Im menschenleeren Hauptgebäude der Universität Jena.

"Niemand ist eine Insel"

Interview zu "Social Distancing" mit dem Jenaer Sozialgeographen Simon Runkel
Im menschenleeren Hauptgebäude der Universität Jena.
Foto: Anne Günther/FSU
  • Corona

Meldung vom: 20. März 2020, 14:56 Uhr | Verfasser/in: Till Bayer

In Zeiten den Coronakrise ist „Social Distancing“ geboten: Alle Menschen sollten auf Händeschütteln verzichten, einen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern zueinander wahren und nach Möglichkeit zuhause bleiben. Doch welche Konsequenzen hat das für unser Zusammenleben? Das erklärt Juniorprofessor Dr. Simon Runkel, der als Sozialgeograph am Institut für Geographie der Universität Jena zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aus räumlicher Perspektive forscht. Worauf die Gesellschaft in Krisenzeiten vor allem angewiesen ist und warum „Social Distancing“ leicht missverstanden werden kann, lesen Sie hier.

Was bedeutet der Begriff „Social Distancing“?

Der Begriff „Social Distancing“ beschreibt eine Regulierung des zwischenmenschlichen Kontakts. Durch eine größere Distanz sollen Infektionen von Mensch zu Mensch erschwert werden, sodass die Ausbreitungsintensität des Coronavirus verringert wird.

Gesellschaftliches Zusammenleben beruht wesentlich auf Nähe. Wenn wir uns Gesellschaften räumlich vorstellen, dann stellen wir fest, dass es sich um ein vielfältiges Übereinander, Nebeneinander und Miteinander handelt. „Niemand ist eine Insel“, hat schon der Dichter John Donne geschrieben – übrigens als er schwer erkrankt war. Gesellschaftliches Leben floriert dort, wo wir Gedanken und Geschichten, Gaben und Güter austauschen. Im zwischenmenschlichen Verhältnis gibt es verschiedene Distanzverhältnisse, die je nach Ort, Gepflogenheiten und persönlicher Empfindung variieren können. Wenn wir jemandem im öffentlichen Nahverkehr zu nahekommen, dann empfinden wir dies als unangenehm. Der Schriftsteller Elias Canetti hat davon gesprochen, dass in der freiwillig aufgesuchten Menschenmasse die „Berührungsfurcht“ aufgehoben ist. Somit erklärt sich im Übrigen, warum zuerst Großveranstaltungen, also Orte, an denen sich Menschenmassen treffen, untersagt wurden.

In der aktuellen Krise wird die Normalität unseres Alltagslebens durch die Überlagerung unserer Aktionsräume und der damit verbundenen körperlichen Nähe zur Gefahr. Da es für das öffentliche Leben in unserer Gesellschaft viele Orte gibt, in denen wir uns gegenseitig nahekommen, ist die effektivste Methode zur Vermeidung von Infektionen nun der Rückzug ins Private. Unsere Wohnungen stellen somit Inseln dar. Sozialräumlich ist eine „Verinselung“ der Menschen notwendig. Solche Maßnahmen der gesundheitlichen Segregation, d. h. der Trennung von Menschen, gibt es seit der Antike – davon wird bereits in der Bibel berichtet.

Letztlich geht es aber um eine Verinselung der menschlichen Körper und der vielen atmosphärischen Spuren, die dieser im öffentlichen Raum hinterlässt. Dabei geht es eigentlich nicht um die Herstellung sozialer Distanz. Der Begriff „Social Distancing“ ist somit in gewisser Hinsicht irreführend. Dass er aber so eingängige Verwendung findet, liegt daran, dass wir unter gesellschaftlichem Zusammenleben eben immer auch räumliche Nähe-Verhältnisse verstehen. Glücklicherweise haben wir heute Technologien, mit denen wir uns auch ohne körperlichen Kontakt nahe sein können. Denn auch wenn körperliche Nähe derzeit eingeschränkt werden muss – wir sollten uns mehr denn je bemühen, in kreativer Weise soziale Nähe in kommunikativen und digitalen Räumen herzustellen.

Wie lässt sich „Social Distancing“ denn am besten umsetzen? Sollte man beispielsweise Freunde und Verwandte besuchen?

„Social Distancing“ wird derzeit von Expertinnen und Experten empfohlen und wir tun gut daran den körperlichen Abstand zu unseren Mitmenschen zu vergrößern. Demzufolge ist die Notwendigkeit von Besuchen bei Freunden und Verwandten stark abzuwägen und im Zweifel sollte man sich hier auf die vielfältigen technologischen Kommunikationsmittel verlegen. Es bietet aber auch die Gelegenheit, mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen und neue Solidargemeinschaften zu entdecken. „Social Distancing“ heißt folglich nicht, dass wir uns asozial verhalten sollten. Soziale Distanz ist für das Funktionieren einer Gesellschaft stets von Bedeutung – auch im Alltagsleben sind wir dazu angehalten ‚niemandem zu nahezutreten‘. Distanz zu halten ist eine Form der Fürsorge und eben in diesen Zeiten für viele überlebenswichtig.

Wenn nun unsere Aktionsräume eingeschränkt sind, so bedeutet dies auch, dass die Kontakte zu Menschen, mit denen wir weniger eng befreundet sind, derzeit wegfallen. Gewöhnlich kommen wir in unserem Alltag auch mit Menschen in Berührung, die nicht zu unserem eigenen sozialen Milieu oder Freundeskreis gehören. Meine Empfehlung ist also, dass wir uns in den kommenden Tagen auch mal die Zeit nehmen, Menschen anzurufen, mit denen wir vielleicht sonst nie telefonieren, die wir aber oft im Alltag treffen. Es werden insbesondere die vertrauten Fremden sein, die uns in den kommenden Wochen fehlen.

Welche sozialen Folgen hat es, wenn sich auf einmal sehr viele Menschen entsprechend verhalten?

Wir sind derzeit eine Gesellschaft in Quarantäne. In der Pandemie lernen wir zu verstehen, dass der Mensch – wie Donne schrieb – keine Insel ist, sondern dass die „Verinselung“ machtvoll erzeugt werden muss. Dies betrifft Menschen in unserer Gesellschaft in sehr unterschiedlicher Weise. Unseren jeweils eigenen Umgang mit der Situation können wir nicht als Maßstab für die Einschätzung nehmen, wie sehr andere Menschen betroffen sind. Für viele ist „Verinselung“ wie z. B. der Rückzug in „gated communities“ ein Privileg. Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen, dass es viele Menschen gibt, die aus verschiedenen Gründen sehr abgeschlossen vom gesellschaftlichen Zusammenleben wohnen und in solchen Zeiten leicht vergessen werden.

Es gibt viele Menschen, die auf Nähe angewiesen sind. Menschen, die darauf angewiesen sind, dass sich andere Menschen nicht „verinseln“. Dies betrifft insbesondere alte und pflegebedürftige Personen. Es gibt Menschen, die keinen Rückzugsort haben, wie zum Beispiel Obdachlose. Manche haben auch keinen Rückzugsort, der ihnen die notwendige Sicherheit bietet. Für viele Menschen in unserer Gesellschaft ist aus unterschiedlichen Gründen die Wohnung kein Ort, an dem es sich lange aushalten lässt. Das können sehr beengte Wohnverhältnisse sein. Das kann auch häusliche Gewalt sein.

Zudem ist aktuell in der medialen Berichterstattung aus dem Fokus geraten, dass es an den Außengrenzen der Europäischen Union Menschen gibt, die unter existenziell sehr ernsten Bedingungen auf Asyl warten. Wir erleben derzeit, wie Grenzen auf der ganzen Welt weiter geschlossen werden. „Immunisierung“ bekommt plötzlich eine gravierende geopolitische Bedeutung. Auch innerhalb der EU ist derzeit wenig von koordinierter Solidarität zu sehen. Ich beobachte diese Entwicklung mit großer Sorge, da die Gefahr besteht, dass die Pandemie nun zur Begründung für das Abweisen von Menschen, die Zuflucht suchen, genutzt wird. In der Krise werden soziale Ungleichheiten immer besonders sichtbar.

Es wird in der kommenden Zeit darauf ankommen, dass wir uns solidarisch zeigen und auch – sofern möglich – ehrenamtlich engagieren. Aus „Verinselung“ erwächst Verantwortung. Aktuell lebt unsere Gesellschaft buchstäblich davon, dass sich viele Menschen dankenswerterweise in den Kliniken, Arztpraxen, den mobilen Pflegediensten und den kritischen Infrastrukturen engagieren. Die in den letzten Jahren erfolgten Kosteneinsparungen durch die Privatisierung des Gesundheitswesens könnten sich heute als Problem erweisen. Die Krankenhausbetten sind in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen und es sind eben nicht die privaten Gesundheitsdienstleister, die jetzt an vorderster Front stehen. Hierüber wird nach der Krise sicherlich zu reden sein, denn die eigentliche soziale Distanz besteht aufgrund sozialer Ungleichheit. In Krisenzeiten ist die Gesellschaft auf Solidarität angewiesen.

Wie wirkt sich „Social Distancing“ auf Ihr berufliches Umfeld aus und wie gehen Sie persönlich damit um?

Als Wissenschaftler im öffentlichen Dienst bin ich in einer sehr privilegierten Position. Ich kann sehr gut von Zuhause arbeiten, werde weiterbezahlt und bin dankbar darüber, dass ich sehr komfortabel wohne. Dies ist nicht vergleichbar mit der Situation von Menschen, die nun Sorge um ihren Arbeitsplatz oder um ihr Einkommen haben. Ebenso mache ich mir Gedanken um Verwandte und Freunde, die zur Risikogruppe gehören. Ebenfalls bin ich in engem Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen, die sich im außereuropäischen Ausland befinden. Insbesondere in afrikanischen Ländern ist die Sorge groß.

Mit meinem Team halte ich Kontakt und wir haben alle auf Home office umgestellt. Eine Reise nach China habe ich stornieren müssen und es wurden auch bereits Tagungen abgesagt. Die Universität Jena hat ein sehr gutes Informationsmanagement. Am Institut machen wir uns bereits Gedanken darüber, welche Auswirkungen die Krise im Sommersemester auf den Lehrbetrieb hat. Wir mussten zudem Klausuren verschieben. Für viele Studierende ist dies eine herausfordernde Situation und wir machen uns bereits jetzt Gedanken über mögliche Lösungen.

Manche Menschen fürchten die Einsamkeit, die „Social Distancing“ mit sich bringen könnte. Haben Sie einen Tipp, was man dagegen tun kann?

Einsamkeit und Alleinsein unterscheiden sich. Unsere gegenwärtige Gesellschaft zeichnet sich durch eine zunehmende Singularisierung aus. Allein zu leben wird heute stärker anerkannt und ist weit verbreitet. Doch diese Lebensweise ist nicht immer selbst gewählt: sozialwissenschaftlich kann entsprechend auch von „sozialer Isolation“ gesprochen werden. Es wird angenommen, dass Faktoren wie Armut, eine vereinzelte Wohnsituation, der Beziehungsstand, Mobilitätseinschränkungen und Schwierigkeiten mit einer unabhängigen Lebensführung aufgrund von emotionalen oder körperlichen Gründen sich wechselseitig verstärken und zu einem höheren Risiko für die Entstehung sozialer Isolation führen. Wenn nun durch „Social Distancing“ auch eine sozialräumliche Isolation hinzukommt, kann dies für bestimmte Menschen insbesondere im hohen Alter durchaus gravierend sein. Es empfiehlt sich also, diejenigen Bekannten anzurufen, von denen wir lange nichts gehört haben.

Allerdings sollten wir davon ausgehen, dass es eine temporäre Situation ist, die wir in kreativer Weise überbrücken können. Eine Lektüreempfehlung habe ich auch: Albert Camus‘ „Die Pest“ passt sehr gut in unsere bewegte Zeit und ist ein sehr aktuelles Plädoyer für die Solidarität.

Information

Literatur von Simon Runkel:

Runkel, S. (2019): Eine Kulturgeschichte des Crowd Management in gebauten Versammlungsstätten. Soziomechanische, affektive, technokratische und mediale Sicherheits- und Kontrollregimes. In: Groneberg, C. (Hrsg.): Veranstaltungskommunikation. Springer VS, Wiesbaden. 129–167.

Runkel, S. u. J. Everts (2017): Geographien sozialer Krisen / Krisen sozialer Geographien. In: Geographica Helvetica, Volume 72, S. 475–482, https://doi.org/10.5194/gh-72-475-2017

Kontakt:

Simon Runkel, Juniorprof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-48848
Sprechzeiten:
Mittwoch 11-12 Uhr in Raum 230 und nach Vereinbarung
Raum 229
Löbdergraben 32
07743 Jena
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