Prof. Dr. Franz J. Neyer.

Persönlichkeit in der Krise?

Psychologe Prof. Dr. Franz J. Neyer zum Einfluss der Corona-Krise auf die Persönlichkeit
Prof. Dr. Franz J. Neyer.
Foto: privat
  • Corona

Meldung vom: 05. Mai 2020, 09:12 Uhr | Verfasser/in: Axel Burchardt

Um die gegenwärtige „Corona-Krise“ zu bewältigen, gibt es keine allgemein-gültige Strategie. Für die Bewältigung solcher Krisen existieren ganz individuelle Strategien, sagt Prof. Dr. Franz J. Neyer. Der Hamsterer war schon vor der Krise ein Hamsterer, der Corona-Aktivist bleibt Corona-Aktivist. Denn Menschen leiden zwar in Krisen- und Katastrophenzeiten, bleiben aber dennoch, wer sie sind. Was das Individuum auszeichnet und wie es agiert, erläutert Neyer, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik der Universität Jena, im Interview.

Was macht eine Krise wie die aktuelle mit dem Individuum?

Neyer: Als Persönlichkeitspsychologe finde ich eher die umgekehrte Frage interessant: Was macht das Individuum mit der Krise? Und nicht was die Krise mit dem Individuum macht. Dass wir uns alle große Sorgen machen und durch die Kontakteinschränkungen extrem belastet sind, ist gar keine Frage. Nichttrivial ist jedoch die Frage, auf welch verschiedene Art und Weise wir mit diesen Belastungen umgehen. Es gibt nämlich keine optimale Strategie, die ich jedem gleichermaßen empfehlen würde. Vielmehr muss jeder für sich ganz persönlich herausfinden, wie er am besten durch diese Zeit kommt. Für die Bewältigung solcher Krisen existieren ganz individuelle Strategien, und diese müssen immer zum Einzelnen passen.    

Die Krisensituation scheint bei den Menschen die Wesenszüge zu verändern. Werden Menschen plötzlich zu Hamsterkäufern, Negierern, Corona-Aktivisten oder zu defensiven Optimisten?

Ich erwarte nicht, dass sich unsere Persönlichkeit durch diese Krise ändert. Wir müssen zwar unser Verhalten ändern und uns an die Situation anpassen, aber unsere Persönlichkeit bleibt Gott sei Dank gleich. Es wäre doch schrecklich, wenn diese Zeit uns so in den Grundfesten erschüttern würde, dass wir uns alle plötzlich änderten. Es ist stattdessen bemerkenswert und empirisch gut belegt, dass Menschen in Krisen- und Katastrophenzeiten zwar leiden, aber dennoch bleiben, wer sie sind. Ich betrachte die Stabilität der Persönlichkeit von daher als ein starkes Pfund, auf das wir auch in dieser Zeit bauen können. Ich finde es beruhigend zu wissen, dass Menschen sich anpassen können und zugleich sich selbst treu bleiben.

Wirkt die Krise wie eine Lupe auf die menschliche Psyche?

Tatsächlich kann man in einer Situation, die so ungewiss und ergebnisoffen ist wie die aktuelle, interessante Persönlichkeitsunterschiede beobachten. Auch wenn jeder jetzt mehr Klopapier kauft, mag es besonders sicherheits- und kontrollbedürftige Menschen geben, die mehr Klopapier hamstern als der Durchschnitt. Und Personen, die von Haus aus optimistischer sind und mit einer rosaroten Brille vor den Augen durchs Leben gehen, werden die Lage nicht so bedrohlich wahrnehmen wie Pessimisten, die ohnehin immer alles negativ bewerten. Auch gehen stärker handlungsorientierte Personen bedrohliche Situationen offensiver an als Personen, die zurückhaltender sind und lieber abwarten, bis sich alles entspannt. Diese Beispiele geben einen Eindruck von der Vielfalt der Persönlichkeit und zeigen, dass jeder sein persönliches Risiko in dieser Zeit trägt. Es gibt keinen goldenen Standard, mit dem Krisen individuell bewältigt werden.

Sind solche Wesenszüge bei allen Menschen angelegt?

Menschen auf singuläre Merkmale wie Optimismus oder Pessimismus zu reduzieren, macht wenig Sinn. Die Persönlichkeit umfasst ja viele Facetten, die ganz individuell ausgeprägt sind und die Besonderheit einer jeden Person ausmachen. Wir wissen heute, dass die Variation solcher Merkmale oder Merkmalsprofile zu etwa gleichen Teilen genetisch und durch die Umwelt beeinflusst wird. Genetische und Umwelteinflüsse stehen in einer dynamischen Wechselwirkung, so dass die Persönlichkeit niemals vorherbestimmt ist. Aber ihr individuelles Entwicklungspotenzial ist natürlich begrenzt durch ebendiese Einflüsse. So können wir die Persönlichkeitsentwicklung mittelstark vorhersehen und abschätzen, wie bestimmte Menschen auf kritische Situationen reagieren. Allerdings können wir nicht hellsehen und nicht exakt voraussagen, was sie konkret tun werden.   

Die einen halten sich penibel, die anderen ungefähr und manche gar nicht an die einschränkenden Vorgaben. Stecken hinter dem unterschiedlichen Verhalten bei gleicher Situation die Charakterzüge des Menschen? Gibt es außerdem grundlegende Mechanismen?

Jeder geht anders mit Bedrohung und Ungewissheit um; und dabei nehmen natürlich Persönlichkeitsunterschiede einen entscheidenden Einfluss. Übertriebene Vorsicht kann Ausdruck einer grundlegenden Ängstlichkeit sein und extremer Leichtsinn Ausdruck eines naiven Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit. Und weiterhin kann die Tendenz, sich nicht an vorgegebene Regeln zu halten, auf ein starkes Autonomiemotiv zurückgehen und das Gegenteil davon auf starke Autoritätshörigkeit. Es macht keinen Sinn, alle Menschen über einen Kamm zu scheren und in eine Richtung beeinflussen oder gar erziehen zu wollen. Stattdessen plädiere ich dafür, Menschen möglichst schon von Kindheit und Jugend an ganz individuell für ihre Potenziale und Grenzen – oder vereinfacht gesagt: ihre Stärken und Schwächen – zu sensibilisieren. Nur wer sich selbst gut kennt, vermag in einer solchen Situation, wie wir sie jetzt erleben, seine individuellen Risiken einigermaßen akkurat einzuschätzen und sein Verhalten entsprechend anzupassen.  

Homeoffice erschien manchen Menschen früher wie ein Wunschtraum. Jetzt sind sie im Homeoffice und es erscheint ihnen eher als Albtraum. Nehmen Menschen in der Krise die Dinge anders wahr als im „Normalbetrieb“?

Menschen tendieren generell dazu, ihre persönlichen Eigenschaften etwas positiver einzuschätzen als andere dies tun. Das stärkt das Selbstwertgefühl und scheint ganz gesund zu sein. Dass viele ihre Fähigkeit allein zu sein ebenso überschätzen und mit dem Homeoffice dann doch Probleme bekommen, ist für mich von daher nicht überraschend. Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis nach sozialem Anschluss und nach Intimität, auch wenn sie sich aus genetischen und Umweltgründen in der Stärke ihrer sozialen Bedürfnisse unterscheiden. Zum Beispiel leben in Deutschland inzwischen etwa 20 % aller Erwachsenen allein. Wir untersuchen gerade in einem DFG-Projekt, was Alleinlebende stark macht und unter welchen Umständen sie ihre sozialen Bedürfnisse befriedigen und eine hohe Lebensqualität erreichen können. Solche Studien sind gerade in dieser Zeit relevant, um verstehen zu können, wie Menschen ganz unterschiedlich auf Alleinsein und selbstgewählte oder erzwungene Isolation reagieren.

Lernt der Mensch aus einer solchen Krise und verändert sich?

Natürlich können Menschen lernen und ihr Verhalten anpassen, aber sie müssen deshalb nicht ihre Persönlichkeit ändern. Ich finde es politisch und gesellschaftlich wenig hilfreich zu fordern, dass Menschen sich in ihrer Persönlichkeit ändern sollten. Wir müssen akzeptieren, dass keiner wie der andere ist, und jedem die Chance geben, das Beste von sich zu entfalten. Das macht unsere Gesellschaft reicher und menschlicher. Es erscheint mir in einer solchen Krise auch sinnvoller, Menschen dazu zu ermuntern, ihre individuellen Potenziale und Stärken zu reflektieren und auf ihre möglichen Schwachpunkte zu achten, damit sie gut durch diese Zeit kommen.

An den Tag von 9/11 erinnert sich fast jeder. Was bleibt von der Coronakrise 2020 in der Erinnerung des Menschen? Und verändert sich der Mensch nach der Krise?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns später noch akkurat an diese Situation und das, was in uns vorgegangen ist, erinnern können. Mit Kirkegaard erwarte ich eher, dass wir das Leben vorwärts leben, aber rückwärts verstehen. Das heißt, im Nachhinein werden wir uns ganz persönlich an das erinnern, was wir heute kollektiv erleben, und das Geschehene einvernehmlich mit unserem Selbstkonzept, also persönlichkeitskongruent, verarbeiten und somit glauben zu wissen, wer wir sind.

Kann eine Krise für die Psyche auch positive Effekte haben?

Natürlich kann sie positive Effekte haben. Im besten Fall können wir etwas über uns und über andere lernen. Beispielsweise können wir neue Erfahrungen in Partnerschaft, Familie und Freundeskreis machen, die uns mehr Sicherheit schenken und uns bereichern. Ich will hier aber keinen naiven Optimismus verbreiten, denn auch ich weiß, dass viele Menschen derzeit schlimme Erfahrungen in ihren engen Beziehungen machen, die sie nicht so einfach wegstecken.  

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Hat diese Krisensituation Sie selbst verändert? Machen Sie jetzt Dinge, die Sie früher für unmöglich gehalten haben?

Eigentlich nicht.

Kontakt:

Franz J. Neyer, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-45161
Fax
+49 3641 9-45162
Raum 118
Humboldtstraße 11
07743 Jena
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