namenspatron zu finden. Das gilt vor allem auch für die Studentinnen und Studenten, die bereits 2005 diese Sache kritisch zur Sprache brachten.
John: Wir haben am 10. November 2009 eine besondere Jubiläumskonstellation: den 250. Geburtstag Schillers und den 75. Jahrestag der Namensvergabe in der Universitätsaula. Das unterstreicht mit Nachdruck: Beides – die Erinnerung an Schiller wie an die Namensgebung 1934 – braucht seinen Platz im kollektiven Gedächtnis und im öffentlichen Diskurs.
(Gespräch: Axel Burchardt) |