Prof. Clemens Beckstein (l.), Institut für Informatik und Dr Robert Gramsch-Stehfest, Hist. Institut

Der Historiker von morgen

Historiker und Informatiker ergründen Potenziale der Digitalisierung für die Geisteswissenschaften
Prof. Clemens Beckstein (l.), Institut für Informatik und Dr Robert Gramsch-Stehfest, Hist. Institut
Foto: Anne Günther/FSU
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  • Forschung

Meldung vom: 13. Februar 2020, 11:30 Uhr | Verfasser/in: Sebastian Hollstein

 In den Geisteswissenschaften beschränken sich Initiativen zur Digitalisierung bisher häufig auf das Erschließen von Quellen für das Internet. Doch Anwendungen, die auf moderner Informationstechnologie basieren, bieten viel mehr Potenzial und könnten sich in den kommenden Jahren zu einem wichtigen Werkzeug für Philosophen, Linguisten und Geschichtswissenschaftler entwickeln. Historiker und Informatiker der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben nun eine gemeinsame Initiative gestartet, über die sie die Möglichkeiten einer solchen Kooperation ausloten und nach außen tragen wollen. Das Land Thüringen unterstützt das Projekt „Collaborative Open Research Environment for the Humanities“ – kurz: CORE-H –  in den kommenden zwei Jahren mit 200.000 Euro aus seinem Landesprogramm „ProDigital“.

„Bereits 1968 schrieb der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie: Der Historiker von morgen werde Programmierer sein oder es werde ihn nicht mehr geben“, sagt der Historiker Dr. Robert Gramsch-Stehfest von der Universität Jena. „In diesem ,Morgen´ sind wir inzwischen zweifellos angekommen und auch wenn die Aussage etwas drastisch ist, so macht sie doch deutlich, dass digitale Methoden die Geschichtswissenschaften stark bereichern werden – wenn ihre Vertreter das zulassen.“  Viele Quellen liegen inzwischen digital vor und könnten entsprechend unkompliziert auch für eine weitergehende algorithmische Unterstützung bei ihrer Auswertung verwendet werden. Der analoge „Zettelkasten“ des Historikers und die Art und Weise, wie dieser bisher typischerweise von den Forschern genutzt wird, würden so selbst zum Gegenstand der Digitalisierung und damit explizit sichtbar, nachvollziehbar und übertragbar. Das erleichtere sowohl die Kooperation zwischen einzelnen Wissenschaftlern als auch die Reproduzierbarkeit von geisteswissenschaftlichen Forschungsprozessen.

Geldflüsse in der Renaissance sichtbar gemacht

Exemplarisch dafür haben der Historiker Gramsch-Stehfest und der Informatiker Prof. Dr. Clemens Beckstein vom Institut für Informatik der Uni Jena den Zahlungsverkehr zwischen Deutschland und der römischen Kurie im 15. Jahrhundert unter Papst Sixtus IV. unter die Lupe genommen. Die Informationen dafür erhielten sie aus der Korrespondenz zwischen einzelnen Institutionen dieser Zeit – eine Fülle an Daten, die mehrere Buchbände umfasst. „Wir haben die Schriftquellen automatisch durch sogenanntes Text Mining – also das algorithmen-basierte Herausfiltern von Schlüsselinformationen aus natürlich-sprachlichen Texten – analysiert“, erklärt Beckstein.

Auf der Grundlage dieser Schlüsselinformationen wurde dann automatisch ein klar strukturiertes Netzwerk über die bedeutenden Akteure in diesem Bereich berechnet, in dessen Zentrum erwartungsgemäß die großen Bankhäuser der Zeit stehen, das aber darüber hinaus einige Überraschungen bereithielt: „Einzelne Personen haben sich als wichtige Bindeglieder – und somit als einflussreiche Protagonisten – herauskristallisiert. Erst die Netzwerkanalyse macht das sehr gut sichtbar und gibt uns Impulse für weitere Forschungen“, sagt Gramsch-Stehfest. „Und nach dieser Vorarbeit lassen sich nun die gleichen digitalisierten Geldflüsse auch noch nach anderen interessanten Kriterien – z. B. nach ihrer regionalen oder temporalen Verteilung – netzwerkanalytisch auswerten“.

Gemeinsame Sprache finden

Natürlich profitieren nicht nur die Historiker von den neuen digitalen Methoden in den Geisteswissenschaften. „Wir als Informatiker sind immer auf der Suche nach herausfordernden Anwendungen für die von uns entwickelten Methoden. Und da sind besonders solche Probleme interessant, die wir mit den existierenden Methoden noch nicht lösen können“, erklärt Clemens Beckstein. „In Bezug auf die Geisteswissenschaften heißt das, dass wir nicht nur Quellen digital erfassen und auswerten, sondern digitale Modelle entwickeln wollen, die den Forschungsprozess selbst abbilden und sich flexibel an die Arbeitsweise des Historikers anpassen lassen.“

Innerhalb der Friedrich-Schiller-Universität hat sich bereits vor einiger Zeit ein interdisziplinäres Netzwerk herausgebildet (das DHnet – für Digital Humanities), um Kooperationen auf diesem Gebiet zu fördern und die methodische Entwicklung voranzutreiben. Beckstein und Gramsch-Stehfest bieten im Rahmen ihrer Initiative „Digitale Modelle, Erklärungen und Prozesse in den Historischen Wissenschaften“ (kurz: MEPHISTO) bereits seit einigen Jahren Lehrveranstaltungen an, die Informatik und Geschichtswissenschaften stärker zusammenführen. Mit dem neuen Projekt lässt sich die Brücke zwischen den Disziplinen nun ausbauen und stärken. „Entscheidend ist dabei, dass wir eine gemeinsame Sprache und ein eigenständiges Bewusstsein für die Zusammenarbeit entwickeln“, sagt Gramsch-Stehfest.

Tagung als Plattform

Um für ihre Ideen zu werben und das Netzwerk interessierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu vergrößern, veranstaltet das Jenaer Team vom 19. bis 21. Februar eine Tagung. Während eines Abendvortrags am 20.2. um 20 Uhr im Hörsaal 250 des Universitätshauptgebäudes (Fürstengraben 1) kann sich auch die interessierte Öffentlichkeit über das Thema informieren. Weitere Informationen finden sich unter www.mephisto.uni-jena.de/veranstaltungen/repositorientagung.

Kontakt:

Clemens Beckstein, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-46350
Fax
+49 3641 9-46302
Raum 3202
Ernst-Abbe-Platz 1-2
07743 Jena
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