Trennungen tun weh, lassen sich aber zu einem gewissen Grad vorhersagen.

Prognose über die Dauer von Beziehungen ist möglich – aber auch notwendig?

Psychologieteam der Universität Jena untersucht Langlebigkeit von Paarbeziehungen
Trennungen tun weh, lassen sich aber zu einem gewissen Grad vorhersagen.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
  • Forschung

Meldung vom: 03. März 2020, 08:24 Uhr | Verfasser/in: Sebastian Hollstein

Wahrscheinlich war es noch nie so einfach wie heute, eine Partnerin oder einen Partner zu finden, die oder der zumindest theoretisch auch zu einem passt. Dating-Plattformen im Internet füttern Algorithmen mit Informationen von Suchenden, um für sie das beste Gegenstück zu finden. Doch lässt sich diese Berechenbarkeit auch auf eine Beziehung übertragen? Kann man zu Beginn einer Beziehung schon vorhersagen, ob sie hält?

Dieser Frage sind Psychologinnen und Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der University of Alberta, Kanada, nachgegangen und zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: "Prognosen über die Langlebigkeit einer Beziehung sind durchaus möglich", sagt Dr. Christine Finn von der Universität Jena. Im Rahmen der Langzeitstudie "pairfam" hat sie fast 2.000 Paare über sieben Jahre hinweg in regelmäßigen Abständen befragt, von denen sich 16 Prozent in diesem Zeitraum getrennt haben. "Bereits zu Beginn einer Beziehung lassen sich Prädiktoren - also gewisse Vorhersagevariablen - finden, die Informationen darüber liefern, ob die Beziehung lange hält oder nicht."

Wer unglücklich startet, wird noch unglücklicher

In der Psychologie gebe es derzeit zwei wissenschaftliche Modelle, die den Verlauf einer Paarbeziehung unterschiedlich beschreiben, erklärt Finn. Eines beinhalte, dass alle Paare zu Beginn etwa gleich glücklich seien. Endet die Beziehung mit einer Trennung, dann sei das auf Probleme zurückzuführen, die sich erst im Laufe der gemeinsamen Zeit entwi­ckeln. Das zweite Modell gehe davon aus, dass Paare bereits auf unterschiedlichen Glücks­niveaus starten. Generell hielten sie dieses zwar, aber eine negativere Ausgangs­situation erhöhe die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. "Wir haben nun herausgefunden, dass eine Mischung aus beiden Modellen wohl zutrifft", sagt die Jenaer Psychologin. "Auch wir können ein unterschiedliches Ausgangsniveau bestätigen. Zusätzlich nimmt bei beiden Gruppen die Glücklichkeit ab - bei denen, die sich später trennen, passiert das al­lerdings deutlich rapider. Das bedeutet: Wer unglücklich startet, wird noch unglücklicher."

Dr. Christine Finn. Dr. Christine Finn. Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)

Der Beginn einer Beziehung kann also schon einiges über ihren Verlauf verraten. Die Zu­friedenheit ermittelten die Jenaer Forschenden, indem sie beispielsweise danach fragten, wie sehr die Partnerinnen und Partner ihre Bedürfnisse befriedigt sehen. Generell gilt da­bei: Wer ähnliche Bedürfnisse hat, zum Beispiel nach Nähe, aber auch danach weiterhin eigene Interessen verfolgen zu können, bleibt meist länger zusammen.

Keine Beziehung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt

Durch die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse könnten also Paare schon vorher Infor­mationen erhalten, wie hoch die Chance ist, dass sie zusammenbleiben. Aber ist eine solche Auskunft auch sinnvoll? Christine Finn ist skeptisch: "Uns geht es nicht darum, den allgemeinen Optimierungstrend weiter zu unterfüttern und eine Beziehung nur ergebnis­orientiert mit der Aussicht auf Langlebigkeit zu führen. Wenn sich Paare nach einiger Zeit trennen, kann das trotzdem eine wertvolle und wichtige Phase in ihrem Leben sein - die möglicherweise die folgenden Beziehungen positiv beeinflusst. Außerdem können Paare das Gemeinsame, wie das Ausleben von Nähe und Unabhängigkeit, auch bewusst steuern und daran arbeiten. Keine Beziehung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt." Insofern könnten die Ergebnisse der Studie durchaus wertvoll für Beratungsstellen und Therapeu­ten sein.

Möglich ist die wissenschaftliche Betrachtung solcher Paarbeziehungen nur dank der Langzeitstudie "pairfam" ("Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dyna­mics"). Im Rahmen dieses Projektes untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaftler von vier deutschen Universitäten seit 2008 die Entwicklung von über 12.000 Personen unterschiedlichen Alters. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Langzeitstudie läuft noch bis ins Jahr 2022. 

 Original-Publikation:

C. Finn, M. D. Johnson, F. J. Neyer: Happily (N)ever After? Codevelopment of Romantic Partners in Continuing and Dissolving Unions, Developmental Psychology, 2020, http://dx.doi.org/10.1037/dev0000897

Kontakt:

Christine Finn, Dr.
Telefon
+49 3641 9-45163
Fax
+49 3641 9-45162
Raum 119
Humboldtstraße 11
07743 Jena
Franz J. Neyer, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-45161
Fax
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