Friedrich-Schiller-Universität Jena
 

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Interview

Wie die Universität Jena zu ihrem Namen kam

Die Historiker Jürgen John und Joachim Bauer über die Namensgebung „Friedrich-Schiller-Universität Jena" vor 75 Jahren

 

Unsere Universität – auch als „Salana" bezeichnet – hat im 20. Jahrhundert dreimal den Namen gewechselt. Warum diese Vielzahl von Namen?

John: Die meisten deutschen Traditionsuniversitäten trugen die Namen ihrer Stifter und tragen sie ja noch heute. Jena hatte bis 1918 den Funktionsnamen „Großherzoglich und Herzoglich Sächsische Gesamtuniversität", weil man sich bei vier Erhalterstaaten nicht auf einen Stifter- und Personennamen verständigen konnte. Nach dem Ende der Dynastien 1918 blieb der Funktionsname Sächsische Gesamtuniversität" übrig. Dann wurde die „Salana" Landesuniversität und erhielt 1921 von der Landesregierung den Namen „Thüringische Landesuniversität". Es hat damals keine größere Namensdiskussion gegeben. 1933/34 ergab sich dann eine ganz andere Situation. Wie im Goethejahr 1932 die Universität Frankfurt/Main wählten die bis dahin namenlosen bzw. nur Funktionsnamen tragenden Universitäten Greifswald, Halle-Wittenberg und Jena Personennamen aus dem Pantheon der deutschen Kulturnation: Arndt, Luther und Schiller. Dabei bildeten im Falle Halles und Jenas die Luther- und Schillerjahre 1933 und 1934 die Bezugsrahmen. Der mehrfache Konstellationswechsel erklärt dieses merkwürdige Namensstakkato, das tatsächlich ein „Alleinstellungsmerkmal" der Jenaer Universität ist. Keine andere Universität hat in so kurzer Zeit mehrfach den Namen gewechselt.

Bauer: Historisch betrachtet muss man sagen, dass Johann Friedrich nie die Intention verfolgte, die Universität nach sich selbst zu benennen. Sie trug bis ins 20. Jahrhundert hinein vielmehr Bezeichnungen, die auf ihre Erhalter ausgerichtet waren: am Anfang 1558 „Universität zu Jena", danach die eben erwähnten Namen. Eine solche Namenshäufung hängt in erster Linie mit den dynastischen Verhältnissen in Thüringen und mit der Rechtsstellung der Universität zusammen und hat aus meiner Sicht nichts mit „Namensverleihungen" oder „Funktionsnamen" zu tun.

John: Es gab 1921 den Vorschlag, sie „Thü­ringische Johann-Friedrichs Universität" zu nennen, der aber nicht zum Tragen kam. Schillers Name stand nicht zur Diskussion. Keine deutsche Universität trug zu diesem Zeitpunkt den Namen eines „bürgerlichen" Repräsentanten der Kulturnation. Das wäre bis 1918 undenkbar gewesen.

1934 war auf einmal der Name Friedrich Schiller da. Wer kam nun eigentlich auf den Gedanken, Schiller als Namenspatron vorzuschlagen?

 

Prof.  Dr. Jürgen John war bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand am Ende des Sommer­semesters 2007 Inhaber der Professur für moderne Mitteldeutsche Regionalgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena: „Die Initiative für die Namensvergabe 1934 ging von der Universität selbst aus.“

John: Die Aktenlage ist dürftig, aber eindeutig. Der „Führer-Rektor" Abraham Esau hat im Oktober 1934 den Namen angeregt. Der zuständige Ministerialrat Friedrich Stier brachte das in eine Beschlussvorlage für den Volksbildungsminister Fritz Wächtler und dann erfolgte „in Abstimmung mit Berlin" die Namensvergabe. Das ist der gleichsam „dienstliche" Vorgang. Hinzufügen muss man, dass nach 1933 – von den drei Ausnahmen Greifswald, Halle und Jena abgesehen – keine neuen Namen an Universitäten vergeben wurden. Das NS-System hatte andere Sorgen, als den Universitäten neue Namen zuzuweisen. Es wollte sich konsolidieren, rasch kriegsfhig werden und brauchte dafür das Bündnis mit den alten – auch den universitären – Eliten. Schiller bot sich 1934, als sein 175. Geburtstag anstand, für beide Seiten als „Patron der Gleichschaltung" an. Er passte zum korporativen Selbstbild der Universität. Das hatte hier schon eine lange Tradition. Der „national" gedeutete Schiller passte zur „nationalen Erhebung" 1933. Und das NS-Regime nutzte die Gelegenheit, um Schiller offiziell als „Dichter der deutschen Revolution" zu „würdigen".

Wobei der offizielle Staatsakt in Weimar stattfand. War die Umbenennung der Jenaer Universität nur ein „Abfallprodukt"?

John: Wichtig war für das Regime der Staatsakt in Weimar, nicht die Namensgebung für die Universität. Es hatte allerdings aus den dargelegten Gründen auch nichts dagegen.

Also bleibt festzustellen, dass dieser Namensvorschlag aus der Universität heraus geboren wurde. Er wurde uns nicht aufgedrängt von außen, wie das Datum immer zu suggerieren scheint?

John: Das ist richtig. Die Initiativen für die drei universitären Namensgebungen 1933/34 kamen alle aus den Universitäten und wurden dann von den zuständigen Ministerien gleichsam „sanktioniert".

Bauer: In Greifswald kam die Initiative aus einer bestimmten Gruppe. Es ist nicht das akademische Korps, nicht der Senat. Deswegen ist die Definition „aus der Universität heraus", für mich problematisch und erklärungsbedürftig.

Ich möchte nochmals auf die Quellen eingehen. Sie legen den Schluss nahe, dass der engere Entscheidungsprozess relativ rasch verlief. Das erste Schreiben, das dazu vorliegt, ist datiert vom 15.10.1934. Darin informiert Rektor Esau den Festredner, den Jenaer Philologen und Volkskundler Professor Arthur Witte, davon, dass am 10.11.1934 eine Schiller-Feier stattfinden soll. Da ist noch nicht die Rede von Namensverleihung. Dem folgen offizielle Dokumente, wie ein Umlaufbeschluss des Thüringischen Staatsministeriums vom 07.11.1934. Die Urkunde und das dazugehörige Schreiben an den Jenaer Rektor, in denen mitgeteilt wird, dass die Jenaer Universität ab 10. November 1934 „Friedrich-Schiller-Universität Jena" heißen soll, tragen den 10. November, also Schillers Geburtstag, als Datum. Daraus ist zu schlussfolgern, dass am 7.11. eine Entscheidung abgesegnet wurde. Es gibt zu den Vorgängen interessanterweise keine protokollarischen Notizen.

Aber es gibt doch mehr Schriftverkehr?

Bauer: Internen Schriftverkehr gibt es natürlich, etwa die Schreiben des Ministerialreferenten im Thüringischen Volksbildungsministerium Friedrich Stier, der der Ministerialgeschäftsstelle an der Jenaer Universität, also der Kuratel, vorstand. Daraus lässt sich auch schließen, dass die endgültige Entscheidung zwischen dem 29.10. und dem 7.11.1934 fiel. Einerseits informiert Stier den Minister Fritz Wächtler über seine Verständigung mit dem Rektor und die Argumente, die für eine Namensverleihung sprechen. Andererseits stimmt Wächtler durch Einfügung von Randnotizen zu, fordert aber, das Einverständnis des „Reichs" einzuholen. Daran anknüpfend vermerkt Stier am 3.11. – und das ist ein entscheidender Satz –, dass dies auf Anordnung noch nicht geschehen sei. An diesem 3.11.1934 war demzufolge noch keine Absprache mit Berlin erfolgt. Die Zustimmung des zuständigen Reichsministers in Berlin geht erst aus dem Beschlussentwurf des Thüringischen Volksbildungsministers, datiert vom 5.11.1934, hervor.

Dass Gauleiter Sauckel in irgendeiner Weise involviert war, ist nicht nachweisbar. Wir haben somit zwei Gruppen: Esau und Stier auf der einen Seite und die thüringischen Minister auf der anderen, die alles genehmigen mussten. Ich sehe ein Problem, wenn pauschal festgestellt wird, dass die Initiative aus der Universität heraus kommt. Wir haben nur zwei kleine Stellen in Stiers Schreiben, wo der Rektor erwähnt wird. Einmal wird vermerkt, dass Esau „anregte", der Universität den Namen Schillers zu geben. Im Beschlussentwurf ist dann von „im Einvernehmen" mit dem Rektor die Rede. Der Rektor ist zu der Zeit auf Dienstreise in Oslo. Es kann unter Umständen ein Telefonat gegeben haben. Es stellt sich die Frage, inwieweit es nicht schon vorher in der Universität einen breiteren Diskurs um Schiller gegeben hat, in dessen Ergebnis die Namensverleihung durchaus rasch erfolgen konnte.

Gibt es Belege für diesen Diskurs?

Prof. Dr. Jürgen John war bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand am Ende des Sommer­semesters 2007 Inhaber der Professur für moderne Mitteldeutsche Regionalgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena:

„Die Initiative für die Namensvergabe 1934 ging von der Universität selbst aus.“

Dr. Joachim Bauer ist Leiter des Jenaer Universitätsarchivs:Bauer: Schriftliche Belege für einen Diskurs haben wir nicht. Aber wir haben die Situation, dass sich in kürzester Zeit zwei – Rektor Esau und der zuständige Ministerialbeamte Stier – in einer, aus heutiger Sicht bedeutenden Angelegenheit einig gewesen sind. Wenn man die Namensverleihung tatsächlich nur als ein „Abfallprodukt" größerer politischer Aktionen des Regimes ansieht, unterschätzt man die Auseinandersetzung mit Schiller über Generationen hinweg.

John: Da wir bislang keine weiteren Dokumente zum Hintergrund der Namensgebung und ansonsten nur die Schiller-Reden und -Schriften haben, ist der Rest Spekulation. Ich denke auch, es ist für unsere Frage nicht erheblich.

Natürlich sind es immer einzelne Gruppen oder Personen, die die Initiative ergreifen, nie die gesamte Universität. In Greifswald war es ein Theologe namens der Stahlhelm-Hochschulgruppe, in Halle die Theologische Fakultät. Dann sind diese Initiativen – zu diesem Zeitpunkt (Frühjahr/Sommer 1933) gab es noch keine „Führer-Rektoren" und kein Reichs-Wissenschaftsministerium – auf dem normalen Amtswege per Senatsbeschluss zum Universitätsanliegen gemacht und von den Rektoren an die politischen Bürokratien herangetragen worden. In Jena ist das dann ein Jahr später gleichsam im Schnellverfahren geschehen. Entscheidend ist, dass die Initiativen – wie auch immer – von den Universitäten selbst ausgingen und die Namen nicht vom Regime oktroyiert wurden.

Bauer: Wichtig ist aber darüber nachzudenken, dass nicht Esau alleine in dieser Sache für die Universität agiert haben kann. Ich würde in jedem Fall dem Ministerialbeamten Stier mehr Initiative zubilligen, der wie kaum ein anderer die Geschicke der Jenaer Universität als Beamter über lange Jahre hinweg mitgestaltet hatte. Außerdem ist es eben wichtig anzuerkennen, dass es eine Auseinandersetzung um Schiller schon seit fast 150 Jahren gab. Neben der Tatsachengeschichte müssen wir auch im Zusammenhang mit der Namensverleihung über Erinnerungskultur nachdenken und reden. Jede Generation hat sich an dieser Universität mit Schiller auseinandergesetzt. Denkmä­ler für Schiller waren auch in Jena und innerhalb der Universität bereits gesetzt worden und das im Besitz der Universität befindliche Gartenhaus beherbergte seit den 1920er Jahren ein kleines Schillermuseum.

Damit war ein Nährboden für die Benennung vorhanden?

John: Ich sehe das genauso. Es gab bereits eine lange Tradition universitärer Schiller-Deutung mit bestimmten, oft situationsbezogen umcodierten Deutungsmustern. Mit den Namenspatronen Arndt, Luther und Schiller legten die drei Universitäten 1933/34 symbolische Bekenntnisse zur „nationalen Erhebung" ab und verliehen so ihrer Kooperationsbereitschaft Ausdruck. Akte universitären Eigensinns oder der Distanz zum NS-Regime waren das keineswegs.

Bauer: Es geht aber nicht nur um nationale Bilder, in Jena geht es auch darum, Schiller ins Verhältnis zur Korporation zu setzen. Und das hat Tradition. Man sagt ganz klar und deutlich auch und vor allem in Jena: „Und er ist unserer". Man eignet sich Schiller in Jena auch und vor allem als Professor an. Das ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal.

John: Es ging in Jena wie bei den anderen beiden Universitäten um Repräsentanten der deutschen Kulturnation, die an diesen Universitäten einst selbst gewirkt hatten und die in den Selbstbildern dieser Universitäten fest verankert waren, aber natürlich auch eine Tradition reichsweiter „nationaler" Konnotation hatten.

Bauer: Kann es nicht 1934 auch sein, dass man aus Sicht der Thringischen Landesregierung Interesse daran hatte, gemeinsam mit den Jenaer Professoren, Dozenten und Studenten für die Thüringische Landesuniversität eine Namensvergabe zu initiieren? Es ist für meine Begriffe kaum anzunehmen, dass Rektor Esau alleine auf den Vorschlag gekommen ist. Sondern da muss es Gespräche gegeben haben. Das legt der generationsspezifische Umgang mit Schiller an der Universität nahe.

John: Wenn wir noch mehr zum Diskurs finden würden, wären wir glücklich. Fest steht: Die Initiative ging nicht von der Landesregierung aus. Es gab hier offensichtlich auch keinen längeren Meinungsbildungsprozess, sondern einen ziemlich kurz bemessenen Beschlussvorgang gleichsam „von Amts wegen".

Wieso blieb der Name Friedrich-Schiller-Universität nach 1945 bestehen?

John: Zunächst einmal: Schillers Name war für das NS-Regime nur begrenzt deutungs- und gebrauchsfähig. Rasch stellte sich heraus, dass Schiller – um den Titel einer NS-Propagandaschrift zu zitieren – doch kein „Kampfgenosse Hitlers" war. 1945 gab es eine allgemeine Rückbesinnung auf das von Goethe und Schiller repräsentierte „andere Deutschland der Dichter und Denker", von dem man sich „Heilung" nach der „deutschen Katastrophe" versprach. Und die sowjetischen Offiziere wussten es zu schätzen, dass eine Universität ihres Besatzungsbereiches den Namen Schillers trug. Er war – anders als Arndt und zeitweise auch Luther – nie strittig. Er ist für die Jenaer Universität gleichsam programmatisch legitimiert. Sie trägt ihn zu Recht. Das heißt aber nicht, dass man von der Namensvergabe 1934, ihren Umständen, Kontexten und Motiven einfach absehen könne.

Gilt dies bis heute?

Bauer: Natürlich wird keiner sagen, ich bin nicht stolz darauf, dass diese Universität nach Schiller heißt. Aber das kann ich nicht einfach auf eine Ebene stellen mit der damaligen Schiller-Perspektive der Russen. Schiller als Korporationsmitglied und „bürgerlicher Nationalheld" im 19. und 20. Jahrhundert ist aus Sicht der Universität wirklich ein Idealfall. Die heutigen Generationen müssen sich eine eigene Position zu Schiller bilden und dürfen nicht nur 1934 im Blick haben, sondern den Gesamtprozess, um eine Beziehung zum Namenspatron zu finden. Das gilt vor allem auch für die Studentinnen und Studenten, die bereits 2005 diese Sache kritisch zur Sprache brachten.

John: Wir haben am 10. November 2009 eine besondere Jubiläumskonstellation: den 250. Geburtstag Schillers und den 75. Jahrestag der Namensvergabe in der Universitätsaula. Das unterstreicht mit Nachdruck: Beides – die Erinnerung an Schiller wie an die Namensgebung 1934 – braucht seinen Platz im kollektiven Gedächtnis und im öffentlichen Diskurs.

(Gespräch: Axel Burchardt)

 Dr. Joachim Bauer ist Leiter des Jenaer Universitätsarchivs:

„Jede Generation hat sich an dieser Universität mit Schiller auseinandergesetzt.“

Fotos: Scheere

letzte Änderung:  am 2009-09-17 18:33:59   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang