Ältere Menschen fremdeln mit Robotern weit weniger als bisher vermutet.

Senioren mögen Roboter

Psychologieteam untersucht Beziehungen zwischen Mensch und Maschine
Ältere Menschen fremdeln mit Robotern weit weniger als bisher vermutet.
Foto: Anne Günther/FSU
  • Forschung

Meldung vom: 12. März 2020, 07:45 Uhr | Verfasser/in: Sebastian Hollstein

Eine Welt ohne Roboter ist inzwischen kaum noch vorstellbar. Sie über­nehmen nicht nur wichtige Aufgaben in Produktionsprozessen, immer häufiger kommen sie auch im Dienstleistungssektor zum Einsatz. Als sogenannte android – also menschen­ähnlich – gestaltete Maschinen unterstützen sie beispielsweise die Betreuung von älteren Menschen. Allerdings steht dem das Vorurteil entgegen, dass Senioren eher technikfeind­lich seien und einem Roboter skeptisch gegenüberstehen würden. Eine Studie von Psycho­lo­ginnen und Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena legt jetzt allerdings nahe, dass ältere Menschen weit weniger mit den „Maschinenmenschen“ fremdeln als bisher vermutet.

Roboter muss menschlich aussehen

Während ihrer Versuchsreihe, deren Ergebnisse sie im Fachmagazin „Computers in Hu­man Behaviour“ nun veröffentlichten, haben die Jenaer Experten 30 rund 70 Jahre alten und 30 rund 20 Jahre alten Probanden Videos von verschiedenen Robotern gezeigt. Die Versuchspersonen sollten dabei bewerten, ob sie den jeweiligen Roboter sympathisch oder bedrohlich empfinden, und ob sie ihn sich als täglichen Begleiter vorstellen könnten. „Die älteren Probanden schätzten die Maschinen dabei deutlich positiv ein – und standen ihnen sogar aufgeschlossener gegenüber als die jüngere Vergleichsgruppe“, sagt Prof. Dr. Stefan Schweinberger von der Universität Jena. „Eine in der Wissenschaft häufig vermu­te­te Roboterskepsis konnten wir somit bei den Senioren nicht bestätigen.“ Es sei zwar nur eine relativ kleine Versuchsreihe, zwei weitere bisher noch nicht publizierte Jenaer Studien kämen aber zum gleichen Ergebnis. Entscheidend sei gewesen, wie menschlich die Ma­schi­nen gestaltet waren, ob sie also beispielsweise Gesichtszüge, Arme und Beine auf­wiesen und wie menschenähnlich diese wirkten. Die neuen Erkenntnisse könnten mög­licherweise Hilfestellung beim Design von Service-Robotern geben.

Autisten haben besseren Draht zu Maschinen

Schweinberger und sein Team analysierten während ihrer Versuche zudem, inwieweit die Testpersonen autistische Persönlichkeitszüge aufwiesen. „Obwohl an der Studie keine Probanden mit einer Diagnose Autismus teilnahmen, gilt das Autismus-Spektrum heute als Kontinuum, auf dem sich alle Menschen in mehr oder minder großer Ausprägung be­finden. Stärker ausgeprägte autistische Persönlichkeitszüge auf einer entsprechenden Skala geben uns dabei möglicherweise weitere Hinweise auf die Offenheit der Menschen gegenüber den Maschinen“, erklärt der Jenaer Psychologe. Denn frühere Studien belegen, dass Menschen mit stärker ausgeprägten autistischen Zügen aufgeschlossener gegen­über Robotern sind. Der Kontakt zwischen beiden wird sogar als therapeutischer Ansatz genutzt. „Menschen mit Autismus haben häufig Defizite im Bereich der sozialen Kommu­nikation, können beispielsweise Gesichtsausdrücke nicht richtig deuten. Ihnen ist wichtig, dass ihre Umwelt vorhersagbar ist“, sagt Schweinberger. „Ein Roboter könnte mit seiner automatisierten – und im Vergleich mit einem menschlichen Partner besser vorhersag­baren – Kommunikation hier helfen.

Aufgrund der geringen Probandenanzahl seien hierzu in der Jenaer Studie zwar keine be­lastbaren Zahlen hervorgetreten. Leichte Tendenzen sprechen aber dafür, dass autisti­scher veranlagte Menschen einen besseren Draht zu Maschinen haben. Gerade bei älteren Menschen sind solche Persönlichkeitsmerkmale stärker ausgeprägt, was die Offenheit gegenüber den Robotern möglicherweise begünstigt. Weitere Studien in diesem Bereich sollen folgen, um die immer gegenwärtiger werdende Beziehung zwischen Mensch und Maschine besser zu verstehen.

Original-Publikation:

S. R. Schweinberger, M. Pohl, P. Winkler: „Autistic traits, personality, and evaluations of humanoid robots by young and older adults“, Computers in Human Behaviour, 2020
https://doi.org/10.1016/j.chb.2020.106256

Kontakt:

Stefan R. Schweinberger
Telefon
+49 3641 9-45181
Fax
+49 3641 9-45182
Stoy´sches Haus/Institutsgebäude/Bienenhaus, Raum 111
Am Steiger 3
07743 Jena
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