Kommunikations- und Medienpsychologe Prof. Dr. Tobias Rothmund

„Menschen verbreiten Falschinformationen in der Regel nicht aus böser Absicht“

Interview zu Falschmeldungen über das Coronavirus mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Tobias Rothmund
Kommunikations- und Medienpsychologe Prof. Dr. Tobias Rothmund
Foto: Anne Günther (Universität Jena)
  • Corona

Meldung vom: 25. März 2020, 15:22 Uhr | Verfasser/in: Till Bayer

Ob als Facebook-Post, Kettennachricht oder Videobotschaft auf YouTube – im Netz werden zahlreiche Falschmeldungen zum Coronavirus verbreitet. Zum Beispiel, dass das neuartige Virus nicht gefährlicher sei als eine gewöhnliche Grippe, oder dass Hausmittel wie Knoblauch vor der Infektion schützen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Tobias Rothmund, Kommunikations- und Medienpsychologe an der Universität Jena, warum solche Mythen problematisch sind und was man tun kann, wenn Freunde und Verwandte sie verbreiten.


Warum gibt es aktuell so viele Falschmeldungen zur Corona-Pandemie?
Es existiert ein hohes Maß an Verunsicherung in der Bevölkerung. Das ist aber auch normal. Kaum jemand hat eine solche Situation schon einmal erlebt. Menschen haben Angst (siehe auch hier), suchen nach Erklärungen, wollen die aktuelle Entwicklung am liebsten nicht wahrhaben. Bei Falschinformationen geht es weniger um die Frage, ob sie existieren, sondern eher darum, wie viele Menschen diese Informationen glauben und aktiv weiterverbreiten.

Wieso ist das aus Ihrer Sicht ein Problem?
Es ist sehr wichtig, dass Menschen nicht auf Falschinformationen zur Coronakrise „hereinfallen“ und diese vor allem nicht selbst verbreiten. Falschinformationen können in der aktuellen Situation sehr leicht Angst und Panik entfachen. Je häufiger eine Falschinformation verbreitet wird, desto glaubwürdiger wird diese eingeschätzt. So kann es zu Panikdynamiken kommen. Das kann für den Einzelnen und die Gemeinschaft fatale Folgen haben, wenn sich Menschen beispielsweise aufgrund falscher Annahmen oder Informationen so verhalten, dass das Virus weiterverbreitet wird. Außerdem ist es wichtig, dass wir psychisch gesund und stabil bleiben. Panik ist hier der falsche Weg. Wir können diese Krise nur als Gemeinschaft überwinden; und zwar dann, wenn so viele Menschen wie möglich sich rational verhalten.

In welchen Formen können Falschinformationen denn auftauchen?
Menschen teilen Falschinformationen in sozialen Medien und sorgen dadurch selbst für deren Verbreitung. Grundsätzlich gibt es verschiedene Erscheinungsformen. Sie hängen von den technischen Rahmenbedingungen der entsprechenden Plattformen ab. Beispielsweise gibt es Kettenbriefe, die wir vor allem in Messengerdiensten wie WhatsApp sehen. Diese werden wie in einer langen Kette von einem zum nächsten weitergeschickt. Auf sozialen Netzwerken können sich Falschinformationen ähnlich leicht verbreiten. Hier werden Links geteilt und somit ebenfalls den eigenen Freunden zugänglich gemacht.

Wie kann man überhaupt erkennen, ob eine Meldung zum Coronavirus vertrauenswürdig ist oder ob es sich um Falschinformationen handelt?
Grundsätzlich sollte zwischen Expertenmeinungen, Nachrichten und Gerüchten unterschieden werden. Seriöse Expertenmeinungen ähneln sich in der Regel untereinander, da Experten dieselbe Faktenlage mit denselben Methoden der Logik bzw. Rationalität beleuchten. Eine Expertenmeinung, die allen anderen Meinungen widerspricht, kann im Einzelfall richtig sein. Dies ist aber eher unwahrscheinlich und sollte daher mit Skepsis betrachtet werden. Nachrichten haben immer eine Quelle. Die gilt es zu prüfen und mit anderen Quellen zu vergleichen. Das dauert online in den meisten Fällen nur wenige Minuten. Dann sollte klar sein, ob die Nachricht echt oder falsch ist. Nachrichten ohne Quelle sind nicht seriös. Bei Gerüchten ist es am schwierigsten. Hier ist die Quelle meist nicht bekannt oder wird bewusst verschleiert. Grundsätzlich, aber vor allem in der aktuellen Lage, sollten wir die Verbreitung von Gerüchten vermeiden. Insbesondere Gerüchte mit spektakulär positivem oder negativem Inhalt sind problematisch. Sie sind in aller Regel falsch und werden gleichzeitig am häufigsten geteilt. 

Was kann man tun, wenn Freunde oder Verwandte auf einmal Falschinformationen teilen?
In erster Linie ist es wichtig, diese nicht weiter zu verbreiten. Passiert es häufiger, können Sie das Gespräch suchen. Ein wichtiger Grund von Menschen, die Falschinformation zu teilen, besteht in der Annahme, dass die Information richtig sein könnte und in dem Fall für Freunde und Bekannte von Bedeutung wäre. Es handelt sich also in gewisser Weise um einen gut gemeinten Versuch der sozialen Unterstützung. Da fällt es als Empfänger der Nachricht nicht unbedingt leicht, sich kritisch zu äußern. Es lohnt sich jedoch, darauf hinzuweisen, dass das Teilen fragwürdiger Informationen zusätzliche Verunsicherung und Angst auslöst. Es gibt also zweierlei Arten von „Fehlern“, die gemacht werden können. Einmal den Fehler, eine Information nicht ernst genommen zu haben bzw. andere nicht informiert zu haben. Und einmal den Fehler, sich selbst und andere durch widersprüchliche und falsche Information weiter zu verunsichern.

In den vergangenen Tagen wurden Forderungen laut, die Verbreitung von Fake News unter Strafe zu stellen, die die Bevölkerung in der Coronakrise verunsichern könnten. Was halten Sie davon?
Ich glaube nicht, dass das der richtige Ansatz ist. Zum einen leben wir, auch in der Krise, in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit gilt. Wenn also beispielsweise Gerüchte verbreitet werden, dann halte ich nichts davon, dies per Strafandrohung zu verbieten. Menschen verbreiten Falschinformationen in der Regel nicht aus böser Absicht. Ich denke, wir sollten an drei anderen Stellen ansetzen. Erstens ist es aktuell von besonderer Bedeutung, dass die Politik transparent und offen kommuniziert. Wenn der Eindruck entsteht, die Bevölkerung könnte unzureichend informiert werden, dann würde das Verschwörungstheorien und die Verbreitung von Gerüchten massiv befeuern. Zweitens: Die Plattformbetreiber sollten nachgewiesene Falschnachrichten zügig und kompromisslos von den Plattformen entfernen. Drittens sind wir alle gefordert ruhig zu bleiben, keine Nachrichten oder Gerüchte unkritisch zu verbreiten und die Qualität von Informationen und Faktenlagen in Gesprächen zu hinterfragen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sind Sie selbst schon mal auf Fake News reingefallen? Und wenn ja, wie haben Sie das gemerkt?
Ja, das bin ich. Ich habe einen vermeintlichen Tweet von Prinz Charles geteilt. Der hatte sich kritisch gegenüber einer Aussage von Donald Trump geäußert. Tatsächlich war das aber ein Fake-Account. Ich habe das recht schnell gemerkt und meinen Tweet gelöscht. So etwas kann vor allem dann leicht passieren, wenn ich schnell reagiere und die Information eine Sorge, einen Wunsch oder eine Überzeugung in mir anspricht, die ich durch die Information bestätigt finde. Man kann das aber gezielt üben, in solchen Situationen kritisch zu bleiben. Dazu sollte man sich immer zuerst fragen, ob Quelle und Inhalt einer Nachricht glaubwürdig sind. Die Glaubwürdigkeit sollte jedoch nicht daran gemessen werden, dass man den Inhalt einer Nachricht plausibel findet. Stattdessen muss geprüft werden, ob die Quelle echt und vertrauenswürdig ist und ob die Nachricht tatsächlich von der Quelle stammt. Erst dann sollten Sie entscheiden, ob Sie die Nachricht selbst weiterverbreiten wollen.

Kontakt:

Tobias Rothmund, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-44948
Fax
+49 3641 9-44952
Sprechzeiten:
nach Vereinbarung, per E-Mail über Frau Junold
Raum 311
Ernst-Abbe-Platz 8
07743 Jena
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